28 July 2007

Intelligent Tinkering. Oder: Noch 'ne Review

von Behes 'The Edge'.


Behe has the complete freedom to write about design theory, but no coherent treatment of the theory can be found. Professor Jerry Coyne stated "his theory is flat wrong". But, there is no design theory in this book. There are a bunch of observations and suggestive allusions to a theory. But not a coherent treatment of design theory. Even "nonrandom mutation", which is an important part of Behe's design claims, occurs only 3 times in contrast to "random mutation" which occurs 171 times. Is it really unfair or unreasonable to expect in this book a coherent description of design theory after more than 10 years since his Darwin's Black Box?
Diese ist von Gert Korthof, der die Website 'Was Darwin wrong' betreibt. Lesenswert, aber ein Problem mit dieser Review soll nicht verschwiegen werden:

Korthof's most important (to Korthof) criticism of Behe is that Behe allows for both common descent (CD) and intelligent design (ID) through non-random mutation. According to Korthof, this is impossible. To quote one such statement in the review: "According to standard scientific logic, if CD is true than it automatically follows that all species we see are created by RMNS [random mutation and natural selection]."
But Korthof never justifies this claim. I know of no scientist who would make such a claim, and Korthof gives no examples. He just says "Probably all DNA evidence for CD is based on random mutation supplemented with neutral evolution, genetic drift and horizontal gene transfer."

But he provides no evidence that this is true. As an evolutionary biologist, let me specifically deny that assertion right here. The main evidence for common descent relies on a nested hierarchy of similarities and differences. The most parsimonious explanation for this hierarchy is that it arose through a series of changes spread over a branching tree. The evidence lies in the distribution of changes. The causes of those changes are irrelevant to the pattern. God could have lovingly placed each and every change, and it wouldn't matter to the pattern or to its explanation. Korthof is wrong.

Mind you, I do think that the changes we see were produced by the mechanisms Korthof mentions, and there is considerable evidence that what we see is, at the least, indistinguishable from the results of such mechanisms. My point is that this evidence is not relevant to inferring common descent; the causes are not relevant to the pattern.

Why does Korthof make this claim? He doesn't explain that. If it's that the word "design" implies de novo creation of species, then fine, let's change the word. I propose that Behe's (apparent, but vaguely stated) model of common descent with occasional divinely caused mutations be called "intelligent tinkering" (IT), to distinguish it from typical creationist models that incorporate separate creation of "kinds" (ID).
Behe definitely sees the advantages of such a model: it isn't contradicted by nearly as much of the evidence as standard creationism is.
[Quelle: John Harshman in Talk.Origins]

John Harshman hat natürlich Recht. Common descent ist die logische Folgerung aus der beobachteten abgestuften Hierarchie von Ähnlichkeiten und Unterschieden der verschiedenen Organismen, die ihre Zuordnung zu verschiedenen Arten, Klassen, Ordnungen etc. ermöglicht. Eine gemeinsame Abstammung ist die plausibelste Erklärung für dieses Muster. Wie aber die Unterschiede entstehen, ist zunächst mal irrelevant für diese Schlussfolgerung.

Ich sehe aber auch Korthofs Punkt. Angenommen, an irgendeiner Stelle wäre die Intervention eines angenommenen Designers das Einfügen eines komplett neuen Gens gewesen, dann hätte dieses Gen keine "Vorfahren". Für ein solches Gen träfe die Schlussfolgerung "common descent" nicht zu. Nichtsdestotrotz ist Korthofs Behauptung, common descent sei abhängig von random mutation, in dieser Form nicht zutreffend.

Da ich Behes Buch nicht gelesen habe, kann ich nicht beurteilen, ob er lediglich behauptet, einzelne Mutationen wären "non random", aber generell hätte der Designer das zu dem jeweiligen Zeitpunkt vorhandene genetische Material manipuliert, oder annimmt, ab und an hätte der Designer sich auch mal was ganz Neues ausgedacht.

Im ersteren Fall stimme ich John Harshman zu: Das hört sich tatsächlich mehr nach einem "Tinkerer" an...

MfG,
JLT



UPDATE 30.07.07: ...und noch eine Review, diesmal vom Discover Magazine. Die sind auch nicht begeistert.

[via Pharyngula]

4 Kommentare:

Thomas Waschke said...

@JLT

ich habe mir im Urlaub die Mühe gemacht, das Buch von Behe 'from cover to cover' zu lesen.

Korthof hat Recht: das Buch ist keine Darstellung der ID-Theorie. Man kann sich aber fragen, ob dieser Anspruch an das Buch berechtigt ist: der Titel lautet ja anders.

Eins kommt noch dazu: ID behauptet ja explizit, dass man keine Aussage über den Designer oder dessen Schöpfungsmethode machen kann. Das ist im Rahmen unserer Wissenschaftstheorie ein k.o.-Kriterium. Die Frage ist nur, ob ID nicht auf einer anderen Ebene vertretbar ist. Die interessiert Menschen wie Dich und mich aber nicht weiter.

Korthof zeigt das zentrale Problem auf: Behe hat kein Argument für Design, sondern nur gegen die Reichweite ...

von was eigentlich? Behe spricht von Darwinism, also einer speziellen mechanismischen ET. Im Text geht Behe aber auch auf EvoDevo ein (beispielsweise auf das neue Buch von Carroll, oder auch auf 'The Plausibility of Life' von Kirschner und Gerhart), so dass man sieht, dass er unter 'Darwinismus' eher alles versteht, was man unter 'ET' versteht.

Die Argumentation von Behe ist schnell beschrieben: er zeigt anhand vor allem des Malaria-Parasiten, dass 'abbauende' Mutationen leicht möglich sind. Eine Punktmutation ist problemlos möglich, ab zwei wird es schwierig.

Behe argumentiert damit, dass Plasmodien (und andere Organismen) den einen Typ problemlos in kurzer Zeit schaffen, aber andere Typen in Jahrtausenden nicht. Plasmodien brauchten nur ein paar Jahre, bis sie Chloroquin 'knackten', schafften es aber seit ihrem Bestehen nicht, in kälteren Gegenden in Mücken zu überleben oder mit Sichelzell-Hb klarzukommen.

Behe vergleicht das mit Erfolgen im Krieg, die darauf beruhen, dass man eine Brücke sprengt oder was in der Art macht. Neuheiten sind so nicht möglich.

Korthof (seine Rezensionen sind meist hervorragend) weist auf einen extrem wichtigen Punkt hin: die Klärung von 'the edge of evolution' ist ein eminent wichtiges Problem, und er hat das in etlichen Rezensionen anderen Arbeiten durchaus anklingen lassen. Wissenschaftshistorisch gesehen ist das sowieso ein Standard-Topos, der noch nie geklärt wurde. Als sich 'damals' die STE durchsetzte, ging es genau um die Frage, genauer gesagt, schon seit Darwin. Korthof hat hier ein Informationsdefizit, was er zu Mayr schreibt ist etwas zu oberflächlich. Fakt ist, dass Deszendenz schon 10 Jahre nach Darwin Standard war, dass aber bis in die 1930er Jahre so gut wie alle Biologen davon ausgingen, dass 'Makro'evolution jenseits der 'edge' der Selektionstheorie (also Darwins 'my theory') lag. Dann kam die heilige Dreifaltigkeit der Populationsgenetik und vor allem derern Popularisator Dobzhansky und die Selektionstheorie, die um 1900 durch die Wiederentdeckung der Mendelschen Gesetze für tot erklärt wurde, erhob sich wie ein Phoenix aus der Asche (übrigens so weit ich weiß das einzige Beispiel, dass eine als falsifiziert angesehene Theorie wiederbelebt wurde). 'Gelöst' wurde das Problem durch Wegdefinieren: für Dobzhansky war 'Evolution' einfach nur die 'Verschiebung von Allelfrequenzen in Populationen'. Das konnte sogar gezeigt werden (erstmals 'in the wild' durch den Birkenspanner) und die STE etablierte sich als Standard. Das hat sich geändert, und ich behauptet, dass wir noch erleben werden, dass 'the edge of evolution' vollkommen losgelöst von der ID-Frage (die ja gar keine ist) diskutiert werden wird.

Du hast zudem Recht: Deszendenz ist nicht, wie Korthof meint, von einem bestimmten Mechanismus abhängig. Die Wissenschaftsgeschichte beweist das Gegenteil. Zudem würde sich an allen Befunden der Stammbaumforschung (die ganzen Sequenz-Analysen sind ja de facto nichts Anderes als das, was Morphologen schon seit Jahrhunderten treiben) nichts ändern, wenn ein Designer ab und an einen 'push' geben würde.

Korthof macht den Fehler, dass er das, was Behe zu 'pre-loaded universe' sagt, als dessen Meinung zur Handlungsweise des Designer interpretiert.

JLT said...

@ Thomas:

Willkommen zurück. Hoffentlich gut erholt!

"ich habe mir im Urlaub die Mühe gemacht, das Buch von Behe 'from cover to cover' zu lesen."

Tapfer ;-)
Planst Du auch eine Buchbesprechung?

"Korthof macht den Fehler, dass er das, was Behe zu 'pre-loaded universe' sagt, als dessen Meinung zur Handlungsweise des Designer interpretiert."

Was sagt Behe denn zu 'pre-loaded universe'? Laut Korthof akzeptiert er doch durchaus, dass ungenutzte Kopien von Genen durch Mutationen ihre Funktion verlieren können, dann kann er doch nicht ernsthaft an irgendeine Form von Front-loading glauben. Oder kann er?

Thomas Waschke said...

@JLT

=== schnipp ===
Willkommen zurück. Hoffentlich gut erholt!
=== schnapp ===

jepp, danke für die Nachfrage schön braun. Leider Rost, es hat geregnet.

=== schnipp ===
"ich habe mir im Urlaub die Mühe gemacht, das Buch von Behe 'from cover to cover' zu lesen."

Tapfer ;-)
Planst Du auch eine Buchbesprechung?
=== schnapp ===

Vielleicht, aber dann in Form einer 'Meta-Rezension'. Das, was ich bisher gelesen habe, scheint mir, Ruse vielleicht ausgenommen, nicht den Punkt zu treffen.

Zurzeit bin ich dabei, eine Rezension von

Klinnert, Lars (2007) 'Zufall Mensch? Das Bild des Menschen im Spannungsfeld von Evolution und Schöpfung' Darmstadt, WBG

zu schreiben. Kommt spät, die Tagung, auf der diese Referate gehalten wurden, war in 2005. Ich habe einen Tag lang teilgenommen, war sehr interessant. Die Referenten deckten das Spektrum vom YEC bis zum bekennenden Atheisten ab, leider waren die Diskussionen zu 'harmonisch'.

=== schnipp ===
"Korthof macht den Fehler, dass er das, was Behe zu 'pre-loaded universe' sagt, als dessen Meinung zur Handlungsweise des Designer interpretiert."

Was sagt Behe denn zu 'pre-loaded universe'? Laut Korthof akzeptiert er doch durchaus, dass ungenutzte Kopien von Genen durch Mutationen ihre Funktion verlieren können, dann kann er doch nicht ernsthaft an irgendeine Form von Front-loading glauben. Oder kann er?
=== schnapp ===

Das Problem, auf das Korthof auch sehr deutlich hinweist, ist, dass Behe sich nicht besonders klar und konsistent ausdrückt.

'Pre-loaded universe' meint üblicherweise, dass der Designer nur das Universum incl. Naturkonstanten und -gesetzen schuf. Behe scheint eher davon auszugehen, dass der Designer ab und an eingreift und eine nicht-zufällige Mutation so bewirkt, dass das dabei herauskommt, was der Designer haben wollte. Ich muss aber noch näher nachforschen, was Behe konkret vertritt. Vermutlich hat er an der Stelle, auf die sich Korthof bezieht, eher referiert.

Ein Problem scheint mir die Situation in Amiland zu sein. Behe scheint zu versuchen, nichts zu schreiben, was nicht 'scientific' ist. Ein 'echter' ID-Ansatz mit mehr Freiheiten (also beispielsweise hier, wo es Null Juck spielt, wie man ID in Schulen bekommt, denn das ist erstens erlaubt und zweitens gibt es Religionsunterricht) könnte vermutlich viel deutlicher werden.

Heberer hat mal sehr anschaulich geschildert, dass ein Forscher, der im Präkambrium einen Haufen Würmer gesehen hätte, in denen Mutationen so auftraten, dass dadurch die Urahnen einer Tierklasse entstanden, nichts davon bemerkt hätte, weil die Variation vermutlich immer noch im Rahmen des Üblichen verblieb. Eine designete, nicht-zufällige Mutation könnte dasselbe bewirken. Und jeder, der DNA sequenziert, würde nicht merken, dass Änderungen 'damals' nicht zufällig erfolgten.

Das heißt, dass ID nicht so erfolgen musste, dass ein Designer nun ex nihilo ein Reptil basteltet, es würde reichen, entweder die Selektionsbedingungen ein wenig zu tunen bzw. ein paar Basen zu 'kippen', ein Genom zu duplizieren oder sonst was zu treiben, was ohne Lenkung nicht in der Form aufgetreten wäre.

Hier ist natürlich eine 'Einfallspforte' für Supranaturalisten. Interessanterweise machen unser Papst und die Menschen in Castel Gandolfo in

Horn, S.O.; Wiedenhofer, S.; (Hrsg.) (2007) 'Schöpfung und Evolution. Eine Tagung mit Papst Benedikt XVI. in Castel Gandolfo' Augsburg, Sankt Ulrich Verlag

ähnliche Versuche. Wäre interessant, das konkret mit ID zu vergleichen.

Der schlagende Einwand ist aber mindestens so alt wie die Diskussion um die klassischen Gottes'beweise': ist das, was man so 'beweist', noch der Gott der Theisten?

Korthof weist mit Recht darauf hin, dass sich die Theodizee-Frage stellt, wenn man davon ausgeht, dass Parasiten designed wurden. Allerdings nur, wenn man Theist ist. ID könnte man problemlos mit einem Designer, der bösartig ist, vertreten.

JLT said...

@ Thomas:

Danke für die Aufklärung über pre-loading. War mir nicht klar, dass front- und pre-loading zwei verschiedene "Sachverhalte" betrifft.

"Eine designete, nicht-zufällige Mutation könnte dasselbe bewirken. Und jeder, der DNA sequenziert, würde nicht merken, dass Änderungen 'damals' nicht zufällig erfolgten."

Das würden wir selbst heute nicht merken. Wie sollte man den unterscheiden, ob in meiner Petrischale die eine Mutation in der einen Bakterie, die eine Antibiotikaresistenz bewirkt, zufällig an der Stelle aufgetreten ist oder "designt" wurde? Das ist, auf den Punkt gebracht, mein Hauptargument gegen die Wissenschaftlichkeit von ID: Wir wären zwar in der Lage, einen nicht übernatürlichen Designer auszuschließen, könn(t)en aber *nie* ausschließen, dass sich da nicht jemand aus einem Paralleluniversum einen Spaß erlaubt hat.
Das Einzige, was dort einen Designer ausschließt, ist Occam's Razor: Die (unbelegte) Existenz eines Paralleluniversums und/oder eines Designers anzunehmen, um etwas zu erklären, das genauso auch ohne solche Annahmen erklärbar ist, entspricht nicht dem Anspruch, das Hypothesen/Theorien so wenige Annahmen wie möglich machen sollten (und ich möchte an dieser Stelle besonders herausstellen, dass das Eingreifen eines Designers hier *nicht* wegen der atheistischen Weltverschwörung ausgeschlossen wird).

"Korthof weist mit Recht darauf hin, dass sich die Theodizee-Frage stellt, wenn man davon ausgeht, dass Parasiten designed wurden. Allerdings nur, wenn man Theist ist. ID könnte man problemlos mit einem Designer, der bösartig ist, vertreten."

Klar. Fragt sich nur, wie viele der ID-Vertreter keine Theisten sind.