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16 December 2008

Eine Fangfrage.

Gerade hat sich Marcel von Eight Minutes Old auch noch in der Diskussion zu Wort gemeldet, die schon seit einiger Zeit auf verschiedenen Blogs stattfindet.

Die Diskussion dreht sich um diese Frage [S472Q03] aus der PISA-Studie:

Welche der folgenden Aussagen trifft am besten auf die Evolutionstheorie zu?

A Die Theorie ist unglaubwürdig, da Veränderungen der Arten nicht beobachtet werden können.
B Die Evolutionstheorie gilt für Tiere, nicht aber für den Menschen.
C Die Evolution ist eine wissenschaftliche Theorie, die sich gegenwärtig auf zahlreiche Beobachtungen stützt.
D Die Evolution ist eine Theorie, die durch Forschung bewiesen worden ist.
Die offiziell als richtig angegebene Antwort ist C, aber einige der Diskutanten sind der Meinung, D wäre zutreffender. Alle sind sich einig und ich stimme zu, dass die Antworten selten dämlich formuliert sind, was möglicherweise nicht zuletzt daran liegt, dass der Übersetzer der Antworten aus dem Englischen nicht gerade den besten Job abgeliefert hat. Antwort C sieht im englischen Original so aus:
C Evolution is a scientific theory that is currently based on extensive evidence.
"Extensive evidence" ist eine viel stärkere Aussage als "zahlreiche Beobachtungen". Dass die Antwort C vor allem im Deutschen so schwach formuliert ist, war sicher der Auslöser für viele, sie als nicht wirklich zutreffend abzulehnen. Ich denke, diese Diskussion würde nicht stattfinden, wäre die Antwort beispielsweise so formuliert gewesen:
Die Evolution ist eine wissenschaftliche Theorie, die sich gegenwärtig auf umfangreiche Nachweise stützt.
Was mich aber ganz besonders an beiden Antworten, C und D, stört und woran mich Marcels Post wieder erinnert hat, ist die fehlende Unterscheidung zwischen der Tatsache Evolution und der Evolutionstheorie. Ich brauche das gar nicht selbst noch einmal schreiben, Stephen Gould hat das schon viel besser getan als ich das könnte:
Well, evolution is a theory. It is also a fact. And facts and theories are different things, not rungs in a hierarchy of increasing certainty. Facts are the world's data. Theories are structures of ideas that explain and interpret facts. Facts do not go away when scientists debate rival theories to explain them. Einstein's theory of gravitation replaced Newton's, but apples did not suspend themselves in mid-air, pending the outcome. And humans evolved from apelike ancestors whether they did so by Darwin's proposed mechanism or by some other, yet to be discovered.

Moreover, "fact" does not mean "absolute certainty." The final proofs of logic and mathematics flow deductively from stated premises and achieve certainty only because they are not about the empirical world. Evolutionists make no claim for perpetual truth, though creationists often do (and then attack us for a style of argument that they themselves favor). In science, "fact" can only mean "confirmed to such a degree that it would be perverse to withhold provisional assent." I suppose that apples might start to rise tomorrow, but the possibility does not merit equal time in physics classrooms.

Evolutionists have been clear about this distinction between fact and theory from the very beginning, if only because we have always acknowledged how far we are from completely understanding the mechanisms (theory) by which evolution (fact) occurred. Darwin continually emphasized the difference between his two great and separate accomplishments: establishing the fact of evolution, and proposing a theory—natural selection—to explain the mechanism of evolution. He wrote in The Descent of Man: "I had two distinct objects in view; firstly, to show that species had not been separately created, and secondly, that natural selection had been the chief agent of change. . . . Hence if I have erred in . . . having exaggerated its [natural selection's] power . . . I have at least, as I hope, done good service in aiding to overthrow the dogma of separate creations."
Douglas Futuyma definiert Evolution so:
Biological (or organic) evolution is change in the properties of populations of organisms or groups of such populations, over the course of generations.*
Auch eine bekannte Formulierung der Definition von Evolution gleichen Inhalts: Evolution ist die Veränderung von Allelfrequenzen in einem Genpool**.

Evolution ist eine beobachtbare Tatsache und so findet so sicher statt wie die von Marcel angesprochene gegenseitige Anziehung von Massen. Warum sich "die Eigenschaften einer Population von Organismen über mehrere Generationen hinweg verändern", erklärt die Evolutionstheorie. Jede andere Theorie, die die Evolutionstheorie in ihrer heutigen Form ablösen soll, muss genau dies erklären können und zwar besser als die aktuelle Evolutionstheorie.

Die Antworten sind also gleich doppelt scheiße formuliert, wenn ich das mal so deutlich sagen darf.

Evolution ist meiner Meinung nach über jeden vernünftigen Zweifel hinaus belegt bzw. bewiesen.
Die Evolutionstheorie ist wie jede wissenschaftliche Theorie immer "nur" die gegenwärtig bestmögliche Erklärung der Fakten. Zweifelsohne sind die Kernaussagen der Evolutionstheorie außergewöhnlich gut belegt und es ist mehr als unwahrscheinlich, dass diese Kernaussagen noch umgestoßen werden. Aber genauso trifft es auch immer noch zu, was Gould vor beinahe 30 Jahren schrieb: Wir sind noch immer weit davon entfernt, Evolution in allen Einzelheiten komplett zu verstehen.
Wie jede gute bei jeder guten Theorie ergeben sich mit jedem neuen Fund viele neue Hypothesen, die noch zu klären sind. Eine Theorie, die endgültig bewiesen ist, lässt keine Fragen offen - wissenschaftlich gesehen wäre sie tot. Dies ist bei der Evolutionstheorie sicherlich nicht der Fall.

Zusammengefasst ist also meine Meinung zu der ganzen Geschichte: Alle Antworten sind falsch, aber wenn ich die vermutliche Intention des Fragestellers mit berücksichtige, sehe ich C als die am wenigsten danebenliegende Antwort an.

MfG,
JLT


* Douglas J. Futuyma (1998) Evolutionary Biology 3rd ed., Sinauer Associates Inc. Sunderland MA p.4
** z. B. hier: Helena Curtis and N. Sue Barnes, Biology, 5th ed. 1989 Worth Publishers, p.974

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10 June 2008

Noch mal für Wolf-Dieter: Warum der "Schnabeltier-Gencocktail" kein Schierlingsbecher für "Evolutionisten" ist.

Wolf-Dieter fragte in einem Kommentar dies:

Erwartet man, wenn man Evolution voraussetzt, eigentlich auch so einen Gen-Cocktail wie beim Schnabeltier, dass ja nun leider kein Nachkomme eines Missing Links zwischen Säugetier und Vogel, etc. sein kann?
Meine Reaktion war nicht allzu freundlich ('Wolf-Dieter, dies ist *nur* für Dich!') und auch nicht allzu ausführlich, da ich nicht wirklich davon ausgegangen bin, dass Wolf-Dieter tatsächlich an einer Erklärung interessiert ist. Offenbar habe ich mich geirrt, denn darauf folgte dieser Kommentar:
Kennst Du zufällig den Spruch: Es gibt keine dummen Fragen, nur dumme Antworten? Der letzte Satz war eine Frage.
Na, wenn ich so nett gebeten werde, kann ich doch nicht Nein sagen.

Was erwartet man, wenn man Evolution voraussetzt?

Ganz kurz gesagt, man erwartet, dass *alle* Organismen einen "Gen-Cocktail" aus entwicklungsgeschichtlich unterschiedlich alten Genen enthalten.
Also: Manche Gene* findet man beispielsweise sowohl bei Reptilien (zu denen die Vögel gehören) als auch bei Säugetieren (z. B. bei Schnabeltieren und Menschen), aber bei keiner anderen Organismengruppe. Diese Gene waren also aller Wahrscheinlichkeit nach im letzten gemeinsamen Vorfahren von Säugetieren und Reptilien schon vorhanden. Im Laufe der Evolution sind in beiden Linien, der zu den heutigen Säugetieren führenden und der zu den heutigen Vögeln führenden, neue Gene entstanden und alte durch Mutationen funktionslos geworden ("verloren gegangen"). Aber da die beiden Linien schon getrennt waren, sind diese Veränderungen unabhängig voneinander. Ein Gen, das in der Säugetierlinie durch Mutationen funktionslos wurde (beispielsweise, weil durch veränderte Umweltbedingungen die Genfunktion keinen Selektionsvorteil mehr darstellte), kann in der anderen Linie durch konservierende Selektion erhalten bleiben. Eine neue Genfunktion, die in der einen Linie entsteht und sich durchsetzt, da sie für diese Linie einen Selektionsvorteil bietet, entsteht in der anderen Linie gar nicht erst.
D. h. je länger sich die beiden Linien getrennt von einander entwickeln, umso größer werden die Unterschiede zueinander (und zu ihrem gemeinsamen Vorfahren).
Es gibt, wenn man so will, fünf verschiedene "Typen" von Genen:
(A) Gene des gemeinsamen Vorfahrens, die in beiden Linien erhalten blieben (entspricht (3) in der Abbildung),
(B) Gene, die in der Säugetierlinie neue entstanden (entspricht z. B. (1)),
(C) Gene, die in der Reptilienlinie neu entstanden,
(D) Gene des gemeinsamen Vorfahrens, die in der Säugetierlinie erhalten blieben, aber in der Reptilienlinie nicht (entspricht (2)) und
(E) Gene des gemeinsamen Vorfahrens, die in der Reptilienlinie erhalten blieben, aber in der Säugetierlinie nicht.

Nach der Abspaltung der Monotremata (zu denen die Schnabeltiere und die Ameisenigel gehören, nenne ich der Einfachheit halber "Schnabeltierlinie") von den "restlichen" Säugetieren passierte das Gleiche. Einige Gene, die bei der "Schnabeltierlinie" verloren gingen, sind in anderen Säugetieren erhalten geblieben und umgekehrt. In der "Schnabeltierlinie" sind neue Genfunktionen entstanden, die in der anderen Säugetierlinie nicht entstanden und umgekehrt.
Es gibt also wieder fünf Typen von Genen:
(A) Gene des gemeinsamen Säugetiervorfahrens, die sowohl in der Linie, aus der die Schnabeltiere hervorgingen, als auch in der, aus der die Menschen hervorgingen, erhalten geblieben sind. Dies können sowohl "alte" Gene sein, die schon im gemeinsamen Vorfahren der Säugetiere und Reptilien vorhanden waren und deswegen auch in der Reptilienlinie und dementsprechend auch bei Vögeln vorkommen können (dunkelblaue "Gene" in der Abb.), es können aber auch "neuere" Gene sein, d. h. die nach der Aufspaltung von Reptilien und Säugetieren entstanden, also *nicht* in der Reptilienlinie vorkommen können (hellblau).
(B) Gene, die in der "Schnabeltierlinie" neu entstanden, also in keiner der anderen Linien vorkommen können (gelb),
(C) Gene, die in der anderen Säugetierlinie neu entstanden (grün) und
(D+E) Gene, die in der "Schnabeltierlinie" erhalten blieben, aber in der anderen Linie verloren gingen oder umgekehrt. D. h. in der Schnabeltierlinie kann z. B. ein "altes" Gen erhalten bleiben, das auf den gemeinsamen Vorfahren mit Reptilien zurückgeht und auch in der Linie, aus der die Vögel hervorgingen, erhalten blieb, während dies Gen in der Linie, aus der die Menschen hervorgingen, verloren ging. Das Schnabeltier hat also ein Gen mit den Vögeln gemeinsam, das in den anderen Säugetieren nicht vorkommt (entspricht (5)). Aber genau das Gleiche gibt es auch andersherum! Auch in der Linie, aus der die Menschen hervorgingen, sind "alte" Gene erhalten geblieben, die in der "Schnabeltierlinie" verloren gingen. D. h. auch der Mensch kann ein Gen mit Vögeln gemeinsam haben, das in Schnabeltieren nicht vorkommt (entspricht (4)). Und das ist überhaupt nicht überraschend, sondern exakt das, was man erwartet, wenn man Evolution voraussetzt.

Ein Beispiel für ein Gen, das Schnabeltiere mit Vögeln gemeinsam haben, ist ein Eidottergen. Vögel haben drei Eidottergene, der gemeinsame Vorfahre von Säugetieren und Vögeln hatte wahrscheinlich auch drei dieser Gene (Vitellogenin-Gene; Vitellogenin: "Eidottermacher"), das Schnabeltier hat nur noch eins. Neben dem funktionsfähigen Vitellogenin-Gens findet sich im Genom des Schnabeltiers auch noch eine Sequenz, die einem der anderen Vitellogenin-Gene der Vögel sehr ähnlich ist, aber kein Protein mehr kodiert/nicht mehr abgelesen wird. Menschen haben überhaupt kein funktionsfähiges Vitellogenin-Gen mehr. Aber Überreste von zwei, möglicherweise aller drei Vitellogenin-Gene können im menschlichen Genom identifiziert werden. Siehe dazu auch mein Post: 'Ein Post über Missverständnisse, Milch und Mammalia'.

Ich hoffe, ich konnte deutlich machen, warum die Behauptung in Wolf-Dieters ursprünglichen Kommentar tatsächlich der komplette Unsinn ist, als den ich sie in meiner ersten Reaktion bezeichnet habe. Es ist eine *Vorhersage* der Evolutionstheorie, dass Organismen entstehungsgeschichtlich unterschiedlich alte Gene enthalten *müssen* und ein solches Muster wurde nicht nur im Schnabeltiergenom gefunden, sondern wurde bisher in jedem sequenzierten Genom gefunden. Zu sagen, weil das Schnabeltier ein solches Muster aufweist, könnte es nicht mit der Evolutionstheorie erklärt werden, ist in etwa so sinnvoll wie die Behauptung, die Gravitationstheorie könnte nicht erklären, warum Äpfel vom Baum nach unten fallen.

MfG,
JLT




* Diese Gene sind natürlich nicht komplett identisch, aber die (Grund-) Funktion ist erhalten geblieben und auch die Sequenz der Gene ist sich relativ ähnlich. "Stille "Mutationen (also Veränderungen/Unterschiede der Gensequenzen, die die Sequenz der kodierten Proteine nicht verändern) überwiegen.

** Ich spreche von Genfunktion, weil das Casein-Gen möglicherweise aus einem Gen, das an der Bildung von Zahnschmelz beteiligt ist, entstand (nach dessen Duplikation).

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7 June 2008

Wolf-Dieter, dies ist *nur* für Dich!

Wolf-Dieter schrieb mir freundlicherweise den folgenden Kommentar:

[...] Und ah, JLT...

Wenn man sieht, wie inflationär hier Titulierungen wie "Wahnvorstellung" etc. vergeben werden, hat man als Laie eine schöne Vorstellung davon, wie objektiv und fair es beim ehrenvollen Berufsstand der Naturforscher zugehen muss.

Erwartet man, wenn man Evolution voraussetzt, eigentlich auch so einen Gen-Cocktail wie beim Schnabeltier, dass ja nun leider kein Nachkomme eines Missing Links zwischen Säugetier und Vogel, etc. sein kann?



Lieber Wolf-Dieter,

Kuckst Du mal auf die Grafik [Klicken zum Vergrößern], die ich nur für Dich angefertigt habe, dann wirst Du, wenn das Deine geistigen Fähigkeiten nicht übersteigt, erkennen, dass Deine letzte Bemerkung totaler Unsinn ist. Nicht so viel E&S lesen, lieber mal ein gutes Lehrbuch zur Evolution.

Was mein "Wahnvorstellungen"-Tag angeht: Das verwende ich keineswegs inflationär, sondern nur für ganz schwere Fälle.

MfG,
JLT

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30 May 2008

Ein WTF?-Moment.

Auf Naturalismuskritik gibt's ein neues Post mit dem Titel 'Eine neue Stufe des Nichtwissens?', in dem sich der Autor darüber beschwert, dass es keine befriedigende Definition des Artbegriffs gibt und nimmt dies als Anlass zu behaupten, Darwin hätte seine Theorie auf Nichtwissen aufgebaut.

Anlässlich der Bonner Artenschutzkonferenz berichtet die Welt über einen häufig schamhaft verschwiegenen Sachverhalt: dass über den Artbegriff keine Einigkeit besteht, dass im Grunde niemand weiß, was eine Art ist. Bereits Darwin habe von „defining the undefinable“ gesprochen, heißt es.

Das hielt ihn allerdings nicht davon ab, auf dieses „undefinable“ eine großartige Theorie zu bauen. Auch seine Adepten schert nicht, dass sie im begrifflichen Nebel stochern.
Das ist so derartig ein Eigentor, so derartig unbeleckt von jeglicher Kenntnis zu dem Thema, da bleibt einem das Gehirn stehen.

Mal angenommen, das mit der Evolution ist tatsächlich so, wie diese ahnungslosen Naturwissenschaftler immer behaupten. Dann entstehen ab und an aus einer Art zwei verschiedene. Aber ab welchem Punkt hat man zwei verschiedene und nicht mehr nur eine? Bei der Lehrbuchvariante des Artbegriffs wird in der Regel gesagt, dass alle die zu einer Art gehören, die sich miteinander fortpflanzen und (fertilen) Nachwuchs zeugen können. Dieser Artbegriff ist problematisch. Erstens, es gibt auch nicht-sexuelle Fortpflanzung. Zur Unterscheidung von Bakterien-"Arten" taugt dieser Artbegriff also nicht. Zweitens, ist es ausschlaggebend, ob sie sich "freiwillig" miteinander fortpflanzen, oder gilt es auch, wenn im Labor Nachkommen gezeugt werden können, auch wenn es in der Natur nie vorkäme? Bei manchen Vogelarten besteht die reproduktive Isolation nur darin, dass sie bei der Balz unterschiedliche Gesänge haben, sie also einfach deswegen keine Nachkommen miteinander haben, weil sie nicht "zueinander finden". Es besteht keine wie auch immer geartete Inkompatibilität auf genetischer Ebene. Tiger und Löwen können fertilen Nachwuchs zeugen, aber gehören ganz eindeutig nicht zur gleichen Art. Aber warum eigentlich?

Dass es so schwierig ist, einen eindeutigen Artbegriff zu definieren, ist nicht zuletzt eine Folge der fließenden Übergänge zwischen 'eine Art', 'eine Art mit lokalen Variationen', 'eine Art mit zwei Unterarten', 'zwei sehr nahe verwandte Arten'. Die Vögel mit den unterschiedlichen Balzgesängen, auch wenn man sie je nach Definition noch zu einer Art zählen kann, besitzen in jedem Fall alle Voraussetzungen, sich auch auf genetischer Ebene weiter auseinander zu entwickeln.

Mit anderen Worten, dass es keine klaren Artgrenzen gibt, ist sowohl das, was das Finden einer Definition so erschwert als auch genau das, was man erwarten sollte, wenn denn Evolution stattfindet (siehe auch die ersten zwei, drei Absätze von 'Ein Post über Missverständnisse, Milch und Mammalia' oder auch 'Species' in der Stanford Encyclopedia of Philosophy oder Ernst Mayrs 'What is a species, and what is no?').

MfG,
JLT

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21 April 2008

Den Wald vor Bäumen nicht sehen...

Georg Menting hat auf seiner Homepage "Kritische Naturgeschichte" einen neuen Artikel veröffentlicht, 'Von Korallen und Menschen'. Darin behauptet er, die Ergebnisse eines fünf Jahre alten Artikels würden der "Lehrmeinung" über Evolution widersprechen. Könnte es wohl möglich sein, dass sie eher Georgs Meinung über Evolution widersprechen?

Aus Georgs Text:

"Ein fast ebenso verblüffender Befund wurde 2003 von einer Forschergruppe um den australischen Evolutionsgenetiker Daniel Kortschak in dem renommierten Wissenschaftsmagazin »Nature« [Anm.: Der Artikel ist in Current Biology erschienen, von GM auch richtig im Literaturverzeichnis angegeben] publiziert. Das Team hatte das Genom des Menschen mit dem Genom von Fruchtfliegen, Fadenwürmern und Korallen verglichen und herausgefunden, dass Korallen und Menschen mehr gemeinsame Gene haben als etwa Korallen und Fadenwürmer oder Korallen und Fruchtfliegen. Dies war mit geläufigen Evolutionsvorstellungen nur schwer zu vereinbaren, weil Korallen radiärsymmetrische Nesseltiere sind, die im evolutionären Stammbaum ziemlich weit unten stehen und daher mehr Ähnlichkeiten zu Fadenwürmern oder Fruchtfliegen zeigen sollten.
Bisher hatte man angenommen, dass im Verlauf der Evolution höherer Tiere sukzessive neue Gene zur Genausstattung primitiverer Formen hinzugekommen sind. Auf diese Weise seien die Lebewesen mit der Zeit immer komplexer geworden. Die von Kortschak et al. durchgeführten DNA-Sequenzvergleiche widersprechen dieser als gesichert geltenden Lehrmeinung diametral. Träfe sie wirklich zu, dann dürften die genetischen Überstimmungen zwischen ganz entfernt verwandten Lebewesen wie Mensch und Koralle nicht größer sein als zwischen erheblich näher verwandten Lebewesen wie Koralle und Fadenwurm oder Fruchtfliege."
Da haben wir es schon. Der Artikel widerspricht nur Georgs Strohmann-Version von Evolution.

Missverständnis Nr. 1: Korallen, Fadenwürmer oder Fruchtfliegen ständen "ziemlich weit unten" im evolutionären Stammbaum und wären (daher) näher miteinander verwandt als mit dem Menschen. Korallen sollten deswegen in ihrer Genausstattung Fruchtfliegen oder Fadenwürmern ähnlicher sein als Menschen.

Missverständnis Nr. 2: Evolution würde von einfach zu komplex verlaufen und dies erfolge durch die Addition neuer Gene.

Darüber hinaus werden auch noch die im Kortschak-Artikel präsentierten Ergebnisse nicht ganz richtig dargestellt, aber dazu später mehr.


Die Behauptung, es gäbe ein "unten" und "oben" im evolutionären Stammbaum ist so weit verbreitet wie falsch. Vorstellungen der Evolution als einer Art Leiter, auf der die verschiedenen Arten unterschiedlich weit nach oben "geklettert" sind und an deren Spitze der Mensch als "Krone der Schöpfung" steht, gehen noch auf die Scala naturae von Aristoteles zurück (der überdies noch annahm, dass die Arten eine "unwandelbare Essenz" haben und jede einzeln von Gott geschafften wurde). Dass es eben *keine* Scala naturae gibt, keine in unterschiedlicher Perfektion geschaffenen Arten und auch keine "Evolutionsleiter", ist gerade eine Kernaussage der Evolutionstheorie: Evolution ist ungerichtet, es gibt kein "nach oben" [Bild-Quelle: Scala Naturae, Wikipedia]

Dieses Missverständnis ist nicht nur bei Kreationisten und Konsorten verbreitet – die irrige Vorstellung, dass es eine "Hauptlinie" gibt, die letztendlich zu den Menschen führte und das jede frühere Abspaltung von dieser "Hauptlinie" eine primitivere Form darstellt, ist anscheinend allgemein schwer auszumerzen. Das hat meiner Meinung nach viel mit einer falschen Interpretation von Phylogenien (Abstammungsbäumen) zu tun.

Eine Abbildung wie die links oben (a) wird beispielsweise vielfach so interpretiert, dass die Menschen die Hauptlinie darstellen, die Haie die "primitivste" der dargestellten Formen wären (da ihre Linie sich als erstes von dieser Hauptlinie abgespaltet hat), gefolgt von den Knochenfischen und Fröschen. Die zweite Darstellung (b) ist aber genauso korrekt wie die Erste. Darstellungen in dieser Form sind am jeden Punkt, an dem sich eine Linie in zwei aufspaltet ("node"), frei drehbar.

Genauso würden viele die Abbildungen dahingehend interpretieren, dass Frösche näher mit Knochenfischen verwandt sind als Menschen, da sie nebeneinander stehen. Tatsächlich sind Frösche und Menschen genau gleich nah/fern mit Knochenfischen verwandt; der letzte gemeinsame Vorfahre von Menschen und Fröschen hat vor viel kürzerer Zeit gelebt als der letzte gemeinsame Vorfahre von Menschen, Fröschen und Knochenfischen [Bild-Quelle: T. Ryan Gregory; siehe Literaturzitat am Ende des Posts].


Um das noch mehr zu verdeutlichen, seht Euch mal die nebenstehenden Verwandtschaftsverhältnisse von Paul an. Ist Pauls Cousine näher mit Pauls Cousin 2ten Grades verwandt als Paul?

Nein.
Sowohl Paul als auch seine Cousine (als auch Pauls Bruder) sind über die gemeinsamen Urgroßeltern (die "letzten gemeinsamen Vorfahren") mit dem Cousin 2ten Grades verwandt.





Schaut man sich das Ganze für die Abstammungsverhältnisse von Korallen (Cnidaria; Acropora millepora)*, Fadenwürmern (Nematoden; Caenorhabditis elegans), Fruchtfliegen (Arthropoda; Drosophila melanogaster) und Menschen (Chordata; Homo sapiens) an, dann kann man sehen, dass Nematoden, Arthropoden und Chordaten, repräsentiert durch Fadenwurm, Fruchtfliege und Mensch, genau gleich weit entfernt mit Korallen verwandt sind.
Menschen sind näher mit Fruchtfliegen und Fadenwürmern verwandt als Korallen mit Fruchtfliegen und Fadenwürmern verwandt sind – der letzte gemeinsame Vorfahre von Menschen, Fruchtfliegen und Fadenwürmern hat NACH dem letzten gemeinsamen Vorfahren von Menschen, Fruchtfliegen, Fadenwürmern und Korallen gelebt.
Es gibt also nicht den geringsten Anlass zu der Annahme, dass Korallen mehr Ähnlichkeiten mit Fruchtfliegen oder Fadenwürmern haben sollten, als mit Menschen.


Vielleicht auch in diesem Zusammenhang erwähnenswert ist, dass der Gegensatz von "primitiv" (besser: ursprünglich) in Bezug auf Evolution nicht "fortgeschritten" ist, sondern "abgeleitet", und sich immer nur auf einzelne Merkmale bezieht, nicht etwa auf den ganzen Organismus (und dann ist es auch noch relativ, ob ein einzelnes Merkmal "primitiv" (plesiomorph = ohne große Veränderungen vom Vorfahren übernommen) oder abgeleitet ist (apomorph = ein gegenüber dem Vorfahren verändertes Merkmal); das gleiche Merkmal kann für eine Tiergruppe eine Neuerrungenschaft gegenüber den Vorfahren sein (= abgeleitet), aber, wenn es unverändert auch von den Nachfahren übernommen wurde, bei diesen ein "primitives" Merkmal darstellen).

T. Ryan Gregory, ein Evolutionsbiologe, schreibt dazu auf seinem Blog Genomicron:
The misinterpretation of other terms may cause, or be caused by, particular assumptions about the nature of the evolutionary process. Take the term "primitive" for example. The use of the term can be either deeply misleading or entirely appropriate depending on what one considers to be the opposite of the term. Here are the two most common uses, the first problematic and the second legitimate.

1) Primitive versus advanced.
In this comparison, the term "primitive" has pejorative connotations of inferiority relative to "more evolved" species. Evolution is implied to be a progressive process characterized by improvement rather than simply of change. This is the usage one finds in popular media, for example in the all-too-well-known "evolutionary line-up" showing progressive improvement in anything from primate species to any manner of product being advertised as new and improved. However, biological evolution is not a progressive process, and this use of the term is inappropriate.

2) Primitive versus derived.
In technical parlance, "primitive" can be used to mean that one form of a trait is "more like a common ancestor" relative to another form of the trait (i.e., as synonymous with "ancestral"). It is an expression of the differential quantity of change that has occurred since two or more lineages diverged. The opposite of primitive in this usage is not "advanced" but "derived". There is no automatic implication that change has been progressive in this sense.

So, one should not draw a comparison between "primitive versus advanced", but "primitive versus derived" is not problematic. It bears noting, though, that the terms primitive (or ancestral) and derived are actually applicable to particular characters, not to entire organisms.
As Crisp and Cook (2005) noted,
Once two lineages have separated, each evolves new characters independently of the other and, with time, each will show a mixture of plesiomorphic [inherited largely unchanged from the ancestor] and apomorphic [newly evolved and thus not possessed by the ancestor] character states. Therefore, extant species in both lineages resemble, to varying degrees, their common ancestor. Consequently, whereas character states can be relatively ancestral (plesiomorphic) or derived (apomorphic), these concepts are nonsensical when applied to whole organisms.
_______

Crisp, M.D. and L.G. Cook. 2005. Do early branching lineages signify ancestral traits? Trends in Ecology and Evolution 20: 122-128.

Übersetzung des Crsip & Cook Zitats:
Sobald sich zwei Linien aufgespaltet haben, evolvieren beide Linien unabhängig voneinander neue Merkmale und mit der Zeit zeigen beide eine Mischung von plesiomorphen [größtenteils unverändert vom Vorfahren übernommenen] und apomorphen [neu entwickelten, also beim Vorfahren nicht vorhandenen] Merkmalseigenschaften. Darum ähneln die heute lebenden Arten beider Linien, im unterschiedlichen Maße, ihrem gemeinsamen Vorfahren. Folglich, während Merkmalseigenschaften relativ ursprünglich oder abgeleitet sein können, ist die Anwendung dieser Bezeichnungen auf den ganzen Organismus unsinnig.


Oder noch anders ausgedrückt: Die Vorstellung, beispielsweise Korallen wären primitive Organismen, weil die Linie, zu der sie gehören, sich früh von der Linie abgespalten hat, zu der wir Menschen gehören, ist Blödsinn. Korallen mögen in manchen Eigenschaften ihren Vorfahren ähnlich sehen, aber in anderen Eigenschaften werden sie sich stark von ihren Vorfahren unterscheiden. Dasselbe gilt für Menschen, Fadenwürmer, Fruchtfliegen und jede andere Tier- oder Pflanzenart, die heute auf der Erde zu finden ist [Dazu auch interessant: 'Phylogenetic fallacies: "Early branching equals primitive"'].

Der Trick ist herauszufinden, welche Merkmale die ursprünglichen und welche die abgeleiteten sind.

Wie man das macht und was das mit dem Kortschak-Artikel zu tun hat, dazu komme ich dann in einem zweiten Post.

MfG,
JLT


* In Klammern jeweils die Bezeichnung der Tiergruppe und der Name der Tierart, deren Genom untersucht wurde.

Die zweite Abbildung von oben stammt aus: T. Gregory Ryan (2008). Understanding Evolutionary Trees. Evo Edu Outreach (2008) 1:121–137 [OpenAccess; SEHR EMPFEHLENSWERT; Link zum .pdf]

Kortschak et al. (2003). EST Analysis of the Cnidarian Acropora millepora Reveals Extensive Gene Loss and Rapid Sequence Divergence in the Model Invertebrates. Current Biology 13(24): 2190-2195

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13 April 2008

Ein Post über Missverständnisse, Milch und Mammalia.

Passend zum vorletzten Post stelle ich heute einen Artikel vor, den ich schon länger auf meiner Liste habe, weil ich mit seiner Hilfe hoffentlich mit ein paar Missverständnissen zum Artbegriff (und anderen taxonomischen Einteilungen) und zur verwandten Frage, was Übergangsformen sind, aufräumen kann und den ich darüber hinaus auch noch sehr interessant finde:
Brawand et al. (2008). Loss of egg yolk genes in mammals and the origin of lactation and placentation. PLoS Biology 6(3): e63.

Die Säugetiere haben sich vor 225 bis 275 Mio. Jahren aus Reptilien-ähnlichen Vorfahren entwickelt. Was heißt das? Musste irgendwann aus einem Krokodilei eine Maus schlüpfen?
Natürlich nicht. Die Annahme, dass die "großen" Übergänge in der Evolutionsgeschichte (wie die Entstehung der Klasse Mammalia aus Vorfahren, die der Klasse der Reptilien zugeordnet werden) auch anatomisch und physiologisch besonders große "Sprünge" beinhalten müssen, ist auf ein Missverständnis der Grundlage von taxonomischen Einteilungen zurückzuführen.

Linnaeus (1707-1778) gilt als der "Vater" der taxonomischen Einteilung des Tier- und Pflanzenreiches in eine hierarchisch angeordnete Unterteilung, also in Reiche (z. B. Animalia), Phyla (z. B. Chordata), Klassen (z. B. Reptilia), Ordnungen (z. B. Crocodilia), Familien (z. B. Crocodylidae), Gattungen (z. B Alligator) und Arten (z. B. Alligator mississippiensis). Vor allem die binominale Bezeichnung von Arten, die aus dem Gattungsnamen und einem für jede Art spezifischen "Zunamen" besteht, stellte einen großen Fortschritt dar. Seine Unterteilung beruhte auf der Gruppierung jeweils morphologisch ähnlicher Arten zu Gruppen, die dann ihrerseits aufgrund gemeinsamer phänotypischer Eigenschaften zu größeren Gruppen zusammengefasst wurden. Linnaeus ging von einer Unveränderlichkeit der Arten aus und Variationen innerhalb einer Art, die er natürlich auch beobachtete, interpretierte er als Abweichungen von einer "Idealform".
Selbst wenn man "nur" die heute lebenden (rezenten) Arten betrachtet, ist die linnaeische Unterteilung wegen der Annahme der Unveränderlichkeit der Arten nicht unproblematisch; was ist "noch" eine Art, was sind "schon" zwei Arten? Das Problem wird noch verschärft dadurch, dass es keine einheitliche und auf alle Fälle anwendbare Definition von Art gibt.

"Species are groups of interbreeding natural populations that are reproductively isolated from other such groups."

[Mayr (1996). What is a Species, and What is Not? Philosophy of Science 63: 262-277]
Die häufig verwendete Definition, Arten seien Gruppen von sich miteinander fortpflanzenden natürlichen Populationen, die von anderen solchen Gruppen reproduktiv isoliert sind, ist aus verschiedenen Gründen nicht ideal, da sie nur auf sich sexuell fortpflanzende Organismen anwendbar ist und man nach dieser Definition beispielsweise Tiger und Löwen als eine Art betrachten könnte/müsste, da sie sich miteinander fortpflanzen können (auch wenn sie das in ihrem natürlichen Lebensraum nicht tun). Solche Hybridbildungen sind vor allem auch bei den Pflanzen sehr häufig (für eine ausführliche Diskussion über den Artbegriff siehe z. B. den Eintrag zu "Species" in der Stanford Encyclopedia of Philosophy oder Mayrs 'What is a Species, and What is Not?'; der deutsche Wikipedia-Artikel zu "Art" ist nicht besonders gut geschrieben, gibt aber auch einen Eindruck von den verschiedenen Artkonzepten und den jeweiligen damit verbundenen Schwierigkeiten).
Selbst die Zuordnung von Arten zu höheren Unterteilungsstufen ist nicht immer eindeutig. Nimmt man auch die ausgestorbenen und nur als Fossilien bekannten Tier- (und Pflanzen-) Arten dazu, wird die taxonomische Einordnung in vielen Fällen noch schwieriger. Der Grund dafür ist natürlich, dass Arten *nicht* unveränderlich sind.

Heute versucht man, Tier- und Pflanzenarten aufgrund ihrer Abstammungsgeschichte zu gruppieren. Idealerweise ist jede Gruppe (egal auf welcher Hierarchieebene) monophyletisch, d. h. man versucht die einzelnen Arten/Gattungen/Familien etc. so zu Gruppen zusammenzufassen, dass jede Gruppe jeweils einen (und nur einen) gemeinsamen Vorfahren hat (in der Kladistik wird auf eine hierarchische Klassifizierungen völlig verzichtet, dort gibt es nur Abstammungsgruppen, Kladen). Anders als bei einer typologischen Beschreibung wie bei Linnaeus wird nicht der gesamte Merkmalskomplex kennzeichnend ("typisch") für eine Gruppe angenommen, sondern es wird versucht, die jeweils abgeleiteten (synapomorphen) Merkmale einer Gruppe herauszufinden. Dies sind Merkmale, die alle Mitglieder einer Gruppe aufweisen, aber kein Mitglied einer anderen Gruppe, also evolutionäre "Neuerwerbungen".
Bei den Säugetieren sind dies u. a. vier Merkmale, die alle Säugetiere gemeinsam haben, aber bei keiner anderen Gruppe zu finden sind: Drei Mittelohrknochen, nur ein Unterkieferknochen, Haare und die Fähigkeit zur Milchproduktion (Laktation). Die Schwierigkeit bei der Zuordnung von Fossilien ist recht offensichtlich: Die Fähigkeit zur Milchproduktion ist bei einem Fossil in der Regel nicht feststellbar, auch bei den heute lebenden Säugetieren gibt es solche, die sekundär haarlos sind und zudem sind in den meisten Fällen nur die Knochen als Fossilien erhalten, so dass es keine Hinweise darauf gibt, ob Haare vorhanden waren oder nicht. Ob ein Fossil den Säugetieren zuzuordnen ist oder nicht, kann also in der Regel nur über Schädelmerkmale entschieden werden.

Links sind die schematischen Darstellungen eines Therapsidenschädels (die reptilienähnlichen Vorfahren der Säugetiere) und eines frühen Säugetiers gegenübergestellt. Therapsiden hatten zwei Kiefergelenke (ein primäres, "reptilienartiges" und ein sekundäres, "säugetierartiges" Kiefergelenk), einen einzelnen Mittelohrknochen (wie Reptilien) und der Unterkiefer bestand noch aus mehr als einem Knochen [Bild-Quelle].

Wir wissen also nicht, ob ein Fossil, dass aufgrund seiner Schädelform (und anderer Merkmale) den Säugetieren zugerechnet wird, Haare hatte und/oder zur Milchproduktion fähig war. Es war sicher nicht so, dass alle drei Merkmale gleichzeitig und "in einem Rutsch" entstanden sind. Gerade was die Schädelform angeht, sind viele Übergangsformen gefunden worden, in denen beispielsweise die "zusätzlichen" Unterkieferknochen immer kleiner werden, das sekundäre Kiefergelenk prominenter wird etc.. Und nur, weil eine Fossilform "schon" als Säugetier bezeichnet wird, heißt das nicht, das es auch nur annähernd wie ein heute lebendes Säugetier ausgesehen hätte; in vielen anderen Merkmalen kann es noch Reptilien-artig sein oder eine intermediäre Ausprägung haben.

Und da wären wir bei dem zweiten Missverständnis. Vielfach wird angenommen, dass ein als Übergangsform bezeichnetes Fossil ein direkter Vorfahre sein müsse oder ein Fossil in *allen* Eigenschaften intermediär sein muss, um eine Übergangsform darzustellen. Tatsächlich geht es darum, Übergangsformen *einzelner Merkmale* zu finden, die einen Hinweis darauf geben, wie der tatsächliche Vorfahre ausgesehen hat. Es ist unmöglich festzustellen, ob ein bestimmtes Fossil oder die durch dieses Fossil repräsentierte Tiergruppe tatsächlich der *direkte Vorfahre* war – aber wenn man annimmt, dass die Säugetiere (mit einem sekundärem Kiefergelenk) von Reptilien (mit einem primären Kiefergelenk) abstammen, dann muss es irgendwann eine Form gegeben haben, die beide Kiefergelenke gleichzeitig gehabt hat. Wie z. B. die Therapsiden.

Auch wenn wir nicht genau wissen, *welche* Therapsiden die *direkten* Vorfahren der Säugetiere waren, können wir doch mit einiger Sicherheit annehmen, dass der direkte Vorfahre zu den Therapsiden gehörte. Dazu aber später noch mehr.

Was wissen wir sonst noch über die Eigenschaften der Säugetiervorfahren? Reptilien legen (i. d. R.) Eier und die Jungen werden während ihrer Entwicklung durch Eidotter ernährt. Eine andere Möglichkeit der Versorgung gibt es nicht. Säugetiere sind dagegen dadurch gekennzeichnet, dass sie zur Versorgung ihrer Jungen Milch produzieren. Die meisten Säugetiereier enthalten wenig oder gar kein Eidotter mehr. Die Eutheria oder "Plazentatiere" versorgen ihre Jungen zusätzlich noch durch eine Plazenta, während die rezenten Vertreter der Metatheria, die Beuteltiere, eine "Dottersack"-Plazenta haben, über die die Embryos in der frühen Entwicklung ernährt werden, bevor sie nach einer gegenüber den Eutheria stark verkürzten Schwangerschaft während der weiteren Entwicklung im Beutel gesäugt werden. Die Prototheria, deren einzige rezenten Vertreter die zu den Monotremata gehörenden Schnabeltiere und Ameisenigel sind, legen Eier mit einem gegenüber Reptilieneiern stark verminderten Dottergehalt. Sie haben keine Zitzen, bei ihnen tritt die Milch an sogenannten Milchflecken aus und wird von den Jungen nach dem Schlüpfen aus dem Fell geleckt.

Tatsächlich geben die Monotremata [links im Bild ein Schnabeltier; Bild-Quelle: Wikipedia] schon einen Hinweis darauf, wie der Übergang von der Ernährung der Jungen ausschließlich durch Dotter hin zu der Ernährung, wie sie bei Beutel- und Plazentatieren zu finden ist, abgelaufen sein könnte. Die Milchproduktion hat zuerst als zusätzliche Nahrungsquelle für die Jungen nach dem Schlüpfen gedient und hat später Eidotter als Nahrungsquelle zunehmend überflüssig gemacht. Jetzt könnte man dies natürlich als "Just so"-Geschichte abtun, das Schöne ist aber, dass "Just so"-Geschichten die (für manche) unbequeme Eigenschaft haben, sich durch wissenschaftliche Untersuchungen überprüfen zu lassen.

Der PLoS-Artikel von Brawand et al. beschäftigt sich mit einem Aspekt dieses Übergangs, dem "Schicksal" der Eidottergene. Von Fischen und Fröschen weiß man, dass die Menge des produzierten Eidotters von der vorhandenen Anzahl der für die Dotterproduktion verantwortlichen Gene abhängig ist – je mehr Vitellogenin-Gene (VIT; Vitellogenin = "Eidottermacher"), desto dotterreicher die Eier.

Hühner besitzen drei VIT-Gene, VIT1 – VIT3. Schon in einer vorangegangenen Arbeit hatten die Autoren gezeigt, dass diese von zwei Genen – VIT1 und VITanc (anc für ancestral) – abstammen, die schon bei der Auftrennung der Amphibien- und Reptilienlinien vor etwa 350 Mio. Jahren vorhanden waren. VITanc wurde früh im gemeinsamen Vorfahren von Säugetieren, Reptilien und Vögeln dupliziert, so dass VIT2 und VIT3 entstanden. In der Amphibienlinie kam es zu zwei unabhängigen Duplikationen, dafür ging VIT1 verloren.

Bei den lebendgebärenden Säugetieren, insbesondere den Plazentatieren, würde man erwarten, dass diese alle drei VIT-Gene im Laufe ihrer Entwicklung verloren haben. Darum untersuchten die Autoren die Genome zweier repräsentativer Arten (Hund und Mensch) auf die Präsenz von VIT-Genen. Tatsächlich konnten sie noch einige wenige Überreste ehemaliger kodierender Sequenzen (überwiegend von VIT1 und VIT3) identifizieren, die zudem in Regionen des Genoms lagen, die den VIT-Gen-enthaltenden Regionen bei Vögeln entspricht. Bei VIT1 fanden sie in einem der identifizierten Abschnitte übereinstimmende Insertionen/Deletionen (Indels) in beiden untersuchten Genomen. Daraus kann man schließen, dass VIT1 schon vor der Trennung der zu Hunden bzw. Menschen führenden Linien vor etwa 90-100 Mio. Jahren inaktiviert war. Eine Suche nach dem entsprechenden Abschnitt in dem Genom vom Gürteltier zeigte zwei übereinstimmende Indels mit dem entsprechenden VIT1-Abschnitt bei Menschen und Hunden, was eine noch frühere Inaktivierung wahrscheinlich macht. Auch bei den Beuteltieren konnten sie Überreste aller drei VIT-Gene entdecken.

Basierend auf dem Genom von Opossums untersuchten sie die mögliche zeitliche Abfolge der Inaktivierung dieser Gene bei den Beuteltieren. Danach erfolgte der Funktionsverlust von VIT3 zuerst, etwa vor 170 Mio J. (Konfidenzintervall: 110 – 240 Mio. J.). Es ist also nicht sicher, ob VIT3 vor der Aufspaltung von Plazentatieren und Metatheria, zu denen die Beuteltiere gehören, schon inaktiviert war, oder in beiden Linien unabhängig voneinander inaktiviert wurde. VIT1 verlor vor etwa 140 Mio. J. (KI: 90-200 Mio. J.) seine Funktion. Die Inaktivierung von VIT2 als letztes der Eidottergene wurde auf etwa 60 Mio. J. (KI: 30-90 Mio. J.) datiert. Ein unabhängiger Ansatz, bei der die entsprechenden Sequenzen von amerikanischen und australischen Beuteltieren verglichen wurde, ergab, dass die Inaktivierung vor mehr als 70 Mio. J. stattgefunden haben muss, vor der Auftrennungen dieser beiden Linien.

Sowohl bei den heutigen Plazentatieren als auch bei den Beuteltieren hat offenbar die Entwicklung der Milchproduktion und der Plazenta bzw. Dottersack-Plazenta nach und nach die Versorgung der Jungen mit Dotter ersetzt.

Figure 1: The topology and divergence times of the tree are based on previous studies [19,24,25,41]. Latin crosses indicate VIT inactivation events in eutherians and monotremes. Inactivation estimates (including approximated 95% prediction intervals) based on opossum VIT sequences are indicated by colored bars at the top (see also Figure 3). Duplications (“x2”) are indicated. VITanc is the likely ancestor of both the amphibian vtgA1/vtgA2 and VIT2/VIT3 genes in birds. Functional VIT genes in extant species are indicated in red. The inactivation time of VIT1* on the amphibian branch could not be estimated because of its absence in Xenopus tropicalis [Xenopus = Krallenfrösche.

In der Milch hat Casein eine Funktion als Nährstofflieferant (Aminosäuren, Fette, Kalziumphosphat), die der des Vitellogenins im Eidotter entspricht. Die wahrscheinliche Abfolge der Evolution des Caseins ist schon aus früheren Artikeln bekannt (siehe Referenzen bei PLoS oder diesen im Volltext erhältlichen Artikel: Kawasaki K, Weiss KM (2003) Mineralized tissue and vertebrate evolution: the secretory calcium-binding phosphoprotein gene cluster. Proc Natl Acad Sci U S A 100: 4060–4065). Danach entwickelten sich die Casein-Gene etwa zu der Zeit der Abspaltung der Prototheria von der Linie, die zu den beiden anderen Säugetiergruppen führt.

Bei den Prototheria, repräsentiert durch das Schnabeltier, wurde VIT1 erst relativ kürzlich abgeschaltet, vor etwa 50 Mio J. (soweit man da von "kürzlich" sprechen kann). Ein zweites VIT-Gen, dass aufgrund der noch nicht abgeschlossenen Sequenzierung des Schnabeltiergenoms nicht eindeutig als VIT2 oder VIT3 identifiziert werden konnte (es besteht auch die entfernte Möglichkeit, dass es aus Teilen von beiden Genen zusammengesetzt ist), ist sogar noch über die gesamte Länge intakt, was für eine immer noch stattfindende positive Selektion des VIT2/3-Gens bei Schnabeltieren spricht. Dies konnte auch durch Vergleich mit den entsprechenden VIT-Genen von Vögeln und Amphibien noch einmal bestätigt werden.

Wie die Autoren feststellen:
Thus, the egg-laying yet lactating monotremes reveal an intermediate state at the genomic level in terms of VIT function/inactivation (preservation of one, loss of the remaining functional VIT genes) that fits strikingly well with their intermediate reproductive phenotype, which is likely similar to that of the common mammalian ancestor. The diminished quantity of yolk relative to birds/reptiles, and hence the relative lack of nutrients (VTGs [Vitellogenin-Proteine]) in the platypus [Schnabeltier]/monotreme egg, was probably replaced by nutritive lactation (which emerged in the common mammalian ancestor) of the altricial offspring, as previously hypothesized.
Übersetzung: Die Eier legenden, aber auch Milch gebenden Monotremata befinden sich auf der Genomebene in einem intermediären Status, bezogen auf die VIT Funktion/Inaktivierung (eins wird aktiv erhalten, die anderen VIT-Gene sind verloren gegangen), der auffallend gut zu ihrem intermediären Fortpflanzungstyp passt. Dieser Fortpflanzungstyp ist dem des gemeinsamen Säugetiervorfahren wahrscheinlich sehr ähnlich. Die verringerte Eidottermenge verglichen zu Vögeln/Reptilien, und der daraus folgende relative Mangel an Nährstoffen (Vitellogenin-Proteinen) im Schnabeltier/Monotremata-Ei, wurde wahrscheinlich durch nährstoffreiche Milchabgabe (die sich im gemeinsamen Säugetiervorfahren entwickelte) an die "Nestlinge" ausgeglichen, wie schon früher hypothetisch angenommen wurde.


Um diese Annahme weiter zu unterstützen, suchten die Autoren noch nach Casein-Genen im Schnabeltiergenom und konnten tatsächlich drei mögliche Casein-Gene identifizieren, die in der gleichen Region liegen wie die entsprechenden Gene bei den anderen Säugetieren. Dadurch wird die Annahme, die Milchproduktion entwickelte sich schon im gemeinsamen Vorfahren aller Säugetier, weiter unterstützt (und die "Just so"-Geschichte noch etwas besser belegt).

So, "bewaffnet" mit diesen neuen Erkenntnissen noch einmal zurück zu den Übergangsformen. Die Autoren des PLoS-Artikels schreiben hier von einem intermediären Status der Schnabeltiere bezogen auf ihren Fortpflanzungsmodus. Sind deswegen Schnabeltiere Vorfahren der Säugetiere? Natürlich nicht. Zeigt uns das Schnabeltier, wie ein Übergang von einer Eier legenden Fortpflanzungsweise zur Lebendgeburt bei den Vorfahren der Plazenta- und Beuteltiere ausgesehen haben könnte? JA!

Ein wahrscheinliches Szenario sieht so aus:
Die frühesten Vorfahren aller Säugetiere legten wie die heutigen Schnabeltiere und Ameisenigel noch Eier mit Eidotter zur Versorgung der Embryos und Milch stellte nur eine ergänzende Nahrungsquelle für die Jungen dar.
Eine zunehmend effektive Milchversorgung (vermutlich auch durch eine spätere Duplikation eines Casein-Gens) verringerte den Selektionsdruck zur Beibehaltung aller drei Vitellogenin-Gene, so dass auch die Nachkommen der Tiere überlebten, bei denen durch Mutationen die Funktion eines oder auch zwei der drei Gene eingeschränkt oder auch ganz zerstört war (und dies natürlich auch an ihre Nachkommen weitergaben).
Die Entwicklung der Möglichkeit, den Embryo im Körper der Mutter effektiver als durch Diffusion mit Nährstoffen zu versorgen (woraus sich später die "echte" Plazenta der Eutheria oder die Dottersack-Plazenta der Beuteltiere entwickelte), machte nach der Abtrennung der Monotremata-Linie bei dem gemeinsamen Vorfahren der Plazenta- und Beuteltiere [links im Bild ein Oppossum; Bild-Quelle: Wikimedia] die Versorgung des Embryos mit Dotter schließlich ganz überflüssig, so dass bei diesen auch noch das letzte der drei VIT-Gene deaktiviert werden konnte.

Um wissen zu können, dass beispielsweise ein Übergang von Reptilien zu Säugetieren möglich ist oder stattgefunden hat, muss man nicht den direkten Vorfahren in Fossilform finden (oder eine ganze Reihe direkter Vorfahren). Sowohl anhand von Fossilfunden als auch an Untersuchungen rezenter Tiere wie der hier vorgestellten kann gezeigt werden, das intermediäre Formen möglich sind (siehe Schnabeltier, das ja zweifelsfrei existiert und ebenso zweifelsfrei einen Fortpflanzungsmodus hat, der zwischen dem von Reptilien und Säugetieren steht – auch wenn es alle *kennzeichnenden* Säugetiermerkmale hat und deswegen zu denSäugetieren zählt) und es sie auch gegeben haben *muss* - hätten die Vorfahren von uns nicht irgendwann Eier gelegt, wäre es völlig widersinnig, in unserem Genom Überreste von Eidotter-Genen zu finden.


Weitergehende und unterstützende Informationen:
Animal Diversity Web der University of Michigan [Informationen über alle hier angesprochenen Tiergruppen inkl. taxonomischer Einordnung, dazu Fotos]
Tree of Life [viele Literaturreferenzen zu den einzelnen Tiergruppen]

Übergang von Reptilien (Synapsiden) zu Säugetieren bei TalkOrigins
Kurze Version des Übergangs von Reptilien zu Säugetieren in den '29+ Evidences for Macroevolution' bei TalkOrigins


[Nachtrag 18.04.08: Unbedingt auch die Kommentare durchlesen, in denen Lars mit einigen meiner Ungenauigkeiten aufräumt!]


Brawand et al. (2008). Loss of egg yolk genes in mammals and the origin of lactation and placentation. PLoS Biology 6(3): e63. [doi:10.1371/journal.pbio.0060063; OpenAccess]

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11 February 2008

Punctuated Equilibrium bei den Brights.

Falls Ihr es noch nicht entdeckt habt, auf dem Brightsblog gibt's ein sehr gutes Post, in dem mit dem verbreiteten Misverständnis aufgeräumt wird, das Punctuated Equilibrium-Konzept wäre mit einer graduellen Evolution nicht vereinbar. Sehr lesenswert! Und die IDler kriegen auch eins auf den Deckel...

MfG,
JLT


P.S.: Falls Ihr Euch fragen solltet, was aus dem neuen Design geworden ist: Nachdem ich mir gestern die halbe Nacht um die Ohren geschlagen habe, war ich eigentlich soweit fertig. Dann wollte ich noch "schnell" meine Google Search Engine einbauen, ohne dass sie mir das ganze Layout kaputt macht - haha. Naja, in den nächsten Tagen, wenn ich mal wieder ein paar Stunden am Stück Zeit habe, werde ich es hoffentlich hier einführen.
Achja, liebe Feed-Leser, ich werde einiges, was ich bisher in der Sidebar hatte, auf Einzelseiten bringen (z. B. eine längere Link-Liste). Da ich es dafür als Post veröffentlichen musst, taucht das auch im Feedreader auf - Geht nicht anders, überseht es bitte einfach.

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29 July 2007

"Intelligent" designte Umfrageergebnisse.

Bei Geo gibt es gerade eine Umfrage mit dem Titel "Gehört die Bibel in den Biologieunterricht?". Nun könnte man sich wie Studium generale darüber freuen, dass 81 % antworten "Die Schöpfungsgeschichte gehört in den Religionsuntericht." und nur 11 % mit "Ja, denn es gibt überraschende Parallelen." (8 % "Bin mir nicht sicher."; 454 Befragte, Stand: 28.07.07., mittags).

Aber man muss sich natürlich schon fragen, wie repräsentativ eine solche Umfrage unter den Lesern eines populärwissenschaftlichen Magazins ist. Wie leicht darüber hinaus solche Umfragen manipuliert werden können, zeigt das Beispiel einer Online-Umfrage von tagesschau.de zum gleichen Thema ("Sollte die christlichen Schöpfungslehre in den Biologieunterricht aufgenommen werden, wie es Hessens Kultusministerin Karin Wolff und Bischof Walter Mixa fordern?").


[Bild-Quelle: Umfrage Tagesschau; Klicken zum Vergrößern]

Offenbar hatten christliche Gruppierungen massiv dazu aufgefordert, in ihrem Sinne abzustimmen. So liest man beispielsweise bei TheoKonservativ:

Das ist doch mal ein Grund zur Freude ... Allerdings muss ich ehrlich zugeben, dass mich erst eine kleine Kampagnen-Rundmail, der seinen Ausgangspunkt beim Evangeliumsrundfunk hatte auf diese Umfrage hingewiesen hat ... Sollte das Umfrageergebnis hierdurch vielleicht ein wenig geschönt erscheinen, so liesse sich daraus zumindestens auf eine extrem hohe Mobilsierungsfähigkeit der Online-Christenheit schließen [...]
[Quelle: TheoKonservativ]

Aus einem Kommentar dazu:

Das Ergebnis ist nicht nur "geschönt", wie es hier euphemistisch ausgedrückt wurde, es ist hochgradig manipuliert.
Vor der Umfrage wurde in mehreren christlichen Internetforen zur Abstimmung aufgerufen. (was bei deaktivierten Cookies auch mehrfach problemlos möglich ist)
Nachts um ein Uhr schnellte das Ergebnis in solcher Weise nach oben, wie es zu dieser Zeit kaum realistisch wäre (so daß es sogar den Betreibern der tagesschau-Seite verdächtig vorkam). Auch dann, als die Umfrage auf der Nachrichteseite nicht mehr verlinkt war, sondern nur noch direkt zu erreichen, wurde noch fleißig abgestimmt.
Das Wichtigste an diesem Ergebnis ist der Satz "Dies ist keine repräsentative Umfrage."
Oder bei God's Sabbath:

Am Mittwoch erfreute sich der Server von God’s Saabbath International regen E-Mail-Eingangs mit identischem Aufruf vieler protestantischer Kirchen und Organisationen, sich an einer Abstimmung des Ersten Deutschen Fernsehens zu beteiligen und mit “ja” zu votieren. Die Frage: “Sollte die christliche Schöpfungslehre in den Biologieunterricht aufgenommen werden, wie es Hessens Kultusministerin Karin Wolff und Bischof Walter Mixa fordern?” Ohne weiter zu überlegen stimmte ich mit “ja”. Und heute musste ich herzlich über mich selber lachen, wie leicht auch ich vom Gegenspieler Gottes verführbar bin und vollkommen differenzierungslos auf all das hereinfalle, was gar so christlich erscheint und in Wirklichkeit vom Antichristen kommt, vergessend, wer der geistliche Urheber ist.
[Quelle: Gods Sabbath]

Und noch ein Aufruf zur Abstimmung aus einem christlichen Forum:

Hallo Leute, ich bitte euch mal abzustimmen unter folgenden Link, ob die Schöpfungslehre im Biologieunterricht gelehrt werden soll, das ist sehr wichtig. Auch für die Kinder, die dadurch (eventuell) einen Glauben bekommen. Die Mehrheit hat bereits dafür gestimmt, doch trotzdem brauchen wir eure Stimmen.
[Quelle: Politikstube & Theologieforum. In dem selben Forum wurde auch schon drei Tage früher (19.07.) zur Abstimmung aufgerufen.]

Weitere Beispiele finden sich hier und auch hier:

Auf der Homepage der Tagesschau läuft aktuell folgende Umfrage:
Sollte die christlichen Schöpfungslehre in den Biologieunterricht aufgenommen werden, wie es Hessens Kultusministerin Karin Wolff und Bischof Walter Mixa fordern?
Ich habe mit Ja gestimmt. Denn ich glaube an den Schöpfergott. Und ich bin oft irritiert, mit welchem fast schon religiösen Anspruch die Evolutionstheorie (ich bestehe auf "Theorie"!) als gesicherte Tatsache und absolute Wahrheit dargestellt wird. Ein Gegengewicht wäre da doch ganz sinnvoll. Es gibt dazu auch ein gutes Buch: Junker, Reinhard; Scherer, Siegfried: Evolution: ein kritisches Lehrbuch, Gießen: Weyel-Verlag (6. Aufl., 2006), 978-3921046104
[Quelle: Uthardt's update]

Uhoh. Dazu könnte ich einiges sagen, ich belasse es aber mal bei diesem Video (Nr. 2).



Anders als in der Umgangssprache ist in den Naturwissenschaften eine Theorie nicht eine (unbestätigte) Annahme, sondern eine umfassend abgesicherte Erklärung und Beschreibung der bekannten Fakten und Gesetze. Besser wird's nicht. Und die Evolutionstheorie im Speziellen ist eine der am besten belegten wissenschaftlichen Theorien überhaupt.



MfG, JLT



[Bild-Quelle: 'And I say gravity is only a theory', Tom Wiley, Klicken zum Vergrößern]

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19 June 2007

Forschung bitte einstellen. Hat eh keinen Zweck.

Bei den Brights findet sich ein Gastbeitrag von Reinhard Junker, der Geschäftsführer der evangelikalen Studiengemeinschaft Wort und Wissen, die auch genesisnet betreibt. Junker ist einer der wenigen aktiven ID-Vertreter in Deutschland.

Zu Junkers Beitrag (Wie naturwissenschaftlich ist “Intelligent Design”?) gibt es viel zu sagen, allerdings nicht viel, was nicht schon mal gesagt worden wäre. Martin Neukamm weist beispielsweise in seinem Kommentar einfach auf das von Kutschera (AG Evolutionsbiologie im VdBiol) herausgegebene Buch "Kreationismus in Deutschland. Fakten und Analysen" hin, aus dem es auch einige relevante Ausschnitte online gibt.

Mich hat vor allem eins an Junkers Artikel amüsiert, das Maß an Vertrauen, dass Junker in Wissenschaftler setzt - und dann wieder nicht.

In dem Abschnitt "Beruht ID auf Nichtwissen?" schreibt Junker:
ID lässt sich plausibel machen, wenn man Merkmale aufzeigen kann, die nach bestem Wissen auf Planung hinweisen. Beispielsweise wissen wir einerseits, dass man unter Einsatz von Planung technische Konstruktionen, aber auch komplexe Makromoleküle und funktionale Proteine oder DNA herstellen kann. Vielleicht wird es mit Hilfe ausgeklügelter Planung und zweckvoller, zielgerichteter Synthese eines Tages sogar gelingen, lebende Zellen künstlich herzustellen. Daraus resultiert ein Wissens-Argument pro ID: Wir wissen, was mit Planung herstellbar ist. Wir wissen andererseits durch die Biogenese-Forschung und aufgrund chemischer Gesetzmäßigkeiten, dass – sich selbst überlassen – in chemischen Labors (in ungesteuerten Simulationsexperimenten) keine solchen Makromoleküle entstehen. Auch das ist ein Wissens-Argument, gleichzeitig aber auch ein contra-Argument: contra natürliche Entstehung ohne Planung.
[Hervorhebung in fett von mir]
Gemerkt? Dass Menschen Makromoleküle künstlich herstellen können, zeigt, dass diese "intelligent geplant" sein könnten. Dass Menschen (noch) nicht lebende Zellen herstellen können, ist aber etwa kein Zeichen, dass diese nicht "intelligent geplant" sind - schließlich ist es durchaus möglich, dass wir das auch noch hinkriegen. Wir "wissen" also schon, obwohl es noch lange nicht geschehen ist, dass Menschen künstlich lebende Zellen erzeugen können. Toll.

Die Biogenese-Forschung kann dagegen nach Junker einpacken, da ist schon alles ausprobiert worden? Hat das schon mal jemand den Leuten mitgeteilt, die daran forschen?

Wer sagt ihm, dass da nicht auch, wie bei künstlich hergestellten Zellen, die Zukunft nicht noch anderes bringen wird?* Das kann man wohl kaum als "Wissens-Argument" bezeichnen.

Junker schreibt weiter:
Nun kann man andersherum sagen: Wir wissen nicht, wie ohne Planung Leben bzw. dessen Makromoleküle entstehen – also ein argumentum ad ignorantiam. Das ist offenkundig eine Sache der Perspektive. Jedenfalls kann man das Scheitern in der Abiogeneseforschung auf bekannte chemische Gesetzmäßigkeiten zurückführen. Die vielfach wiederholte Behauptung, ID würde aus Nichtwissen, aus Kenntnislücken auf Planung schließen, ist jedenfalls mindestens sehr einseitig. Im Klartext: ich halte sie für falsch. Wer jedoch überzeugt ist, dass die Entstehung des Lebens auf ausschließlich natürliche Weise vonstatten ging, wird jedes Argument pro ID zu einem Argument auf der Basis von Nichtwissen ummünzen. Das liegt dann aber nicht an der Sachlage, sondern an der eingenommenen Weltanschauung eines ontologischen Naturalismus, für den es in der Welt ausschließlich und immer nur mit natürlichen Dingen zugeht.
Und das ist falsch. Es ist und bleibt ein argumentum ad ignorantiam. Und zwar nicht wegen irgendeiner Weltanschauung. Es ist deswegen eins, weil es etwas Grundlegendes ignoriert: Es gibt in den Naturwissenschaften keinen endgültigen Beweis - weder für noch gegen etwas.

Deswegen wird die Evolutionstheorie auch immer "nur" eine Theorie bleiben, um mal das Evolutionsgegner-Argument zu persiflieren, genau wie alle anderen wissenschaftlichen Theorien. Das bekannte Gould-Zitat bringt es auf den Punkt:
Well, evolution is a theory. It is also a fact. And facts and theories are different things, not rungs in a hierarchy of increasing certainty. Facts are the world's data. Theories are structures of ideas that explain and interpret facts. Facts do not go away when scientists debate rival theories to explain them. Einstein's theory of gravitation replaced Newton's, but apples did not suspend themselves in mid-air, pending the outcome. And humans evolved from apelike ancestors whether they did so by Darwin's proposed mechanism or by some other, yet to be discovered.

Moreover, "fact" does not mean "absolute certainty." The final proofs of logic and mathematics flow deductively from stated premises and achieve certainty only because they are not about the empirical world. Evolutionists make no claim for perpetual truth, though creationists often do (and then attack us for a style of argument that they themselves favor). In science, "fact" can only mean "confirmed to such a degree that it would be perverse to withhold provisional assent." I suppose that apples might start to rise tomorrow, but the possibility does not merit equal time in physics classrooms.
[Quelle: Stephen Jay Gould, "Evolution as Fact and Theory," May 1981; from Hen's Teeth and Horse's Toes, New York: W. W. Norton & Company, 1994, pp. 253-262.]

Wir können nie ausschließen, in Zukunft etwas zu finden, das gegen eine bestehende Theorie spricht oder etwas zeigt, was wir bis dahin für unmöglich gehalten haben. Es gibt in der Naturwissenschaft keinen absoluten Beweis und kein absolutes Wissen. Theorien erklären die beobachteten Fakten; was wir (noch) nicht beobachtet haben, kann als Voraussage Bestandteil einer Theorie sein, oder eine mögliche Widerlegung dieser, aber nie und nimmer nicht können wir sagen, nur weil wir es bis jetzt nicht beobachtet haben, wird es nie beobachtet werden. Dazu müsste man allwissend sein. Trotz allem was wir wissen, ist es nicht auszuschließen, dass Äpfel unter bestimmten, bisher noch nicht beobachteten Bedingungen plötzlich nach oben "fallen" könnten. Es ist nur sehr viel unwahrscheinlicher als weitere Fortschritte in der Forschung zur Abiogenese...

Wenn Wissenschaftler noch nicht einmal ausschließen können, dass es Bedingungen gibt, unter denen die Massenanziehungskräfte nicht wirken, wie will dann Junker 100 %ig ausschließen, dass Menschen die Bedingungen finden, unter denen sich Makromoleküle spontan bilden, vor allem, wenn er es gleichzeitig für höchstwahrscheinlich hält, dass Menschen künstlich lebende Zellen erschaffen können? Was Junker da unter Planung versteht, kann auch nichts anderes sein, als die richtigen "Zutaten" in der richtigen Reihenfolge zusammenzubringen und sich selbst organisieren zu lassen - würde mich wundern, wenn daraus nicht auch Erkenntnisse über Teilaspekte der Biogenese gewonnen werden könnten.

Und entgegen Junkers Behauptung gibt es keine "chemischen Gesetzmäßigkeiten", die der Entstehung von Makromolekülen widersprächen.

Darüber hinaus amüsiert mich natürlich auch der letzte Satz aus obigen Junker-Zitat.
Das liegt dann aber nicht an der Sachlage, sondern an der eingenommenen Weltanschauung eines ontologischen Naturalismus, für den es in der Welt ausschließlich und immer nur mit natürlichen Dingen zugeht.
Ich kann nicht glauben, dass ich das hier wiederholen muss:

Wissenschaft ist nur aufgrund eines methodischen Naturalismus möglich.

Um es mal ganz vereinfacht zu erklären: Wenn ein Wissenschaftler ein Experiment durchführt und ein bestimmtes Ergebnis erzielt, dann muss man davon ausgehen können, dass genau das Gleiche herauskommen, wenn es jemand anders an einem anderen Ort und zu einer anderen Zeit durchführt. Wäre das nicht so, wäre jede Veröffentlichung überflüssig, jedes Aufbauen auf die Ergebnisse anderer, jede Akkumulation von Wissen unmöglich. Ließe man übernatürliche Phänomene als Erklärung zu, könnte der erste Wissenschaftler, wären seine Ergebnisse nicht von anderen zu wiederholen, mit dem Eingreifen einer übernatürlichen Macht argumentieren, die entweder bei ihm zu den genannten Ergebnissen geführt, oder bei den anderen Wissenschaftlern das Zustandekommen des gleichen Ergebnisses verhindert hat.

Während eine Nicht-Wiederholbarkeit von Ergebnissen in der Wissenschaftsrealität zu Untersuchungen führt, ob Betrug vorliegt, würde eine Abwendung von diesem Prinzip jegliche Form der Überprüfung verhindern, es wäre das Ende der Wissenschaft.
Ich könnte (fälschlicherweise) behaupten, dass in meiner Petrischale schon mal Leben entstanden ist, und niemand wäre in der Lage, das zu widerlegen. Keiner kann es unter den von mir genannten Bedingungen wiederholen? Pah, dann war bei mir eben das übernatürliche Wesen am Werk.
Und gelingt es Wissenschaftlern tatsächlich einmal, Abiogenese von vorne bis hinten im Labor durchzuspielen, dann wäre unter diesen Voraussetzungen noch nicht mal das ein Argument für eine rein natürliche Entstehung des Lebens, denn schließlich könnte ja keiner ausschließen, dass das angenommene übernatürliche Wesen nicht zum zweiten Mal seine Finger im Spiel hatte.

Die Annahme, dass etwas, was heute auf eine bestimmte Weise abläuft, auch morgen genauso abläuft, ist grundlegend nicht nur für die Naturwissenschaften, sondern ist notwendig, um in die Zukunft planen zu können und damit für menschliches Leben generell. Es ist ja nicht so, als hätte ich mir das alles gerade ausgedacht. Das wusste beispielsweise schon David Hume.
Custom, then, is the great guide of human life. It is that principle alone which renders our experience useful to us, and makes us expect, for the future, a similar train of events with those which have appeared in the past. Without the influence of custom, we should be entirely ignorant of every matter of fact beyond what is immediately present to the memory and senses. We should never know how to adjust means to ends, or to employ our natural powers in the production of any effect. There would be an end at once of all action, as well as of the chief part of speculation.
[Quelle: David Hume. An Enquiry Concerning Human Understanding. 1748; 1751]

Wir alle handeln nach einem methodischen Naturalismus, nicht nur in der Wissenschaft, sondern in unserem tagtäglichen Leben, weil alles andere einfach nicht praktikabel ist. Unabhängig von der Weltanschauung.

Das Ganze ist übrigens wohl auch den meisten IDlern bewusst, sonst würden sie nicht sagen, dass die "Natur des Designers" außerhalb der Reichweite der Naturwissenschaften liegt - wie Junker selbst in seinem Beitrag feststellt:
Dagegen geht der Schluss von Design-Signalen auf einen Designer über Naturwissenschaft hinaus. Einen zwingenden Schluss dieser Art gibt es nicht, sondern nur Plausibilitäten. Was als plausibel gelten kann und was nicht, hat eine starke subjektive Komponente; darüber kann man nur bedingt streiten. Was also Design-Signale bedeuten, ist kein Gegenstand der Naturwissenschaft. Das gilt erst recht für alle Aussagen über die „Natur“ des Designers.
Aber es macht natürlich bei den Anhängern sehr viel mehr Eindruck, wenn man den "Evolutionisten" eine atheistische Agenda unterstellt, oder wie Junker in seinem Beitrag den Eindruck erweckt, Naturwissenschaftler würden aufgrund einer philosophischen Weltanschauung so handeln, als zuzugeben, dass es eine methodische Notwendigkeit ist.

MfG,
JLT


[Bild-Quelle: Wikipedia]

* Gerade ist in PNAS ein Artikel erschienen, in dem die Autoren zeigen, dass eine lokale Akkumulation von RNA-Nukleotiden in hydrothermalen Poren stattfinden kann. Das Abstract:
We simulate molecular transport in elongated hydrothermal pore systems influenced by a thermal gradient. We find extreme accumulation of molecules in a wide variety of plugged pores. The mechanism is able to provide highly concentrated single nucleotides, suitable for operations of an RNA world at the origin of life. It is driven solely by the thermal gradient across a pore. On the one hand, the fluid is shuttled by thermal convection along the pore, whereas on the other hand, the molecules drift across the pore, driven by thermodiffusion. As a result, millimeter-sized pores accumulate even single nucleotides more than 108-fold into micrometer-sized regions. The enhanced concentration of molecules is found in the bulk water near the closed bottom end of the pore. Because the accumulation depends exponentially on the pore length and temperature difference, it is considerably robust with respect to changes in the cleft geometry and the molecular dimensions. Whereas thin pores can concentrate only long polynucleotides, thicker pores accumulate short and long polynucleotides equally well and allow various molecular compositions. This setting also provides a temperature oscillation, shown previously to exponentially replicate DNA in the protein-assisted PCR. Our results indicate that, for life to evolve, complicated active membrane transport is not required for the initial steps. We find that interlinked mineral pores in a thermal gradient provide a compelling high-concentration starting point for the molecular evolution of life.
[Quelle: Baaske et al., Extreme accumulation of nucleotides in simulated hydrothermal pore systems. PNAS, May 29, 2007, vol. 104, no. 22, 9346-9351]

Dieser Artikel beschäftigt sich zwar nicht direkt mit der Entstehung von Makromolekülen, passt aber trotzdem hierher. Erstens zeigt der Artikel, dass sich die Wissenschaftler nicht etwa resigniert zurückgelehnt haben und sagen, "geht soundso nicht". Im Gegenteil, dieser und viele vorangegangene Befunde erhöhen die Plausibilität einer rein natürlichen Entstehung des Lebens. Zweitens ist es ein beliebtes Argument gegen Abiogenese, dass alle potentiellen Bestandteile einer ersten Zelle, die schon in Experimenten spontan entstanden sind, wie z. B. auch Nukleotide, in viel zu verdünnter Form vorliegen würden, um weitere Wechselwirkungen zuzulassen. Dieser Artikel zeigt, dass es sehr wohl Bedingungen gegeben haben kann, die eine lokale Konzentration einzelner Bestandteile (in diesem Fall RNA-Nukleotide) begünstigt haben.

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29 May 2007

Wohl eher die Autoreifen.

Ich muss mich mal ganz kurz ein bisschen aufregen.

Auf Evolution & Schöpfung gibt es einen neuen Beitrag von Markus Rammerstorfer. Er beginnt:
Der Gedanke an Evolution ist in der biologischen Forschung ungefähr vergleichbar mit einem Mercedes-Stern: Hübsch anzusehen, wenn er gefällt, aber verzichtbar für die Funktion des Autos. Die Beispiele für Anwendungen der Evolutionsbiologie sind kurz und wenig beeindruckend.
Im folgenden zitiert er einen Nature-Artikel von Jerry A. Coyne [Selling Darwin. Nature 442, 983-984; nicht frei verfügbar]. Dieser Artikel ist die Besprechung eines Buches, in dem der Autor dieses Buches (The Evolving World: Evolution in Everyday Life by David P. Mindell. Harvard University Press: 2006) praktische Anwendungen der Evolutionstheorie anführt. Und Coyne findet das Buch bzw. die Haltung dahinter offensichtlich richtig schlecht.
The idea that the main virtue of science lies in its practical applications, especially in fighting disease or creating wealth, is a by-product of the American notion that everything comes down to the dollar. After all, in a country where Martin Luther King dreamed that people should be judged by the content of their character, they are still judged by the cost of their car. It is a peculiarly American objection to evolution that it can't cure cancer or make you rich. And some US biologists, steeped in a culture both mercenary and resistant to evolution, believe that to sell darwinism to people we must show them how darwinism helps people to sell.

This is the motivation for David Mindell's engaging book The Evolving World. As he notes: "When a concept and its resulting applications become useful, people tend to embrace the applications and, eventually, the underlying concepts. It is difficult to argue with success." Indeed. Other fascinating aspects of science may lack practical application (work on black holes, for instance), but these apparently don't need justification because they don't strike at the core of human values as evolution seems to do.
Im folgenden kritisiert Coyne einige von Mindells Beispielen zur praktischen Anwendung der Evolutionsbiologie, z. B.
Mindell likewise gives a readable account of evolutionary theory in medicine. Phylogenetic analysis has helped us trace the animal origins of human pathogens such as anthrax, tuberculosis, AIDS and influenza, as well as more specific routes of infection; for example, the testimony of a systematist helped convict a Louisiana doctor of injecting his mistress with HIV-infected blood. And darwinian medicine gives insight into why virulence and transmission are evolutionarily connected: malaria, reliant on the mosquito vector, leaves its victims prostrate and susceptible to bites, whereas the common cold, spread through the air, leaves its victims free to move around. But an evolutionary viewpoint has not led to cures, so its contribution to medicine has been more heuristic than practical.
Coyne zieht das Fazit:
In the end, the true value of evolutionary biology is not practical but explanatory. It answers, in the most exquisitely simple and parsimonious way, the age-old question: "How did we get here?" It gives us our family history writ large, connecting us with every other species, living or extinct, on Earth. It shows how everything from frogs to fleas got here via a few easily grasped biological processes. And that, after all, is quite an accomplishment.
Zusammengefasst vertritt Coyne also die Meinung, dass Evolutionsbiologie* eher Grundlagenforschung ist als Forschung mit dem Ziel einer praktischen Anwendung und sich ihre Relevanz durch ihre Erklärungsmacht ergibt.
Die krampfhafte Suche nach Beispielen für ihre praktische Anwendung, um den Amerikanern die Evolutionstheorie durch ihren finanziellen Nutzen für sie schmackhaft zu machen, hält er für verfehlt, vor allem auch, da die wenigen Beispiele für eine kommerzielle Nutzung auch noch aus dem Bereich der Mikroevolution stammen, die soundso schon von einer Mehrheit akzeptiert wird. Um die Akzeptanz für die Evolutionstheorie in ihrer Gesamtheit zu erhöhen, ist das Aufzeigen noch so vieler Beispiele ihres praktischen Nutzens seiner Meinung nach kein sinnvoller Weg, vor allem, da die meisten Leute Evolution soundso nicht wegen ihrer mangelnden Kommerzialisierbarkeit ablehnen würden, sondern weil in ihren Augen Evolution eine Gefährdung moralischer Werte bedeutet.
One reason why Mindell might fail to sell Darwin to the critics is that his examples all involve microevolution, which most modern creationists (including advocates of intelligent design) accept. It is macroevolution — the evolutionary transitions between very different kinds of organism — that creationists claim does not occur.
But in any case, few people actually oppose evolution because of its lack of practical use. As with my Alaskan interlocutor, they oppose it because they see it as undercutting moral values.
All das erkennt Markus Rammerstorfer an, aber er gibt dem Ganzen einen anderen Dreh. Er schreibt als Kommentar zu dem obigen Zitat (unter Auslassung des letzten Satzes):
Das Problem mit der Evolutionsbiologie als angewandte Wissenschaft ist also, dass Beispiele, die ihren Erfolg dokumentieren (sollen), nicht die Akzeptanz einer allgemeinen Evolution erfordern. Und dort wo sie die Akzeptanz einer allgemeinen Evolution erfordern würden - etwa bei der Erklärung von Wirbelsäulenproblemen - geht auch schon die Anwendung verloren, bzw. ist der Ansatz nicht überzeugend und zu spekulativ.
Richtig ist, dass die Evolutionsbiologie beispielsweise Rückenprobleme erklären kann, aber sich aus dieser Erklärung keine Heilungsmethoden ergeben. Das liegt aber nicht daran, dass der Ansatz nicht überzeugend ist oder zu spekulativ wäre. Um es an diesem Beispiel zu verdeutlichen: Nehmen wir mal an, es wäre wirklich 100 %ig bewiesen, dass viele Rückenprobleme aus der Tatsache resultieren, dass unsere Vorfahren sich vierbeinig anstelle von zweibeinig fortbewegt hätten. Wie sollte eine "makroevolutionäre" Intervention aussehen? Eine Zeitreise machen und alle unserer Vorfahren erschießen, die sich auf zwei Beine aufrichten?
Der Grund, warum es keine praktische Anwendung aus dem Bereich der Makroevolution gibt, ist, dass es sie nicht geben kann. Der Zeitrahmen ist ein völlig anderer. Dass die praktische Anwendbarkeit einer Theorie keinerlei Relevanz für ihre Richtigkeit darstellt, scheint auch MR klar zu sein, denn im nächsten Absatz schreibt er:
Ursprungsforschung sollte nicht an "Nützlichkeit" bzw. den Anwendungen gemessen werden, die sie hervorbringt und schon gar nicht an deren kommerziellen Erfolg.
Aber dies leiter er wiederum mit einer irreführenden Bemerkung ein, einem klassischen Strohmann:
Um Mißverständnisse zu vermeiden: Nur weil evolutionstheoretische Erwägungen und Theorien in der biologischen Forschung eine geringe Rolle spielen und wenig Anwendungen in der Praxis erzeugen, ist das kein Argument gegen diese.
Aus der Evolutionsbiologie ergeben sich wenige praktische Anwendungen, ja, aber dass heißt NICHT, dass sie in der biologischen Forschung keine Rolle spielen, ganz und gar nicht.

An meinem Institut arbeiten wir mit humanen Zellen, aber auch mit Zellen von beispielsweise Ratte, Maus oder Kaninchen. Murine Zellen können in vieler Hinsicht als Modell für menschliche Zellen genommen werden, die grundsätzliche Funktionsweise ist gleich. Aber die Übertragbarkeit der Daten, die durch Untersuchungen mit murinen Zellen gewonnen wurden, auf die Verhältnisse beim Menschen ist nicht vollständig. Es gibt immer auch kleine Unterschiede, dessen muss man sich bewusst sein.

Nun kann man das einfach so akzeptieren und hinnehmen, eine nicht sehr wissenschaftliche Haltung. Man kann aber auch nach Erklärungen dafür suchen und Überraschung, die Evolutionstheorie erklärt es.

Sie erklärt auch, warum in einem anderen Modellorganismus, C. elegans (ein Nematode), viele grundlegende Stoffwechselwege wie z. B. Apoptose immer noch relativ ähnlich zu denen in Säugetierzellen ablaufen, wenn auch die Unterschiede im Einzelnen sehr viel größer sind, und warum es überhaupt möglich ist, selbst Tiere wie C. elegans und D. melanogaster, die so unähnlich zum Menschen erscheinen, als Modellorganismen verwendet werden können.
Much of the understanding of cell death has come from genetic studies in the nematode C. elegans by which several genes have been identified that function in the apoptotic killing and elimination of 131 of the initially 1090 somatic cells that are generated druing hermaphrodite development [Hengartner, 1999]. The proximal cause of apoptosis in C. elegans is the activation of the cysteine protease ced-3, which is mediated by its oligomerization at the activator protein ced-4. Activity of the ced-3/ced-4 complex is regulated by the apoptosis inhibitor ced-9 and the apoptosis inducer egl-1 (Figure 3). Subsequent studies in mammals and in the fly, D. melanogaster, have identidied counterparts for these C. elegans genes, demonstrating that the core components of the cell death machinery are conserved through evolution [Richardson, 2002]. Accordingly, ced-3 is the single C. elegans member of a family of cysteine proteases, the caspases, whereas ced-4 corresponds to the mammalian apoptotic protease activating factor 1, Apaf-1, which is the core of a caspase-activating signalling complex, the apoptosome. Egl-1 and ced-9 are members of the Bcl-2 family of pro- or antiapoptotic proteins, respectively, which play an important role in the mediation and regulation of apoptotic signalling pathways. All of those central components will be discussed within the following paragraphs. [...]

The term caspases is derived from cysteine-dependent aspartate-specific proteases: their catalytical activity depends on a critical cysteine-residue within a highly conserved active-site pentapeptide QACRG, and the caspases specifically cleave their substrates after Asp residues. So far, 7 different caspases have been identified in Drosophila, and 14 different members of the caspase-family have been described in mammals, with caspase-11 and caspase–12 only identified in the mouse [Denault, 2002; Richardson, 2002]. According to a unified nomenclature, the caspases are referred to in the order of their publication: caspase-1 is ICE (Interleukin-1ß-Converting Enzyme), the first mammalian caspase described to be a homologue of Ced-3 [Creagh, 2001; Miura, 1993].
[Quelle: Celldeath.de]

Dies ist nur ein Beispiel von buchstäblich Tausenden.
All diese Funde können durch eine gemeinsame Abstammung und Evolution erklärt werden und machen auch nur so Sinn.

Oder um es mit dem altbekannten Dobzhansky-Zitat zu sagen:

Seen in the light of evolution, biology is, perhaps, intellectually the most satisfying and inspiring science. Without that light it becomes a pile of sundry facts some of them interesting or curious but making no meaningful picture as a whole.

[Quelle: "Nothing in Biology Makes Sense Except in the Light of Evolution", The American Biology Teacher, March 1973, p. 129.]


Zu sagen, dass die Evolutionstheorie in der biologischen Forschung keine Rolle spielt, ist so, als würde man sagen, dass Physik/Optik für eine Kamera keine Rolle spielt. Natürlich kann jeder Depp sich eine Kamera kaufen und damit Photos machen, ohne von Optik eine Ahnung zu haben. Aber Sinn macht die ganze "Methode" nur, wenn man über Optik Bescheid weiß.

Oder wenn man es unbedingt mit Autoteilen vergleichen will, dann wäre Evolutionsbiologie nicht der Mercedesstern, sondern wohl eher die Reifen.

MfG,
JLT


* Für einen Querschnitt, was alles in den Bereich der Evolutionsbiologie fällt, siehe z. B. hier [Max-Planck-Gesellschaft, Forschungsbereich: Entwicklungs- und Evolutionsbiologie/Genetik].



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