14 August 2008

Ich verstehe ID. Oder auch nicht. (7)

Dieses Post ist Teil meiner Besprechung des neuesten Dembski-Machwerks (Ko-Autor: Sean McDowell), 'Understanding intelligent design in plain language'. Das einleitende Post findet sich hier.

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Das dritte Kapitel: The surprising truth' (Forts.)

Die nicht so "überraschende Wahrheit" des dritten Kapitels ist, dass Dembski und McDowell die Belege für "Darwinismus" nicht überzeugend finden. Um auch ihre Leserschaft nicht von "Darwinismus" zu überzeugen, präsentieren sie in der Folge eine Reihe von krude zusammengekleisterten Pappmaché-Versionen tatsächlicher Argumente für Evolution. Einen Teil davon habe ich schon kritisiert, aber der "Höhepunkt" dieses Kapitels kommt noch, wie ich am Ende meines letzten Posts schon angekündigt hatte:
Wenn man wohlwollend ist, kann man bis hierher immer noch annehmen, dass Dembski und McDowell einfach keine Ahnung haben, wovon sie reden. Immerhin gestehen sie zu, dass die behandelten Phänomene im Einklang mit Evolution stehen, auch wenn sie natürlich wild mit den Händen wedeln, damit das nicht zu sehr auffällt. Das dazu notwendige Wohlwollen ruinieren sie aber im nächsten Abschnitt vollständig, in dem sie unter der Überschrift 'Darwin's most convincing evidence' eine altehrwürdige Kreationistenlüge auftischen und dabei gleich einem ganzen Forschungszweig die Daseinsberechtigung absprechen.
Was könnte nur 'Darwin's most convincing evidence' in den Augen von Dembski und McDowell sein?, wagt man sich kaum zu fragen.

Es ist die Embryologie. In einem begleitenden Post habe ich Darwins Sicht zur Embryologie und welche Rückschlüsse er aus seinen und den Beobachtungen anderer zog, ausführlich wiedergegeben. Hier beschränke ich mich auf eine kurze Zusammenfassung, die notwendigerweise nicht so differenziert sein kann, wie Darwins Darstellung des Ganzen.

Darwin bezieht sich auf eigene und die Beobachtungen von Zeitgenossen, dass die Larven- oder Embryonalstadien von verschiedenen Arten einer Klasse sich in der Regel sehr viel ähnlicher sehen als die erwachsenen Tiere. Diese Tatsache ist laut Darwin nur durch eine gemeinsame Abstammung dieser Arten von jeweils gemeinsamen Vorfahren zu erklären. Ausgehend von diesem gemeinsamen Vorfahren sind in den verschiedenen Abstammungslinien sukzessive weitere (und jeweils andere) Modifikationen hinzugekommen, die zu der Unterschiedlichkeit der rezenten Arten geführt haben. Er glaubte, dass die Embryonalform einiger Tiergruppen der adulten Form des gemeinsamen Vorfahrens ähneln könnte, beispielsweise schloss er aus der Ähnlichkeit der Embryos verschiedener Wirbeltiere, dass der gemeinsame Vorfahre von Säugetieren, Vögeln, Fischen und Reptilien Kiemen, eine Schwimmblase, vier einfache Extremitäten und einen langen, an das Leben im Wasser angepassten Schwanz hatte.
So again it is probable, from what we know of the embryos of mammals, birds, fishes, and reptiles, that these animals are the modified descendants of some ancient progenitor, which was furnished in its adult state with branchiæ, a swim-bladder, four fin-like limbs, and a long tail, all fitted for an aquatic life.
[p. 395]
Es ist allerdings wichtig zu bemerken, dass er diese Aussage sehr differenziert traf. Er gab Beispiele an, bei denen Larvenstadien von Insekten seiner Meinung nach spätere Adaptionen darstellten und nicht der adulten Form eines Vorfahrens ähnelte und war sich generell bewusst, dass auch die Embryonalformen Veränderungen unterliegen können.
Thus, community in embryonic structure reveals community of descent; but dissimilarity in embryonic development does not prove discommunity of descent, for in one of two groups the developmental stages may have been suppressed, or may have been so greatly modified through adaptation to new habits of life, as to be no longer recognisable. [p. 396]
Aus heutiger Sicht ist Darwins Vorstellung in Teilen überholt. Zum einen war zu Darwins Zeit natürlich noch völlig unbekannt, wie Vererbung funktionieren könnte, die Struktur der DNA wurde beispielsweise erst ein Jahrhundert später entschlüsselt und auch Mendels Vererbungslehre, die dieser erstmalig 1865 relativ unbemerkt veröffentlichte, war Darwin Zeit seines Lebens unbekannt. Sie wurde erst Anfang des 20. Jahrhunderts "wiederentdeckt" [Quelle: Wikipedia].

Zum anderen geht man nicht mehr davon aus, dass Larven- oder Embryonalstadien einem adulten Vorfahren ähneln. Einzelne embryonale Strukturen geben aber durchaus Hinweise auf das Aussehen eines Vorfahren, beispielsweise embryonal angelegte Zähne bei Walen oder ein embryonaler "Schwanz" beim Menschen, um bei Beispielen zu bleiben, die auch Darwin schon nannte. Um noch ein Beispiel für Darwins doch recht differenzierte Sichtweise zu geben, ein letztes Zitat:
As the embryo often shows us more or less plainly the structure of the less modified and ancient progenitor of the group, we can see why ancient and extinct forms so often resemble in their adult state the embryos of existing species of the same class. Agassiz believes this to be a universal law of nature; and we may hope hereafter to see the law proved true. It can, however, be proved true only in those cases in which the ancient state of the progenitor of the group has not been wholly obliterated, either by successive variations having supervened at a very early period of growth, or by such variations having been inherited at an earlier age than that at which they first appeared. [p. 396]
[Quelle aller Zitate: Darwin, C. R. 1872. The origin of species by means of natural selection, or the preservation of favoured races in the struggle for life. London: John Murray. 6th edition; with additions and corrections. Eleventh thousand.]

So, kommen wir nun zum spaßigen Teil. Was schreiben den unsere beiden Clowns dazu?
Darwin claimed to find remarkable similarities between how the embryos of different species developed. [...] But Darwin was not an expert in embryology. As a result, he drew his evidence from others. He relied especially on Ernst Haeckel, a German biologist. Haeckel reasoned that the development of embryos in the womb (or egg) mirrors the larger evolutionary process of nature. In other words, an individual embryo will develop in a pattern similar to the evolutionary development of a species.
For instance, because humans are thought to have evolved from fish, a human embryo might develop as a fish before developing obviously human characteristics. Darwin found this pattern so convincing that he said, "It is probable, from what we know of the embryos of mammals, birds, fishes and reptiles, that these animals are the modified descendants of some ancient progenitor."
To make his point, Haeckel made drawings of various embryos such as chickens, frogs, and fish. He wanted to show that the early embryos of different species look very much the same but then become noticeably different as they develop. His drawings had a great influence on popular culture because they were reprinted many times.
Even though Haeckel's drawings still appear in some textbooks today, it has been known for over a century that they were faked. Yes, faked! Haeckel cherry-picked his examples, and even then he still had to exaggerate similarities. Rather than representing embryonic development accurately, Haeckel skewed his drawings to fit his theory. [S. 57/58]
Fangen wir mal mit dem Darwinzitat an. Es stammt aus der 6. Edition von 1872, die ich daher sowohl in diesem als auch in meinem begleitenden Post verwendet habe. Im Großen und Ganzen unverändert findet sich das gesamte Unterkapitel zur Embryologie aber auch schon in der ersten Ausgabe von 1859 und in der 5. Ausgabe von 1866 war es sogar noch ausführlicher als in dieser Edition. In keiner Edition wird allerdings Haeckel erwähnt, obwohl eine ganze Reihe anderer Forscher, auf deren Arbeit sich Darwin bezog, namentlich genannt werden, z. B. Von Baer. Woran mag das wohl liegen, wenn sich Darwin so sehr auf Haeckel stützte?

Ein Grund dafür könnte natürlich sein, dass HAECKEL SEINE EMBRYOZEICHNUNGEN ERSTMALIG 1874 VERÖFFENTLICHTE!

Hier eine Liste von Haeckels Publikationen bis 1875 [aus Richardson & Keuck (2002). Haeckel's ABC of evolution and development. Biol. Rev. 77: 495-528]; die kritisierten Zeichnungen [siehe Abb. links] entstammen der fett markierten Arbeit:
  • Haeckel, E. (1862). Die Radiolarien. Georg Reimer, Berlin.
  • Haeckel, E. (1866). Generelle Morphologie der Organismen. Allgemeine Grundzüge der organischen Formen-Wissenschaft, mechanisch begründet durch die von Charles Darwin reformirte Descendenz-Theorie. Georg Reimer, Berlin.
  • Haeckel, E. (1868). Natürliche Schöpfungsgeschichte. 1st Edn. Georg Reimer, Berlin.
  • Haeckel, E. (1872). Die Kalkschwämme. Georg Reimer, Berlin.
  • Haeckel, E. (1874a). Anthropogenie oder Entwickelungsgeschichte des Menschen. 1st and 2nd Edns. Engelmann, Leipzig.
  • Haeckel, E. (1874b). Die Gastraea-Theorie, die phylogenetische Classification des Thierreichs und die Homologie der Keimblätter. Jenaische Zeitschrift für Naturwissenschaft 8, 1-55.
  • Haeckel, E. (1874c). Natürliche Schöpfungsgeschichte. 5th Edn. Georg Reimer, Berlin.
  • Haeckel, E. (1875). Die Gastrula und die Eifurchung der Thiere. Jenaische Zeitschrift für Naturwissenschaft 9, 402-508.

Aus einem anderen Richardson-Artikel [Richardson et al. (1997). There is no highly conserved embryonic stage in the vertebrates: implications for current theories of evolution and development. Anat Embryol 196: 91–106]:
For example, von Baer (1828) argued that the embryos of different amniotes often appear strikingly similar, and that many differences among the adults of different species arise at later stages of development. The gradual appearance during development of differences among embryos is known as divergence or deviation (de Beer 1951). Haeckel took this idea further and suggested that essentially all differences among species arise at late stages, and that embryos are therefore virtually identical. This was famously depicted in his drawings (Fig. 2) which purport to show different species arising from a conserved embryonic stage (Haeckel 1874). The drawings were intended to demonstrate Haeckel’s recapitulation theory or biogenetic law. A conserved stage was a necessary part of this theory because evolution was claimed to progress principally by the terminal addition of new adult stages to the end of ancestral developmental sequences.
Haeckel’s ideas soon came in for strong criticism. His drawings are also highly inaccurate, exaggerating the similarities among embryos, while failing to show the differences (Sedgwick 1894; Richardson 1995; Raff 1996).
Seine fundamental biogenetic law formulierte Haeckel erstmalig 1866 (aber noch ohne die kritisierten Zeichnungen), in einer Arbeit, in der er sich ausdrücklich auf Darwin bezog, wie schon im Titel ersichtlich (s. o.; Generelle Morphologie der Organismen. Allgemeine Grundzüge der organischen Formen-Wissenschaft, mechanisch begründet durch die von Charles Darwin reformirte Descendenz-Theorie)!

Und mir kann keiner erzählen, dass Dembski und McDowell das nicht verdammt gut wissen. Immerhin zitieren sie in diesem Abschnitt sowohl Richardson als auch Gould, der Haeckels Rekapitulationstheorie 1977 in seinem Buch 'Ontogeny and Phylogeny' ausführlich besprochen hat. Die einzige andere Möglichkeit ist, dass sie wirklich völlig inkompetent sind, aber in Anbetracht der Tatsache, das Kreationisten Haeckels beschönigte Zeichnungen seit fast einem Jahrhundert als "Argument" gegen die Evolutionstheorie verwenden, halte ich das wirklich für sehr, sehr unwahrscheinlich. Auch Darwins Zitat wurde gekürzt. Ich habe es selbst aus diesem Grund oben schon einmal in voller Länge wiedergegeben, hier ist es noch einmal, der von Dembski und McDowell ausgelassene Teil ist fett markiert:
So again it is probable, from what we know of the embryos of mammals, birds, fishes, and reptiles, that these animals are the modified descendants of some ancient progenitor, which was furnished in its adult state with branchiæ [= Kiemen], a swim-bladder, four fin-like limbs, and a long tail, all fitted for an aquatic life.
Natürlich lag Darwin mit der Schwimmblase falsch, aber sowohl die flossenartigen Extremitäten als auch der lange Schwanz sprechen eindeutig dafür, dass Darwin nicht von einem normalen Fisch sprach.

Wie in jeder Ausgabe von Darwins 'Origin of Species' stand, war es zu seiner Zeit gang und gebe, dass beispielsweise Insekten und Crustaceen ("Krustentiere") nach ihren Larvenstadien bestimmt wurden, eben weil es eine Tatsache ist, dass sich Larvenstadien ähnlicher sehen als erwachsenen Tiere und dies trifft genausogut auf die Embryos von Wirbeltieren zu. Haeckel hat diese Ähnlichkeit in seinen Zeichnungen übertrieben, aber davon verschwindet die zugrundeliegende Ähnlichkeit nicht. Auch heute noch gibt es keine andere Erklärung für z. B. das Auftreten eines embryonalen Schwanzes bei allen Wirbeltieren, auch bei denen, die in ihrer adulten Form keinen haben, als die gemeinsame Abstammung der Wirbeltiere von einem gemeinsamen Vorfahren mit einem Schwanz!

Es ist geradezu abstoßend, wie Dembski und McDowell versuchen, um diese Tatsache herum zu kommen:
The actual embryonic evidence is quite different from what Darwin had hoped: Vertebrate embryos do not look very similar in the early stages and then begin to differ in the later stages [Anm.: Ich wette, Dembski fühlte sich ganz warm und wohlig innen drin, nachdem er sich das aus den Fingern gesogen hatte.]. Haeckel and Darwin took the most similar stages and arbitrarily consideres them the "first" stages of development [Anm.: Gelogen, jedenfalls was Darwin angeht. Er behauptet nicht mit einem Wort, dass es sich um das erste Stadium handelt.]. When the actual first stages of embryonic development are considered, their evidence collapses – the embryos start out very different. [S. 58]
Während es stimmt, dass die Embryos von Wirbeltieren in der ersten Tagen der Entwicklung sehr unterschiedlich aussehen können, ist dies zu einem großen Teil davon abhängig, ob Dotter vorhanden ist oder nicht. Bei Vögeln z. B. startet der Embryo als "Keimscheibe", die auf dem Dotter "ausgebreitet" ist, während dotterlose Embryos eine Kugel bilden. Mittlerweile weiß man aber, dass die prinzipiellen Entwicklungsstadien gleich sind (z. B. Gastrulation, Neurulation) und Haeckel auch sonst nicht völlig falsch lag:
On a fundamental level, Haeckel was correct: All vertebrates develop a similar body plan (consisting of notochord, body segments, pharyngeal pouches, and so forth). This shared developmental program reflects shared evolutionary history. It also fits with overwhelming recent evidence that development in different animals is controlled by common genetic mechanisms.
[Quelle: Richardson et al.(1998). Letter to Science. Science 280(5366): 983]

Unsere Lügenbarone fahren fort:
Even though scientists know that the earliest stages of embryological development are not the most similar ones, the drawings are still in use in many textbooks today (many others use carefully selected but still misleading photos [Anm.: JA KLAR! Wie zum Henker sollen Photos misleading sein? Entweder die Embryos sehen sich in einem Entwicklungstadium ähnlich oder sie tun es eben nicht!]). When confronted with these facts, many Darwinist admit that the drawings may have been faked [Anm.: ARGH!] but insist that that's okay because they illustrate a "deeper truth" about evolution. [S. 59]
*widersteht dem Drang, mit dem Kopf voraus gegen die nächste Wand zu rennen*

*widersteht dem Drang, sich noch mehr Haare auszurupfen*

*widersteht dem Drang, noch einmal das Haus zu verlassen, um GANZ VIEL ALKOHOL zu kaufen*

*Puh*

Mir fehlen die Worte; aber ich bin sicher, Euch fällt selbst das eine oder andere dazu ein. Im Zweifelsfall verweise ich auch noch auf PZs 'Wells and Haeckel's Embryos' auf Talk.Origins Archive, sowie auf CB701 und CB701.1 vom Index to Creationists Claims, ebenfalls vom TOA. Darüber hinaus möchte ich noch darauf hinweisen, dass es sowas von total egal ist, worauf sich Darwin bei der Formulierung seiner Theorie gestützt hat, selbst wenn er selbst die Embryobilder gefakt hätte, die heutige Evolutionstheorie stützt sich nicht mehr auf die von Darwin gesammelten Belege.

Der Rest des Kapitels ist im Vergleich relativ harmlos, ganz ohne Kommentar kann ich es aber nicht belassen.

Zunächst machen Dembski und McDowell ein Argument, das ich nicht verstehe. Es könnte allerdings auch sein, dass sie tatsächlich sagen wollen, weil es neben dem Zellkern auch extrachromosomale DNA und ein paar andere Faktoren in einem Ei gibt, können durch Mutationen keine neue Arten entstehen. Aber entscheidet selbst:
If you took your DNA and inserted it into a human egg that had its own DNA removed, you would not have an exact (although younger) replica of yourself. How your "clone" looked would depend not only on the DNA but also on the information in the enucleated egg that received your DNA.
If DNA does not solely determine the development of an organism, is it possible for a new species to emerge through mutations in existing DNA? A recent proposal by Darwinists says "yes": "Evo-devo," a shortened name for evolutionary developmental biology - looks to genes in early development to determine if the right mutations in them could lead to macroevolutionary change. According to evo-devo, the right mutation early in the development of an organism might lead to major changes later on – perhaps even to the development of a new species. [S. 59/60]
Was wollen sie uns damit sagen?
Erstmal natürlich, dass sie weder von Embryologie noch vom Aufbau einer Zelle die geringste Ahnung haben. Ein entkerntes Ei enthält natürlich noch DNA. Mitochondriale DNA, schon mal gehört? War gerade groß in den Medien, offenbar haben sie jetzt die komplette mitochondriale DNA von Neanderthalern sequenziert (z. B. hier). Dann kann das Ei noch andere Faktoren enthalten, die die ganz frühe Entwicklung beeinflussen – aber wie der Organismus am Ende aussieht, wird natürlich von der genomischen und (im viel geringeren Maße) von mitochondrialer DNA bestimmt und, nur damit es keine Missverständnisse gibt, natürlich kann auch mitochondriale DNA mutieren.
Dieser Absatz ist einfach mal kompletter Bullshit.

In der Folge stellen sie fest, dass Evo-Devo-Biologen sich am Besten gleich begraben sollten.
The problem for evo-devo is that mutations in developmental genes never benefit the organism and are almost always harmful.
Biologists have found that mutations in developmental genes often lead to death and deformity. Evo-devo experts work a lot with fruit flies. Tweaking one developmental gene in a fruit fly can lead to an extra set of wings. Unfortunately, those wings don't have muscles and are therefore worse than useless – they make it harder for the fly to fly.
So is this the mechanism that can account for Darwinian evolution? No. As Jonathan Wells explains, "All of the evidence points to one conclusion: no matter what we do to a fruit fly embryo, there are only three possible outcomes – a normal fruit fly, a defective fruit fly, or a dead fruit fly. Not even a horsefly, much less a horse." [S. 60]
Geeeeenau. Exakt das ist das Ziel von Evo-devo, aus Fruchtfliegen durch Veränderung von ein paar Genen Pferdefliegen zu machen. Oder Pferde.

Es muss wie ein Zwang sein, noch das letzte Detail falsch darzustellen. Der Artikel über die Evolution der Fangzähne von Schangen, auf den ich kürzlich hingewiesen habe, ist ein wunderbares Beispiel für das, was Evo-Devo untersucht. Mit viel Erfolg, wie ich anfügen möchte. Die Unterschung von Genen wie Hox, Sonic hedgehog, Wnt oder Pax (um nur ein paar zu nennen) hat enorm zu unserem Verständnis von Evolution beigetragen, aber Dumbski fällt nichts Besseres ein als den selben geistigen Dünnpfiff dazu loszulassen wie an unzähligen anderen Stellen auch schon:
Mutations have sometimes led to minor changes within a species – such as bacteria and insecticide resistance – but there are no known cases where such mutations have produced large scale changes that benefit an organism, let alone the development of a new species. Mutations may help bacteria survive (microevolution), but they are incapable of producing any kind of new species, much less transform a cow into a whale or a dinosaur into a bird (macroevolution). [S. 60/61]
Um Tantalus Prime zu paraphrasieren:
Mr. Dembski has the experience necessary to write something not just stupid, but so mind-numbingly stupid that it makes you want to remove all the Brodmann areas [siehe Abbildung] from your brain in numerical order with a grapefruit spoon just so that you will never again have to comprehend something so wrong.
An dem Punkt bin war ich schon mehrmals während der Lektüre dieses Buchs. Während dieses Buchs akut nur etwa zwei Mal, bisher, aber ein Beispiel für Evolution wird von Dumbski und McDoof ja noch angesprochen: 'HIV mutations'.

Zunächst eine kleine Exkursion vom eigentlichen Thema. Am Anfang dieses Abschnitts findet sich folgende Formulierung:
HIV is short for human immunodeficiency virus, which is thought to be the cause of AIDS. [S. 61]
Thought to be? Vielleicht bin ich ja übermäßig empfindlich, aber im Hinblick darauf, dass Dembskis Kumpel Jonathan Wells, in diesem Kapitel vier Mal zitiert (zwei Mal ihr gemeinsames Machwerk 'Design of Life', zwei Mal Wells 'The Politically Incorrect Guide to Darwinism and Intelligent Design') ein HIV-Leugner ist, kann man da schon mal hellhörig werden:
Hence we see something of an unusual alliance between the right and the left, strangely reminiscent of the alliance formed to attack the theory of evolution. So it should come as no surprise that some leading lights of anti-evolution Intelligent Design theory, including ID godfather Phillip Johnson and Moonie Jonathan Wells, have joined the AIDS denialist camp.
Indeed, Johnson has even co-authored denialist papers with Kary Mullis, though one has to wonder how he squares Mullis's admittedly bohemian lifestyle -- Mullis has reportedly slept with more women than the Rolling Stones and claims the inspiration for PCR came during an LSD trip -- with his own hellfire Presbyterianism.
[Quelle: The Vancouver Sun, ' Aids 'denialism' gathers strange bedfellows'.]

Auch bei diesem Abschnitt kann man sich nur wundern, wie man es schafft, fast in jedem Satz eine Falschaussage unterzubringen. Mein "Best-of":

Nr. 1:
HIV is a virus [Anm.: Das ist tatsächlich richtig!!11!!!!1!!one!]. As such, it contains far less genetic information than a cell and therefore mutates extraordinarily quickly. [S. 62]
Blödsinn. Retroviren wie HIV nutzen die Replikationsmachinerie der Wirtszelle und haben eine Mutationsrate, die der Wirtszelle entspricht. Was eine schnelle Mutation begünstigt, ist die sehr schnelle Generationenfolge und die schiere Masse an Viren, die zu jedem gegebenen Zeitpunkt existiert.

Nr. 2:
The HIV virus has not undergone the breathtaking changes we should expect if natural selection were as powerful as Darwin claimed. [S. 62]
Blödsinn. HIV, so wie viele Viren, hat ein extrem dicht gepacktes Genom, bei dem durch verschiedene Ableserahmen durch die selbe DNA-Sequenz nicht nur ein, sondern mehrere Gene kodiert sind. Es ist extrem gut an seine Nische angepasst und "braucht" sich nicht schneller zu verändern, als sein Wirt es kann. Es gibt keinerlei Anlass, größere Veränderungen zu erwarten und durch seine "Multifunktions-DNA" sind Veränderungen eher noch schwieriger als in Zellen. Wie schnell HIV (trotzdem) Resistenzen gegen verschiedene antivirale Medikamente "entwickelt" hat, zeigt genau das, was Coyne, von Duembski und McDowell zitiert, dazu sagt:
[T]he strength of selection observed in the wild, when extrapolated over long periods, is more than adequate to explain the diversification of life on Earth. [S. 61]
Nr. 3:
HIV functions exactly as it did when first discovered roughly 50 years ago. Although minor changes within HIV have enabled it to resist certain drugs, nothing fundamentally new has emerged. [S. 62]
Gelogen. Das stammt natürlich von Behe, aus seiner 'The edge of evolution'. Dazu gibt es eine wundervolle Widerlegung von ERV: 'ERV & HIV versus Behe. Behe loses.' (und ein Nachfolgepost mit noch mehr Neuerungen in HIV-1). Die Kurzform zeigt die Abbildung links [Quelle: 'Illustrated Guide to vpu]. Zwei generelle Reviews zu Behes Buch: von Quintessence of Dust, von Nick Matzke auf The Panda's Thumb.

Der letzte Abschitt ist mit 'Ready for the trash heap?' betitelt und ich empfehle an dieser Stelle ausdrücklich, alle Ironymeter auszuschalten und am Besten auch noch in TÜV-geprüften, Ironie-sicheren Schutzbehälter zu verstauen (ich hoffe, das wird reichen).

Fertig?

Ok, here comes.
To appreciate the true state of Darwinism, imagine what would happen to the germ theory of disease if scientists never found any microorganism or viruses that produced diseases. Obviously, it would be abandoned! Evolutionists have proposed mechanisms to explain small-scale changes in organims (like HIV developing anti-viral resistance [Anm.: Argh. Das allein tut schon weh. HIV entwickelt keine Resistenz gegen Viren, sondern gegen antivirale Medikamente, aber gut, was will man erwarten.]). They have not shown how such mechanism can reasonably be extrapolated to explain large-scale changes in organisms, such as bacteria developing the omplex molecular machines we will explore in chapter 8 [Anm.: Ich muss mich möglicherweise vorher erschießen.]. They offer many just-so stories but no detailed, testable models for how it could be done. Without such models, Darwinism is dead in the water. [S. 62/63]
...

...

KA-BOOOOM!

Mist.

MfG,
JLT



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Disclaimer: Alle Zitate, die ich angebe, entsprechen der Schreibweise im Text, enthalten keine Auslassungen, wenn nicht ausdrücklich gekennzeichnet, und sicherlich keine, die den Sinn des Zitierten verändern könnten (und Vollversionen der Zitate können gerne bei mir angefordert werden). Kursive Hervorhebungen sind wiedergegeben, wie sie im Text vorkommen, Hervorhebungen in Fettdruck stammen von mir, ebenso jedwede Tippfehler. Sollte ich nicht widerstehen können, sind Anmerkungen von mir im Text als solche gekennzeichnet, wahlweise auf Deutsch oder Englisch gehalten und können von mir aus auch gerne ignoriert werden, ich muss sie nur einfügen, um meine geistige Gesundheit zu erhalten, während ich schreibe.



8 Kommentare:

Anonymous said...

Ist Dein Ironymeter explodiert ?
Was lernt uns das?
Man sollte nur echte Qualitätsware kaufen. Insbesondere im absoluten Hochleistungsbereich.

JLT said...

Ich glaube, es war Materialermüdung. Die dauerende Extrembelastung...
Wenn es nicht ein absolut hochwertiges Gerät gewesen wäre, hätte es nicht die erste Seite dieses Buches überstanden, möglicherweise nicht einmal die Beschreibung auf dem Rückumschlag.

cptchaos said...

@jlt

durchhalten ... und nicht verzweifeln. Ich kann mir auch nicht helfen und denke oft, dass die vorsätzlich lügen. Sicher bin ich mir nicht, u.U. hat sich deren Glauben (nicht nur der Religiöse) schon als Wahnsystem festgesetzt. Da das aber Religiös gedeckt ist wird das weder entdeckt noch behandelt werden. U.u. ist das also gar kein Vorsatz. Sie können es nicht besser. Ich versuche mir das zumindest immer einzureden um nicht zu unfreundlich solchen Menschen gegenüber zu sein.
Man kann halt nicht jeden retten ... :-/

herzliche Grüße,
Eike

SPARC said...

"durchhalten ... und nicht verzweifeln. Ich kann mir auch nicht helfen und denke oft, dass die vorsätzlich lügen."

SteveS hat schon 2005 festgestellt, dass "Lügner" nicht die richtige Bezeichnung ist, da Lügen immer einen Bezug zur Realität haben. Da sich Leute wie Dembski in keinster Weise darum scheren, sollten sie nach Frankfurter als "Bullshitter" bezeichnet werden.

"He does not reject the authority of the truth, as the liar does, and oppose himself to it. He pays no attention to it at all. By virtue of this, bullshit is a greater enemy of the truth than lies are."

Wenn er nur wissenschaftliche Fakten verdrehen würde, könnte man das ja vielleicht noch akzeptieren, aber Dembski hat so manche andere Grenze überschritten (seine geschacklichen Verirrungen des Videos, bei dem er als Synchronsprecher fungierte, sollen hier unerwähnt bleiben), die nur eine Qualifikation als Bullshitter zulassen. Z.B. die reader from Riesel Affäre

JLT said...

Generell stimme ich Sparc zu. Um (bewusst) Lügen erzählen zu können, muss man die Tatsachen kennen, so gesehen ist Bullshitting in den meisten Fällen die zutreffendere Bezeichnung. Viele Vertreter von ID sind auch offensichtlich Opfer von Morton's Demon:

" Morton's demon was a demon who sat at the gate of my sensory input apparatus and if and when he saw supportive evidence coming in, he opened the gate. But if he saw contradictory data coming in, he closed the gate. In this way, the demon allowed me to believe that I was right and to avoid any nasty contradictory data. [...]
Morton's demon makes it possible for a person to have his own set of private facts which others are not privy to, allowing the YEC to construct a theory which is perfectly supported by the facts which the demon lets through the gate. And since these are the only facts known to the victim, he feels in his heart that he has explained everything. Indeed, the demon makes people feel morally superior and more knowledgeable than others.
"

Argumente, die ihrer Überzeugung widersprechen, werden von IDlern gar nicht erst in Betracht gezogen, sondern von vorneherein als falsch abgelehnt, ohne dass es ihnen wirklich bewusst ist.

Aber ich denke, bei den meisten, die ID vertreten, wird zusätzlich auch eine Vermeidungsstrategie gefahren: Es wird nach Möglichkeit alles vermieden, bei dem die Gefahr besteht, mit Gegenargumenten überhaupt erst in Kontakt zu kommen. Leute wie Dembski müssen sich aber gelegentlich wirklich mit Gegenargumenten beschäftigen. Und selbst wenn ich sicher bin, dass Dembski nicht einen, sondern gleich eine ganze Horde von Dämonen beschäftigt, muss doch ab und an mal etwas durchsickern. Eine Tatsache wie die, dass Haeckel seine Zeichnungen zwei Jahre nach der 6. und 15 Jahre nach der 1. Augabe von The Origin of Species veröffentlicht hat, kann einem meiner Meinung nach nicht entgehen, vor allem nicht, wenn Haeckels Zeichnungen von Kreationisten seit fast einem Jahrhundert als "Argument" gegen Evolution verwandt wird. Irgendwann muss man dann doch auch mal mitbekommen, wann sie veröffentlicht wurden.

Aber vielleicht überschätze ich selbst hiermit noch Dembskis mentale Fähigkeiten...

darwin upheaval said...

@ cptchaos:

"Ich kann mir auch nicht helfen und denke oft, dass die vorsätzlich lügen. Sicher bin ich mir nicht, u.U. hat sich deren Glauben (nicht nur der Religiöse) schon als Wahnsystem festgesetzt."

Man kann sich das nur so erklären, dass sich diese Menschen selbst was vormachen bzw. sich in die eigene Tasche lügen. Bei Dembski kommt noch hinzu, dass er gar nicht vom Fach ist und daher im Biologie noch häufiger dilettiert.

cptchaos said...

Ok,

ich hallte Bullshitting auch für den angemessensten Begriff. Zumindest in den meisten Fällen. Bei so Menschen wie Ted Haggard denke ich allerdings, dass sie lügen. Sicher machen sie sich auch was vor. Sie lügen zusätzlich. Nun denn, was solls

Anonymous said...

"Bei Dembski kommt noch hinzu, dass er gar nicht vom Fach ist und daher im Biologie noch häufiger dilettiert."

So wie Herr Neukamm?