4 May 2007

Begrifflichkeiten...

Da habe ich doch heute mal wieder im Gott-Wissen-Forum vorbeigeschaut, um zu sehen, ob es neuen Unsinn gibt. Aber klar!
Mit "Ko-Evolution" ist die wechselseitige Anpassung zweier Organismen gemeint. So wird beispielsweise das "Aufeinanderpassen" von Blüte und Insekt als Ergebnis von Ko-Evolution betrachtet. Konkretes Beispiel hierzu: Die einheimischen Ragwurz-Orchideen, die Fliegen, Bienen oder Hummeln nachahmen. Die Blütenunterlippen dieser Orchideen sind diesen Insekten in Form, Farbe, Duft und Behaarung bis ins Detail täuschend ähnlich, wodurch diese die Blüten für Geschlechtspartner halten und zu begatten suchen. Bei diesem Versuch wird Pollen auf die Insekten übertragen, der dann auf die Narbe der nächsten angeflogenen Blüte gelangt.

Mit der Evolutionstheorie wird vermutet, dass sich Blüte und Insekt in wechselseitiger Abhängigkeit entwickelt hätten, dass also die Blüten auf Veränderungen ihrer Besucher und die Besucher auf die Veränderung der Blüten mittels des Mechanismus Mutation-Selektion "reagiert" hätten und so allmählich diese verblüffende Ähnlichkeit zustande kam. Bei dieser "Erklärung" handelt es sich aber lediglich um eine gedankliche Konstruktion, der keine erklärenden Beobachtungsergebnisse zugrundeliegen. Die Ragwurz-Orchideen weisen zwar eine erhebliche Variabilität auf; die Entstehungsweise der wechselseitigen Anpassung von Blüte und Insekt durch Mutation und Selektion ist damit aber nicht erklärt und auch nicht Gegenstand von Beobachtungen. Die Synthetische Theorie wird hier nicht gestützt, sondern geht als Voraussetzung von vornherein in die Überlegungen ein, wie eben so oft. Eine Beobachtungstatsache ist nur das gegenwärtige Angepasstsein, nicht aber die Entstehungsweise der Anpassung.

Bei dem Begriff der Ko-Evolution handelt es sich also um ein Kunstwort, das eine Erklärung vortäuscht, anstatt eine zu liefern.
Klar, der Begriff Ko-Evolution allein erklärt nichts. Wie sollte er auch? Wenn schon, dann *beschreibt* der Begriff Ko-Evolution das Beobachtete.
Keiner bestreitet doch zunächst einmal, dass es Arten gibt, die eine große wechselseitige Anpassung aufweisen, manchmal zum beiderseitigen Nutzen wie bei Symbiosen, manchmal als "Kalter Krieg", in dem beide Seiten aufrüsten und dazwischen viele, viele Abstufungen. Und das es sich lediglich "um eine gedankliche Konstruktion" handelt, "der keine erklärenden Beobachtungsergebnisse zugrunde liegen, ist eine platte Lüge. Zum Beispiel mit den Orchideen und den Insekten habe ich schon mal was geschrieben. In dem Fall ging es um Orchideen, die ein Pheromon herstellen, das dem Lockstoff der Weibchen der bestäubenden Insekten-Art sehr ähnlich ist ("Orchideen-Sex: Nicht so häufig, dafür besser."):
The finding also revealed how sexual deception could have evolved in this species by gradual modification of systems the plant was already using to make its own compounds. Each tweak in the ratio of compounds that increased pollinator visitation would have given the orchid a reproductive advantage.
[Nature]

Gerade ist wieder ein News Focus in Nature erschienen, der sich wieder mit Ko-Evolution beschäftigt.
In north-central Nevada, for example, the Clark's nutcracker [eine Vogelart] has a cozy relationship with certain pine trees: The birds carry off seeds and cache some of them for future use, helping new seedlings get started. For its part, the pine tree has made extracting seeds child's play by evolving short cones bursting with seeds that are covered by thin, easy-toremove scales. But in the Rocky Mountains, a ménage à trois has developed, in which the pine trees are torn between defending their seeds against squirrels and helping out the nutcracker. As a result, the birds must make do with long, heavy cones with thick scales and relatively few seeds. Coevolution has practically stalled out. [...]

Ecologists have found that, in organisms from birds to bacteria, coevolution is not a sure thing. "The interactions between pairs of species have different intensities in different ecological settings," says May Berenbaum, an entomologist at the University of Illinois, Urbana-Champaign. A decade ago, evolutionary ecologist John Thompson of the University of California, Santa Cruz, came up with a theory to explain these geographical variations in coevolution and coined the term "geographic mosaics." [...]

Thompson proposed that the survival advantage provided by coevolution was inconsistent because environmental conditions, and hence the forces of natural selection, differ from place to place.
Der GWF-Poster versucht den Eindruck zu erwecken, als würden keinerlei Untersuchungen zur Ko-Evolution durchgeführt, sondern lediglich ein toller Begriff verwendet, ohne weiterführende Erklärungen zu bieten. Als ob irgendein Forscher damit jemals durchkäme...
Dazu passt der folgende kleine Absatz aus dem Nature News Artikel doch hervorragend:
Thompson's fellow ecologists were skeptical at first. "Many of us were left wondering how to address such a complex set of processes and were frustrated with the lack of very specific, testable predictions," says Edmund Brodie III, an evolutionary biologist at the University of Virginia, Charlottesville. Recalls Thompson, "The criticism I got was 'Show me the data.' "

Today, however, the theory is much more palatable. In 2005, Thompson published a book, The Geographic Mosaic of Coevolution. He and other theoretical biologists have come up with more detailed models to predict how species might change over space and time, helping field researchers focus their studies. In 2006, the number of publications was expected to be double that of 6 years ago. "We're suddenly seeing the data for a whole variety of interactions," Thompson says.
Eine dieser Studien, über den Zusammenhang zwischen "Nussknackern", Hörnchen und Kiefern (-zapfen), ist in der Mai-Ausgabe der Ecological Monographs erschienen (Siepielski & Benkman, Convergent patterns in the selection mosaic for two North American bird-dispersed pines. Ecological Monographs: Vol. 77, No. 2, pp. 203–220.). In einem weiteren Artikel einer der beiden Autoren, der im April im American Naturalist veröffentlicht wurde, werden gar Daten präsentiert, die als eine Folge der Ab- oder Anwesenheit von Hörnchen und der daraus resultierenden Zapfenformen der Kiefern die Aufspaltung einer Vogelart (Kreuzschnäbel) belegen: die Art entwickelte je nach Zapfenform dickere Schnäbel und einen anderen Ruf, woraus eine fast vollständige reproduktive Isolation resultierte.
Total reproductive isolation between South Hills crossbills and the two other crossbills most common in the South Hills (call types 2 and 5) summed to .9975 and .9998, respectively, on a scale of 0 (no reproductive isolation) to 1 (complete reproductive isolation). These extremely high levels of reproductive isolation indicate that the divergent selection resulting from the coevolutionary arms race between crossbills and lodgepole pine is causing the South Hills crossbill to speciate.
[Quelle: Smith & Benkman, A coevolutionary arms race causes ecological speciation in crossbills.
The American Naturalist 2007. Vol. 169, pp. 455-465.]


Oooohh, Art-Bildung, gleich noch was, was es ja eigentlich nicht gibt...

MfG,
JLT

P.S.: Und ein schönes Wochenende! Ich habe sogar ein langes - aber dafür war der erste Mai hier nicht frei.

[Bild-Quelle]

3 Kommentare:

Mike said...

Wenn Dir mal langweilig ist:
http://web246m.dynamic-kunden.ch/maria/fragen.evolution.html
3/4 Wissen kann manchmal weh tun. *schmunzel*

Christoph Heilig said...

Ich habe mich in seinem Forum mal gemeldet. Es ist unglaublich. Wenn du Lust hast zu dokumentieren, wie da ein "Kurzzeitkreationist" als "Satan" beschimpft wird und fundamentalistischer Materialist sein soll - viel Spaß... :-P
Und die in dem einen Thread vertretene "Analogieargumentsvorstellung" ist wirklich nur absolut Kindergartenniveau, nein, geringer. Aber ich versuche ihm das beizubringen ... :-P

JLT said...

@mike: 3/4 Wissen? Das ist aber seeehr wohlwollend geschätzt...

"29. Ist es seriöse Wissenschaft zu glauben, daß Wasserstoff sich in Menschen entwickelt hat?"

Autsch.

@Christoph: Aaach, *alle*, die nicht exakt Herr Ts Meinung sind, sind Fanatische MaterieFundamentalisten. Menschen, die sich zu ihrem Glauben bekennen, sind Antichristen, Menschen mit wissenschaftlicher Ausbildung sind Massenmörder und alle, die sich von Herrn Ts Beleidigungen ihrerseits zu einer beleidigenden Aussage hinreißen lassen, sind Flegel und/oder Lügner. Das ist ganz "normal" - jedenfalls in der Welt, in der Herr T. zu leben scheint.

Wie auch immer, ich wünsche Dir viel Erfolg. Ich wäre aber nicht allzu optimistisch. Logik gehört in dem Forum zu den weniger bekannten Konzepten.

Außerdem hast Du nur maximal 2 Wochen, bis Du gebannt wirst ;-)