1 July 2008

Ein Herz für Andere. Organspenderausweistag.

Mein Fachgebiet ist die Transplantationsimmunologie. Das Ziel der Forschung auf diesem Gebiet ist, ganz kurz und einfach gesagt, Wege zu finden, wie man das Immunsystem dazu bringen kann, transplantierte Zellen, Gewebe und/oder Organe zu akzeptieren.
Normalerweise muss nach einer Transplantation beispielsweise einer Niere oder eines Herzens das Immunsystem des Organempfängers Zeit seines Lebens medikamentös "heruntergefahren" werden. Tut man das nicht, findet (i. d. R.) eine andauernde Immunreaktion gegen das neue "fremde" Organ statt, die zu einer zunehmend schlechteren Organfunktion und schließlich zu einem Absterben des transplantierten Organs führen kann. Obwohl mittlerweile sehr gute Medikamente zur Unterdrückung des Immunsystems zur Verfügung stehen und die Zeit, die beispielsweise eine transplantierte Niere durchschnittlich funktionsfähig bleibt, in den letzen 10 - 20 Jahren stark verlängert werden konnte, können diese Medikamente immer noch schwerwiegende Nebenwirkungen haben und mit einer Unterdrückung des Immunsystems geht notwendigerweise auch eine erhöhte Gefahr durch verschiedene Infektionen oder Viruserkrankungen einher.
Das "golden goal" aller Transplantationsimmunologie-Forschung ist daher, das Immunsystem dazu zu bringen, das neue Organ zu akzeptieren oder zu ignorieren, so dass die Immunsystem unterdrückenden Medikamente irgendwann überflüssig werden (oder ihre Dosis stark reduziert werden kann/nicht mehr lebenslang genommen werden müssen).

Aber auch jetzt schon stellt eine Organtransplantation für die Empfänger wenigstens eine starke Verbesserung der Lebensqualität dar, ist lebensverlängernd und in vielen Fällen sogar lebensrettend. Ein Patient mit Nierenversagen muss beispielsweise mindestens drei Mal in der Woche für jeweils mindestens 4 bis 5 Stunden zur Dialyse ("Blutwäsche"). Menschen, die eine Herztransplantation erhalten, waren davor i. d. R. dem Tode nahe, danach können sie in vielen Fällen sogar wieder Joggen gehen. Bei einer sehr instabilen Diabetes ist eine Bauchspeicheldrüsentransplantation die einzige "sichere" Behandlungsform.
Neben Niere, Herz, Leber, Lunge und Bauchspeicheldrüse werden auch Corneas (Hornhaut der Augen), Knochen und Knorpel routinemäßig transplantiert.

Dafür müssen allerdings ausreichend Spenderorgane vorhanden sein. Tatsächlich besteht aber ein starker Mangel an Organen, nicht zuletzt, weil sich nicht genug Menschen zu einer Organspende bereit erklären. Die obige Grafik zeigt die Anzahl an durchgeführten Nierentransplantationen (Balken in Orange: Todspende; in Blau: Lebendspende) und die Anzahl von Menschen auf der Warteliste, dargestellt durch die mit einer undefinierbaren Farbe (Leberwurstfarben?) ausgefüllten Fläche [Quelle: Eurotransplant; Eurotransplant organisiert die Wartelisten und verteilt die Organe für Deutschland, Österreich, Belgien, Luxemburg, Holland, Kroatien und Slowenien]. Für jeden Empfänger einer Nierenspende stehen drei Menschen auf der Warteliste, die noch keine neue Niere erhielten.

Vorausetzung für eine Organspende ist der Hirntod. Das bedeutet, dass alle Funktionen des gesamten Gehirns, also des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms, irreversibel erloschen sind. Dabei wird durch Beatmung und Medikamente die Herz- und Kreislauffunktion des Verstorbenen künstlich aufrechterhalten, bis die Organentnahme stattfinden kann*. Normalerweise geht dem Hirntod der Herzstillstand voraus, so dass eine Organspende nicht möglich ist. Nur bei etwa 1 % aller Todesfälle in Krankenhäusern sind die Voraussetzungen für eine Organspende gegeben.


In Deutschland gilt (leider**) die "Erweiterte Zustimmungsregelung", ebenso in der Schweiz:
Der Verstorbene muss zu Lebzeiten, z. B. per Organspendeausweis, einer Organentnahme zugestimmt haben. Liegt keine Zustimmung vor, können die Angehörigen über eine Entnahme entscheiden. Entscheidungsgrundlage ist der ihnen bekannte oder der mutmaßliche Wille des Verstorbenen.
Motorradfahrer werden von Transplantationsmedizinern auch gerne mal als "potenzielle Organspender" tituliert. Ob das wirklich lustig ist, sei mal dahingestellt, Tatsache ist aber, dass ein nicht unbeträchtlicher Anteil der Organspender Unfallopfer sind (und Kopfverletzungen bei Motorradunfällen häufig vorkommen). Im schlimmsten Fall heißt das, wenn kein Organspendeausweis vorhanden ist, dass die Angehörigen, die gerade völlig unerwartet jemanden verloren haben, ohne viel Zeit zum Nachdenken entscheiden müssen, ob sie einer Organentnahme zustimmen oder nicht.

Die Auswahlmöglichkeiten auf dem deutschen Organspendeausweis sehen so aus (von denen ich natürlich die Erste empfehle, aber man hat auch die Möglichkeit, einzelne Organe von der Spende auszunehmen oder nur bestimmte Organe zur Spende zu zulassen. Es gibt auch die Möglichkeit, die Organspende explizit zu verweigern, wenn man gegen eine Organspende ist und seinen Angehörigen eine Nachfrage ersparen will.):
+ JA, ich gestatte, dass nach der ärztlichen Feststellung meines Todes meinem Körper Organe und Gewebe entnommen werden.
+ JA, ich gestatte dies, mit Ausnahme folgender Organe/Gewebe: .....
+ JA, ich gestatte dies, jedoch nur für folgende Organe/Gewebe: .....
+ NEIN, ich widerspreche einer Entnahme von Organen oder Geweben.
+ Über JA oder NEIN soll dann folgende Person entscheiden: .....
Auch die schweizer Spenderkarte enthält ähnliche Wahlmöglichkeiten.

Ich persönlich habe schon lange einen Organspendeausweis, den ich zusammen mit dem Führerschein im Portemonnaie mit mir herumtrage (zu Hause in der Schublade macht keinen Sinn!), und habe auch mit meinen Eltern über meinen Willen zur Organspende gesprochen. Natürlich hoffe ich, dass er nie zum Einsatz kommen wird, aber falls doch, erspare ich wenigstens meinen Eltern, in einer für sie schrecklichen Situation belastende Entscheidungen treffen zu müssen.

In Deutschland ist die Zustimmung zur Organspende relativ hoch, aber die Anzahl von Menschen, die tatsächlich einen Organspendeausweis haben, relativ gering (~12 %). Eine Zeitlang war es ein (wahrscheinlich ziemlich nerviges) Hobby von mir, jeden in meinem Bekanntenkreis davon zu überzeugen, sich einen Organspenderausweis zuzulegen und kürzlich ist mir die großartige Idee gekommen, das auch auf Euch, liebe Leser und Mit-Blogger, auszuweiten.

Also: Legt Euch einen Organspenderausweis zu! Ihr sitzt schon am Computer, also druckt gerade das Formular aus (oder bestellt Euch einen noch Schickeren im Scheckkartenformat HIER (deutsche Variante)), steckt es ins Portemonnaie und fertig!***

Und: Spread the Word!

Ich nehme mal an, die meisten Leser dieses Blogs haben keine religiösen Bedenken gegen eine Organspende; für den Fall des Falles hier aber trotzdem auch noch ein Link zur Haltung von Christentum, Islam und Judentum zum Thema Organspende.

Ich hoffe, ich konnte den einen oder anderen überzeugen, sich einen Organspenderausweis oder eine Spenderkarte zu zulegen. Euch wünsche ich, dass er nie zum Einsatz kommt!

MfG,
JLT





* siehe dazu auch: Deutsche Stiftung Organtransplantation: Todesfestellung - Hirntoddiagnose
oder auch Organspendekampagne.de: Wer kommt in Frage? und Wann ist ein Mensch tot?
Auch auf Wikipedia gibt es ausführliche Informationen und viele Links zum Thema Organspende.
Informationen zur Organspende in der Schweiz gibt es bei Swisstransplant.org

** Ich persönliche finde die "Widerspruchsregelung" mancher europäischer Länder (gilt z. B. auch in Österreich) sehr viel besser:
Hat der Verstorbene einer Organentnahme zu Lebzeiten nicht ausdrücklich widersprochen, z.B. in einem Widerspruchsregister, so können Organe zur Transplantation entnommen werden. In einigen Ländern haben die Angehörigen ein Widerspruchsrecht.
Das deutsche Transplantationsgesetz kann man ebenfalls bei der Deutschen Stiftung Organtransplantation nachlesen.
Die Schweizer Transplantationsgesetz findet man hier.

*** Ich empfehle auch noch, die nächsten Angehörigen über seine Entscheidung zu informieren, für den Fall, dass der Ausweis nicht gefunden wird. Die Bereitschaft zur Organspende wird ausschließlich durch den Besitz des Organspendeausweises belegt, es gibt keinerlei zentrale Speicherung. D. h., solltet Ihr es Euch später anders überlegen, könnt Ihr jederzeit einfach den Ausweis vernichten.

8 Kommentare:

CH-Spender said...

Für die Spender aus der Schweiz:

http://www.swisstransplant.org/ger/content/download/488/5250/file/Spendekarte.pdf

JLT said...

@ CH-Spender:

Vielen Dank, daran hätte ich auch selbst denken können!

Cavon said...

Eigentlich sollte es umgekehrt sein. Wenn man kein Organspender seinen will, lässt man sich irgendwo eintragen. Ansonsten gilt jeder als Organspender.

Po8 said...

@cavon
In Österreich ist das mW so.

JLT said...

@Cavon, Po8: Stimmt, in Österreich muss man einer Organentnahme explizit widerprechen; dieser Widerspruch wird meines Wissens zentral gespeichert, so dass im Falle des Falles schnell herausgefunden werden kann, ob Organe entnommen werden dürfen.

Finde ich auch viel besser als die deutsche und schweizerische Zustimmungsregelung.

Marek said...

Danke für diesen Post! Wollte mir lange so einen Ausweis besorgen, aber irgendwie kam ich nie dazu :-|

Manchmal muss man doch deutlicher auf solche Dinge aufmerksam gemacht werden...

Anonymous said...

Organspender in spee sollte einige Dinge bedenken:

Eine Organentnahme findet unter Narkose statt. Warum? Die Seele, also das Ich, der Mensch, der nach dem Tode den Körper verläßt (bei bibeltreuen Christen in den Himmel, bei Atheisten in die Hölle) ist noch im Körper und spürt und reagiert, wenn er lebendigen Leibes ohne Narkose zerschnitten würde.

Ein friedvolles, behütetes Sterben im Beisein von Angehörigen ist bei einer Organentnahme nicht möglich. Was allerdings ganz im Sinne der Atheisten ist, die Sterben aus ihrem Glaubenssystem ausblenden und gar nicht dabei sein möchten, wenn ein geliebter Mensch von dieser Welt in die nächste wechselt.

Weitere Anzeichen für die bis zum Körpertode anwesende und alles mitbekommende Seele:

- "Hirntote" Patienten können auf Berührung Reaktionen zeigen!

- "Hirntote" bewegen in drei von vier Fällen ihre Gliedmaßen und werden deshalb auf dem Operationstisch festgeschnallt!

- Beim Einschnitt in den Körper kommt es zu erhöhtem Blutdruck (Herzfrequenz!) und Adrenalinanstieg!

- "Hirntote" fühlen sich warm an, sie können Fieber bekommen, der Stoffwechsel funktioniert!

- "Hirntote" Frauen können Wehen haben und Kinder gebären!

- Es gibt Fehldiagnosen und "hirntote" Menschen, die nicht von ihren Angehörigen zur Organspende freigegeben worden waren, nach dem Abstellen der Geräte nicht gleich starben, manche sogar wieder aufwachten und weiterlebten!

Das sind nur einige Gegengedanken zur Organspende.

Außerdem:

"In Frankreich sollen die Regeln für Organspender geändert werden: Schon wenn ein Mensch einen Herzstillstand erleidet, sollen Ärzte zugreifen dürfen. Doch an dem Verfahren gibt es Zweifel - nachdem ein vermeintlich Toter auf dem OP-Tisch wieder aufwachte. (...) Im Jahr 2007 hat die französische Behörde für Biomedizin daher ein Experiment gestartet, bei dem Organe nicht erst nach dem Hirntod entnommen werden dürfen, sondern schon nach einem Herzstillstand. Auch in Großbritannien, Belgien, Holland, Spanien, Österreich, der Schweiz und den USA gelten diese Regeln."

http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,559972,00.html

Und:

Eine Frau in West-Virginia hatte zwei Herzanfälle,

- hatte 17 Stunden keine Hirnaktivität
- die Haut wurde hart
- die Finger waren verkrümmt

So wurde sie ins Krankenhaus gebracht und dort abgekühlt auf 24 °C.

- dann erneut Herzstillstand
- Hirnaktivität weiterhin null

Sie wurde aufgegeben, nur das Beatmungsgerät lief noch weiter (weil man die Organe entnehmen wollte)

10 Minuten später wachte sie auf, spricht und lebt weiter.

http://www.newsnet5.com/health/16363548/detail.html

JLT said...

@ anonymous:

Vielleicht solltest Du Dir die Richtlinien zur Feststellung des Hirntods [als .pdf] einmal genau durchlesen.
Besonders die Teile über Reflexe und Schwangerschaft bei Hirntoten.

Was die Geschichte mit der Frau angeht: Laut des Fernsehberichts auf der Seite war derjenige, der behauptet, die Leichenstarre hätte eingesetzt, IHR SOHN. Kein Arzt.

Jemand, der wie ein Arzt aussieht, behauptet, sie zeigte "no signs of neurological function". Das muss nicht heißen, dass sie eine EEG-Nulllinie hatte; tatsächlich halte ich das für absoluten Unfug. Später in dem Bericht sagen sie nämlich, ihr "odds of survival was less than 10 % ". Jemand mit einer EEG-Nulllinie hat aber eine Überlebenschance von 0 %, oder anders ausgedrückt: ER IST TOT.

Offensichtlich waren auch ihre Reflexe noch da, beispielsweise musste sie würgen, als der Schlauch des Beatmungsgerät entfernt wurde. Dieser Reflex wird zur Feststellung des Hirntods getestet. Wären keine Hirnströme mehr feststellbar gewesen, hätte sie nicht gewürgt, oder andersherum: Die Tatsache, dass sie gewürgt hat, als man versuchte, den Beatmungsschlauch zu entfernen, *beweist*, dass Hirnströme vorhanden waren.

Zudem kann ich Dir versichern, dass es in medizinischen Fachzeitschriften veröffentlicht worden wäre, wäre eine Frau nach 17 Stunden EEG-Nulllinie wieder zu Bewußtsein gekommen. Ist es aber nicht. Tatsächlich gibt es nicht einen einzigen solchen Fall.

Es gibt also selbst in diesem wirklich bemerkenswert schlechtem Pressebericht genug Hinweise darauf, dass KEIN Hirntod vorlag und deswegen dieser Pressebericht nicht das aussagt, was Du denkst.

Ich würde Dir ja ein wenig skeptisches Denken empfehlen, insbesondere bei der Beurteilung von lausigen Pressemitteilungen kleiner amerikanischer Fernsehsender, aber das wäre wahrscheinlich soundso umsonst.