19 August 2007

"Kampfparolen der Darwinisten" und ähnlicher Schwachsinn.

Ich muss mich mal ein kleines bisschen aufregen.


Ich bin über einen Artikel in der Stuttgarter Zeitung gestolpert (auf Hiegl.net), mit dem bezeichnenden Titel 'Zufallsprodukt der Evolution – oder nicht?'. In diesem Artikel verbreitet der Autor Rolf Spinnler aber auch noch den letzten Blödsinn, den sich Evolutionskritiker so gerne aus den Fingern ziehen.
Angefangen mit der Unterstellung, "Anhänger der Evolutionstheorie" würde sich vor einer "kritischen Revision" bzw. der "Auseinandersetzung mit anderen Deutungsmustern der Naturgeschichte" fürchten, über eine verzerrte Darstellung der Evolutionstheorie ("aus einfachen Lebensformen immer komplizierter", "Den vorläufigen Endpunkt dieser Evolution bildet die Tierart "Homo sapiens sapiens") bis hin zur sprachlichen Gleichstellung einer "Darwinistischen Lehre" mit der "Schöpfungslehre" bzw. ihrer Abstufung zur Hypothese wird wirklich noch der letzte schmutzige Trick aus der Propagandakiste gezogen.

Der letzte Abschnitt stellt den absoluten Tiefpunkt dar.
Wenn ich glaube, dass mein Leben aus einem blinden Prozess genetischer Variation und Selektion hervorgegangen ist, also keinen "Sinn" hat, dann verpflichtet es mich auch zu nichts. Wenn ich aber der Überzeugung bin, dass du und ich und wir alle so, wie wir sind, gewollt wurden, dann müssen und können wir die uns geschenkte Existenz als Aufgabe wahrnehmen und gestalten. Es macht also einen Unterschied, ob wir uns als Zufallsprodukt der Evolution oder als Ziel eines Schöpfungsakts verstehen. Eben deshalb muss weiter über den Darwinismus gestritten werden.

Im Grunde sagt der Autor hier nichts anderes als das Atheisten annehmen müssten, ihr Leben sei sinnlos und sich deswegen auch "zu nichts verpflichtet fühlen" würden – was übersetzt so viel heißt wie 'Atheisten sind unmoralisch'. Und dies wäre, Überraschung, gleichzusetzen mit einer Akzeptanz der Evolutionstheorie, ein völliger Non Sequitur. Darüber hinaus begeht der Autor noch den Sollen/Sein-Fehler. Nur, weil mir die (vermeintlichen) Konsequenzen von etwas nicht gefallen, wird es deswegen nicht weniger wahr.
Nur weil ich es schade finde, dass ich nicht Fliegen kann, ist deswegen die Gravitationstheorie trotzdem zutreffend und mehr noch, selbst wenn wir sie aus den Schulbüchern strichen und auch sonst nicht mehr erwähnten, dann könnte ich immer noch nicht Fliegen (oder besser gesagt, hätte immer noch ein Problem mit der Landung). Im Grunde sagt der Autor hier doch glasklar und eindeutig, dass seine Kritik eine rein ideologische ist, die mit den tatsächlichen Gegebenheiten nichts, aber auch gar nichts zu tun hat.

Ehrlich, es kotzt mich an, es kotzt mich wirklich richtig an, dass so ein unreflektierter Unsinn in einer deutschen Tageszeitung veröffentlicht wird.

JLT


[Bild-Quelle: Calvin and Hobbes by Bill Watterson]



Update 19.08.07, 21:40: Spinnerl in Spinnler geändert (oups, danke Martin). Und ich habe einen Leserbrief an die Stuttgarter Zeitung geschrieben, mit folgendem Inhalt:

Ist es wirklich schon so weit, dass in der deutschen Presse die gleichen Unwahrheiten verbreitet werden wie in Amerika?

Die Evolutionstheorie ist eine der am Besten belegten Theorien der Wissenschaft. Sie ist keine Hypothese und auch keine "darwinistische Lehre", die auf gleicher Ebene wie die "Schöpfungslehre" steht. Sie ist eine durch eine überwältigende Zahl von Daten und Untersuchungen aus fast allen Feldern der Naturwissenschaften belegte Theorie, die die derzeit beste Erklärung für die Entwicklung des Lebens auf der Erde liefert. Wie jede wissenschaftliche Theorie wird sie andauernd durch neue Untersuchungen auf die Probe gestellt und, wenn notwendig, in Details angepasst. Es gibt momentan keine alternative Theorie, die die bekannten Daten auch nur annähernd so umfassend erklären könnte. Der Artikel versucht den Eindruck zu erwecken, es gäbe alternative Erklärungen und Vertreter der Evolutionstheorie würden eine Auseinandersetzung mit diesen fürchten. Nichts könnte der Wahrheit weniger entsprechend. Es werden täglich neue wissenschaftliche Artikel veröffentlicht, die sich mit Aspekten der Evolutionstheorie beschäftigen, und jedem steht frei, auch kontroverse Deutungen zu veröffentlichen, wenn er sie denn durch Daten belegen kann.

Um es mit Spinnler zu sagen, es würde an dieser Stelle zu weit führen, all jenes aufzuzählen, was an diesem Artikel zu bemängeln ist (nur, dass es in meinem Fall eine berechtigte Aussage ist, es gibt wirklich sehr viel an diesem Artikel zu bemängeln). Um einige Punkte anzusprechen:

Die Evolutionstheorie wird falsch dagestellt. Es ist keinesfalls so, dass die Evolutionstheorie eine Entwicklung von einfacheren zu immer komplizierteren Formen beinhaltet und erst recht nicht, dass der Mensch ein "vorläufiger Endpunkt" der Evolution sei.

Es ist keinesfalls so, dass Artbildung völlig unverstanden ist. Im Gegenteil, es gibt belegte Fälle von Artbildung und die Darstellung des Autors und vor allem auch seine Wortwahl geht an der Wirklichkeit vorbei. Es wird sich nicht "um das Problem herumgemogelt", es sind keine rein "theoretischen Konzepte" oder "theoretischen Spekulationen". Es sind auf empirischen Daten basierende Annahmen, die darum eben nicht auf einer Stufe mit "spekulativer Metaphysik" wie der "Schöpfungslehre" stehen.

Vor allem ist es unehrlich und unzutreffend, in diesem Zusammenhang von "Kampfparolen der Darwinisten" und ähnlichem zu sprechen. Wissenschaftliche Artikel präsentieren Daten und darauf aufbauende Interpretationen. Irgendwelche weltanschaulichen Parolen haben darin keinen Platz. Veröffentlichungen von Philosophen wie Dennett oder Biologen wie Dawkins und Monod in der "Unterhaltungs"-Literatur sind keine Grundlage für das, was als aktuell geltende Lehrmeinung akzeptiert wird. Die Evolutionstheorie basiert völlig und in allen Teilen auf empirischen Daten, es gibt keine weltweite Verschwörung von Atheisten, die die Daten manipulieren und Gott wegzuerklären versuchen. Als Hypothese ist die wortgetreue Auslegung der Schöpfungsgeschichte (in sechs Tagen, vor 6000 Jahren) widerlegt, andere Formen der Auslegung können durchaus im Einklang mit den bekannten Daten sein. Eine wissenschaftliche Erklärung liefern sie aber nicht, da sie weder beleg- noch widerlegbar sind.

Besonders ärgerlich fand ich auch den letzten Absatz. Hier wird angedeutet, dass eine Akzeptanz der Evolutionstheorie gleichzeitig Atheismus bedeutet und darüber hinaus dazu führen müsste, dass man sein Leben als sinnlos begreift, woraus auch noch folgen soll, man würde sich "zu nichts verpflichtet" fühlen. Im Grunde werden damit alle, die die Evolutionstheorie anerkennen, als unmoralisch abgestempelt. Es mag den Autor überraschen, aber auch Atheisten können zutiefst moralisch handeln und durchaus einen Sinn in ihrem Leben sehen. Darüber hinaus, selbst wenn aus einer Akzeptanz der Evolutionstheorie folgen würde, dass man sein eigenes Leben als sinnlos begreift – das würde sie nicht weniger zutreffend machen. Nur weil mir die Konsequenzen einer Tatsache nicht gefallen, verschwindet dadurch die Tatsache nicht.

Kann mir zwar nicht vorstellen, dass das veröffentlicht wird, aber es hat geholfen, meinen Magensäurespiegel wieder auf normal zu bringen.

Der Leserbrief-Link führt zu der Seite der Stuttgarter Zeitung, auf der man online Leserbriefe einreichen kann, falls also noch jemand mit einem plötzlich übersäuertem Magen zu kämpfen hat...

Update 20.08.07: Nickpol hat mich auf ein sehr gutes Post ('Antworten, die keine sind') bei den Brights aufmerksam gemacht, das sich auf den selben Artikel bezieht.

Und auch Martin Neukamm hat bei den Evolutionsbiologen seinen Kommentar veröffentlicht (den er hoffentlich auch als Leserbrief zur Stuttgarter Zeitung schickt).

Update 21.08.07: Die Stuttgarter Zeitung hat nun einen zweiten Artikel ('Darwin hat keine Konkurrenz') als Antwort auf den Artikel Spinnlers veröffentlicht. Naja. Besser als nichts, vermute ich mal.

17 Kommentare:

M. Neukamm said...

BTW, der Mensch heißt Spinnler, nicht Spinnerl. Jedenfalls ein netter Freudscher ;-)

Ansonsten: FULL ACK!

nickpol said...

Unter dem Titel Antworten die keine sind ist eine Antwort bei uns erschienen.

nickpol said...

@JLT, gutes Schreiben, soweit ich weiß haben wir unserern Post auch zu denen geschickt.
zu deinem Post FACK.
@Martin man könnte auch "Spinner" schreiben und ich gebe zu es zuckt mir in den Fingern. :)

M. Neukamm said...

@ JLT:

>>Der Leserbrief-Link führt zu der Seite der Stuttgarter Zeitung, auf der man online Leserbriefe einreichen kann, falls also noch jemand mit einem plötzlich übersäuertem Magen zu kämpfen hat...<<

Joo, aber den bringe ich lieber anderweitig auf Normal-Null. (Es liegt mir nicht, ein Blatt vor dem Mund zu nehmen, was ich aber zweifelsohne tun müsste, wenn ich wollte, dass der Leserbrief erscheint). Da stelle ich doch lieber die Hardcore-Variante ins Netz:

http://www.evolutionsbiologen.de/sz170807.html

Und, zu scharf formuliert?

JLT said...

@ Martin,

sehr nett. Warum schickst Du das nicht auch zur Stuttgarter Zeitung? Ist meiner Meinung nach sehr treffend formuliert und im Zweifelsfall können sie sich ja ein paar Stellen rauspicken. Solchen Artikeln sollte widersprochen werden und je mehr Leute das tun, um so besser.

Anonymous said...

Bekommt jetzt auch mal das Evolutionistenlager zu spüren wie es ist, wenn eine Tageszeitung die eigene Seite falsch darstellt? Das ist das was jeder Evolutionskritiker tag-täglich hinnehmen muss. "Tolles" Gefühl oder?

mrs said...

"Bekommt jetzt auch mal das Evolutionistenlager zu spüren wie es ist, wenn eine Tageszeitung die eigene Seite falsch darstellt? Das ist das was jeder Evolutionskritiker tag-täglich hinnehmen muss. "Tolles" Gefühl oder?"

Im "Evolutionistenlager" ist man daran gewöhnt, dass die ET grundsätzlich von Kreationisten falsch dargestellt wird.

Dazu kommt noch, dass du den gleichen Fehler machst wie der Autor: Du glaubts, dass deine ET-Kritik (ID?) genauso gut fundiert ist, wie die ET. Nun das ist nicht der Fall.
Du kannst dich beispielsweise mit Wünschelrutengänger und Astrologen "solidarisieren", um über die böse Presse zu schimpfen. Diese sind mit dem ID auf Augenhöhe.

M. Neukamm said...

Als Gegengewicht zu Spinnlers Artikel erschien heute in der Stuttgarter Zeitung ein Beitrag von Alexander Mäder mit dem Titel: "Darwin hat keine Konkurrenz - Die Evolutionstheorie kann sich Erklärungslücken leisten":

http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/detail.php/1497259

Der Beitrag ist eher populärwissenschaftlich, aber er dürfte seinen Zweck erfüllen. Recht treffend ist der Vergleich mit der Gravitationstheorie...

mrs said...

die angegebene Internetadresse funktioniert nicht

MRS said...

http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/detail.php/1497259

mrs said...

Huups, jetzt hat es die Nummer weg gemacht.

php/1497259

JLT said...

Die Kommentare lassen sich leichter lesen, wenn man nicht den Kommentar-Link, sondern statt dessen den Titel des Posts anklickt. Das Post öffnet sich dann mit den darunterstehenden Kommentaren. Macht das Lesen sehr viel einfacher und auch Links werden korrekt angezeigt.

Ach ja, und wer direkt verlinken möchte:

(a href="URL,die man verlinken möchte")Text, der als Link erscheinen soll(/a)

Anstelle der runden Klammern eckige verwenden ("kleiner/größer als"-Zeichen).

Wem das zu umständlich ist, es gibt auch ein Firefox-AddOn, mit dem sich lange url-Adressen verkürzen lassen: TinyUrl Creator. Funktioniert meiner Erfahrung nach wunderbar.

Michael Blume said...

Uups, jetzt hatte ich Dir schon weiter oben zum Leserbrief gratuliert, der heute auch in der Print-Ausgabe war.

Die Stuttgarter Zeitung, m.E. eine der besten Regionalzeitungen in Deutschland, hat je einen (gemäßigten) Kritiker und Befürworter der Evolutionstheorie zu Wort kommen lassen und damit eine muntere Debatte auch hier im Schwabenland entzündet.

Wenn das dazu führt, dass sich mehr Leute mit Wissenschaft beschäftigen, kann ich das nur gut finden. (Wetten, dass viele Leute auch auf Deinem Blog vorbeischauen?)

Letztlich wird es darauf ankommen, ob die Lager auch Argumente austauschen oder sich nur beschimpfen. Im zweiten Fall bliebe der Erkenntnisgewinn der Öffentlichkeit gleich null bzw. negativ.

Bin mal gespannt, und ein bissle zuversichtlich...

Also auch hier: liebe Grüße nach Irland!

Michael

http://www.religionswissenschaft.twoday.net/

JLT said...

@ Michael:

Wa..wa...was?! Wow, ich bin geplättet. Hatte ja keine Ahnung!
Ich hätte ja angenommen, die würden mir irgendwie Bescheid sagen, wenn sie den Leserbrief veröffentlichen (mal ganz abgesehen davon, dass ich natürlich überhaupt nie angenommen habe, dass sie den veröffentlichen würden). Steht da denn auch meine Blog-Adresse dabei?

Hach, bin ganz aufgeregt ;-)

Vielen Dank für die Rückmeldung, ich habe hier ja begrenzte Möglichkeiten, mir die Stuttgarter Zeitung zu besorgen...

Schöne Grüße,
JLT

M. Neukamm said...

Reinhard Junker hat, wie könnte es anders sein, sich in einem auf Genesisnet veröffentlichten Kommentar ausdrücklich bei Spinnler für seinen Artikel bedankt. Auch Spaemann wird darin gewürdigt, während der Gegenartikel von Alexander Mäder Kritik erfährt:

http://www.genesisnet.info/index.php?News=91

Eigentlich müsstest Du Dir, wenn Du Dir die Lektüre antun möchtest, Dein Beißholz neben den PC legen. Habe selten einen Kommentar gelesen, der inhaltlich so von der Rolle war.

JLT said...

Von Genesisnet:

"Die Argumentation der Theorie des intelligenten Designs wird unvollständig dargestellt[...]"

Bwahahaha!

Hi Martin,

das fand ich dann nun wieder erheitern. Ich fand den Artikel von dem Mäder ja auch nicht übermäßig gelungen, aber DAS kann man ihm nun wirklich nicht vorwerfen.

Mäder schreibt als Erklärung, was ID behauptet u. a. dies:

"Einige Organismen und Mechanismen, die die Natur hervorgebracht hat, sind so komplex, dass sie sich nicht durch die Ansammlung einzelner genetischer Mutationen erklären lassen."

Mit "Es gibt Intelligentes Design ("Theorie"), weil nach unsere Strohmann-Version der Evolutionstheorie Evolution nicht möglich ist ("Argumentation")" hätte er es vielleicht noch etwas deutlicher formulieren können, aber inhaltlich trifft es das doch so ziemlich.

MfG,
JLT

Kreazzi-Schreck said...

Hallo JLT! Wäre die Genesisnet-Klamotte nicht einen eigenen Blog-Beitrag wert? ;-)