30 August 2007

Was ist..... ein "Galileo Gambit".

"They laughed at Copernicus. They laughed at the Wright Brothers. Yes, well, they also laughed at the Marx Brothers. Being laughed at does not mean you are right."

Michael Shermer

Vielleicht ist der eine oder andere schon in einem Blog-Beitrag, einem Forum oder im UseNet schon über den Ausdruck "Galileo Gambit" gestolpert.

In der ursprünglichen Bedeutung wurde die Bezeichnung "Galileo Gambit" auf Leute angewandt, die eine REVOLUTIONÄRE NEUE, DIE BESTEHENDEN WISSENSCHAFTLICHEN ERKENNTNISSE AUF DEN KOPF STELLENDE Idee/Hypothese/Erfindung/Heilungsmethode verkündeten und auf Fragen wie:

"Wenn das so offensichtlich/revolutionär ist//so gut funktioniert/sicher heilt, warum ist das dann noch nicht vermarktet/veröffentlicht?" etwas antwortete im Sinne von

"Das Establishment/die Evil Atheist Conspiracy/Big Pharma hindert mich daran, wie damals auch Galileo oder [andere bedeutende Person einsetzen, deren Hypothesen sich nicht sofort durchgesetzt haben] gehindert wurde." oder "Über [bedeutenden Namen einsetzen] wurde auch erst gelacht, aber später hat sich herausgestellt, dass er/sie Recht hatte".

Schnell wurde diese Bezeichnung aber auch verwendet, wenn die Anhänger solcher Ideen ähnlich argumentierten.

Hinter dieser Argument-Variante steht der logische Fehler der falschen Analogie. Nur weil jemandes Ideen belächelt werden und/oder er sie nicht veröffentlichen kann, sind seine Ideen nicht in Wirklichkeit richtig. Oder, wie dieser Beitrag eines John Morris bei alt.revisionism es so eloquent auf den Punkt bringt:
Ah, the Galileo gambit, or I'm a Martyr So I Must Be Close to the Truth. Let's see who is drawing the fallacious conclusion.

1. Persecution does not make you right.

Thousands of snake oil salesmen have been persecuted, too. Yet you never see anyone say, "In 1633, Joe Bloggs was arrested and imprisoned for selling bottled urine which he claimed was a magic elixir. In their fight to make the truth known, Revisionists are just like brave Joe Bloggs selling piss in a bottle."
Eine Variante des Galileo Gambits bringt Ben Stein in dem Blog zu "EXPELLED" (der ganze Film scheint eine Art Galileo Gambit zu sein) [HT denialism blog]:
Some of the greatest scientists of all time, including Galileo, Newton, Einstein, operated under the hypothesis that their work was to understand the principles and phenomena as designed by a creator.

Operating under that hypothesis, they discovered the most important laws of motion, gravity, thermodynamics, relativity, and even economics.

Now, I am sorry to say, freedom of inquiry in science is being suppressed.

Under a new anti-religious dogmatism, scientists and educators are not allowed to even think thoughts that involve an intelligent creator. Do you realize that some of the leading lights of “anti-intelligent design” would not allow a scientist who merely believed in the possibility of an intelligent designer/creator to work for him… EVEN IF HE NEVER MENTIONED the possibility of intelligent design in the universe?EVEN FOR HIS VERY THOUGHTS… HE WOULD BE BANNED.

In today’s world, at least in America, an Einstein or a Newton or a Galileo would probably not be allowed to receive grants to study or to publish his research.
Noch mal zur Erinnerung, "Persecution does not make you right".* Mal ganz abgesehen davon, dass es sehr zweifelhaft ist, ob überhaupt eine "Verfolgung" stattfindet. Ben Steins Beitrag hört sich für mich eher nach Verfolgungswahn an.

Einer ähnlichen "Argumentation" bedient sich auch Spaemann in seinem Wirtschaftswochen-Interview, wenn er erklärt, warum seiner Meinung nach die Suche nach "einem Willen" (im Sinne von ID) nicht ausgeschlossen werden darf:
Frau Thoene hat ihre Entdeckung** ja nun gemacht. Sie hat das ja nur heraus bekommen, weil sie davon ausging, dass es so etwas gibt und dass Bach so etwas gemacht hat. Sie wäre niemals durch Zufall darauf gestoßen. Ein Musikwissenschaftler könnte hunderte von Jahren daran forschen, ohne darauf zu stoßen. Aber sie wusste, dass Bach in ganz einfachen Fällen wie bei BACH so etwas gemacht hat. Und so hatte sie eine Vermutung, und hat deshalb die Sache hin und her gewälzt. Bis sie plötzlich diesen Text herausgekommen hat. Wenn man ihr verboten hätte, nach diesem Text zu suchen, weil es nichts mit Musikwissenschaft zu tun hat, hätte sie ihn nie gefunden, dann wäre es nie heraus gekommen.
Diese Analogie ist auf so vielen Ebenen falsch, da weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll.

Erstens, Frau Thoene hatte eine begründete Hypothese (Bach hat in einer Komposition Text verschlüsselt, er könnte es auch in einer anderen getan haben).

Zweitens, sie kannte den vermutlichen Mechanismus (Spaemann nennt es Geomantia, s. u.).

Drittens, der Urheber dieser verschlüsselten Botschaft ist ein Mensch und die Hypothese ist überprüfbar, mit anderen Worten, ihre Untersuchung ist von vorne bis hinten wissenschaftlich. Während ID noch nicht mal eine wissenschaftlich überprüfbare Hypothese formuliert hat.

Und viertens, damit diese Analogie überhaupt zutreffen könnte, müsste auch etwas da sein, was man finden könnte (und da kommt der Galileo Gambit ins Spiel: "Persecution does not make you right").

Welcher Art die "Verfolgung" ist, kann man bei Bronze Dog nachlesen:
Ridicule, though often depicted as pointless, can serve a purpose: Humorous exaggeration and analogies, for example, often amplify a person's logical fallacies so that people can see them more easily. That's the purpose behind the Flying Spaghetti Monster: An exaggeration of Intelligent Design's single-minded pursuit of respect in the public relations front instead of scientific research. Unfortunately, the woos seldom respond to this exposure, often complaining that exposing their logical fallacies (which they don't admit to) is a form of persecution.
Wenn das mal nicht zutreffend ist...

MfG,
JLT


* Und weil es sich hier anbietet: Das schreiben in Großbuchstaben macht eine Behauptung auch nicht notwendigerweise wahr.
Ich wusste auch noch nicht, dass die Mitglieder der Evil Atheist Conspiracy Gedanken lesen können. Mir sagt auch nie jemand was.

** Aus dem Interview als Erklärung:
Man wusste seit langem, dass Johann Sebastian Bach kleine, verschlüsselte Texte in seine Musik eingearbeitet hat. Bekannt ist ja die Fuge BACH. Die Musikwissenschaftlerin Helga Thoene hat nun heraus gefunden, dass die Violin-Sonate in g-Moll von Bach einen erstaunlichen verschlüsselten Text enthält. Wenn man ein bestimmtes Schema zu Grunde legt, das man zu Bachs Zeiten Geomantia nannte, das war so ein kabbalistische Verfahren, Buchstaben in Zahlen zu verwandeln, das kann ich hier jetzt nicht ausführlich beschreiben. Aber wenn jeder erste Ton mit allen anderen Tönen der jeweils ersten Takte verknüpft wird und den Noten bestimmte Buchstabenwerte zugeteilt werden, dann auf einmal springt mir der Text entgegen: Ex Deo nascimur, in Christo morimur, per spiritum sanctum reviviscimus. Aus Gott werden wir geboren, in Christus sterben wir, durch den heiligen Geist werden wir wieder erweckt.

1 Kommentare:

Christian R. said...

Fünftens, Bach-Sonaten bilden keine Fortpflanzungsgemeinschaften, die zu descent with modification fähig sind.

Die Analogie kann folglich nicht auf die Biologie übertragen werden.