26 August 2007

Gießen mal wieder. Ist da ein Nest?

Möglicherweise habt Ihr schon Martin Neukamms neuen Artikel auf dem Brights-Blog oder bei den Evolutionsbiologen gelesen:

An der FH Gießen verbreitet der Dozent Michael Kämpfer in einer Vorlesung zum Thema "Informatik und Gesellschaft" Werner Gitts "Gottesbeweis" (.pdf).

Der geht ungefähr so:

  • Information ist nicht-materiell (Du kannst eine Festplatte löschen und sie wiegt danach noch immer genauso viel wie vorher = die gespeicherte Information besitzt keine Masse).*
  • Information kann nicht zufällig entstehen, also muss sie immer eine intelligente Quelle haben.*
  • Außerdem muss Information immer eine intelligente Quelle haben, darum kann sie nicht zufällig entstehen.*
  • DNA enthält Information, kann deswegen nicht zufällig entstanden sein, sondern von einer intelligenten Quelle kommen*,
  • ALSO GOTT!!!!!!!!
Das war ja einfach.

Ist aber kompletter Blödsinn (Link zu 'Information Theory and Creationism'; auch sehr schön, etwas ausführlicher: 'Bad, bad, bad math! AiG and Information Theory' von Good Math, Bad Math).**

Die Kurzfassung der Begründung ist zum einen, dass Gitt sich eine Defintion von Information zurechtlegt, die beinhaltet, dass sie einen Sender haben *muss*. Dann legt er fest, DNA würde dieser Definition von Information entsprechen - voilà, sie hat einen Sender.

Zum anderen schreibt Gitt selbst, er würde sich auf Shannons Informationsbegriff beziehen. Der ist aber genau entgegengesetzt zu Gitts. Information nach Shannon ist unabhängig von einer Bedeutung, einem Sinn. Zudem behauptet Gitt, in statistischen Prozessen (= durch Zufall) könne keine "Information" entstehen. Nach Shannons Informationsbegriff enthält aber beispielsweise eine Abfolge von Zeichen umso mehr Information, je zufälliger sie ist - je zufälliger, desto weniger komprimierbar: AAAAAAAABBBBBBBB kann durch 6A6B wiedergegeben werden, SDARJXYFIRTS ist dagegen praktisch unkomprimierbar.

Das alles hält natürlich keinen ID-Kreationisten davon ab, diesen Unsinn zu glauben. Wie überraschend.

Tatsächlich überraschend ist aber, was dieser Schwachsinn in einer Vorlesung für Informatiker zu suchen hat. Aus irgendeinem Grund kann ich momentan die Seite der FH nicht mehr erreichen, aber ich nehme doch an, dass Shannon auch irgendwo in ihrem Lehrplan vorkommt...

Gitt macht nicht gerade ein Geheimnis daraus, dass er insbesondere die Evolutionstheorie als die Wurzel allen Bösen sieht, aber auch das Alter der Erde passt ihm nicht in den Kram.
Diese Zeitachse kann weder in die Vergangenheit noch in die Zukunft hinein beliebig verlängert werden. Sie hat einen definierten Anfangspunkt, den 1. Mose 1,1 markiert und ebenso einen Endpunkt, bei dem die Existenz des physikalischen Phänomens Zeit aufhört (Matthäus 24,14).

Der gesamte Schöpfungsakt dauerte sechs Tage (2. Mose 20,11).

Das Alter der Schöpfung kann abgeschätzt werden anhand der Stammbäume, die in der Bibel aufgezeichnet sind (Achtung: Nicht exakt berechenbar). Es liegt in der Größenordnung von einigen tausend Jahren, aber nicht von Milliarden von Jahren.
[Quelle: Werner Gitt, 'Zehn Gefahren der theistischen Evolutionslehre'; .pdf]


Immerhin bewahrt er seine Objektivität in Bezug auf die Fehlbarkeit menschlicher Interpretation. Die Bibel hat zwar immer Recht, daraus folgt aber nicht, dass auch die "Modelle" immer zutreffend sind, die sich die Menschen aus den Fingern saugen, um unliebsame Tatsachen wie "Es gibt keinerlei Spuren einer weltweiten Sintflut", "Eine weltweite Sintflut ist physikalisch nicht möglich" oder "Die Erde ist entweder deutlich älter als 10000 Jahre oder sie ist letzten Donnerstag erschaffen worden, aber vor 6000 Jahren ganz bestimmt nicht" wegzudiskutieren.
Geht es um Fragen der Schöpfung oder der Folgen des Sündenfalles und der Sintflut, dann liefert uns die Bibel zwar absolut zuverlässige Information, aber sie sagt uns nicht im Detail, wie wir z.B. die beobachteten Fakten in der Geologie oder Biologie zu deuten haben. [...] In der Schöpfungswissenschaft sind sowohl fundierte wissenschaftliche Forschung als auch eine sorgfältige Bibelexegese erforderlich, um die anstehenden Fragen zu beantworten.
Gegenüber den Vertretern der Evolutionslehre haben Schöpfungswissenschaftler den Vorteil, dass die Basisaussagen aus der Bibel stammen und darum wahr sind
(z. B. es gab ein weltweites katastrophales Ereignis, die Sintflut). Damit ist noch nicht garantiert, dass das so gewonnene Modell auch immer richtig ist. Vielmehr gilt hier der von den Autoren dieses Buches formulierte Grundsatz: „Modelle kommen und gehen, aber das Wort Gottes bleibt!“ Der Wert und Nutzen eines aus der Bibel hergeleiteten wissenschaftlichen Modells ist dennoch sehr hoch: Es kann hiermit gezeigt werden, dass unter Einbeziehung allen zur Zeit bekannten Faktenwissens die Bibel die beste Erklärungsbasis liefert.
[Quelle: Werner Gitt, 'Was ist ein wissenschaftliches Modell?']


So, glücklicherweise habe ich oben schon ein paar Punkte gebracht, warum Gitts "Information" ein paar unbegründete Annahmen darstellen, sonst könnte man mir jetzt ad hominem vorwerfen. Dabei habe ich mich noch zurückgehalten... (sonst hätte ich noch erwähnt, was git im Englischen bedeutet.)***

MfG,
JLT


P.S.: Die Bilder entstammen alle der Powerpoint-Präsentation, die Martin Neukamm in seinem Artikel verlinkt hat.


* Das zeigt natürlich auch, dass die Evolutionstheorie falsch sein muss.

** Zur Infomation Theory (und Gitt) siehe auch diese beiden Posts von Good Math, Bad Math: 'Q&A: What is information?' und 'An Introduction to Information Theory'. Besonders zu dem ersten Post, das übrigens auch gleich noch Dembski mit "behandelt", sind auch die Kommentare lesenswert.

*** Mehr Spaß mit Gitt gibt es auf seiner Homepage bei den Downloads.

5 Kommentare:

Anonymous said...

Gitt behauptet nicht, dass seine Theorie auf Shannon aufbaut, sondern versucht sogar zu zeigen, warum Shannons Definition unbrauchbar ist. Als Beispiel dient ein Vers aus der Bibel, der laut Shannon in der Deutschen Version einen anderen Informationsgehalt hat als in der Englischen, obwohl sie inhaltlich ja identisch sind. Auch kann ich als Informatikstudent sagen, dass Shannon im Bachelorstudiengang nur noch am Rande erwähnt wird. Meiner Meinung nach auch vollkommen zurecht, weil seine Definition bringt wirklich keinen weiter. Über Gitts Definition lässt sich streiten, vor allem über die Schlüsse die er dann aus dieser zieht. Dennoch liegt sie sicher näher an der Wahrhheit als die von Shannon, auch wenn sie nicht so schön ins Evolutionsgebäude passt. Tja that's live.
Aber noch eines zum Schluss: Finde es erstaunlich dass Kutschera und Co meinen Kritik an Evolution von Nichtbiologen müsse nicht ernst genommen werden, auf der anderen Seite versuchen sich hier eine Biologin und ein FH-Chemiker an Informatik. Soll ich das dann jetzt auch nicht Ernst nehmen?

JLT said...

@ anonymus:

"Finde es erstaunlich dass Kutschera und Co meinen Kritik an Evolution von Nichtbiologen müsse nicht ernst genommen werden, auf der anderen Seite versuchen sich hier eine Biologin und ein FH-Chemiker an Informatik."

Wer kritisiert, ist nicht ausschlaggebend, aber wie kritisiert wird. Wenn biologische Tatsachen ignoriert werden, entbehrt die Kritik jeder Grundlage.

Wenn es Dich aber beruhigt:

Ich schrieb:
"Ist aber kompletter Blödsinn (Link zu 'Information Theory and Creationism'; auch sehr schön, etwas ausführlicher: 'Bad, bad, bad math! AiG and Information Theory' von Good Math, Bad Math).**

Die Kurzfassung der Begründung ist zum einen, dass Gitt sich eine Defintion von Information zurechtlegt, die beinhaltet, dass sie einen Sender haben *muss*. Dann legt er fest, DNA würde dieser Definition von Information entsprechen - voilà, sie hat einen Sender.

Zum anderen schreibt Gitt selbst, er würde sich auf Shannons Informationsbegriff beziehen. Der ist aber genau entgegengesetzt zu Gitts. Information nach Shannon ist unabhängig von einer Bedeutung, einem Sinn. Zudem behauptet Gitt, in statistischen Prozessen (= durch Zufall) könne keine "Information" entstehen. Nach Shannons Informationsbegriff enthält aber beispielsweise eine Abfolge von Zeichen umso mehr Information, je zufälliger sie ist - je zufälliger, desto weniger komprimierbar: AAAAAAAABBBBBBBB kann durch 6A6B wiedergegeben werden, SDARJXYFIRTS ist dagegen praktisch unkomprimierbar."


Das ist eine Zusammenfassung dessen, was ich z. B. auf Good Math, Bad Math zu dem Thema gelesen habe. GM, BM wird geschrieben von:

Mark Chu-Carroll (aka MarkCC) is a PhD Computer Scientist, who works for Google as a Software Engineer.

Der sollte wohl qualifiziert sein.

Darüber hinaus kann aber auch ein Nicht-Informatiker Gitt sehr wohl kritisieren, weil dass, was Gitt macht, mit Informatik ungefähr so viel zu tun hat wie mein unter der Dusche singen mit Oper.

Kutschera & Co. said...

@ Anonymus:

"Aber noch eines zum Schluss: Finde es erstaunlich dass Kutschera und Co meinen Kritik an Evolution von Nichtbiologen müsse nicht ernst genommen werden, auf der anderen Seite versuchen sich hier eine Biologin und ein FH-Chemiker an Informatik. Soll ich das dann jetzt auch nicht Ernst nehmen?"

Es ist genau anders herum, ein Informatiker versucht sich in einer doch recht missglückten Art und Weise als Biophilosoph. Gitt wird nicht ernstgenommen, weil er in seinen Argumenten stillschweigend Prämissen voraussetzt, die es doch eigentlich zu belegen gilt, nicht weil er kein Biologe ist.

BTW: Warst Du eigentlich in der Vorlesung von Kämpfer?

Anonymous said...

Ging mir vor allem um die Behauptung Gitt würde sich auf Shannon beziehen, weil er das eben genau nicht macht.

Hier in Darmstadt gibt es keinen Kämpfer. Meine Vorlesungen über Formale Grundlagen 1,2 und 3 habe ich bei Otto und Walther gehört.

Anonymous said...

Hmm... Kann auch an meinem PC liegen, aber es sieht so aus, als existiere der Pfad nicht, wo eigentlich die Abbildungen erscheinen müssten. Zumindest werden die Bilder nicht angezeigt.