1 March 2008

Nochmal zu den Stammzellen...

Gerade bin ich auf ein Post gestoßen, in dem sich jemand mit einem christlichen Hintergrund mit der ethischen Stellung des Embryos befasst. Nun habe ich das Glück, an einem Institut beschäftigt zu sein, an dem jemand an einer Dissertation zum Thema Bioethik/Stammzellen arbeitet. Wie alle anderen auch, stellt diese Person regelmäßig entweder Artikel zu ihrem Thema oder ihre Arbeit im Rahmen der Institutsseminare vor, so dass ich ganz gut über die Debatte rund um Stammzellen informiert bin.

Vor etwa zwei Wochen war es erneut soweit, und mir wurde plötzlich klar, warum ich mit dem Nachvollziehen der Position von Stammzellgegner so meine Probleme habe. Die Doktorandin beschrieb ihre Probleme mit der Darstellung der Position von Gegnern der Stammzellforschung. Offenbar muss man in einer philosophischen Dissertation die Argumentation der verschiedenen Positionen nachvollziehen, also auch die "Logik" dahinter aufdecken. Sie konnte aber leider keine Logik in deren Argumentation entdecken. Soll heißen, das zugrunde liegende Argument ist eigentlich keins, sondern eine Feststellung, mit der man entweder übereinstimmt, oder eben nicht – es gibt keine "echte" Argumentation.
Diese Grundannahme ist, dass menschliches Leben eine Sonderstellung einnimmt und immer und und unter allen Umständen schützenswert ist.


Dazu muss man wissen, dass Moralphilosophen zwischen dem Leben (der puren Existenz) und der Person unterscheiden. Eine Person hat ein Bewusstsein und Leidensfähigkeit, menschliche Zellen dagegen leben zwar, haben aber kein Bewusstsein und keine Leidensfähigkeit, sind also keine Person. Diese Unterscheidung erscheint zunächst mal trivial, hat aber für die Ethikdebatte eine große Bedeutung.
Was die ethische Verpflichtung zum Schutz der Person angeht, kann man ganz einfach sagen: Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg auch keinem anderen zu. Kein Mensch will (unnötig) leiden (liebe Philosophen, falls sich Euch gerade die Fussnägel ob meiner Formulierung aufrollen – habt Nachsicht).

Warum aber soll menschliches Leben "an sich" schützenswert sein? Welches Argument gibt es dafür?

Und weiter (auch wenn das zunächst mal nichts mit der Stammzelldebatte zu tun hat), warum ist menschliches Leben/die menschliche Person schützenswerter als beispielsweise das Leben anderer Primaten, die ja bekanntermaßen sowohl ein Bewusstsein haben als auch leidensfähig sind?

Warum beispielsweise ist es nicht erlaubt, an Menschen im Koma, die ohne Bewusstsein sind und dies auch nicht wieder erlangen werden, medizinische Experimente durchzuführen (beispielsweise zur Sicherheit von Medikamenten vor der Zulassung), aber an Primaten ist es erlaubt, obwohl Experimente am Menschen den größeren Nutzen brächten (da direkt übertragbar) und Menschen im Koma, anders als Primaten, nicht leidensfähig sind?

Ich möchte gar nicht unbedingt dafür plädieren, jetzt nur noch an komatösen Menschen zu experimentieren, aber die Frage nach der Rechtfertigung für den Schutz menschlichen Lebens als Selbstzweck halte ich für eine sehr gute und eine, die für die Verwendung von Embryonen zur Gewinnung von Stammzellen direkt Relevanz hat.

Es ist eindeutig, dass der Embryo weder ein Bewusstsein hat, noch leiden kann. Eine ethische Verpflichtung zum Schutz der Person greift hier jedenfalls nicht.

Aus dem oben erwähntem Post:
Singers Engagement für den Tierschutz in Ehren (darum geht es ihm nach eigenem Bekunden mit dem Postulat der Gleichwertigkeit menschlichen und tierischen Lebens), doch hier übersieht [?] er die Folgen seiner engagierten Argumentation. Freilich will kein/e Tierschutzaktivist/in den Tod von Menschen, sie/er will ja gerade das Leben in all seinen Formen gleichermaßen geschützt wissen, doch führt die Argumentation, deren Basis prima facie die Gleichwertigkeit von Tier und Mensch ist, nicht nur zu einer Aufwertung des Tiers (das ist erwünscht), sondern zugleich auch zu einer Abwertung des Menschen (das ist nicht erwünscht), zumindest aber zu einer Relativierung der herausgehobenen Stellung des Menschen („Krone der Schöpfung“ – Singer hält das Sonderstellungspostulat für „Speziezismus“[9]). Diese Relativierung macht es leichter, über menschliches Leben zu verhandeln, da diesem die absolute Würde genommen und statt dessen ein relativer Wert beigemessen wird – als Ergebnis utilitaristischer Erwägungen zu Lebensinteressen.
Das "Nicht-Argument" schimmert in dem Ausschnitt durch: Der Mensch als "Krone der Schöpfung", seine "herausgehobene Stellung" soll den besonderen Schutz begründen.

Aber warum sollte der Mensch eine herausgehobene Stellung haben?

Nun bin auch ich "Spezizist" (wie "Rassist", aber auf die eigene Art bezogen, nicht auf eine tatsächliche oder eingebildete Rasse). Wenn ich die Wahl hätte, entweder einen Menschen (Person) oder ein Tier mit Bewusstsein und Leidensfähigkeit leiden zu lassen, würde ich das Tier wählen, auch wenn ich dafür meiner Meinung nach keine ethische Rechtfertigung habe. Bei dem oben angeführten Beispiel (komatöser Mensch vs. Primat) wird die Entscheidung für mich schon schwieriger.*

Die Schwierigkeit bei der Betrachtungsweise, das Personen schützenwert sind, es aber keine Sonderstellung menschlichen Lebens an sich gibt, also die Verhinderung von Leiden über den Schutz menschlichen Lebens als Selbstzweck gestellt werden muss, ist die Festmachung einer Grenze. Wo beginnt und wo endet eine Person?

Tatsächlich haben wir ja eine dieser Grenzen schon gezogen: Der Hirntod ist das Ende der menschlichen Person. Auch wenn der Körper noch eine Weile weiterleben könnte, dürfen die lebenserhaltenden Maschinen abgestellt werden, dürfen lebenswichtige Organe entnommen werden. Es ist also nicht unmöglich, eine Grenze zu ziehen, auch wenn sie natürlich immer eine "künstliche" ist. Auch bei den Regelungen zur Abtreibung wird in gewisser Weise eine solche Grenze gezogen.
Biologisch betrachtet, bildet sich ab der 8. Schwangerschaftswoche (nach Befruchtung) ein neurologisches Netzwerk und erst nach etwa 6 Monaten Schwangerschaft ist Gehirntätigkeit mittels EEG messbar.
Wie und wo man auch immer eine Grenze ziehen will, klar ist jedenfalls, dass ohne ein neurologisches Netzwerk weder ein Bewusstsein noch Leidensfähigkeit möglich ist. Wenigstens die ersten zwei Monate nach der Befruchtung ist ein Embryo keine Person.

Das akzeptieren in der Regel auch Gegner der Stammzellforschung (und Abtreibung), was sie aber nicht davon abhält, das im nächsten Satz wieder über Bord zu werfen und den Embryo trotzdem wie eine Person zu behandeln.
Gerade die Genforschung, die Nachweis erbrachte, dass bereits zum Zeitpunkt der Zeugung das gesamte Genmaterial vorliegt und sich dieses danach lediglich phänotypisch entfaltet, gibt der Kirche in einer ihrer uralten Vermutungen Recht: Der Mensch/die Person ist von Beginn an in potentia angelegt.
Daher sollten wir das menschliche Lebewesen von Anfang an zuerst und vor allem als eine „potentielle Person“ betrachten, die im moraltheoretischen Kontext wie eine Person zu behandeln ist. Also steht die Tatsache, dass das Leben der embryonalen Person beendet wird, gegen die vage Hoffnung, aus dieser Tötung medizinischen Nutzen zu ziehen, um künftig anderen Personen ihr Leben zu erhalten oder zu verbessern.
Dabei ist dies – jedenfalls meiner Meinung nach, gerade das, was es zu belegen gilt. Wieso sollte eine "potentielle Person" im "moraltheoretischen Kontext wie eine Person zu behandeln" sein, wenn doch der Grund für den Schutz der Person ihre Fähigkeit zu leiden ist und ein Embryo eben nicht leidet?
Ich jedenfalls erkenne nicht an, dass "potenzielle Person" das Gleiche ist wie "Person". Die Frage, ob oder unter welchen Umständen man eine reale Person töten darf, um andere Personen zu retten, ist meiner Meinung nach eine ganz andere!

Außerdem kommt bei der Frage nach der Verwendung von Embryonen für die Stammzellforschung noch hinzu, dass die Embryonen, um die es da geht, gar nicht das Potential haben, eine Person zu werden. In der Gebärmutter haben sie das Potential, ja, aber nicht in einer Petrischale. Da endet ihr tatsächliches Potential zur Entwicklung mit dem Erreichen des Blastozystenstadiums.

Und auch das ist den meisten Menschen (eigentlich) klar: Das Denkexperiment, das ich auch schon in meinem vorangegangen Post zur Stammzelldebatte erwähnt habe, macht das deutlich. Wenn es in einem Labor brennen würde und man hätte die Wahl, ein Kind zu retten oder eine Petrischale mit 100 Embryonen, dann würde der bei weitem überwiegende Teil der Menschen das Kind retten. Und ich würde mal behaupten, die wenigstens Menschen hätten deswegen hinterher Gewissensbisse.

Das zeigt für mich, dass es sich bei der Frage nicht um ein moralisches Dilemma à la Utilitarismus handelt (darf man einen Menschen töten, um viele zu retten?**).

Auch hier fand ich das Post (das meiner Meinung nach viel vom dem wiedergibt, was andere Gegner der Stammzellforschung weniger ausformuliert auch so denken) seltsam unentschlossen:
Das Problem liegt mithin im Vergleich des aktualen Status eines Embryos (als potentiellem Todesopfer der Stammzellforschung) mit dem aktualen Status eines Kranken (als potentiellem Nutznießer der Stammzellforschung) bei gleichzeitiger Ausblendung des potentiellen Vermögens, das menschliches Leben von der Empfängnis an in sich trägt. Abgesehen davon, dass Leben-gegen-Leben-Dilemmata eine ganz eigene Problemstellung mit sich führen, die gesinnungsethisch (Kirche) oder deontologisch (Kant) Unterlassungen gegenüber Handlungen grundsätzlich favorisiert, ist hier selbst bei Einlassung auf das konsequentialistischen Argument die Sache eindeutig: der Tod des Embryos ist sicher, der Forschungserfolg nicht.
Einerseits scheint der Autor ja anzuerkennen, dass es kein "echtes" Leben gegen Leben Dilemma ist, er behandelt es aber trotzdem so, bzw. er behandelt es gar als eine Leben gegen "vielleicht Leben" Problemstellung und später behauptet er auch noch:
Es geht aber offenbar um die „bequemere und kostengünstigere Alternative für die Forschung“. Und die sollte keinen Grund liefern, menschliches Leben potentieller Personen zu töten.
Damit wären wir dann bei der Aufstellung von Strohmännern angekommen.
Als gäbe es diese Diskussion, wenn es nur um die Bequemlichkeit von Wissenschaftlern ginge!

WeiterGen hat den Artikel dazu schon kurz erwähnt, gerade haben Forscher aus menschlichen embryonalen Stammzellen Insulin-produzierende Zellen gezüchtet und diese zuckerkranken Mäusen eingepflanzt. Der Insulinmangel der Mäuse konnte damit erfolgreich ausgeglichen werden. In keinem anderen Bereich (ob nun mit adulten Stammzellen oder "rückprogrammierten" Zellen) ist die Forschung auch nur annähernd so weit und es ist keineswegs sicher, dass sie mal so weit kommen wird. Ziemlich sicher ist hingegen, dass es ohne Vergleich zu "echten" embryonalen Stammzellen auf jeden Fall sehr viel länger dauern wird, mit Zellen aus anderen Quellen dahin zu kommen, wo man mit der embryonalen Stammzellforschung jetzt schon ist.

Nein, so einfach kommen die Gegner der Stammzellforschung da nicht raus:

Wer Stammzellforschung unterbinden will, der nimmt Menschen die Aussicht auf Heilung, indem sie entweder in (noch) weitere Ferne rückt oder sie gar ganz unmöglich gemacht wird. Ich finde, um das zu rechtfertigen, muss man wenigstens eindeutig begründen, warum ein menschlicher Embryo denn nun besonders schützenswert sein soll.

MfG,
JLT



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* Bedenkenswert ist auch, dass beispielsweise neue Medikamente, wenn sie zum ersten Mal am Menschen getestet werden (Phase I Studie), zunächst einer sehr kleinen Gruppe gesunder Probanden gegeben werden, die für ihre Teilnahme Geld erhalten. Zwar versucht man, das Risiko so gering wie möglich zu halten, Komplikationen und gesundheitliche Schäden sind aber nie ganz auszuschließen – Ergebnisse aus Tierversuchen sind nicht immer eins zu eins auf den Menschen übertragbar.
Ein Beispiel war im vorletzten Jahr der Test eines Antikörperpräparates, mit dem man hoffte, Multiple Sklerose und andere Autoimmunerkrankungen behandeln zu können. Alle sechs Probanden hatte sehr schwere bis lebensbedrohende Komplikationen, die so im Tierversuch nicht aufgetreten waren.
Der "Nutzen", würde man solche Sicherheitsüberprüfungen neuer Medikamente an endgültig komatösen Menschen durchführen, wäre also ein doppelter: Verminderung von Leiden der Primaten und Verringerung des Risikos für Menschen/Personen. [zurück]

** Für sehr "schöne" moralische Dilemmata dieser Art schaue man sich Marc Hausers "Moral sense test" an [english]; oder diesen deutschen Artikel aus dem Spiegel [.pdf]. Auch sehr interessant ist ein Artikel in Nature, an dem Hauser mitgewirkt hat, "Damage to the prefrontal cortex increases utilitarian moral judgements" [Koenigs et al. (2007). Nature 446, 908-911; nicht frei erhältlich. Eine Zusammenfassung kann man sich hier anschauen]. [zurück]

3 Kommentare:

Josef Bordat said...

So, jetzt habe ich ein Problem: Würde ich mit der gebotenen Sorgfalt auf Ihren Beitrag eingehen wollen, kostete mich dies mindestens zwei Arbeitstage. Ich werde deshalb hier einige Dinge nur anreißen und kursorisch abhandeln – auch auf die Gefahr hin, ungenau zu werden.

Eine weitere Vorbemerkung: An einigen Stellen würde ich gerne Hinweise auf einschlägige Texte von mir geben. Ich möchte aber Ihre Seite nicht als Werbeplattform missbrauchen. Bitte entscheiden Sie selbst, ob Sie die Verweise aus der „Linksammlung“ einbinden wollen. Da ich außerdem nicht weiß, inwieweit Hinweise auf Texte mit christlichem Inhalt hier erwünscht sind, setze ich keine entsprechenden Links. Auch hier wollen Sie bitte selbst entscheiden, ob und inwieweit sie auf Texte hinweisen.

Wer Interesse hat, kann ja mal in frei zugänglichen Suchmaschinen meinen Namen eingeben und erhält sicher den ein oder andern Hinweis, oder, wer mag, kann ja ein wenig in meinem von Ihnen schon zitierten Blog stöbern, das auch einschlägige Kategorien enthält (etwa zur christlichen Anthropologie).

Liebe JLT,

zunächst mal vielen Dank für die Beschäftigung mit meinem Beitrag, auch wenn Sie zu anderen Ergebnissen kommen – oder gerade deshalb!

Nur fünf Punkte, die mir wichtig sind.

1.) Zur methodologischen Frage der Argumentation/Logik:

Ja, meine Position basiert letztlich auf einer Feststellung (Der Mensch ist [potentielle] Person von Beginn an und muss entsprechend behandelt werden.), die ihre Wurzeln im christlichen Glauben an das Gott-Mensch-Verhältnis hat (man müsste jetzt schöpfungstheologische Grundannahmen und ihre Begründetheit darlegen – das spare ich mir, da ich annehme, dass die darin enthalten Argumente in unserem „Gespräch“ als nicht zulässig gelten dürften). Nur ein Zitat von Karl Kardinal Lehmann, der in einem Interview mit der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung vom 22. Januar 2008 die Position der katholischen Kirche wie folgt umriss: „Wir lehnen eine Forschung mit embryonalen Stammzellen ab. Es geht nicht um den Stichtag, sondern um die Voraussetzungen dafür. Die entsprechenden embryonalen Stammzellen kann man nur erhalten, wenn ein Embryo getötet wird. Da die katholische Kirche, aber nicht nur wir, sondern viele Wissenschaftler und auch Ethiker, nach der Vereinigung von Ei- und Samenzelle im Embryo ein Menschenwesen erblicken, dem Menschenwürde und Lebensrecht zukommen, sehen wir keine Grundlage, moralische und rechtliche Abstufungen dieses Lebensschutzes durchzuführen. Darum haben wir auch 2002 bei der ersten Festlegung eines Stichtages nicht zugestimmt. Hier kommt es auf Klarheit an von Anfang an.“ Dem kann ich zustimmen.

Sie sprechen nun davon, dass es die potentielle Personalität des Embryo „zu belegen“ gelte. Nun, wenn Sie mit Person einen leidensfähigen Organismus meinen und der Organismus im embryonalen Stadium nach allem, was wir wissen, nicht leidensfähig ist, dann handelt es sich nicht um eine Person und wir sind das Problem los. Wenn ich mit Person eine Entität meine, die alles, was es braucht, ein Mensch zu werden, besitzt und wenn ich weiter davon ausgehe, dass jeder Mensch und jede Person von Gott gewollt ist, dann handelt es sich beim Embryo eben doch um eine Person, die – um Gottes und des Menschen Willen – schützenswert ist. Das kann ich nicht „belegen“. Aber können Sie mir zweifelsfrei beweisen, dass nur Person sein kann, was leidensfähig ist? Und ist dann umgekehrt alles, was leidensfähig ist, eine Person? Wie klären Sie da die Grenzen so, dass sie unmittelbar einsichtig werden?

Sie haben mit dem, was Sie sagen, Recht, wenn Sie meinen, dass „der Grund für den Schutz der Person ihre Fähigkeit zu leiden ist“ – ja, wenn das der Grund wäre, halte ich Ihnen entgegen! Es ist aber nicht der Grund, nicht aus der Sicht der Kirche, auch nicht aus der Sicht des Würdebegriffs im Grundgesetz und auch nicht in der einschlägigen Rechtsprechung. Dazu ein Zitat, das dies verdeutlicht: „Der menschliche Embryo ist Träger der Menschenwürde und hat daher Anspruch auf staatlichen Schutz.“ (aus der Stellungnahme von Rainer Beckmann, Richter am Amtsgericht Kitzingen, bei der Anhörung des Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung zum Thema Stammzellforschung am 9. Mai 2007).

Andernfalls handelten wir uns eine Reihe von schwerwiegenden Problemen ein. Wenn wir nur einen Menschen als Person begreifen, der hier und jetzt leidensfähig ist, würden schon kleinere Ohnmachtsanfälle den betreffenden Menschen seiner Personalität und damit seiner Personenwürde berauben – mit allem, was dazu gehört.

Unterstellt aber, Sie hätten Recht: Ich kann meine Position nicht begründen, zumindest nicht so, dass Sie mir folgen müssten, wenn Sie denn schwerwiegende logische Inkonsistenzen zu vermeiden suchten. Und unterstellt, ich hätte Recht mit der Annahme, die Aussage: „Ein zehn Wochen alter Fötus ist eine schützenswerte Person.“ ist logisch so konsistent wie die Aussage: „Ein zehn Wochen alter Fötus ist keine schützenswerte Person.“

Die Frage ist jetzt: Geht es eigentlich um das Thema Argumentation/Logik? In der Ethik sicherlich. Da sollte Handeln nicht nur als gut erkannt und beschrieben, sondern dahinterliegende Handlungsstrategien als richtig und vernünftig ausgezeichnet werden.[1]

Aber: Wie begründen wir Normen? Was heißt das: Eine Norm ist „vernünftig“? Was mich übrigens sehr irritiert, das ist die Tatsache, dass Naturwissenschaftler, die die Position vertreten, in allen Fragen das Deutungsmonopol besitzen zu sollen, weil sie vorgeblich allein eine nachvollziehbare Methodik anwenden, offenbar nicht einsehen (wollen), dass auch ihrer empirisch-deskriptive Methodik normative Urteile im Rücken liegen, ohne die Wissenschaft überhaupt nicht beginnen kann. Man ist doch als naturwissenschaftlicher Laie immer wieder überrascht, dass es Physiker gibt, die für Atomkraft sind und solche, die dagegen sind. Woher kommen solche Urteile? Ich glaube, wir kommen im Diskurs beim regressus ad infinitum irgendwann an den Punkt, dass wir Glaubensentscheidungen treffen müssen, für oder gegen Gott, für oder gegen eine Grundannahme.[2] Das könnte man mit Habermas „Erkenntnisinteresse“ nennen. Dieses offen zu legen, scheint mir wichtig zu sein.

Doch ich lasse mich jetzt mal weiter darauf ein und gebe Ihnen als Naturwissenschaftlerin das Vernunftmonopol[3] – auch in dieser Frage. Ich als religiöser Mensch bin dumm und gefühlsgeleitet. Dann stellt sich die Frage: Muss man in der Gesellschaft auf dumme Menschen wie mich Rücksicht nehmen, die einem logisch absolut konsistenten Argument ihre Gefolgschaft verweigern, weil sie die Meinung (es sei ruhig bloß: das Gefühl) haben, sie hätten ein Argument, das logisch ebenfalls absolut konsistent ist? Und weiter: Wenn die Dummen in der Mehrheit sind: Muss man den Gefühlen der Mehrheit nachgeben, obwohl man es ja besser weiß? Das betrifft auch andere „Irrationalitäten“ (Kernenergie, Gentechnik etc.) und bringt uns insoweit etwas aus dem Thema. Ich denke aber, dass es durchaus interessant ist zu fragen, was die bessere Staatsform ist: Demokratie oder Expertokratie.

2.) Zur Hauptfrage menschlichen Lebens und zur Gleichwertigkeit von Tier, Mensch, Person sowie zum „Speziezismus“:

Es gibt in der Philosophie, insbesondere in der philosophischen Anthropologie und der Existenzphilosophie eine ganze Menge von Versuchen, dem Phänomen des Menschlichen durch Ein- und Unterteilungen näher zu kommen; auf metaphysischer Ebene wird schon mal zwischen Dasein und Existenz (Jaspers) unterschieden, auf intentionalistischer unterscheiden einige zwischen Mensch und Person (Singer, Frankfurt). Neuerdings taucht auch die von Ihnen erwähnte Unterscheidung von „human life“ und „human being“ auf (H. Dreier).

Man handelt sich freilich damit das Problem der Grenzsetzung ein und die Frage, welches dieser Daseinskonfigurationen in welcher Weise schützenswert sein soll. Soweit waren wir schon.

Zugegeben, die katholische Kirche, die ich mal – unautorisiert – vertreten will, macht es sich da sehr einfach: Alles Leben kommt von Gott und gilt von „Beginn an“ als unbedingt schützenswert. Dazu passt ein Zitat von Axel W. Bauer, Professor für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin an der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg: „Die Würde des Menschen darf nicht dadurch angetastet werden, dass das jeweils schützenswerte menschliche Leben nach den aktuellen Erfordernissen der Biowissenschaften fortlaufend neu definiert wird.“ (im Rheinischen Merkur) Genau das beschreibt die Befürchtung vieler Menschen: Wir bestimmen uns selbst, über das gottgewollte Maß an Selbstbestimmung hinaus.

Sie selbst sprechen davon: „Wie und wo man auch immer eine Grenze ziehen will....“ Es ist dieses „will“, das mir Sorgen bereitet. Denn wer sagt denn, dass nicht irgendwann der Beginn der Hirntätigkeit (Sie sprechen vom 6. Schwangerschaftsmonat) oder die Vollendung der Geburt oder der Beginn der Krabbelfähigkeit oder das erste gesprochene Wort die Grenze bestimmt. Sie werden sagen. Aber das will doch niemand! Klar, ich glaube das auch nicht, aber ich muss dann doch den vielzitierten Peter Singer ernst nehmen – vielleicht ernster, als ihm lieb ist – und die schiefe Ebene, die er selbst aufbaut als etwas betrachten, wo Menschenwürde arg ins rutschen kommt. Wenn er vorschlägt, dass man über die Existenz etwaiger behinderter Kinder ja noch mal in aller Ruhe und mit ärztlichem Rat nachdenken dürfen sollte, um dann die verpasste Abtreibung doch noch zu vollziehen, gerade weil ein Baby für ihn keine „Person“ sein kann, weil es keine Interessen hat, dann bin ich doch sehr beunruhigt.[4] Und ich frage mich mit M. Böhmer, wie das Problem der Grenzziehung, des Personstatus’ des Menschen in seinen Lebensphasen und die interessengeleitete Abwägungspraxis des Würdebegriff zusammengehören.[5]

Sie haben wieder Recht: Ich komme etwas vom Thema ab.

Um es zusammenzufassen und schon den Grund der Differenz in der Frage menschlichen Lebens anzudeuten: Wir als Christen nehmen Dinge ernst, die für jemanden, der die Prämisse nicht teilt, der nicht an Gott glaubt, unmöglich ernst genommen werden können. (Nota bene: Warum Frau Schavan meint, sie könne die Verschiebung des Stichtags auch als katholische Theologin verantworten, ist mir völlig unverständlich.) Die- oder derjenige muss dann aber, um die Menschenwürde nicht der Tagespolitik zuzuweisen, andere Begründungen finden, die auch in sich widersprüchlich sind bzw. höchst problematische Implikationen aufweisen. Daraus ergeben sich zum einen Probleme mit der mangelnden argumentativen Leistungsfähigkeit, die sich zwangsläufig einstellt, wenn die Grundannahmen verschieden sind, zum anderen Probleme mit der Akzeptanz und der Sorge um den Begriff der Menschenwürde schlechthin. Ich glaube, aus diesem Dilemma kommen wir nicht heraus.

Was die Frage des Tier-Mensch-Verhältnisses betrifft (Krone der Schöpfung vs. Speziezismus-Vorwurf), klingt das holistische Lebensschutzprinzip, das ja nicht erst Singer eingeführt hat, sondern das ein uraltes Konstitut vieler Naturreligionen und des Buddhismus ist („Achtsamkeit“), zunächst sehr schön. Es passt auch gut in die Zeit des Klimawandels und der ökologischen Debatten. Allerdings kann das alles nicht darüber hinwegtäuschen, dass es uns schwer fällt, in konkreten Fällen die angeblich nur graduellen und nicht prinzipiellen Unterschiede zwischen Tier und Mensch bis zur letzten Konsequenz durchzuhalten. Auch Sie sagen ja, dass sie eher ein Tier opfern würden als einen Menschen. Sie heben de facto den Menschen heraus, ohne das Wort von der „Krone“ in den Mund zu nehmen. Was ist es dann, das Sie davon abhält, ernsthaft Mensch gegen Tier abzuwägen? Eine Intuition? Ihr Gewissen? Man müsste dann weiter fragen: Was ist das? Eine Instanz, die sich im Laufe der Evolution aus Materie gebildet hat, die dem Menschen qua natura zukommt? Oder: Die innere Stimme Gottes? Und: Widersprechen sich die beiden Positionen? (Nota bene: Thomas von Aquin spricht ziemlich oft von der natura humana, setzt darin gleichwohl die Einwirkung Gottes voraus. Ich habe mal versucht, theologische, Thomas von Aquins Betrachtung der natura humana, die Freiheit, Glück und „das Gute“ harmonisiert, psychologische, Leon Festingers Begriff der kognitiven Dissonanz, philosophische, Harry Frankfurts Volationen erster und zweiter Ordnung, die den Unterschied zwischen Neigung und Willen markieren und neurobiologische Erkenntnisse zur Ethik, aktive Beendigung von Mitleid durch „gutes“ Handeln, Belohnungsreaktion nach überwundenem Mitleidsgefühl, Tanja Singer, miteinander in Verbindung zu bringen. Das kann gelingen, und es öffnet Perspektiven, die der einzelwissenschaftlichen Betrachtung verschlossen sind. Bei Interesse kann ich Ihnen den Text gerne zuschicken.).

3.) Zur Frage der Anwendbarkeit und Formulierung der Goldenen Regel

Die Goldene Regel vermag mit ihren positiven und negativen Formulierungen zwei Grundaspekte jeder Ethik zu erfassen: Wird in der positiven Form der Goldenen Regel („Verhalte dich dem Anderen gegenüber so, wie du willst, dass er sich dir gegenüber verhält.“) kontextualistisches Wohlwollen gefordert, verweist die von Ihnen zitierte negative Fassung („Was Du nicht willst, dass man dir tu’, das füg auch keinem andern zu.“) auf die kontraktualistisch zu definierenden Grenzen der Eingriffsmöglichkeit in die Sphäre des autonomen Anderen, orientiert am Begriff der Gerechtigkeit. Ich weiß allerdings nicht, inwieweit die Goldene Regel hier nicht mit Vorsicht zu genießen ist, da sie (zumindest in dieser negativen Formulierung) Reziprozität unterstellt, die ja nicht gegeben ist (Storch-Fuchs-Problem). „Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg auch keinem anderen zu.“ ist indikativisch und kann im Verhältnis vorgeburtlicher Embryo-erwachsener Mensch (gerade wenn man den Unterschied hinsichtlich der Personalität machen will) nicht angewandt werden. Dann schon eher die hypothetische Konjunktivform: „Ich will, dass das mit dem Anderen geschieht, was ich wollen würde, so ich denn an der Stelle des Anderen wäre (mit all seinen Qualitäten).“[6]

Interessant ist, dass dieser Einfühlungsakt bei den Befürwortern der Forschung mit embryonalen Stammzellen offenbar eine Rolle spielt, denn genau so läuft deren konsequentialistische Argumentation: Hätte der Zellhaufen Interessen/Wünsche, würde er sich opfern wollen. Es scheint also doch wichtig zu sein, zumindest Versuchsweise die Position eines Zellhaufens einzunehmen. Ich finde das bemerkenswert, mal abgesehen davon, ob man einer Person im embryonalen Stadium dadurch gerecht wird.

4.) Zur Frage, ob es sich bei der Wirtschaftlichkeit um ein Argument im Diskurs oder um ein von mir erfundenes Scheinargument handelt

Zu Beginn ein Zitat von Gebhard Fürst, Bischof von Rottenburg-Stuttgart, Mitglied des Deutschen Ethikrats: „Die Katholische Kirche verteidigt mit der Forderung nach unbedingtem Lebensschutz für embryonale Menschen nicht einen nostalgischen Lebensbegriff, sondern eines der moralischen Grundprinzipien der Aufklärung und sieht mit Sorge, dass gerade in vorgeblich modernen und aufgeklärten Gesellschaften diese Prinzipien zugunsten ökonomischer Nutzenkalküle fraglich und disponibel werden.“

Wäre das Kostenargument das einzige, gäbe es diesen dramatischen Streit wohl nicht, soweit kann ich Ihnen folgen. Und ich denke auch, dass die überwiegende Zahl an Wissenschaftlern und Medizinern helfen und heilen will und diese Sendung besser und schneller mit embryonalen Stammzellen erfüllbar sieht als mit adulten. Ich muss bekennen: Ich weiß nicht, was es kostet, eine embryonale Stammzelle zu gewinnen und zu beforschen, im Verhältnis zu den Kosten desselben Vorgangs mit einer adulten Stammzelle. Ich verstehe auch nichts vom Unterschied zwischen beiden Stammzellarten im Hinblick auf Krebsgefahr etc. Ich muss mich als Laie an das halten, was Experten der Öffentlichkeit mitteilen. In diesem Zusammenhang fand ich folgende Aussage: „Es ist aus meiner Sicht als Biologe nicht nur ein Durchbruch, es ist es sogar eine Sensation. Zum ersten Mal können Forscher die Zeitachse der Entwicklung in der Zellkultur umkehren: Aus einer Körperzelle wird eine Zelle wie im frühen Embryo – eine pluripotente Stammzelle. Auch wenn die verjüngten, reprogrammierten Zellen noch nicht perfekt sind, geht die Tragweite dieser Entdeckung aus meiner Sicht sogar noch über die der Schaffung von Dolly hinaus.“ (Prof. Dr. Hans Schöler, Direktor am Max-Planck-Institut für molekulare Biomedizin in Münster).

Sie sagen in Ihrer Stellungnahme so ziemlich das Gegenteil bzw. weisen auf nötige Vergleiche hin. Was heißt das jetzt? Woher rührt die Differenz, wenn man mal von den üblichen Unterschieden bei der wissenschaftlichen Einschätzung von Sachverhalten absieht?

Aber zurück zur Wirtschaftlichkeitsfrage. Sehr erhellend ist, was im Antrag der Liberalisierungsbefürworter steht (Drucksache 16/7982 zur Änderung des Stammzellgesetzes): Wenn man die Forschung mit embryonalen Stammzellen nicht erlaubt, so ist dort im letzten Absatz zu lesen, bedrohe man „die medizinische Forschung in Deutschland“, da sie „von der medizinischen Entwicklung innerhalb der westlichen Wertegemeinschaft abgeschnitten“ werde. Zugegeben: Es mag den Wissenschaftlern und Medizinern in erster Linie um die Heilung kranker Menschen gehen. Das wird auch im gesellschaftlichen Diskurs aufgegriffen und das nehme ich sehr ernst. Nachgeschoben wird aber – und wie ich finde: in diesem Zusammenhang perfider Weise – immer wieder der Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort Deutschland. Die betreffenden Abgeordneten (hauptsächlich aus den Reihen der FDP) legen in Stellungnahmen (je inoffizieller, desto unverhohlener) entsprechend nach und ich habe den Eindruck gewonnen, es geht vielen in erster Linie um diese Fragen, die ich unter die Begriffe „Kosten“ und „Bequemlichkeit“ zu subsumieren versucht habe. Auch hier kann ich Ihnen keine glasklaren Aussagen beibringen, die dies belegen („Solange der Rubel rollt, sind uns die Menschen schnuppe. Und Embryos erst recht!“ – „Heilungschancen? Darum geht’s doch gar nicht. Was wir brauchen sind Nobelpreise.“ – „Forschung schafft Arbeit! Ob die Forschung dann was bringt, ist doch egal.“ – so etwas hören Sie nur in einschlägigen Kreisen zu bestimmten Uhrzeiten). Sollte der Eindruck entstanden sein, ich würde etwa behaupten, alle Wissenschaftler resp. Entscheidungsträger dächten so, dann möchte ich mich dafür entschuldigen.

5.) Leben-gegen-Leben-Dilemmata

Embryonenverbrauchende Forschung, Abtreibung und Tötung geborenen menschlichen Lebens ist für mich immer ein Leben-gegen-Leben-Dilemma und ich hoffte, dies auch so herausgearbeitet zu haben. Leben-gegen-Leben-Dilemmata lassen sich auflösen (auch aus theologischer Sicht). Grundsätzlich ist das aber freilich immer ein Riesenproblem, da egal wie es im einzelnen begründet wird, der Tod eines Menschen immer ultima ratio ist – da gibt es, glaube ich, Konsens. An vielen anderen Stellen begegnet uns dieses Dilemma, nicht zuletzt auch im Zusammenhang mit der Frage, ob es einen „gerechten Krieg“ geben kann[7].

Zum Beispiel der Lebensrettung (Baby vs. 100 Embryonen): Ich würde vermutlich auch das Baby retten, aber ich wüsste nicht, ob aus Überzeugung, das Richtige zu tun, oder aus Angst, im anderen Fall strafrechtlich belangt zu werden, was wohl durchaus ginge (unterlassene Hilfeleistung; dieser Straftatbestand bezieht sich, soviel ich weiß, nur auf menschliches Leben nach Vollendung der Geburt) oder einfach aus dem Gefühl heraus, den Eltern, die ja um ihr Baby wissen, mehr Leid anzutun als ich den Eltern der Embryos, die ja nicht um das Schicksal ihres Embryos wissen, jeweils an Leid ersparen würde. Vermutlich würde ich instinktiv die pragmatische Lösung wählen: das Baby kann ich ohne weiteres identifizieren, die Embryonen nicht.

Aber: Ich weiß wirklich nicht mit Sicherheit, was ich im Fall des Falles tun würde. Ich finde solche Beispiele grundsätzlich sehr fragwürdig, da man in Extremsituationen oft anders handelt, als man vielleicht am „grünen Tisch“ darüber redet. Als ich damals den Wehrdienst aus religiösen Gründen verweigerte (ich war mal Radikalpazifist – eine Haltung, die ich mittlerweile der Realität geopfert habe), wurde ich bei der Vorbereitung zum „Gesinnungsverhör“ in Büchern mit der Frage konfrontiert, was ich denn tun würde, wären meine Eltern, Geschwister, Freunde vom „Feind“ mit dem Tode bedroht. Meine erste Reaktion war: „Meine Lieben verteidigen!“. Auf den zweiten Blick fiel mir dann die Inkommensurabilität dieser Reaktion mit meiner christlich-pazifistischen Haltung, die ich zu haben glaubte, auf (vorausgesetzt, es ist schon so weit, dass Verteidigung nur noch mit Waffengewalt möglich ist). Mittlerweile hat man von dieser Art Befragung Abstand genommen, weil Psychologen deutlich zeigen konnten, dass man diese Dilemmata, von denen es unendlich viele gibt, nicht simulieren kann zumindest nicht so, dass man das tatsächliche Verhalten des Menschen in einer tatsächlichen Notsituation ergründen könnte. In der Tat wurde ich auch gar nicht befragt, in der Tat habe ich bis heute keine Waffe führen müssen. Aber das Problem bleibt freilich bestehen.

Schließlich: Dass mir das Schicksal der Kranken nicht egal ist, müssen Sie mir glauben. Sie können sich nicht vorstellen, wie sehr ich mit dem Thema ringe, wie ich Argumente gegeneinander abwäge, über Lösungen nachdenke (so gut es halt geht), Gespräche suche mit Menschen unterschiedlichster Einstellung (so wie jetzt) und – bete. Mag die Rede von der Potentialität gottgewollten Menschenlebens ein metaphysisches Ideal bezeichnen, dass Ihnen sehr fremd ist – seien Sie gewiss: meine Bauchschmerzen sind ganz real!

Für mich, wie schon für Peter Wust[8], gehört Erkenntnis und Bekenntnis zusammen. Ich vertraue dabei letztlich auf einen Gott, dessen Vernunft größer ist als der menschliche Verstand zu fassen vermag. Und im Vertrauen darauf, dass die Liebe Gottes zwar nicht alles so macht, wie ich es mir in meiner Endlichkeit wünsche, dass aber im Lichte der Unendlichkeit alles sinnvoll wird, möchte ich schließen. Jetzt sagen Sie bitte nicht, belegen Sie das mal: Gott, Liebe, Vertrauen!

Herzliche Grüße,
Ihr
Josef Bordat


Linksammlung

[1] zum Verhältnis von „Ethik“ und „Moral“:
http://www.philosophia-online.de/mafo/heft2008-1/Bor_EthEd.htm


[2] zum Thema „Methodologie“:
http://jobo72.wordpress.com/2008/02/07/30/

[3] zum Verhältnis von „Religion“ und „Wissenschaft“:
http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=11707

[4] zu Singer:
http://www.philosophieren.de/archiv/singer.html
http://www.re-public.gr/en/?p=154

[5] zu Böhmers „Babymord-Theorie“:
http://www.readers-edition.de/2008/02/25/bravo-boehmer-ein-kommentar/

[6] zur Goldenen Regel:
http://www.marburger-forum.de/mafo/heft2007-1/Bor_gol.htm

[7] zur humanitären Intervention:
http://www.agips.org/doc/bips/BIPS-nummer1-Jg2006.pdf (Beitrag „Vom bellum iustum zum just war“)
http://www.bildungsforschung.org/Archiv/2006-01/menschenrechte
http://www.recenseo.de/artikel.php?id=109&kategorie=artikel&nav=Inhalt
http://www.afk-web.de/Tagungsband_2007_web.pdf (Beitrag „Neue Kriege, alte Argumente. Militärische Terrorbekämpfung zwischen Recht und Moral“)
http://people.brunel.ac.uk/~acsrrrm/entertext/7_2/ET72BordatEDFinal.doc

[8] zu Peter Wust:
http://jobo72.wordpress.com/category/peter-wust/

JLT said...

Hallo Josef,

vielen Dank für Ihre ausführliche Antwort. Ich habe sie als eigenständigen Beitrag repostet (ich hoffe, Sie haben nichts dagegen, sonst kann ich das Post auf wieder entfernen), damit sie nicht untergeht und werde sicher auch noch darauf eingehen, auch wenn das ein paar Tage dauern könnte.

Soviel aber schon jetzt, ich habe keinerlei wie auch immer geartete Probleme zu Seiten mit christlichen Inhalten zu verlinken und tue das auch selber regelmäßig. Ich habe noch nicht mal Probleme mit dem christlichen Glauben an sich. Ich teile ihn nur nicht und ich möchte nicht, dass Entscheidungen, die (auch) Nicht- (oder Anders-) Gläubige betreffen, ausschließlich aufgrund von (christlichen) Glaubensinhalten getroffen werden, die von diesen nicht anerkannt werden.
In wie weit das meiner Meinung nach auf die Stammzelldebatte zutrifft oder auch nicht, darauf werde ich dann in meiner Antwort sicherlich noch genauer eingehen.

Noch einmal herzlichen Dank für Ihre überlegte Antwort, ich weiß das zu schätzen.

Mit freundlichen Grüßen,
JLT

Josef Bordat said...

Liebe JLT,

vielen Dank, ich begrüße Ihre Entscheidung sehr und finde es schön, dass Sie genügend Toleranz und Gesprächsbereitschaft aufbringen, hier Gegendarstellungen in dieser Form zu veröffentlichen und zur Diskussion zu stellen. Das ist für mich eine große Bereicherung!

Ich sehe Ihrer Antwort daher mit Interesse entgegen und verbleibe bis dahin

mit freundlichen Grüßen

Ihr
J. Bordat

P.S.: Zwei Links funktionieren wohl nicht richtig
http://www.bildungsforschung.org/Archiv/2006-01/menschenrechte
und
http://www.afk-web.de/Tagungsband_2007_web.pdf
(vielleicht hier einen „Warnhinweis“ einfügen: Es beginnt automatisch der Downloadvorgang, Größe der Datei: 2,3 MB)