3 July 2008

Liebe neue Atheisten,

ich muss ein bisschen mit Euch schimpfen. Ihr habt versäumt, mir das Memo über unsere gemeinsame ethische Position zu schicken, die wir global durchsetzen wollen. Warum muss ich davon bei Idea ['Den neuen Atheismus nicht verharmlosen'] erfahren?

Auch bin ich ein bisschen verwirrt, wir sind also definitiv keine philosophische Richtung, sondern eine politische Bewegung, die aber wieder religiöse Züge hat? Ich finde, Ihr müsstet mich schon ein bisschen auf dem Laufenden halten.

Das mit der Propaganda und den Tricks, die wir anwenden, das sollten wir auch schleunigst lassen. So eine Dämonisierung der Gegenseite, indem man ihr was ganz Abwegiges unterstellt, sowas wie ... hmmm, zum Beispiel ... ach, nehmen wir mal was ganz weit Hergeholtes, sowas wie die Unterstützung der Abtreibung bis zur Geburt und die Tötung von schwerstbehinderten Kindern - das ist dann doch ein wenig geschmacklos.

Was die Evolutionstheorie angeht, wird auch bald auffallen, dass der einzige Grund, warum wir Kreationisten und ihre "wissenschaftlichen" Einwände nicht ernst nehmen, ist, weil wir Angst haben, die Kreationisten könnten recht haben mit ihrem logischen Fehlschluss, dass eine Widerlegung der Evolutionstheorie bedeuten würde, ausgerechnet IHR Schöpfungsmythos wäre richtig.

Diese schwache Ausrede, die Einwände hätten keinerlei wissenschaftliche Basis, nimmt uns doch keiner mehr ab, vor allem wenn man täglich auf so ausgefeilte Widerlegungen stößt wie ich zufällig heute im Guardian:

"The first thing Darwinists need to explain is how life originally emerged. The idea that the first living cell appeared spontaneously once sufficient time had elapsed from a muddy collection of earth and stone under the effect of lightning is something not even a primary school student would believe, a claim devoid of any scientific validity."

"If evolution had taken place, then there should be millions of fossils showing that living things assumed their present forms on a stage-by-stage basis. The fossil record should contain strange creatures with organs not fully-developed, with pathological characteristics, with features belonging to many different species."

"The other few specimens that Darwinists have depicted as intermediate forms belong either to perfect life forms or else to hoax fossils manufactured by evolutionists.

The fact is that the living things referred to as transitional forms by evolutionists would have been very odd-looking entities, with limbs protruding from the most unlikely places, with ears where their eyes ought to be, legs protruding from their ears, with fins on one side of their bodies and legs on the other. And there would have been billions of them. There should be thousands, millions of intermediate form fossils pointing to a transition between fish and reptile fossils discovered. This should also apply to insects and flies, and there should be billions of fossils of peculiar creatures that resemble neither insects nor flies. Yet all of the 100 million or so fossils unearthed to date belong to perfectly-formed living entities."
[Quelle: Adnan Oktar alias Harun Yahya im Guardian]

Bisher ist das glücklicherweise erst den Herren Kissler und von Wachter aufgefallen, wie ich heute bei Idea lesen konnte [via Sapere aude], aber was wird werden, wenn die Kirchen und Gemeinden insgesamt wieder mit dem Denken anfangen und all unsere schlechten Argumente plötzlich als solche erkennen?

Glückerlicherweise haben wir wenigstens die Medien unterwandert, so dass das alles keine weitere Verbreitung findet.

Herzlichst,

Eure JLT



P.S.: Hier ist ein Teil des Artikels, der mich so beunruhigt hat. Bitte antwortet schnell, und vor allem schickt mir die global durchzusetzende Ethik! Hinterher vertrete ich noch was Falsches auf meinem Blog.
Diese Bewegung, zu deren berühmtesten Vertretern der britische Evolutionsbiologe Richard Dawkins („Der Gotteswahn“) gehört, sei keine philosophische Richtung, sondern eine politische Bewegung, die eine globale Ethik anstrebe, sagte Kissler am 1. Juli in der evangelischen Paul-Gerhardt-Kirche in München. Zu den gemeinsamen ethischen Positionen der neuen Atheisten gehöre das Eintreten für aktive Sterbehilfe, die Möglichkeit der Abtreibung bis zur Geburt sowie Klon- und Genexperimente mit menschlichen Zellen. Ethik orientiere sich nur noch an den tatsächlichen oder mutmaßlichen „Interessen“, die ein Mensch habe, weshalb die Tötung von schwerstbehinderten Kindern oder Wachkomapatienten, die sich nicht äußern können, ethisch als weniger bedenklich betrachtet werde. […]

Die neue religionskritische Bewegung trägt nach Einschätzung des Kulturwissenschaftlers selbst religiöse Züge. Das werde nicht zuletzt darin deutlich, dass Richard Dawkins auf seiner Internetseite eine sogenannte „Bekehrtenecke“ eingerichtet hat, wo Menschen bekennen, wie sie von der Religion zum Atheismus gefunden haben.

Was Kirchen vernachlässigt haben
Der evangelische Theologe und Philosoph Daniel von Wachter (München) wirft den „neuen Atheisten“ vor, mit Propaganda und Tricks zu arbeiten. Beispielsweise nenne sich die Bewegung im englischsprachigen Raum „The Brights“ („Die Intelligenten“), mache aber fast keine Anstrengungen, diesen Anspruch auch zu belegen. So verweigerten sie und die mit ihnen sympathisierenden Medien eine Auseinandersetzung mit Evolutionskritikern. Naturwissenschaftliche Einwände gegen die Evolutionstheorie würden nicht ernst genommen, weil man Angst davor habe, dass die Kritiker recht haben könnten. „Denn wenn die Evolutionstheorie wegbräche, wäre das ein starkes Argument für die Existenz Gottes“, so von Wachter. Der Philosoph bedauert, dass Kirchen und Gemeinden das Denken und Forschen in den vergangenen Jahrzehnten vernachlässigt hätten. Das habe die Christenheit gegenüber dem Atheismus geschwächt. Es brauche heute christliche Schulen, Universitäten und Denkfabriken. Auch in den Kirchen fehle inzwischen die Fähigkeit, ein gutes Argument von einem schlechten zu unterscheiden.



7 Kommentare:

SoWhy said...

Keine Angst, die EAC wird sich darum kümmern. Ich meine nicht darum kümmern. Es gibt keine EAC. Nein!

MountainKing said...

Weil der Autor mich gerade selbst wieder auf die diesbezügliche Diskussion gestoßen hat, sei der folgende Beitrag empfohlen, in dem es noch einige wichtige weiterführende Anweisungen für Atheisten/Humanisten gibt (zum Beispiel den Hass, den wir empfinden müssen):

http://stefan888.wordpress.com/2008/04/03/atheistischer-humanismus-konkret/

Nebenbei wird auch noch enthüllt, warum R. Dawkins in Wahrheit sein Buch geschrieben hat:

"Die nicht näher definierten psychischen Schwierigkeiten Lallas, die laut Diagnose des Ehemanns und Biologen R.D. aus der Erziehung stammen, die seiner Frau zuteil wurde, haben ihre Befreiung verhindert. So erkennen wir die verhinderte Befreiung Lallas als wesentliche Motivation für die Christenhäme des R.D."

JLT said...

@ MountainKing:

Hochachtung, dass Du Dich da tatsächlich durchgekämpft hast. Mir fingen nach kurzer Zeit die Augen zu tränen an... Habe noch einen zweiten Versuch gestartet, hat es aber auch nicht besser gemacht.

Mir persönlich hat natürlich besonders dies gefallen:


Zitat aus dem humanistischen Manifest:
“Beim methodologischen Naturalismus müssen alle Hypothesen und Theorien experimentell durch Bezugnahme auf natürliche Ursachen und Ereignisse geprüft werden. Das Vorbringen okkulter Ursachen oder transzendentaler Erklärungen ist nicht zulässig.”

Kommentar von kroski dazu:
Von einer Auseinandersetzung mit geistigen und als übernatürlich beschriebenen Phänomenen kann nun endgültig keine Rede mehr sein. Transzendentale Erklärungen sind im Gespräch mit naturalistischen Atheisten per definitionem unzulässig, da haben christlich orientierte Menschen Pech gehabt, der wissenschaftliche Diskurs ist a priori ausser Kraft gesetzt.

Wenn man schon nicht in der Lage ist, den methodischen Naturalismus der Wissenschaft von Atheismus zu unterscheiden, sollte man von derlei Kommentaren besser Abstand nehmen. Oder meint er tatsächlich, dass auch in den Naturwissenschaften "and then a miracle occurred" als Erklärung akzeptabel sein sollte?!

Anonymous said...

"Die neue religionskritische Bewegung trägt nach Einschätzung des Kulturwissenschaftlers selbst religiöse Züge."

Ich lach mich tot. Christen lehnen den Atheismus ab, weil er ihnen religiös vorkommt. Im Christentum entdecken sie etwa keine religiösen Züge?

cptchaos said...

Naja,

der Kissler ist ein Demagoge. Ich habe das Buch von ihm gelesen: Der aufgeklärte Gott. Allerdings schon perfekte Propaganda. Wer mal was anderes Analysieren will als Kommunistische oder Nationalsozialistische Propaganda. Kann das Buch nehmen man wird alle Methoden guter Propaganda finden.

Beste Grüße,

cptchaos

JLT said...

@ anonymous:

Ich kann nicht behaupten, dass ich Intention oder Inhalt solcher Aussage nachvollziehen kann. Die einzige Erklärung, die mir einfällt, ist, dass solche Aussagen aus einem kindischen Verlangen heraus gemacht werden, Verärgerung hervorzurufen, im vollen Bewusstsein darüber, wie unsinnig diese Behauptung tatsächlich ist.

@ cptchaos:

Du hast ein ganzes *Buch* von dem gelesen? Meine Hochachtung. Für mich reicht in der Regel ein einziger Artikel, um mir für Tage die Laune zu verhageln.

cptchaos said...

Ja,

mir wurde das Buch Geschenkt. Von jemandem der es nicht gelesen hatte, und wohl vermutete, dass es sich beim Inhalt um liberale aufgeklärte Religion handelt und es eine gute Antwort auf die Neuen Atheisten ist.
... also es ist immerhin stilistisch gut geschrieben, auch wenn ich mich Inhaltlich richtig geärgert habe.
Ein anderes Buch. "Die Wissenschaft vom Lieben Gott" habe ich einfach nicht durchgehalten: Zu langweilig ...

Ich versuche ja immer noch verständliche Positionen von Theisten zu bekommen ... bislang erfolglos.

Zu Kissler mag ich mich nicht weiter äußern. Wenn ich das kurz fasse, ist es rechtlich bedenklich. Die Zeit die ich bräuchte um meine Darstellungen zu belegen ist einfach zu kostbar.

Beste Grüße,
cptchaos

PS: So diesmal in etwas geordneterem Deutsch ... Ich musste letztens ganz schnell weg und konnte nicht mehr korrigieren.