20 July 2007

Warum ID keine Funktion in "Junk"-DNA voraussagt.

Erstens heißt Design nicht, dass es keine nutzlosen Details geben kann. Menschliches Design enthält beispielsweise immer wieder für die Funktion unwesentliche Bestandteile. Man denke z. B. an Kleidung (gerade Kleidung für Frauen enthält viele nutzlose Details. Ich habe ein Paar Stiefel, die aussehen als müssten sie geschnürt werden, dabei sind die Bänder funktionslos. Die Stiefel haben einen Reißverschluss an der Seite).

Zweitens, da die IDler ja behaupten, sie hätten gar keinen bestimmten Designer im Sinn, können sie dementsprechend keine Aussagen über seine Intentionen oder Vorgehensweise machen. Dementsprechend können sie auch nicht "voraussagen", ob der/die/das Designer nicht auch unnötigen Firlefanz eingebaut oder einfach schlechtes Design produziert hat und ob tatsächlich alles eine Funktion haben muss.

Selbst Casey Luskin, der auf der DiscoInstitute Nonsense & Vacuity-Seite momentan fast täglich seinen Unsinn postet, hat vor noch nicht allzu langer Zeit argumentiert, dass schlechtes Design immer noch Design ist:

(a) Firstly, Zimmer's claim that an eye is not designed because our retinas may become detached after "a sharp punch to the head" is not a scientific argument: intelligent design doesn't require "perfection," nor does it require that a system always survive malicious physical attacks. Was the Ford Pinto, with all its imperfections revealed in crash tests, not designed?
Auf The Panda's Thumb gibt's ein Post von Andrea Bottaro ('Another unintelligent move'), der wie ich in meinem vorangegangenem Post 'Darwin, Dawkins, Junk-DNA' zunächst feststellt, dass sich IDler mal mit den Hard core-Adaptionisten darüber unterhalten sollten, in wie weit aus der "darwinistischen" Evolutionstheorie hervorgehen soll, dass große Teile des Genoms funktionslos sein müssen:
First, it puts them in the uncomfortable position of aligning themselves with ultra-Darwinian pan-selectionists, who not only have clear dibs on who first expressed skepticism at the existence of “junk DNA”, but also can explain why all DNA should be functional based on a much more elegant and parsimonious theory (based on straightforward, “micro-evolutionary” negative selection effects that even the most close-minded ID advocates would find hard to argue against).
Später zitiert er dann William 'Intelligent Design is not Optimal Design' Dembski und die 'Encylopedia of [Misunderstanding] Science and Philosophy' der 'International Society for Complexity, Information, and Design' (die ID offensichtlich für ein so hoffnungsloses Unterfangen hält, dass sie vor 2 Jahren aufgehört hat, irgendwelche News zu produzieren, siehe auch hier). Wahre Fundgruben...

Dembski:
Nevertheless, taken strictly as a scientific theory, intelligent design refuses to speculate about the nature of this designing intelligence. Whereas optimal design demands a perfectionistic, anal-retentive designer who has to get everything just right, intelligent design fits our ordinary experience of design, which is always conditioned by the needs of a situation and therefore always falls short of some idealized global optimum.

Was haben die eigentlich immer mit schlecht designten Autos? Muss was amerikanisches sein, deutsche Autos sind natürlich immer optimal designt ;-)
The automobiles that roll off the assembly plants in Detroit are intelligently designed in the sense that human intelligences are responsible for them. Nevertheless, even if we think Detroit manufactures the best cars in the world, it would still be wrong to say they are optimally designed. Nor is it correct to say that they are only apparently designed.
Und aus der Fake-Encyclopedia:
The argument stipulates that nature is full of apparent and actual flaws, and so no designer - especially a perfect or extremely superior one - could be responsible for them. This argument is infelicitous because not only does it incorporate question-begging about the nature and intent of a putative designer, but it employs equivocation between the ideas of intelligent design and perfect design, and constructs a straw man view of intelligent design that obfuscates the real questions of whether intelligent design in nature is apparent or actual.

To reveal the flaws in the optimal design based critique of intelligent design, one might begin by checking the underlying assumptions of its predicates. Firstly, it assumes that the designer of intelligent design theory is required to be perfect, inerrant and thus capable of and committed to producing perfect designs. However, intelligent design theory does not require that any designer of nature be perfect. Furthermore, the argument from optimal design assumes that an intelligent designer will produce only perfect designs. An intelligent designer need not produce perfect designs - nor even functional designs. Optimal designs need not be perfect designs, and in fact it may be impossible for them to be so, depending on one's definition of perfect, and depending on whether such perfection is even materially attainable or desirable. Moreover, even a perfect intelligent designer (whatever or whoever that might be) need not produce perfect designs.
Oups.

MfG,
JLT

4 Kommentare:

Martin Funke said...

Die genannten Quellen betonen bei genauerem Hinsehen eigentlich eher die Relativität von Begriffen wie Perfektion und auch Funktionalität. Sie sagen nicht, dass ein intelligenter Designer auch völlig funktionslosen Kram erschafft, sondern dass funktionelles Design unter einem gewissen Aspekt auch unfunktionell erscheinen kann. Wie diese Sache, dass die Retina sich bei einem Schlag gegen den Kopf ablösen kann. Unter dem Aspekt, dass ein Meteorit drauf fallen kann, ist jedes Auto unfunktionell. In dem Sinne muss ID nicht funktionell sein. Jetzt kann man natürlich das "muss ID nicht funktionell sein" aus dem letzten Satz fett markieren und in den Zusammenhang bringen, dass ein Designer auch Autos schaffen könnte, die weder fahren noch zu sonst was gut sind. Was dann allerdings sinnentstellend wäre.

M. Neukamm said...

@ Martin Funke

>>...Wie diese Sache, dass die Retina sich bei einem Schlag gegen den Kopf ablösen kann. Unter dem Aspekt, dass ein Meteorit drauf fallen kann, ist jedes Auto unfunktionell. In dem Sinne muss ID nicht funktionell sein.<<

Die Problemstellung ist doch eine ganz andere. Es geht hier in erster Linie um die Erklärung von intrinsischen Anpassungs- bzw. Konstruktionsproblemen, nicht um externe Faktoren...

ID-Anhänger betonen für gewöhnlich, dass der Designer "etwas kann", was "ungelenkte evolutionäre Prozesse" nicht können. So weit so gut. In der Tat sind evolutionäre Prozesse bebürdet ("constrained"), was zum Großteil an den Limitierungen liegt, die aus evolutionärer Perspektive historisch gewachsen sind. Um mit G. Osche zu sprechen: Ein Organismus kann nicht vorübergehend wegen Umbau geschlossen werden. Hier soll der Designer also etwas können, was die Evolution nicht kann: evolutionäre Hürden überwinden. Das ist, soweit ich sehe, die Kernaussage des ganzen Intelligent-Design-Ansatzes.

Nun kann man aber in vielen Fällen sehr schön zeigen, dass sich bestimmte Merkmalskonstellationen, die funktionelle Nachteile mit sich bringen, konstant durch ganze Organismengruppen ziehen, was einen historisch-genealogischen Nexus nahelegt. Hier wäre nun aus Sicht von ID zu erklären, warum im einen Fall - wenn es um die "genialsten Konstruktionen" geht - der Designer evolutionäre Hürden scheinbar mühelos überwinden kann, während er sich im anderen Fall - wenn es um die Kehrseite der Medaille geht - offenbar doch wieder an bestimmte "constraints" halten muss.

Wenn es dem Designer etwa gefallen hat, Säugetiere im Meer zu erschaffen, weshalb programmiert er die epigenetischen Prozesse nicht so um, damit die Wale über Kiemenatmung verfügen (was ohne Zweifel ökomonischer wäre)? Aus evolutionärer Sicht ist eine Rückkehr zur Kiemenatmung konstruktiv unmöglich - aus der ID-Perspektive, das an evolutionäre "constraints" angeblich nicht gebunden ist, bleibt dieser Befund hingegen unverstanden. Man kann ihn nur mithilfe willkürlich ersonnener Hilfshypothesen "erklären" und dann z.B. behaupten, dass sich der Designer immer an ein bestimmte Merkmalsgefüge gehalten habe. Damit wird aber der Bereich der Wissenschaft verlassen, um einem Erklärungsnotstand zu entgehen...

Fazit: Die Beliebigkeit ist das eigentlich Problematische an der ganzen ID-Argumentation: Um den Schluss von Komplexität auf Planung plausibel erscheinen zu lassen, kann der Designer evolutionäre Schranken offenbar hinter sich lassen. Steht die grundsätzliche Überwindbarkeit evolutionärer Schranken durch den Designer jedoch im Widerspruch zu den empirischen Daten, wird sie geleugnet. ID erklärt im Grunde alles und nichts.

Anonymous said...

"Jetzt kann man natürlich das "muss ID nicht funktionell sein" aus dem letzten Satz fett markieren und in den Zusammenhang bringen, dass ein Designer auch Autos schaffen könnte, die weder fahren noch zu sonst was gut sind. Was dann allerdings sinnentstellend wäre."

Wieso ist das sinnentstellend ?IDler sagen nichts über den "Designer" aus, ausser das er zu "Design" fähig ist. Ist ein Auto, das nicht fahren kann, etwa nicht "designed" ?
IDler arbeiten doch ständig mit diesem albernen Analogieschluss das Menschen ja zu "Design" fähig sind und man damit auf "Design" in der Natur schliessen kann (darauf wie unsinnig ein solcher Analogieschluss ist will ich an dieser Stelle nicht eingehen - lies dazu z.B. "Dialoge über natürliche Religion" von David Hume), wir Menschen "designen" aber ständig Dinge die keine offensichtliche Funktion haben.
So etwas wie Schmuck z.B., also Dinge die einen rein ästhetischen, aber keinen funktionalen Aspekt haben - wieso darf der Designer so etwas nicht ?

JLT said...

@ Martin Funke:

Martin N. und anonymus haben im Grunde schon die Antwort gegebn. Ich möchte hier noch auf einen kleinen Unterpunkt eingehen. Du sagtst:

"Jetzt kann man natürlich das "muss ID nicht funktionell sein" aus dem letzten Satz fett markieren und in den Zusammenhang bringen, dass ein Designer auch Autos schaffen könnte, die weder fahren noch zu sonst was gut sind. Was dann allerdings sinnentstellend wäre.

Falls das eine Kritik an der Fettmarkierung in dem letzten zitierten Absatz darstellt, hätte ich doch gerne mal gewusst, inwiefern diese meine Hervorhebung sinnentstellend ist. Vor allem würde mich interessieren, wieso die zitierten Ausschnitte nicht meine beiden Argumente entkräften, dass:

"Erstens heißt Design nicht, dass es keine nutzlosen Details geben kann.[...]

Zweitens, da die IDler ja behaupten, sie hätten gar keinen bestimmten Designer im Sinn, können sie dementsprechend keine Aussagen über seine Intentionen oder Vorgehensweise machen. Dementsprechend können sie auch nicht "voraussagen", ob der/die/das Designer nicht auch unnötigen Firlefanz eingebaut oder einfach schlechtes Design produziert hat und ob tatsächlich alles eine Funktion haben muss."


Keiner, auch ich nicht, behauptet ja, dass Zellen insgesamt oder das Genom als Ganzes funktionslos wäre. Ich spreche von "Details" und "auch unnötigen Firlefanz eingebaut", mir ist nicht ganz klar, wie man das mit einem Auto, das "weder fahren noch zu sonst etwas gut" wäre, vergleichen kann.

Eine Aufklärung diesbezüglich würde mich freuen.