1 June 2007

Heute schon mit Galileo verglichen?

Ein großartiges Post gibt's auf denialism blog: 'Crank HOWTO'.

Who wants to know how to be an effective crank?

Well, I've outlined what I think are the critical components of successful crankiness. Ideally, this will serve as a guide to those of you who want to come up with a stupid idea, and then defend it against all evidence to the contrary.

SEHR amüsant!!!! Und versucht erst gar nicht, mir da zu widersprechen, kritische Kommentare werden sofort gelöscht.

MfG,
JLT

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Aber Ringu Tulku als Name hat schon was.

Jetzt geht's aber los. Gerade bekomme ich die folgende Email von einer Professorin für Chemie an der hiesigen Universität [Ausschnitt]:
The eminent Tibetan Buddhist teacher, Ringu Tulku Rinpoche, will deliver a free public lecture entitled "The Buddhist Approach to Mental and Emotional Health" [...]

Ringu Tulku is particularly interested in the interplay between modern Science and Buddhism - two of the world's most fruitful traditions for understanding the nature of reality and promoting human well-being. The Buddhist meditative tradition has a vast store of experiential knowledge of the human mind in all its aspects and the teachings on mental and emotional health in this free public lecture, will no doubt be very welcome and timely.
Pardon? Wissenschaft ist eine Tradition "for understanding the nature of reality and promoting human well-being"? Ich würde mal sagen, Wissenschaft ist die einzige reelle Methode, die Natur zu verstehen, um mal die Wortwahl beizubehalten...
Was zum Geier sollte Buddhismus mit Wissenschaft zu tun haben? Und was sollen die anderen dieser offenbar ungezählten Traditionen sein, nur mal so Interesse halber?

"Experiential knowledge of the human mind", wenn ich das schon höre. Ich bevorzuge experimental knowledge...

MfG,
JLT


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Wie man an den Zähnen von T. rex Wissenschaftler von Kreationisten unterscheiden kann.

Auf Northstate Science habe ich dieses Post entdeckt, das ich gleich doppelt bemerkenswert finde.
Zunächst mal enthält das Post eine meiner Meinung nach umfassende Widerlegung der Behauptung, T. rex wäre zu irgendeinem Zeitpunkt Vegetarier gewesen. Was ich aber wirklich interessant an diesem Post finde, ist Christopher O'Briens Bemerkungen zum Unterschied zwischen Wissenschaft und Kreationismus, oder wie ich es eher bezeichnen würde, zwischen einer wissenschaftlichen und einer nicht-wissenschaftlichen/kreationistischen "Geisteshaltung".

O'Brien beschreibt, wie er auf einige kritische Kommentare zu einem früheren Post von ihm, über Dinosaurier-Zähne und was sie über die bevorzugte Nahrung aussagen, reagiert hat.
Certainly the responses to these observations are important, but that is not what prompted me to write this post. What really intrigued me was the process I engaged in while obtaining the information. It is the process of discovery that, as much as the answers, serves to radically distinguish science from creationism in all its forms. As I said, my reader raised several issues that, on face value, would be sufficient for most people to stop and wonder if Ham and AIG weren’t at least raising a legitimate issue. For Ham, AIG, and on a different level, the intelligent design advocates, inquiry would completely cease at this point. See, O’Brien is wrong: polar bear teeth are hardly different from other bear teeth and they exclusively eat meat… [Anm.: wohingegen sich viele andere Bärenarten zu unterschiedlich großen Anteilen auch von Pflanzen ernähren] hence it is possible that tyrannosaurs ate vegetation at one time. Here, the entire goal is accomplished: raise reasonable doubt with the general populace at large.

But science follows a completely different process. Upon reading the phrase “polar bear teeth are hardly different from other bears” the first thing I did was ask myself, “is that true?” and reach for a book on mammalian anatomy; and I did it so sub-consciously and automatically that the significance of the act did not become apparent until a few hours later. Scientists constantly question whether their data (and others') are correct…it’s ingrained as part of the process. The same cannot be said for creationists. [...]
Und weiter:
On the heels of an automatic question when being confronted with a new “observation” also came an automatic mental prediction (also an inherent part of science but not of creationism or intelligent design): IF tooth morphology is largely explained by diet, THEN another species of bear with a radically different diet should also exhibit radically different tooth morphology from other bears.

Tatsächlich mache ich das (meistens) genauso und in gewisser Weise ist diese meine Handlungsweise und der totale Gegensatz zur Handlungsweise von Kreationisten et al. das, was einen nicht unbeträchtlichen Teil meiner Faszination mit diesem Thema ausmacht.

In diesem Post: 'Na klar, Genfood verursacht AIDS. Und Hüte aus Alufolie schützen vor Gedankenspionage durch Außerirdische' habe ich mir unter anderem die Behauptung einer Person vorgenommen, Genfood verursache AIDS.
Mal ganz abgesehen davon, dass ich auch aus ganz anderen Gründen davon überzeugt bin, dass HIV AIDS verursacht und nicht Genfood, kam mir damals als erstes Folgendes in den Sinn: Damit das überhaupt möglich wäre, müsste es zu dem Zeitpunkt des ersten Auftretens von AIDS schon Genfood in nennenswertem Umfang gegeben haben.

Gab's aber nicht [siehe mein Post].

Wie kommt es, dass die Person, die dies behauptet, nicht ein Mal überprüft hat, ob dieser Zusammenhang überhaupt möglich ist? Das ist mir unbegreiflich.

Mich würde übrigens keinesfalls überraschen, wenn diese Person weiterhin, trotz der aufgezeigten Unmöglichkeit des Zusammenhangs "Genfood – AIDS", an seiner/ihrer irrigen Auffassung festhalten würde. Im Zweifel würde er wahrscheinlich eher eine Verschwörungstheorie entwickeln ("Es wurde schon vorher heimlich genveränderte Lebensmittel angeboten, im Rahmen eines groß angelegten Versuchs an Menschen, den die Saatmittelindustrie vor der offiziellen Einführung durchgeführt hat. Möglicherweise hat sie einige hochrangige Mitglieder der Regierung bestochen, um das tun zu können." – wäre eine Idee, eine andere "Außerirdische haben schon 1947 in einer groß angelegten Aktion gentechnisch veränderte Pflanzen in Amerika ausgesät (eins der beteiligten Saat-UFOs ist in Roswell abgestürzt).") als von dieser Meinung abzurücken, was ich sogar noch unbegreiflicher finde.

Das ist etwas, was O'Brien nicht erwähnt, aber meiner Meinung nach einen weiteren Unterschied in der Geisteshaltung ausmacht:
Die grundlegende Bereitschaft eines Wissenschaftlers, seine Auffassung zu ändern, wenn die Fakten gegen sie sprechen, und dem gegenüber die grundlegende Bereitschaft von Kreationisten et al., die Fakten zu ignorieren, wenn sie seiner Auffassung widersprechen....

Das ist möglicherweise aber auch so offensichtlich, dass er es einer gesonderten Erwähnung nicht für wert gehalten hat.

MfG,
JLT

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Eins rechts, eins links, eins fallen lassen.

Das finde ich doch mal ausgesprochen gut. Eine Seite mit Strickmustern, auf der - ganz nebenbei - noch ein wenig Paläontologie untergebracht wurde. Geht nicht? Geht doch. Wenn eine Bioinformatikerin entscheidet, ein Strickmuster für Ammoniten zu entwerfen.

Dieser Fund (via tiefes Leben, wo es auch noch etwas ernster gemeinte Rekonstruktionen von Ammoniten zu sehen gibt und darüber hinaus auch noch ein interessantes Post über Urbilateria), hat mich dazu inspiriert, nach weiteren Strickmustern ausgestorbener Tiere zu suchen. Im Zusammenhang mit Ammoniten habe ich noch passend ein Strickmuster für einen Trilobiten gefunden. Leider keine weiteren Informationen, bedauerlich (die gibt's z. B. hier: A Guide to the Orders of Trilobites).


Dann hat jemand tatsächlich versucht, einen T. rex zu stricken.

Naja, sieht für mich eher wie ein Argument gegen Gentechnik aus (und warum ein rosa-farbenes Bein?), aber ich will mal nicht zu kritisch sein. Das einzige, das ich stricken könnte, wäre ein Schal. Hmm, wenn ich die Seiten zusammen nähen würde, konnte ich es vielleicht als Nematode verkaufen...

MfG,
JLT

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30 May 2007

Jemand hat UD gekapert und durch eine Comedy-Site ersetzt.

Anders kann ich mir das nicht erklären. Das *kann* er [DaveScott von Uncommon Descent] nicht ernst meinen. Bitte, bitte, nicht.

Der Artikel wäre es wert, in seiner ganzen Absurdität wiedergegeben zu werden, aber aus Copyright-Gründen versuche ich mich mal zu beschränken (auch wenn's nicht leicht fällt).

Offensichtlich, so DS, hat in den letzten 20 Jahren das Pflanzenwachstum auf der Erde insgesamt (Net primary productivity) um 6 % zugelegt.
[...] Why is it that we don’t hear about this in the popular press? We are inundated with conjecture based on computer models of CO2 induced warming and the supposed ill effects of it. Yet when the facts are allowed to speak we see the earth blooming like a spring flower garden from higher temperatures and increased CO2. [...]
Außerdem zeigten Untersuchungen, dass Pflanzen bei höheren CO2-Konzentrationen Wasser effizienter nutzen können. Darum, so folgert DaveScott mit dem Bereich, den er höchstwahrscheinlich fälschlicherweise sein Gehirn nennt, den ich wiederum ganz anders bezeichenen würde, wenn ich nicht so wohlerzogen wäre (wenn ihr mir da folgen könnt):
In a rational world we’d be thrilled that this is happening and if we weren’t pumping CO2 into the atmosphere through fossil fuel burning to make the global greenhouse greener we’d be looking for some other way to increase atmospheric CO2. More CO2 is a good thing. [...]

For those friendly to intelligent design I’d ask if this relationship between fossil fuel, atmospheric CO2, increased plant growth, lengthening the growing season in higher latitude land masses, and better water efficiency is all just a happy coincidence that helps feed a growing human population or whether it’s not a coincidence at all but rather part of some larger plan for humanity.
So, jetzt alle zusammen: WHAT? Oups, ich meinte natürlich: WHAT?

In welchem Paralleluniversum befindet sich der Mann?

Und das alles (diese "happy coincidence" - man reiche mir ein neues Irony meter) ist Teil eines größeren Plans des ungenannten intelligenten Designers für die Menschheit.

Jetzt entschuldigt mich bitte, ich glaube, Teile meines Gehirns sind gerade implodiert.

MiG (Mit irrem Grinsen),
JLT



Unglaublich. Es ist alles eine Verschwörung gegen Amerika!
This is more evidence of that Global Warming is driven by an agenda which is punish the United States economically by making it agree to reduce carbon emissions. [...] The problem in the eyes of much of the rest of the world is the United States holds too much economic and military power and they want that reduced. Getting us to encumber our economic growth through CO2 emission reduction is one way of putting the brakes on growing economic and military power.
Ich halt's nicht aus. DaveScott, ein Bilderbuch-Crank. Man überreiche ihm einen Tin-foil hat (oder wenigstens einen Bauplan).

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29 May 2007

Wohl eher die Autoreifen.

Ich muss mich mal ganz kurz ein bisschen aufregen.

Auf Evolution & Schöpfung gibt es einen neuen Beitrag von Markus Rammerstorfer. Er beginnt:
Der Gedanke an Evolution ist in der biologischen Forschung ungefähr vergleichbar mit einem Mercedes-Stern: Hübsch anzusehen, wenn er gefällt, aber verzichtbar für die Funktion des Autos. Die Beispiele für Anwendungen der Evolutionsbiologie sind kurz und wenig beeindruckend.
Im folgenden zitiert er einen Nature-Artikel von Jerry A. Coyne [Selling Darwin. Nature 442, 983-984; nicht frei verfügbar]. Dieser Artikel ist die Besprechung eines Buches, in dem der Autor dieses Buches (The Evolving World: Evolution in Everyday Life by David P. Mindell. Harvard University Press: 2006) praktische Anwendungen der Evolutionstheorie anführt. Und Coyne findet das Buch bzw. die Haltung dahinter offensichtlich richtig schlecht.
The idea that the main virtue of science lies in its practical applications, especially in fighting disease or creating wealth, is a by-product of the American notion that everything comes down to the dollar. After all, in a country where Martin Luther King dreamed that people should be judged by the content of their character, they are still judged by the cost of their car. It is a peculiarly American objection to evolution that it can't cure cancer or make you rich. And some US biologists, steeped in a culture both mercenary and resistant to evolution, believe that to sell darwinism to people we must show them how darwinism helps people to sell.

This is the motivation for David Mindell's engaging book The Evolving World. As he notes: "When a concept and its resulting applications become useful, people tend to embrace the applications and, eventually, the underlying concepts. It is difficult to argue with success." Indeed. Other fascinating aspects of science may lack practical application (work on black holes, for instance), but these apparently don't need justification because they don't strike at the core of human values as evolution seems to do.
Im folgenden kritisiert Coyne einige von Mindells Beispielen zur praktischen Anwendung der Evolutionsbiologie, z. B.
Mindell likewise gives a readable account of evolutionary theory in medicine. Phylogenetic analysis has helped us trace the animal origins of human pathogens such as anthrax, tuberculosis, AIDS and influenza, as well as more specific routes of infection; for example, the testimony of a systematist helped convict a Louisiana doctor of injecting his mistress with HIV-infected blood. And darwinian medicine gives insight into why virulence and transmission are evolutionarily connected: malaria, reliant on the mosquito vector, leaves its victims prostrate and susceptible to bites, whereas the common cold, spread through the air, leaves its victims free to move around. But an evolutionary viewpoint has not led to cures, so its contribution to medicine has been more heuristic than practical.
Coyne zieht das Fazit:
In the end, the true value of evolutionary biology is not practical but explanatory. It answers, in the most exquisitely simple and parsimonious way, the age-old question: "How did we get here?" It gives us our family history writ large, connecting us with every other species, living or extinct, on Earth. It shows how everything from frogs to fleas got here via a few easily grasped biological processes. And that, after all, is quite an accomplishment.
Zusammengefasst vertritt Coyne also die Meinung, dass Evolutionsbiologie* eher Grundlagenforschung ist als Forschung mit dem Ziel einer praktischen Anwendung und sich ihre Relevanz durch ihre Erklärungsmacht ergibt.
Die krampfhafte Suche nach Beispielen für ihre praktische Anwendung, um den Amerikanern die Evolutionstheorie durch ihren finanziellen Nutzen für sie schmackhaft zu machen, hält er für verfehlt, vor allem auch, da die wenigen Beispiele für eine kommerzielle Nutzung auch noch aus dem Bereich der Mikroevolution stammen, die soundso schon von einer Mehrheit akzeptiert wird. Um die Akzeptanz für die Evolutionstheorie in ihrer Gesamtheit zu erhöhen, ist das Aufzeigen noch so vieler Beispiele ihres praktischen Nutzens seiner Meinung nach kein sinnvoller Weg, vor allem, da die meisten Leute Evolution soundso nicht wegen ihrer mangelnden Kommerzialisierbarkeit ablehnen würden, sondern weil in ihren Augen Evolution eine Gefährdung moralischer Werte bedeutet.
One reason why Mindell might fail to sell Darwin to the critics is that his examples all involve microevolution, which most modern creationists (including advocates of intelligent design) accept. It is macroevolution — the evolutionary transitions between very different kinds of organism — that creationists claim does not occur.
But in any case, few people actually oppose evolution because of its lack of practical use. As with my Alaskan interlocutor, they oppose it because they see it as undercutting moral values.
All das erkennt Markus Rammerstorfer an, aber er gibt dem Ganzen einen anderen Dreh. Er schreibt als Kommentar zu dem obigen Zitat (unter Auslassung des letzten Satzes):
Das Problem mit der Evolutionsbiologie als angewandte Wissenschaft ist also, dass Beispiele, die ihren Erfolg dokumentieren (sollen), nicht die Akzeptanz einer allgemeinen Evolution erfordern. Und dort wo sie die Akzeptanz einer allgemeinen Evolution erfordern würden - etwa bei der Erklärung von Wirbelsäulenproblemen - geht auch schon die Anwendung verloren, bzw. ist der Ansatz nicht überzeugend und zu spekulativ.
Richtig ist, dass die Evolutionsbiologie beispielsweise Rückenprobleme erklären kann, aber sich aus dieser Erklärung keine Heilungsmethoden ergeben. Das liegt aber nicht daran, dass der Ansatz nicht überzeugend ist oder zu spekulativ wäre. Um es an diesem Beispiel zu verdeutlichen: Nehmen wir mal an, es wäre wirklich 100 %ig bewiesen, dass viele Rückenprobleme aus der Tatsache resultieren, dass unsere Vorfahren sich vierbeinig anstelle von zweibeinig fortbewegt hätten. Wie sollte eine "makroevolutionäre" Intervention aussehen? Eine Zeitreise machen und alle unserer Vorfahren erschießen, die sich auf zwei Beine aufrichten?
Der Grund, warum es keine praktische Anwendung aus dem Bereich der Makroevolution gibt, ist, dass es sie nicht geben kann. Der Zeitrahmen ist ein völlig anderer. Dass die praktische Anwendbarkeit einer Theorie keinerlei Relevanz für ihre Richtigkeit darstellt, scheint auch MR klar zu sein, denn im nächsten Absatz schreibt er:
Ursprungsforschung sollte nicht an "Nützlichkeit" bzw. den Anwendungen gemessen werden, die sie hervorbringt und schon gar nicht an deren kommerziellen Erfolg.
Aber dies leiter er wiederum mit einer irreführenden Bemerkung ein, einem klassischen Strohmann:
Um Mißverständnisse zu vermeiden: Nur weil evolutionstheoretische Erwägungen und Theorien in der biologischen Forschung eine geringe Rolle spielen und wenig Anwendungen in der Praxis erzeugen, ist das kein Argument gegen diese.
Aus der Evolutionsbiologie ergeben sich wenige praktische Anwendungen, ja, aber dass heißt NICHT, dass sie in der biologischen Forschung keine Rolle spielen, ganz und gar nicht.

An meinem Institut arbeiten wir mit humanen Zellen, aber auch mit Zellen von beispielsweise Ratte, Maus oder Kaninchen. Murine Zellen können in vieler Hinsicht als Modell für menschliche Zellen genommen werden, die grundsätzliche Funktionsweise ist gleich. Aber die Übertragbarkeit der Daten, die durch Untersuchungen mit murinen Zellen gewonnen wurden, auf die Verhältnisse beim Menschen ist nicht vollständig. Es gibt immer auch kleine Unterschiede, dessen muss man sich bewusst sein.

Nun kann man das einfach so akzeptieren und hinnehmen, eine nicht sehr wissenschaftliche Haltung. Man kann aber auch nach Erklärungen dafür suchen und Überraschung, die Evolutionstheorie erklärt es.

Sie erklärt auch, warum in einem anderen Modellorganismus, C. elegans (ein Nematode), viele grundlegende Stoffwechselwege wie z. B. Apoptose immer noch relativ ähnlich zu denen in Säugetierzellen ablaufen, wenn auch die Unterschiede im Einzelnen sehr viel größer sind, und warum es überhaupt möglich ist, selbst Tiere wie C. elegans und D. melanogaster, die so unähnlich zum Menschen erscheinen, als Modellorganismen verwendet werden können.
Much of the understanding of cell death has come from genetic studies in the nematode C. elegans by which several genes have been identified that function in the apoptotic killing and elimination of 131 of the initially 1090 somatic cells that are generated druing hermaphrodite development [Hengartner, 1999]. The proximal cause of apoptosis in C. elegans is the activation of the cysteine protease ced-3, which is mediated by its oligomerization at the activator protein ced-4. Activity of the ced-3/ced-4 complex is regulated by the apoptosis inhibitor ced-9 and the apoptosis inducer egl-1 (Figure 3). Subsequent studies in mammals and in the fly, D. melanogaster, have identidied counterparts for these C. elegans genes, demonstrating that the core components of the cell death machinery are conserved through evolution [Richardson, 2002]. Accordingly, ced-3 is the single C. elegans member of a family of cysteine proteases, the caspases, whereas ced-4 corresponds to the mammalian apoptotic protease activating factor 1, Apaf-1, which is the core of a caspase-activating signalling complex, the apoptosome. Egl-1 and ced-9 are members of the Bcl-2 family of pro- or antiapoptotic proteins, respectively, which play an important role in the mediation and regulation of apoptotic signalling pathways. All of those central components will be discussed within the following paragraphs. [...]

The term caspases is derived from cysteine-dependent aspartate-specific proteases: their catalytical activity depends on a critical cysteine-residue within a highly conserved active-site pentapeptide QACRG, and the caspases specifically cleave their substrates after Asp residues. So far, 7 different caspases have been identified in Drosophila, and 14 different members of the caspase-family have been described in mammals, with caspase-11 and caspase–12 only identified in the mouse [Denault, 2002; Richardson, 2002]. According to a unified nomenclature, the caspases are referred to in the order of their publication: caspase-1 is ICE (Interleukin-1ß-Converting Enzyme), the first mammalian caspase described to be a homologue of Ced-3 [Creagh, 2001; Miura, 1993].
[Quelle: Celldeath.de]

Dies ist nur ein Beispiel von buchstäblich Tausenden.
All diese Funde können durch eine gemeinsame Abstammung und Evolution erklärt werden und machen auch nur so Sinn.

Oder um es mit dem altbekannten Dobzhansky-Zitat zu sagen:

Seen in the light of evolution, biology is, perhaps, intellectually the most satisfying and inspiring science. Without that light it becomes a pile of sundry facts some of them interesting or curious but making no meaningful picture as a whole.

[Quelle: "Nothing in Biology Makes Sense Except in the Light of Evolution", The American Biology Teacher, March 1973, p. 129.]


Zu sagen, dass die Evolutionstheorie in der biologischen Forschung keine Rolle spielt, ist so, als würde man sagen, dass Physik/Optik für eine Kamera keine Rolle spielt. Natürlich kann jeder Depp sich eine Kamera kaufen und damit Photos machen, ohne von Optik eine Ahnung zu haben. Aber Sinn macht die ganze "Methode" nur, wenn man über Optik Bescheid weiß.

Oder wenn man es unbedingt mit Autoteilen vergleichen will, dann wäre Evolutionsbiologie nicht der Mercedesstern, sondern wohl eher die Reifen.

MfG,
JLT


* Für einen Querschnitt, was alles in den Bereich der Evolutionsbiologie fällt, siehe z. B. hier [Max-Planck-Gesellschaft, Forschungsbereich: Entwicklungs- und Evolutionsbiologie/Genetik].



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Werbung.

Heute möchte ich tatsächlich auch mal einen Blog vorstellen und zwar nicht nur, weil der Autor des Blogs, R. Ford Denison (Adjunct Professor im Department of Ecology, Evolution, and Behavior der University of Minnesota), den guten Geschmack bewiesen hat, in seinem neuesten Beitrag ("Coevolution and gene flow") u. a. auf einen Artikel einzugehen, den ich auch schon besprochen habe...

Vielmehr stelle ich seinen Blog - This Week in Evolution - vor, weil er zu einer wirklich raren Spezies gehört: ein Science Blog (fast) ausschließlich über Science (*gasp*). Und das auch noch auf durchweg hohem Niveau, unterhaltsam, verständlich und manchmal auch mit einem Augenzwinkern. Mal ganz abgesehen davon, dass er so was von qualifiziert ist, über Evolution zu schreiben, dass ich mir im Vergleich vorkomme wie eine Dilettantin. Könnte natürlich daran liegen, dass ich eine bin (jedenfalls im eigentlichen Sinn des Wortes).

Hier sein "About":
Each week, I plan to discuss a scientific paper that meets the following criteria:
1) published during the previous month;
2) about some aspect of evolution;
3) published after peer review in a journal with a citation impact of at least 1.0 (i.e., no third-tier journals);
4) containing significant amounts of data, not just mathematical modeling or discussion.
Absolut empfehlenswert.

MfG,
JLT

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Ein kleiner Fingerzeig.

Ich wusste gar nicht, was man so alles an der Fingerlänge* ablesen kann - jedenfalls angeblich. Letzte Woche gab es einen Artikel in ScienceNOW zu einer Veröffentlichung in der Mai-Ausgabe des British Journal of Psychology [Brosnan, Digit ratio as an indicator of numeracy relative to literacy in 7-year-old British schoolchildren. British Journal of Psychology, 30. März 2007 DOI: 10.1348/000712607X197406].
Boys with the longest ring fingers relative to their index fingers tend to excel in math, according to a new study. In girls, shorter ring fingers predict better verbal skills. The link, according to the researchers, is that testosterone levels in the womb influence both finger length and brain development.

Scientists have been interested for years in the observation that ratios of finger lengths differ in men and women. In men, the ring (fourth) finger is usually longer than the index (second); their so-called 2D:4D ratio is lower than 1. In females, the two fingers are more likely to be the same length. Because of this sex difference, some scientists believe that a low ratio could be a marker for higher prenatal testosterone levels, although it's not clear how the hormone might influence finger development. The 2D:4D ratio has also been fingered in connection with brain-related characteristics--most often in males--such as depression, left-handedness, musical ability, and homosexuality.
[Quelle: ScienceNOW]

Eine Google-Suche ergab außerdem noch einen Zusammenhang zwischen Aggressivität und Fingerlängen-Verhältnis:
In the current study, Dr Peter Hurd and his student Allison Bailey measured the fingers of 300 undergraduates at their university.

Men with the shortest index fingers scored higher on measures of physical aggression than those with longer index fingers, but the study's findings did not apply to women.
[Quelle: BBC]

Ein Zusammenhang zwischen Risiko eines Herzinfarktes und Fingerlängen-Verhältnis:
Lead researcher Dr John Manning told the BBC: "Males tend to have a relatively longer ring finger compared to the index finger than females.

"This is a very early trait and it is under the influence of sex hormones.

"For a man, the ring finger tends to be about 2% longer than the index finger. The longer your ring finger, the more protected you are against heart attack, because the more testosterone you have.

"There is a relationship between the ratio between these two finger lengths and the age at heart attack of people who do have heart attacks."
[Quelle: BBC]

Ein Zusammenhang mit Fruchtbarkeit:
Manning links the proximate causes of digit ratio sexual dimorphism to the effects of sex hormones during early fetal development. He believes the evidence is persuasive, but not yet definitive, that higher levels of testosterone during this critical developmental stage facilitates the growth of the ring finger, while higher levels of estrogen facilitates the growth of the index finger. He states: “In general, it seems that 2D:4D is the most reliable of the predictors of hypermasculinization…” (p. 139). One of the consequences of hypermasculinization, as reflected by the digit ratio, may be higher levels of fertility in men and lower levels of fertility in women. He also suggests that hypermasculinization increases the likelihood of homosexuality or bisexuality, in both males and females.
[Quelle: Mills, Book Review of 'Digit Ratio: A Pointer to Fertility, Behavior and Health" by John T. Manning, NJ: Rutgers University Press. 2002. In: Human Nature Review 2002 Volume 2: 418-423]

Ich könnte wahrscheinlich noch länger so weiter machen.

Ich stimme völlig mit Omni Brain (der zwei weitere Beispiele bringt) überein: Korrelation ist nicht Ursache. Es gibt einen Zusammenhang zwischen Fingerlänge und Testosteron-Level während der Schwangerschaft? Toll. Das Testosteron-Level hat einen Einfluss auf die Gehirn-Entwicklung? Interessant. Aber darum Fingerlänge und mathematische Begabung, sexuelle Orientierung oder Aggressivität in Zusammenhang zu bringen - das hat für mich was von Handlesen und Küchenpsychologie.

MfG,
JLT


[Bild-Quelle]


*Bestimmt werden die Länge des Zeige- (2D) und Ringfingers (3 4D) und das Verhältnis der beiden zueinander bestimmt (2D:4D):
Digit ratios were obtained from photocopies taken of each child’s hands (see Manning, Fink, Neave, & Caswell, 2005). [...] The 2nd and 4th digit of both the left and the right hands were measured using digital vernier callipers, accurate to 0.01 mm. Measurements were taken from the basal crease to the central tip of each finger.
[Quelle: Brosnan (2007)]

Für eine weitere Kritik, warum Fingerlängen-Bestimmung Handlesen ist und dazu ein paar Bilder, wie's gemacht wird: Open Reading Frame

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28 May 2007

Jurassic Park meets Waterworld. Oder so.

Am lächerlichsten an der ganzen Young Earth/Creation "Museum"/Answers in Genesis-Geschichte finde ich ja immer wieder die Vorstellung, Menschen und Dinosaurier hätten friedlich zusammen gelebt. Haben die denn nie Jurassic Park gesehen?

Aber mal ernsthaft, nach allem, was man bisher so über jagende Dinosaurier herausgefunden hat, bin ich verdammt froh, dass die vor ein paar Millionen Jahren ausgestorben sind. Und jetzt stellt sich heraus, dass einige möglicherweise auch noch schwimmen konnten.
As a northeasterly wind whips against the shore, a meters-long dinosaur plunges into the shallow lake. Working hard, the predator takes strong strides with its hind limbs through the shoulder-deep water. The current is so strong that the beast must constantly fight to stay on course, but it succeeds, heading straight across the water. That's the story told by a remarkable set of fossilized footprints, described in the June issue of Geology, that provide the first hard evidence of predatory dinosaurs traveling in water. [...]

With three telltale toemarks on each print, the tracks clearly belonged to a major group of bipedal, carnivorous dinosaurs called theropods. But the tracks themselves were different. When theropods walk on land, they typically leave claw marks and an imprint of the foot itself. The lack of the footprint suggested that this animal was not supporting its weight. A sedimentologist on the team confirmed that ripple marks in the stone had been created by currents in water 3.2 meters deep.

Another unusual feature of the new tracks was that the feet were placed 44 centimeters apart. Moreover, the dinosaur seems to have spread its legs, so that the feet were somewhat pigeon-toed. The orientation of the footprints with respect to the ripples shows the animal was efficiently battling its way against the current. "That suggests that it was a very good swimmer," Costeur says. [...]

It's not clear which particular theropod made the tracks, but it was clearly big. The toe marks are typically 15 centimeters wide and 50 centimeters long, and the underwater stride was about 2.5 meters long. One candidate is Neovenator, which was 7-8 meters long and is known from the United Kingdom.
[Quelle: ScienceNOW]

Ehrlich, das muss ich mir für meine nächste Zeitreise merken. Auf der Flucht vor fleischfressenden Dinosauriern *nicht* in den nächsten Teich springen, statt dessen vielleicht lieber auf den nächsten Baum klettern.

Aber vorher möchte ich noch wissen, wie man anhand der Riffelung des Steins erkennen kann, wie tief das Wasser war, auf 10 cm genau. Da hat der Autor des ScienceNOW-Artikels doch irgendwas ausgelassen. Entweder das, oder es gibt tatsächlich Leute, die sich mit der Ausmessung von Riffelungen auf dem Grund unterschiedlich tiefer, breiter und mit verschiedenen Geschwindigkeiten fließenden Flüsse beschäftigen.

Wenn ich so drüber nachdenke, natürlich letzteres. Ich meine, wenn's Menschen gibt, die (mit durchaus ernsthaftem Hintergrund) erforschen, dass die Anopheles-Mücke im gleichen Maße vom Geruch menschlicher Füße wie von dem Limburger Käses angezogen werden, dann erscheint das doch nicht gar so unwahrscheinlich.

MfG,
JLT


Ezquerra et al., Were non-avian theropod dinosaurs able to swim? Supportive evidence from an Early Cretaceous trackway, Cameros Basin (La Rioja, Spain). Geology, Vol. 35(6): 507-510 [auch Bild-Quelle]


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"OH NOES!"

[Bild-Quelle via denialism blog; das ist übrigens Behe, für diejenige, die ihren favorisierten IDler noch nicht so gut kennen...]

Ich muss zugeben, dass ich keine Ahnung habe, wie diese letzte Mode [noch mal Behe via Stranger Fruit] entstanden ist - das hat mich aber nicht daran gehindert, nebenstehende Kreation lustig zu finden.

MfG,
JLT

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