10 March 2008

Todsünden im Zuge der Globalisierung.

Na, Bestens. Der Vatikan hat gestern seinen Katalog der Todsünden auf den neuesten Stand gebracht. Die durch Dantes Inferno oder in neuerer Zeit auch aus dem Film Sieben bekannte Liste der sog. sieben Todsünden wurde in dieser Form von Papst Gregor I. im 6. Jahrhundert zusammengestellt, sie umfasst Hochmut (Überheblichkeit), Geiz, Neid, Zorn, Wollust (Unkeuschheit), Völlerei (Unmäßigkeit) und Faulheit (Trägheit)*. Tatsächlich ist die Bezeichnung Todsünde irreführend, denn es war eine Kategorisierung der "Hauptlaster", die alleine noch keine Sünden darstellen, aber Ursache von Sünden sind.


Todsünden werden im katholischen Erwachsenenkatechismus so definierten:

Die heutige kirchliche Lehrverkündigung nennt in Übereinstimmung mit der ganzen Tradition "denjenigen Akt eine Todsünde, durch den ein Mensch bewußt und frei Gott und sein Gesetz sowie den Bund der Liebe, den dieser ihm anbietet, zurückweist, indem er es vorzieht, sich selbst zuzuwenden oder irgendeiner geschaffenen und endlichen Wirklichkeit, irgendeiner Sache, die im Widerspruch zum göttlichen Willen steht (conversio ad creaturam - Hinwendung zum Geschaffenen)" (RP 17; vgl. KKK 1857).

Die Strafe, so man nicht möglichst gleich beichtet und bereut**, ist natürlich das direkte Ticket zur Hölle. Kein Wunder also, dass die katholische Obrigkeit über die Ergebnisse einer Umfage besorgt ist, nach der in Italien 60 % der praktizierenden Katholiken überhaupt nicht mehr zur Beichte gehen. Darüber hinaus bezeichnet ein Drittel aller praktizierenden Katholiken die Präsenz des Pfarrers im Beichtstuhl als überflüssig (die Kirche muss sich schließlich ihre Berechtigung erhalten, wo käme man denn da hin, wenn die Gläubigen direkt zum Chef rennen....). Die 10 %, die erklären, die Beichte sei ein Hindernis in ihrer Beziehung zu Gott können sich also gleich das Höllenticket abholen.

Jetzt wurde also mal wieder verkündet, was denn so konkret alles eine Todsünde ist. Bischof Gianfranco Girotte, das Oberhaupt der Apostolischen Pönitentiarie (verantwortlich für Gewissensfragen und Verwaltungsangelegenheiten - wunderschöne Kombination), hat nach einem einwöchigen Priesterseminar im Gespräch mit der talienischen Zeitung L'Osservatore Romano festgestellt, dass "als Nebeneffekt der unaufhaltsamen Globalisierung neue Sünden am Horizont der Menschheit aufgetaucht sind" (übersetzt aus der englischen Times, da ich kein Italienisch kann). "Man vergeht sich nicht nur gegen Gott durch Stehlen, Gotteslästerung oder das Begehren des Nächsten Weib, sondern auch durch Umweltverschmutzung, das Durchführen moralisch fraglicher ("debatable" in der englischen Übersetzung; könnte also auch "umstritten" heißen) wissenschaftlicher Experimente oder durch die Zulassung genetischer Manipulationen, die die DNA verändern oder Embryonen betreffen".***
Zu den Todsünden gehöre außerdem der Drogenkonsum oder deren Verkauf, soziale Ungerechtigkeit, die zu Armut führt, und die "übermäßige Anhäufung von Reichtum bei einigen wenigen". Die beiden Todsünden, denen der Vatikan weiterhin große Aufmerksamkeit schenke, sind die Abtreibung, die "die Würde und Rechte der Frauen verletzt" und die Pädophilie, die sogar den Klerus selbst beträfe.

A-ha. Ist es nicht interessant, dass unter den sieben Punkten, die der Bischof angesprochen hat, allein zwei sich auf Wissenschaft beziehen? Ich meine, ich bin auch gegen die Durchführung moralisch fragwürdiger wissenschaftlicher Experimente, aber ich bezweifle, dass meine Definition und die Definition der katholischen Kirche von dem, was als moralisch fragwürdig gelten könnte, völlig übereinstimmt. Die Nennung der genetischen Manipulation, die die DNA ändert (was sonst?), finde ich besonders abgefahren. Wirklich die absolute Mehrheit aller Biologen werden gelegentlich Experimente durchführen, die auch eine "genetische Manipulation" beinhalten. Ich finde die Vorstellung von einem katholischen Forscher, der direkt aus dem Labor in den Beichtstuhl rennt, um seine Todsünde der Genmanipulation zu beichten, nur um bei der Rückkehr ins Labor gleich das nächste Experiment vorzubereiten, doch sehr erheiternd. Dass die katholische Kirche was gegen die Forschung an Embryonen hat, kommt ja nun wieder nicht überraschend. Interessant an dieser Stelle ist vielleicht, dass zur Rückprogrammierung adulter Zellen zu ESZ-ähnlichen Zellen die adulten Zellen genmanipuliert werden müssen.
Tja, liebe Katholiken, keine Stammzellforschung für Euch, auch nicht mit adulten Zellen. So ein Pech. Wäre es nicht auch eine Todsünde, von den auf diesem Wege erworbenen Therapiemöglichkeiten zu profitieren? Von den Todsünden anderer Menschen? Ob die selber an den ganzen Kram glauben, sollte dafür ja erstmal egal sein.
Die Abtreibung ist im Todsündenkatalog schon länger dabei, nichts Neues hier, aber die Scheinheiligkeit der Begründung ist einfach nicht zu überbieten. Abtreibungen sind deswegen ein besonderes Anliegen des katholischen Klerus, weil sie die Würde und Rechte der Frauen verletzten? Haben die schon mal mitbekommen, dass 70 % der Abtreibungsgegner Männer sind? Glauben die nicht, dass mehr Frauen gegen Abtreibungen wären, wenn diese tatsächlich dächten, dass die Straffreiheit von Abtreibungen die Würde und Rechte von Frauen verletze? Ist dem Klerus schon mal aufgefallen, dass diejenigen, die zu leiden haben, wenn Abtreibungen verboten sind, zu 100 % Frauen sind? Was ist mit deren Rechten und deren Würde? Die katholische Kirche hat über Jahrhunderte gezeigt und zeigt es noch, dass ihr die Würde und Rechte der Frauen verdammt scheissegal sind.

Und der Rest ist meiner Meinung nach Public Relation-Dreck, pure Anbiederung beim "Kunden". Globalisierung: schlecht; Umweltverschmutzung: schlecht; Reichtum einiger weniger auf Kosten anderer: schlecht. Soziale Ungerechtigkeit: schlecht. Jetzt warte ich natürlich gespannt darauf, wann die Katholiken in der CDU/CSU anfangen, für mehr Umweltschutz einzutreten. Glaubt wirklich irgendjemand, dass die katholische Kirche sich auch nur mit einem Zehntel der Energie, die sie in die Beeinflussung der Politik in Fragen von Abtreibung oder Stammzellforschung steckt, in Umweltschutzfragen oder Fragen der sozialen Gerechtigkeit engagiert oder engagieren würde? Ist Heuchelei zufällig auch eine Todsünde?

Aber wir können ja noch hoffen. In Südamerika gibt es einige ziemlich katholische Länder, in denen die katholische Kirche ja nicht schüchtern ist, sich in die Politik einzumischen (man denke an die Exkommunizierung der Politiker in Mexiko letztes Jahr im April, die für eine Liberalisierung der Abtreibungsgesetze waren, und in Brasilien hat die katholische Kirche versucht, gerichtlich gegen eine geplante kostenlose Verteilung der "Pille danach" in Krankenhäusern während der Karnevalszeit vorzugehen und allen Frauen, die von dieser Möglichkeit Gebrauch machen und allen, die die Pille ausgeben, die Exkommunizierung angedroht). Wenn sich dort die Kirche mit dem gleichen Gewicht für den Umweltschutz, gegen soziale Ungerechtigkeit und gegen den Drogenhandel einsetzt, dann kann man sich ja auf ein paar gute Nachrichten gefasst machen.


MfG,
JLT



[Quelle: 'Seven Deadly Sins: Are You Guilty?', The Times]
[via: New Humanist Blog]

Hier gibt es noch einen kurzen Artikel auf deutsch zu dem Thema: 'Neue Sünden: Umweltverschmutzung oder Drogenkonsum', TP.
[edit] Gerade noch gefunden: 'Moderne Frevel: Vatikan überarbeitet Sündenkatalog', Spiegel Online.[/edit]

[noch'n edit] Ich habe völlig vergessen zu erwähnen, dass zu dem Todsündenkatalog auch Verhütung gehört. Jawohl, willkommen im Mittelalter, keine Pille, kein Kondom, keine Spirale, keine anderen verhütenden Methoden - Abstinenz, Todsünde oder Schwanger sind die katholischen Wahlmöglichkeiten (Oralsex et al. möglicherweise noch, aber das wäre dann wahrscheinlich schon wieder mindestens "Wollust"...) [/edit]

---------------------------
* In Klammern abweichende Bezeichnungen aus dem katholischen Erwachsenenkatechismus, Band II, von 1995.

** Laut Wikipedia ist auch bei vollkommener Reue die schnellstmögliche Beichte Pflicht - geht doch nichts über eine gute Kundenbindung.

*** Die englische Übersetzung: “You offend God not only by stealing, blaspheming or coveting your neighbour’s wife, but also by ruining the environment, carrying out morally debatable scientific experiments, or allowing genetic manipulations which alter DNA or compromise embryos,” he said.

17 Kommentare:

Po8 said...

Sehr schöner Artikel :-)

Anzumerken noch bzgl. der "Würde der Frauen", dass der Vatikan die UN-Menschenrechte nicht ratifiziert hat, speziell das der Gleichberechtigung von Mann und Frau nicht.

juliaL49 said...

Danke für die schöne Zusammenfassung und das Aufzeigen der Widersprüche. Ich hatte mich bisher noch nicht damit beschäftigt, weil mir schon klar war, dass das wieder weltfremder Mist sein wird.

Einige Kritikpunkte gibt es auch bei Pharyngula, dem die neuen Todsünden v.a. viel zu wage sind.

Josef Bordat said...

Liebe JLT,

mir ist nicht klar, welchen Status die „Verkündigung“ des Bischofs hat (was wichtig wäre für die Einschätzung ihrer Bedeutung), deswegen keine theologischen Kommentare. Nur soviel: Das ein oder andere stimmt mich nachdenklich und eine tiefere Beschäftigung wäre angezeigt, wenn ich denn Zeit hätte... Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

Eine Bemerkung kann ich mir aber nicht verkneifen, weil mir richtiggehend schlecht wurde, als ich Ihre Behauptung las, bei der Kennzeichnung „sozialer Ungerechtigkeit, die zu Armut führt“ als Todsünde, handle es sich um „Public Relation-Dreck“, also „blabla“ ohne Konsequenz.

Ich finde es, mit Verlaub, eine unglaubliche Frechheit, der Kirche in Fragen der Soziallehre und in dem Bemühen um eine humane Globalisierung vorzuwerfen, sie meine es nicht ernst mit den Menschen! Es ist ein Schlag ins Gesicht der vielen hunderttausend Ordensleute und Laien, die in Afrika, Asien und Lateinamerika ihren Dienst am Armen verrichten. Und in Deutschland übrigens auch. Zu uns in die Gemeinde kommen fast täglich Menschen, die sonst nirgendwo eine Zuflucht finden.

Ich kenne eine Ordensschwester, die in Peru tätig war und vom „sendero luminoso“ mit dem Tode bedroht wurde, weil sie den Armen half. Das System müsse geschwächt werden, nicht stabilisiert, das war die grausame Logik dieser „Erleuchteten“!

Ich habe diese Schwester vor Augen und bin über Ihre Aussage vom „Public Relation-Dreck“ stinksauer! Spotten Sie meinetwegen über mich, spotten Sie über alles und jeden, aber spotten Sie bitte nicht über Menschen, die den Dienst an den Armen eben nicht als „Public Relation-Dreck“ erleben, sondern als Alltag – in Leprastationen in Afrika, in Grundschulen in Asien und in Suppenküchen in Berlin. Auch diese Menschen bilden gemeinsam etwas, das sie mit vollem Selbstbewusstsein Kirche nennen.

Und jetzt kommen Sie mir nicht damit, dass die Armut und das alles nur am päpstlich indizierten Bevölkerungswachstum liege, weil „die Kirche Verhütungsmittel verbietet“. Die Bevölkerung in Peru wächst kaum stärker als in Europa. Wo die Bevölkerung wächst, das ist in der islamischen Welt, wo sich der Einfluss des Papstes in Grenzen hält.

Also, die diesjährige Misereor-Aktion hat das Motto: „Mit Zorn und Zärtlichkeit an der Seite der Armen – Entdecke die Liebe“.

Im Moment sehr zornig:
Ihr
Josef Bordat

Anonymous said...

Ich weiß nicht, was dieser Bischof genau gesagt hat, aber ich nehme an, dass Todsünde Todsünde bleibt. Es wird wohl bei 7 Stück bleiben. Vermutlich geht es um "normale" Sünden. Um der Redlichkeit willen, muss man das auseinanderhalten.

Es wäre auch sinnvoll, sich einmal zu informieren, welche Postitionen die Kirche wirklich vertritt. Das Eintreten der katholischen Kirche für soziale Gerechtigkeit als "Public Relation-Dreck, pure Anbiederung beim "Kunden"" zu diffamieren, zeugt von kompletter Ahnungslosigkeit.

Schon mal was von "katholischer Arbeiterbewegung" gehört? Oder von "Rerum novarum", eines bahnbrechenden päpstlichen Lehrschreibens ("Enzyklika") von 1891, das Leo XIII. als "Arbeiterpapst" in die Geschichte eingehen ließ? Oder von "katholischer Soziallehre", nach der die soziale Marktwirtschaft der Bundesrepublik orientiert ist?

Auch der Umweltschutzgedanke ist der katholischen Kirche nicht fremd. Der CDU übrigens auch nicht. Einer der Mitbegründer der Grünen z.B., Herbert Gruhl, war CDU-Mitglied.

Also: Bitte ERST recherchieren, dann posten. Dann wird's auch nicht so peinlich.

JLT said...

Hi Josef,

keinesfalls möchte ich die Arbeit von Menschen, die (auch) aus ihrem Glauben heraus anderen Menschen helfen, kleinreden und mir ist auch durchaus klar, dass es christliche Hilfsaktionen gibt. Aber gehen die tatsächlich von der Kirche aus?

Worüber ich mich hier mokiere, ist, dass die katholische Kirche *als Institution* ihre Macht viel seltener dazu verwendet (ich würde sogar behaupten, gar nicht), Politik in Richtung mehr sozialer Gerechtigkeit, mehr Umweltschutz etc. zu beeinflussen als beispielsweise, wenn es um Abtreibung geht.

Ich würde es begrüßen, würde sich die katholische Kirche *als Institution* in den genannten Punkten mehr einsetzen, aber nach Erfahrungen aus der Vergangenheit bin ich nicht besonders optimistisch, dass sie das je tun wird, noch glaube ich, dass sie es überhaupt vor hat. Dementsprechend stufe ich das als pures Lippenbekenntnis ein. Vom Gegenteil werde ich mich nur durch Taten überzeugen lassen.

Ich habe die katholische Kirche im Übrigen mit keinem Wort für Misstände in manchen südamerikanischen Ländern verantwortlich gemacht und würde das auch nie tun. Drogenhandel, Militärputsche, Nachwirkungen der Kolonialpolitik und vieles andere haben da sicher mehr Anteil dran als die katholische Kirche, auch wenn ich eine "Keine Verhütung"-Politik zugegebenermaßen sehr bedenklich finde, da es die gegebenen Probleme sicher nicht vereinfacht.

Um also meine Meinung noch mal in drei Sätzen zusammenzufassen:
Die katholische Kirche hat beispielsweise in Südamerika einen politischen Einfluss und sie könnte diesen nutzen, um mehr soziale Gerechtigkeit und mehr Umweltschutz von den jeweiligen Regierungen zu verlangen. Dass sie sich nicht scheut, diesen politischen Einfluss zu nutzen, zeigt ihre Einmischung bei der Abtreibungsfrage. Aber hat sie sich in der Vergangenheit jemals derartig drastisch (Androhung von Exkommunizierung ist in einem streng katholischen Land für Politiker, wenn es sie auch nicht selber störte, ausgesprochen negativ für die weitere politische Karriere, da viele einen Exkommunizierten nicht wählen) für andere Belange außer die Fortpflanzung betreffende eingesetzt und ist es wahrscheinlich, dass sich das ab jetzt ändert?
Meiner Meinung nach nicht.

Mit freundlichen Grüßen,
JLT

Josef Bordat said...

Antwort:

keinesfalls möchte ich die Arbeit von Menschen, die (auch) aus ihrem Glauben heraus anderen Menschen helfen, kleinreden und mir ist auch durchaus klar, dass es christliche Hilfsaktionen gibt. Aber gehen die tatsächlich von der Kirche aus?

- Ja, durchaus. Sie werden, etwa „Misereor“, von der Kirche organisiert, in den Gottesdiensten wird Geld gesammelt usw.

Worüber ich mich hier mokiere, ist, dass die katholische Kirche *als Institution* ihre Macht viel seltener dazu verwendet (ich würde sogar behaupten, gar nicht), Politik in Richtung mehr sozialer Gerechtigkeit, mehr Umweltschutz etc. zu beeinflussen als beispielsweise, wenn es um Abtreibung geht.

- Warum das eine gegen das andere ausspielen? Lebensschutz und Umweltschutz, das gehört für mich unbedingt zusammen! Klar: „Die Kirche“ muss in den besagten Politikfeldern viel mehr machen, da sind wir uns einig. - Ich habe übrigens noch nie eine Institution handeln sehen. Es sind immer Menschen, die sich in der Institution aufgehoben fühlen, die gemeinsam handeln. Ich handele jedenfalls nicht nur, wenn mich der Papst persönlich bittet oder wenn es eine entsprechende Enzyklika gibt, aber ich handle sehr wohl in der Spiritualität des Evangeliums. Und da sage ich eben, das wir diese Spiritualität teilen, der Papst und ich. Dabei ist mein soziales Engagement mit den paar Obdachlosen hier und den paar Spendeneuros lächerlich hoch zehn, wenn man sich andere Biographien vor Augen hält, etwa die von Mutter Theresa. War das eine starke Frau! Mit beiden Beinen und beiden Armen in der Welt, aber zugleich mit dem Herzen bei Gott (der von ihr gegründete Orden der „Missionarinnen der Nächstenliebe“ ist ein kontemplativer Orden!). Frage: Wäre das alles ohne Kirche „im Rücken“ möglich gewesen? Ohne die Kraft, die die katholischen Sakramente, insbesondere die Eucharistie, ihr und ihren Mitschwestern täglich zu geben vermochte? Wer ihre Schriften auch nur oberflächlich kennt und ihre Freundschaft zu Johannes Paul II., der wird diese Frage verneinen müssen.

Ich würde es begrüßen, würde sich die katholische Kirche *als Institution* in den genannten Punkten mehr einsetzen, aber nach Erfahrungen aus der Vergangenheit bin ich nicht besonders optimistisch, dass sie das je tun wird, noch glaube ich, dass sie es überhaupt vor hat. Dementsprechend stufe ich das als pures Lippenbekenntnis ein. Vom Gegenteil werde ich mich nur durch Taten überzeugen lassen.

- Ja, fein! Dazu gehört dann aber auch, einmal die Augen aufzumachen, wenn es etwas Gutes zu sehen gibt! Und dabei zu erkennen, dass es nicht funktioniert, die „böse“ „Institution Kirche“ und den „guten“ „einzelnen Christenmenschen“ auseinander zu dividieren. Der Christ braucht die starke Kirche, so wie die Kirche engagierte Christen braucht.

Ich habe die katholische Kirche im Übrigen mit keinem Wort für Misstände in manchen südamerikanischen Ländern verantwortlich gemacht und würde das auch nie tun. Drogenhandel, Militärputsche, Nachwirkungen der Kolonialpolitik und vieles andere haben da sicher mehr Anteil dran als die katholische Kirche, auch wenn ich eine "Keine Verhütung"-Politik zugegebenermaßen sehr bedenklich finde, da es die gegebenen Probleme sicher nicht vereinfacht.

- Stimmt: Dazu haben Sie nichts gesagt. Das ist sozusagen mit heraus gesprudelt und kam aus einer ganz anderen Diskussion!

Zu Lateinamerika nur ein Satz: Wir brauchen eine zweite Phase der „teología de la liberación“, die eine katholisch-christliche Soziallehre gegen die Ausbeutung, aber auch gegen den Sozialismus, setzt. Und ob Sie’s nun glauben oder nicht: Es gibt einige, die arbeiten dran. Innerhalb der Kirche.

Mit freundlichen Grüßen,

Ihr
Josef Bordat

Po8 said...

Ja, fein! Dazu gehört dann aber auch, einmal die Augen aufzumachen, wenn es etwas Gutes zu sehen gibt! Und dabei zu erkennen, dass es nicht funktioniert, die „böse“ „Institution Kirche“ und den „guten“ „einzelnen Christenmenschen“ auseinander zu dividieren. Der Christ braucht die starke Kirche, so wie die Kirche engagierte Christen braucht.

Wie z.B. bei Mutter Teresa, die zu ihren Lebzeiten Millionen angehäuft und auf Vatikankonten transferiert hat, aber nur einen minmalen Teil den Bedürftigen zukommen ließ und sich mit so einer Herangehensweise so "christlich" und "vom Evangelium inspiriert" verhielt, dass ihre Heiligsprechung nur noch eine Sache von Stunden ist und deren "Lebenswerk" katholischerseits medial bis zum Erbrechen ausgeschlachtet wurde?

"Die guten Christen sind am gefährlichsten - man verwechselt sie mit dem Christentum." (Deschner)

JLT said...

Hi Josef,

vielleicht vorne weg was Generelles zu meiner Einstellung.
Meine Eltern waren nicht-religiös, aber meine Großmutter, die mit uns zusammen gewohnt hat, war es. Meine beste Freundin glaubt an Gott. Ich weiß, dass es Menschen gibt, denen ihr Glaube viel bedeutet und auch, wenn ich ihn nicht teile, habe ich nicht die Absicht, jemanden "seinen Glauben wegzunehmen" o.ä. (glaube soundso nicht, dass das möglich wäre). Mir ist es total egal, ob jemand etwas glaubt, dass ich für unsinnig halte (solange es mich nicht direkt betrifft), und das meine ich ganz allgemein, nicht nur auf Glaubensaussagen bezogen.
Ich habe angefangen, diesen Blog zu betreiben, weil Menschen Wissenschaftler wahlweise als böse Verschwörer oder Vollidioten dargestellt haben und darstellen, weil das, was sie für zentral für ihren Glauben halten, mit der wissenschaftlichen Wirklichkeit nicht übereinstimmt. D. h. ich habe als Reaktion auf Angriffe auf die Wissenschaft oder Wissenschaftler angefangen zu bloggen und um dem etwas entgegenzusetzen, nicht etwa, weil ich eine atheistische Agenda hätte, die Welt vom Glauben zu befreien. Sie werden schon ziemlich suchen müssen, um ein Post von mir zu finden, wo ich etwas gegen Glaube oder Kirche an sich sage und nicht speziell gegen einzelne Aussagen oder einzelne Vorkommnisse. Selbst in diesem Post habe ich nicht etwa gesagt, die Kirche solle sich aus allem raushalten oder die Kirche sollte abgeschafft werden oder was einem noch so einfallen könnte. Ich weiß, dass es Atheisten gibt, die viel aggressiver gegen alles kirchliche/christliche/glaubensbezogene argumentieren, aber ich persönlich bin viel zu pragmatisch, um eine Vorstellung von einer Welt frei von Glauben für möglich zu halten. Wenn man Glauben mal mit Überzeugung ersetzt, wird glaube ich deutlich, was ich meine. Jeder Mensch hat Überzeugungen (ob nun rational begründbar oder nicht), für die er es wert hält zu kämpfen. Ihre Überzeugung ist, mal bezogen auf die Stammzelldebatte, dass auch Embryonen Menschenwürde haben und deswegen geschützt werden müssen. Es gibt auch nicht-gläubige Menschen, die dieser Überzeugung sind. In Ihrem Fall ergibt sich Ihre Überzeugung aus ihrer anderen Überzeugung, dass es einen Gott gibt, und dass es diesen Gott auch noch interessiert, was wir so treiben. Vielleicht wären sie anderer Meinung, wenn sie diese zweite Überzeugung nicht hätten, vielleicht aber auch nicht. Nicht-gläubige Menschen können genausogut von etwas überzeugt sein, dass ich unsinnig finde, beispielsweise davon, dass Impfen zu Autismus führt oder Homopathie gegen Krankheiten hilft. Nur weil man *eine* Überzeugung (den Glauben) aus der Welt schafft, würde die Welt deswegen auch nicht rationaler werden. Auch was beispielsweise Kriege angeht, so würde vielleicht eine religiöse Rechtfertigung wegfallen, aber dann würden die Kriege eben wegen des Territoriums, der Bodenschätze oder sonst was geführt (was meiner Meinung nach soundso der wahre Grund für viele "Religions-"Kriege war und ist).
Was ich mit dieser ganzen Ausführung sagen möchte: Ich weigere mich, in Ihr "Feindbild" zu passen ;-)

Mehr zum Thema:
Es ist durchaus möglich, dass meine Wahrnehmung verschoben ist (Stichwort: confirmation bias), aber ich möchte trotzdem mal umgekehrt fragen:
Halten Sie es wirklich für möglich, dass ein Bischof in Kolumbien (oder sonst wo) Politikern, Richtern oder Polizisten mit Exkommunizierung droht, wenn sie sich mit Drogengeld bestechen lassen? Oder den Geschäftsleuten, die im mittlerweile als Nationalpark ausgewiesenen Teilen des brasilianischen Regenwalds weiter große Flächen roden?

Ich halte im Übrigen Aussagen wie "Wir wollen etwas gegen die negativen Folgen der Globalisierung tun, wir sind gegen Umweltverschmutzung, wir sind für soziale Gerechtigkeit, wir sind gegen die Anhäufung von Reichtum auf Kosten anderer etc. pp." fast *immer* für Public Relation-Dreck, und umso eher, je größer die Organisation ist, die das von sich gibt. Es ist so unglaublich Zeitgeist, sowas von sich zu geben. Amerikanische Mädels sagen das in Schönheitswettbewerben, wenn sie was über sich erzählen sollen, gute Güte.

Und was ich in meinem ursprünglichen Post nicht geschrieben hatte, bei der Verteilung der Pille danach ging es auch ganz explizit um die Ausgabe an Frauen, die vergewaltigt wurden, was offenbar gehäuft während der Karnevalszeit in Brasilien vorkommt. Wer auch diesen Frauen mit Exkommunizierung droht, und den Ärzten, die diesen Frauen helfen, auch durch die Abgabe der Pille danach, und gleichzeitig vom Schutz der Würde und Rechte der Frauen spricht, da sage ich auch weiterhin: Heuchelei.

Was Mutter Theresa angeht, hatte sie doch offenbar große Zweifel an ihrem Glauben, so dass sie vielleicht eher ein schlechtes Beispiel darstellt. Aber wie gesagt, ich bestreite überhaupt nicht, dass es Menschen gibt, die in ihrem Glauben die Motivation finden zu helfen. Aber gerade was die Verwendung von Spendengeldern durch die Kirche angeht, hätte ich auch wieder einiges zu kritisieren. Aus Sicht der Kirche ist es wahrscheinlich logisch, dass ein Teil auch zur Missionierung verwandt wird, aber ich würde sagen, dass jeder Euro, der in Missionierung und nicht in praktische Hilfe investiert wird, falsch verwendet wird. Wenn ich beispielsweise eine Umweltschutzorganisation unterstütze, dann soll die mit dem Geld gefälligst auch das Stück vom Regenwald kaufen (oder was auch immer) und das Geld nicht in die Mitgliederwerbung stecken.

Was katholische Hilfsorganisationen angeht: Wenn, wie Bischof Girotte offenbar nochmals bekräftigt hat, Verhütung tatsächlich eine Todsünde ist, wie kann dann ein Hilfswerk wie Misereor wirksam gegen AIDS vorgehen helfen, dass ja ein auch von Misereor anerkanntes schwerwiegendes Problem darstellt (Misereor ist sogar Mitglied des "Aktionsbündnis gegen AIDS")? Die Verteilung von Kondomen und die Aufklärung über ihren Nutzen ist eine der wirksamsten Maßnahmen gegen die Verbreitung von AIDS. Ich würde also eher einer säkularen Hilfsorganisation Geld spenden wollen als einer katholischen, da ich da sicher wäre, dass das Geld tatsächlich in eine wirksame Maßnahme investiert wird. Nicht, dass ich die Pflege von AIDS-Kranken nicht auch zu würdigen wüßte, aber die Verhinderung der Infektion halte ich für definitiv besser.

Ich glaube übrigens, dass auch Sie bezogen auf Verhütungsmittel wie Kondome eventuell nicht mit der "Partyline" der katholischen Kirche übereinstimmen, jedenfalls habe ich das aus einer Bemerkung, die sie in einer ihrer Kommentare gemacht haben, geschlossen (korrigieren Sie mich bitte, wenn ich da falsch liege). Wie rechtfertigen Sie das?

Mit freundlichen Grüßen,
JLT

Josef Bordat said...

Po8!

Sie sind über Mutter Theresa, ihren Lebenswandel im Allgemeinen und – scheint’s – im Besonderen sowie die Buchführung beim MdN-Orden respektive im Vatikan gut unterrichtet! CIA? SIS? Wikipedia?

Aber Sie haben ja Recht: Belege braucht’s da nicht! Immer drauf: Trifft schon die Richtigen!

Ne, is’ klar: Es ist katholisch = Es KANN definitionsgemäß nicht gut sein!

Worüber Sie die Menschen gleich auch noch aufklären sollten: Diese „scheinheilige“ Mutter Theresa hat nie (!) auch nur einen einzigen Menschen geheilt (Ich hab jedenfalls noch nie einen getroffen, der mir so etwas erzählt hätte! Ihnen etwa?!). Und: Mit dem Geld hat der Vatikan – gemäß Testament Mutter Theresas (!) – zum einen Al Quaida großzügig unterstützt (Warum wohl ist Rom bisher verschont geblieben, hä?!), zum anderen das Nobelpreis-Kommitee geschmiert, weil die publicity-geile Theresa unbedingt den Titel auf dem Briefkopf haben wollte! Könn’se mir ruhig glauben (ausnahmsweise mal)!

„Der Christ ist unser größter Feind! Hüte Dich vor dem Christen!“ Ja, ja. Da is’ was dran!

Wenn alle Menschen so bescheidene, wahrhaftige, rechtschaffende Weltverbesserer wären wie die alten, neuen und mittleren Atheisten, dann sähe es anders aus auf der Welt. Ganz bestimmt. Aber das wäre ja gefährlich: Am Ende verwechselt man die noch mit dem Atheismus!

Da bleibt mir als Trost nur Römer 3, 10: „Es gibt keinen, der gerecht ist.“ Außer Dawkins.

J. Bordat

Ach, wenn Sie mir noch einen Gefallen tun könnten: Hauen Sie mir doch bitte bei Gelegnheit Franz von Assisi schön in die Pfanne! Ab und zu hab' ich das Vergnügen mit diesen Bettelorden-Fieslingen, die in Berlin den Obdachlosen das Geld aus der Tasche ziehen. Gibt’s nicht beim Franziskus irgendwelche Sex-Skandale oder so? Statt Brot mal Böller gekauft? Irgendwas? Ihnen fällt bestimmt was ein! Im Zweifel einfach was erfinden: Is’ für ’nen guten Zweck!

Josef Bordat said...

Liebe JLT,
ich sehe gerade Ihren Beitrag - beim Überfliegen bin ich an einigen Stellen hängen geblieben:

1. "Feindbild" - Das schlimmste, was Ihnen von mir droht, ist, dass ich Sie als meine "Feindin" liebe... Aber soweit wird's wohl nicht kommen ;) Ich arbeite in einer interkonfessionellen Gemeinschaft mit, in der auch einige Atheisten aktiv sind und da gibt es selten Probleme. Was mich stört, das ist Undifferenziertheit und Plattheit. Und, wenn es nur darum geht, den anderen zu verletzen, nicht aber, gemeinsam irgendwie voran zu kommen. Aber bevor mir jemand wirklich dauerhaft zum Feind wird, muss er (oder sie!) mich schon sehr ärgern...

2. Mutter Theresa (abgesehen davon, dass sie wie alle anderen Christen eine ganz, ganz Schlimme war! - Wissen Sie, das ist es, was mich an einigen Beiträgen stört... - Sie haben Ihre Position, die ich nicht teile, aber vertreten Sie grundsätzlich anständig, ich hoffe, das gilt auch für mich) hat mal etwas sehr Schönes in Richtung Interreligiosität gesagt: "Wir müssen einen Hindu so erziehen, dass er ein guter Hindu wird und einen Moslem so, dass er ein guter Moslem wird." Oder so ähnlich. Finde ich erstaunlich.

3. Gutmenschen-Rhetorik: Ja, klar, Sie haben ja Recht. Früher waren’s die Delphine, heute „irgendwas mit Klimawandel“. Und wenn selbst die NPD sich unter dem Stichwort „Bewahrung der Heimat“ zur Umweltweltschutzpartei aufschwingt, stimmt wirklich was nicht. Aber ich kann jetzt hier nicht darstellen, wie ich mir die Kirche in LA vorstelle und welche Rolle da die Bischöfe spielen und überhaupt...

4. „Ich würde also eher einer säkularen Hilfsorganisation Geld spenden wollen als einer katholischen...“

Tun Sie das! Idealerweise arbeiten die vor Ort eh zusammen!

5. Wie rechtfertigen Sie das? (mein Abweichen vom Lehramt)
Puh... Ich kann Ihnen in der gebotenen Kürze hier und jetzt keine Antwort geben. Ich weiß nur, dass ich vieles nicht weiß. Unter anderem, an welchen Stellen die Kirche sich bewegen kann oder sollte oder sogar muss. Da bin ich hin und hergerissen. Dabei geht es nicht nur um Fragen der Sexualmoral, sondern u.a. auch um die Rolle der Frau. Es gibt da Bewegung. Und ich glaube, dass das nicht nur Scheindebatten sind.

Letztlich gibt es wieder nur eines, was im Zweifel zählt: das Gewissen. Es gibt Fälle, wo das luther’sche „Ich kann nicht anders!“ voll durchschlägt. Und ich glaube, dann ist man gerechtfertigt – vor Gott und den Menschen. Ich denke in letzter Zeit sehr viel über die Szene „Jesus und die Ehebrecherin“ nach: „Wer von Euch ohne Schuld ist usw.“ Das Gebot bleibt, aber es siegt die Barmherzigkeit. Und nach der Gnade wird wieder zurück auf das Gebot verwiesen („Sündige von nun an nicht mehr...“). Für Außenstehende vielleicht widersprüchlich, aber ich glaube, dass es in der Kirche so gehen könnte (und in der Praxis ja auch so geht...)

Herzlich, Ihr J. Bordat

Po8 said...

Sie sind über Mutter Theresa, ihren Lebenswandel im Allgemeinen und – scheint’s – im Besonderen sowie die Buchführung beim MdN-Orden respektive im Vatikan gut unterrichtet! CIA? SIS? Wikipedia?
Naja, offensichtlich bin ich besser über die Frau informiert als Sie.

Interessant finde ich v.a., dass speziell bei der albanischen Nonne, deren Hauptziel der Ausbau ihres Ordens und nicht das Wohl der "Ärmsten der Armen" war (obwohl von ihr ad nauseam behauptet), Katholiken einen Beißreflex entwickeln als ginge es um den heiligen Gral.

Wer sich selbst ein Bild machen möchte (und über ausreichend Englischkenntnisse verfügt) dem kann ich nur wärmstens dieses Buch empfehlen. Christen, speziell gute Katholiken, lesen sowas aber nicht, würde es doch zu einer Schieflage Bojaxhius Heiligenschein beitragen (ähnlich wie das "Wunder", das zur Seligsprechung nötig war, auf sehr zweifelhaftem Weg zustande kam).

Oder anders ausgedrückt: Welche großartige Leistung hat MT vollbracht, v.a. welche Leistung die über die der bestehenden indischen Hilfsorganisationen hinausgeht, die einen Friedensnobelpreis rechtfertigen. Darauf habe ich bislang noch keine vernünftige Antwort erhalten.

Btw, was der Franzl und die anderen Spießgesellen so von sich gaben, kann man hier raten.

Josef Bordat said...

Tolles Quiz!

Gibt’s auch von Atheisten aus dem 3. Jh. n. Chr. irgendwelche aus dem Zusammenhang gerissenen Zitate über Frauen? Vielleicht: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“

Würd’ mich nicht wundern!

Nacht, J.B.

Josef Bordat said...

So, da bin ich wieder. An manchen Tagen komme ich bei den vielen Ketzerfoltereien mit dem Unterdrücken meiner Frau nicht nach und die Zeit für antisemitische Hetze und das Planen des nächsten Kreuzzugs muss ich mir qua definitionem einfach nehmen! So viel Hass, so wenig Zeit!

Wenn ich Drescher richtig verstehe, muss ich als Christ ein für alle sichtbar böser Mensch werden, um das Klischee seiner Kirchenkritik zu erfüllen. Werde mir Mühe geben! Das Schild „Achtung, Christen!“ hält jedenfalls prima die Obdachlosen fern, die natürlich lieber auf Diät gehen als sich von Verbrechern durchziehen zu lassen.

Ach so, Mutter Theresa. Ja, ja, muss natürlich ein Dorn im Auge sein, klar. Sie war ein furchtbar schlechter Mensch, nur hat es keiner gemerkt! Und da geht’s natürlich jetzt ans Aufklären. Prima! Und ein sehr schönes Argument ist der perfide Ausbau des Ordens. Der widerspricht wirklich diametral den Interessen der Kundschaft! Ist ja auch für die Armen saublöd, wenn plötzlich überall auf der Welt Leute rumlaufen, die ihnen helfen! Da denken sich die Armen in Afrika doch glatt: "Warum sind die nicht in Indien geblieben?".

Da muss man erst mal drauf kommen.

Po8 said...

Wenn ich Drescher richtig verstehe, muss ich als Christ ein für alle sichtbar böser Mensch werden, um das Klischee seiner Kirchenkritik zu erfüllen. Werde mir Mühe geben! Das Schild „Achtung, Christen!“ hält jedenfalls prima die Obdachlosen fern, die natürlich lieber auf Diät gehen als sich von Verbrechern durchziehen zu lassen.

Zum einen heißt er Deschner und zum anderen unterstützt sein Zitat genau das, was Sie und JLT bereits ausführten, nämlich dass Menschen aller Konfession gutes tun können, dies aber nicht zwangsläufig bedeutet, dass die Konfession per se gut ist. Oder um es mit den Worten Steven Weinbergs zu sagen:
"Religion ist eine Beleidigung für die menschliche Würde. Mit oder ohne sie würden gute Menschen gutes tun und schlechte Menschen schlechtes. Aber damit gute Menschen schlechtes tun, dafür braucht es Religion."

Ach so, Mutter Theresa. Ja, ja, muss natürlich ein Dorn im Auge sein, klar. Sie war ein furchtbar schlechter Mensch, nur hat es keiner gemerkt! Und da geht’s natürlich jetzt ans Aufklären. Prima! Und ein sehr schönes Argument ist der perfide Ausbau des Ordens. Der widerspricht wirklich diametral den Interessen der Kundschaft! Ist ja auch für die Armen saublöd, wenn plötzlich überall auf der Welt Leute rumlaufen, die ihnen helfen! Da denken sich die Armen in Afrika doch glatt: "Warum sind die nicht in Indien geblieben?".

Ich war auch lange Zeit der Meinung, dass MT wenigstens eine Vertreterin der Catholica ist, die als Vorbild taugt. Doch auch hier, wie an vielen anderen Stellen der Kirchengeschichte, musste ich mich eines besseren belehren lassen. Ich verlange ja gar nicht, dass man mir glaubt, nur wäre ein Minimum an Recherche und eine Minimierung dieser billigen Polemik zur Klärung der Fakten durchaus hilfreich.

Deswegen noch mal meine Frage:
Was hat MT geleistet, das einen Friedensnobelpreis rechtfertigt?

Josef Bordat said...

Nachtrag.

Zu Ihrer Einstellung.
Sie finden meine Haltung falsch, argumentieren dagegen (hart und engagiert in der Sache), respektieren diese aber in letzter Konsequenz. Genau das ist die Einstellung, die Dialoge ermöglicht, genau so sollte es sein und genau damit versuche ich auch, an Nicht-/Andersgläubige heranzutreten. So könnten wir insgesamt weiterkommen.

Ich werde mich aber dennoch aus dem Diskurs hier im Internet zurückziehen, da nicht alle Menschen, die mit dem Glauben ihre (nachvollziehbaren) Schwierigkeiten haben, diese Dialogfähigkeit besitzen und mir die Zeit für Menschen in meiner „real life“-Umgebung wichtiger ist als mich mit Anonymi rumzuärgern, deren Religions- und Kirchenkritik einfach nur Religions- und Kirchenhass ist.

Glaubenszweifel.
Ich glaube, dass der, der keine Zweifel hat, das schlechteste Glaubenszeugnis gibt. Selbst Christus kannte dieses Gefühl der Gottverlassenheit, das viele Heilige als „dunkle Nacht“ beschrieben. Und: Christ ist nicht der, der ein „rk“ in seiner Steuerkarte stehen hat, sondern der, der sein Leben am Evangelium ausrichtet. Wer wie Gandhi bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Bergpredigt zitiert und im Geiste der Entfeindungsliebe Frieden stiftet, der hat alles verstanden. Ganz ohne Kirche.

Ihnen alles Gute,
Ihr
Josef Bordat
(Das KSG-Angebot bleibt freilich bestehen!)

Josef Bordat said...

Der "Nachtrag" richtet sich an JLT.
J.B.

Josef Bordat said...

Nachtrag II:

Liebe JLT, nur noch ein weiterer Nachtrag, denn ich bin die Beispiele aus LA schuldig geblieben, also die Beantwortung der Frage
„Halten Sie es wirklich für möglich, dass ein Bischof in Kolumbien (oder sonst wo) Politikern, Richtern oder Polizisten mit Exkommunizierung droht, wenn sie sich mit Drogengeld bestechen lassen? Oder den Geschäftsleuten, die im mittlerweile als Nationalpark ausgewiesenen Teilen des brasilianischen Regenwalds weiter große Flächen roden?“

- und LA ist mir eine Herzensangelegenheit.

Also, Antwort: Ja, grundsätzlich schon, wenn die entsprechenden Belege vorliegen (auf bloßen Verdacht hin sicher nicht). Sünde ist Sünde und die von Ihnen genannten Herrschaften vergehen sich an Leben und Schöpfung. Hier muss Kirche dagegenhalten! Unbedingt! Ich weiß aber nicht, ob Exkommunizierungsdrohungen a) das einzige und b) das geeignetste Mittel der Kirche im Kampf gegen Armut, Ungerechtigkeit, Umweltsünden etc. ist, denn nicht alle Gauner dieser Welt sind katholisch (und nur dann zieht ja eine solche Drohung). Und schließlich ist mir wichtig: Die Tür muss immer offen bleiben für Buße und Versöhnung. Wer seine Schuld erkennt und eingesteht und ehrlich bereut und wieder gut macht (so gut, wie es eben geht), kann mit Gott einen neuen Anfang machen. Auch dazu stellt Kirche Hilfe bereit: neben der Beichte als Sakrament noch viele andere Formen von Buße als Ergebnis von Gewissensreflexion (seelsorgerische Gespräche usw.).

Aber ich möchte Ihnen dazu auch eine Antwort aus der finsteren Zeit der Kolonialisierung geben, die meinem (frommen) Wunsch Nahrung gibt, weil sie eine Wirklichkeit beschreibt:

Der Dominikaner Antonio Montesino predigte am vierten Advent 1511 vor der in weihnachtlicher Gemütlichkeit versammelten Kolonialgesellschaft Hispaniolas (heute: Haiti und Dominikanische Republik), dass sich alle Conquistadores im „Stand der Todsünde“ befänden („...todos estáis en pecado mortal...“), da es für ihr Tun keine Rechtfertigung gebe („...Decid, ¿con qué derecho y con qué justicia tenéis en tan cruel y horrible servidumbre aquestos indios? ¿Con qué auctoridad habéis hecho tan detestables guerras a estas gentes que estaban en sus tierras mansas y pacíficas, donde tan infinitas dellas, con muerte y estragos nunca oidos habéis consumido?…“). Deutlich prangert er ihre rücksichtslose Habgier an („...¿Cómo los tenéis tan opresos y fatigados, sin dalles de comer ni curallos en sus enfermedades, en que, de los excesivos trabajos que les dais, incurren y se os mueren y por mejor decir, los matáis por sacar y adquirir oro cada día?...“) und stellt eine Frage, die erst Jahrzehnte später zugunsten der Indios beantwortet wird: „Sind sie keine Menschen? Haben sie nicht vernunftbegabte Seelen?“ („¿Éstos no son hombres? ¿No tienen ánimas racionales?”). Am darauffolgenden Sonntag bekräftigt Montesino seine Auffassung unter dem alttestamentlichen Leitmotiv aus Hiob 36, 3: „Ich rufe mein Wissen weit hinaus, wahrhaftig, meine Worte sind kein Trug.“ Eggensperger / Engel sprechen in diesem Zusammenhang übrigens von „Menschenrechtspredigt“. Und in der Tat: Es werden von den 30 Artikeln der UNO-Menschenrechtscharta v. 10.12.1948 die wesentlichen, vorderen Artikel in der Predigt angeschnitten (universale Menschenwürde, Recht auf Leben, Verbot der Sklaverei, Verbot der Folter oder unmenschlicher Behandlung).

Dann kommt Las Casas, Missionar und Bischof von Chiapas (Mexiko), dessen Lebenswerk es war, sich schützend vor „seine“ Indios zu stellen und gegen die Globalisierungseffekte seiner Zeit (16. Jh.) zu kämpfen. Der sagte u.a., Pizarro und seine 170 Mann (in Wahrheit waren es 167, aber egal) hätten im Zusammenhang mit der Verhaftung und Ermordung Atahualpas „schlimmste Todsünden“ begangen und seien daher „jeder einzelne für das Ganze verantwortlich“; ohne Wiedergutmachung erführen sie keine Rettung. Las Casas bestreitet ferner die Rechtmäßigkeit des Besitzes an Gold- und Silberminen in Peru seitens des Königs von Spanien oder eines anderen Spaniers. Der faktische Besitz sei „gegen den Willen der dortigen Inka-Könige, Herrscher und indianischen Privatleute“ zustande gekommen. Insoweit dürfen die Spanier „ohne Erlaubnis und freie Zustimmung des Inka-Königs oder seiner Erben keine Gold-, Silber-, Metall-, Edelstein- oder sonstige Mine besitzen oder sie jemand anderen weitergeben“ und müssen „das ganze Gold, Silber und sonstige Schätze“ , die sie aus den Minen gewonnen haben, zurückgeben. Ähnlich verhält es sich mit dem Raub geopferter Gegenstände aus sakralen Einrichtungen. Hier kann sich der Dieb nicht auf ein erloschenes Eigentumsverhältnis des Stifters zu dem fraglichen Gegenstand berufen, habe dieser doch in dem Glauben gehandelt, die Sache einer Gottheit zu schenken. Die Aufgabe des Eigentumsrechts erfolgte also mit Blick auf die Wirksamkeit der Opferung. Nun argumentierten viele Spanier damit, so Las Casas, dass die Indio-Götter „Götzen“ und Opferungen an sie mithin – im christlichen Selbstverständnis – wirkungslos gewesen seien. Ein „Eigentumsübergang“ konnte von daher gar nicht wirksam erfolgt sein. Zwar teilt Las Casas diese Auffassung grundsätzlich, doch folgert er daraus nicht, dass alle Tempel-Schätze herrenlose Güter sind und – gewissermaßen als Fundstücke – mitgenommen werden können. Denn die Indios wussten nicht, dass sie dem „falschen“ Gott geopfert hatten. Für sie, und das ist es, was nach Las Casas einzig zählt, war die Opferung eine vorsätzliche und aufrichtige, denn „[hätten] sie ihn [den „Götzen“] aber nicht für den wahren Gott gehalten [..], hätten sie ihm auch nicht geopfert“ . Auch erteilt er jener Position eine Absage, die feststellt, die Opfergaben gehörten der katholischen Kirche (als Institution), denn wenn sie von den Indios dem „wahren Gott“ geweiht seien, befänden sie sich in den katholischen Kirchen (als sakrale Räume) am richtigen Platz, vertritt diese hier auf Erden eben jenen „wahren Gott“. Darauf entgegnet Las Casas, dass man davon ausgehen müsse, die Indios wollten „ihren Göttern“ opfern und hätten für den Fall der Einsicht in den Irrtum ihres Vorhabens „nichts geopfert und nichts von ihrem Eigentum weggegeben“, so dass sie – unter Berücksichtigung des Standes vor der Opferung – „als Eigentümer jener kostbaren Gegenstände betrachtet werden [müssen]“. Usw. usf. Ich will nicht weiter langweilen. Mehr gäbe es im Zweifel unter: http://www.holy.or.at/count.php?id=801 (Hinweis: es öffnet sich eine pdf-Datei mit 0,7 MB Größe)

Nur eines noch: Ja, San Cristóbal de las Casas ist nach Las Casas benannt und ja, genau dort, in San Cristóbal de las Casas, fand 1994 ein dreitägiger Protest für die Rechte der indigenen Bevölkerung in Zeiten der Globalisierung statt, der auch ein Protest gegen die soeben gegründete WTO war. Es gibt einige, die diesen Protest als Beginn der globalisierungskritischen Bewegung ansehen.

Als Naturwissenschaftlerin wollen Sie aber sicher nicht nur historische oder darauf gründende programmatische „Aktivitäten“ der Befreiungstheologie aufgewiesen bekommen (obwohl sich für den Einstieg lohnt, Gustavo Gutiérrez’ „Theologie der Befreiung“ von 1973 zu lesen), sondern empirische Daten, die belegen, dass ranghohe kirchliche Würdenträger in LA persönlich Einsatz gegen soziale Ungerechtigkeit und Umweltzerstörung zeigten, und zwar in unseren Tagen.

Ich kann Ihnen jeweils ein mehr oder minder aktuelles Beispiel nennen:

1. soziale Ungerechtigkeit
Im Frühjahr 2002 sollte ein E-Werk in Arequipa (Peru) privatisiert werden. Ein belgisches Konsortium wollte sich den Versorger kaufen (pikant: die Frau des damaligen peruanischen Präsidenten Toledo ist Belgierin). Die Arbeiter protestierten. Viele Studenten schlossen sich an (ich war damals an der UNSA in Arequipa). Und da jeder Mensch Strom braucht, wurde der Protest rasch eine Massenbewegung. Die Demonstrationen und Kundgebungen verliefen erst friedlich, dann immer gewaltsamer. Die Nationalpolizei aus Lima kam und die Lage drohte zu eskalieren. Ausgangssperren wurde verhängt und ich dachte: Das war es jetzt. Die Wirtschaft macht ihr Geschäft, die Politik profitiert, das Volk blutet, Globalisierung at it’s worst, wie aus dem Attac-Handbuch. Doch dann schaltete sich der Bischof von Arequipa ein und moderierte Schlichtungsverhandlungen, die damit endeten, dass das Werk doch nicht verkauft wurde, Arbeitsplätze erhalten blieben und Strompreise einigermaßen konstant sind.

2. Umweltzerstörung
2005 protestierte der Bischof von Barra do Rio (Brasilien) gegen die ökologisch und auch sozial höchst problematische Umleitung des Flusses São Francisco (und bestimmt nicht nur, weil er Franziskaner ist...!). Nicht mit Drohungen, nicht mit diplomatischen Protestnoten, nicht mir „Public Relations Dreck“, sondern, indem er in den Hungerstreik trat. Präsident Lula da Silva hat das Projekt daraufhin (vorläufig) eingestellt.

Und, um gleich eine Frage vorweg zu beantworten: Unterstützung kommt vom Papst persönlich, vom letzten („In den Armen ist Christus in besonderer Weise gegenwärtig, was der Kirche eine vorrangige Option für sie auferlegt.“) und vom jetzigen: „Die bevorzugte Option für die Armen ist im christologischen Glauben implizit enthalten.“ – was auch immer Ratzi mit „christologischem Glauben“ meint... Manchmal bin ja auch ich überfragt! ;)

Also: „Alles Geschwätz?“ Nein, nicht alles. Es wird auch gehandelt, auch „ganz oben“ in der Hierarchie. „Einzelfälle!“ Mag sein. Aber eines kann mir keiner nehmen: die Hoffnung, dass es mehr werden.

In diesem Sinne: Erholsame freie Tage in der kommenden Woche!

Ihr
Josef Bordat