Showing posts with label Medizin. Show all posts
Showing posts with label Medizin. Show all posts

11 June 2008

Mittlerweile, in dem Teil der Weltbevölkerung, der nicht völlig gaga ist...

Es gibt ja noch immer Leute, die die Existenz des HI-Virus abstreiten*, z. B. mein alter Freund Todoroff [siehe auch 'Na klar, GenFood verursacht AIDS. Und Hüte aus Alufolie schützen vor Gedankenspionage durch Außerirdische']:

Der Einsatz von Gift in der Landwirtschaft
(Herbizide, Fungizide, Pestizide ... - über dreitausend, keiner kennt sie alle) mit der Folge stetig steigender Erkrankungen bis hin zu AIDS. Dreißig Jahre vergebliche Suche nach dem HI-Virus beweisen - den SARS-Virus haben wir in drei Wochen entdeckt -, daß es diesen Virus gar nicht gibt, sondern unser Immunsystem zusammenbricht aufgrund einer Überbelastung.
[Quelle]

Da er auch sonst einen Großteil der wissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten 200 Jahre verleugnet, inklusive Evolution, common descent und Relativitätstheorie, wundert das nicht wirklich. Was mich wundert, ist, dass er damit nicht alleine ist.

Mittlerweile, in dem Teil der Weltbevölkerung, der nicht völlig gaga ist, wurde von Forschern eine Methode entwickelt, in Echtzeit zu filmen, wie neu produzierte HI-Viren an der Zelloberfläche erscheinen und sich abschnüren. Links im Bild [Quelle: NIH AIDS Research] ist eine schematische Darstellung der "Knospung" ("Budding") von HI-Viren dargestellt: Zunächst sammeln sich die Hüllproteine an der Membran der befallenen Zelle (darunter auch ein Protein, das Gag genannt wird), das Viruspartikel beginnt sich abzuschnüren, schließlich wird noch die Virus-RNA und ein paar Virus-Proteine "verpackt" und fertig ist das neue Virus.

Dies wurde natürlich schon als "Momentaufnahme" im Bild festgehalten, wie beispielsweise in der Abbildung rechts [Quelle: Biotechnology Encyclopedia], aber man hat es noch nie in progress gesehen und wusste auch noch nicht genau, wie schnell dieser Vorgang ablief.

Die neue Methode wird in Nature vorgestellt: Jouvenet et al. (2008). Imaging the biogenesis of individual HIV-1 virions in live cells. Nature doi:10.1038/nature06998

Zu dem Artikel gehören eine Reihe von kurzen Filmen, die aber leider nicht frei zugänglich sind. Glücklicherweise kann man sich einen davon auf der Seite der Rockefeller University ansehen, wo die neue Technik entwickelt wurde.

Der Film zeigt eine einzelne Zelle und die weißen Punkte, die nacheinander erscheinen, sind die gebildeten Viruspartikel. Er wurde mit 1 Bild/5 Sekunden aufgenommen und wird mit 30 Bildern pro Sekunde abgespielt; insgesamt entspricht der Film 40 Minuten in real time.
Für die Filme wurden die Zellen mit Plasmiden (ringförmige DNA-Moleküle) transfiziert (eine Methode, bei der die Zellen dazu gebracht wird, DNA aufzunehmen), die das in DNA umgeschriebenene Virus-Genom enthielten. An eines der Virus-Gene, das Gag-kodierende Gen (Gag ist ein Bestandteil der Virushülle), war in einem Teil der Plasmide eine DNA-Sequenz angehängt worden, die das Gag-Protein fluoreszieren ließ; dadurch erscheinen sie in dem Film als weiße Punkte.
Im Durchschnitt dauert es nur etwa 5-6 Minuten, bis ein Viruspartikel "zusammengesetzt" ist.

Wenn man sich den Film ansieht, kann man sich vielleicht vorstellen, dass eine Zelle, die konstant derartig viele Viren produziert, früher oder später daran zugrunde geht. Und jeder der produzierten Viruspartikel kann natürlich wieder eine neue Zelle infizieren. HIV-1 befällt ausschließlich CD4+ T-Zellen, die einen zentrale Bestandteil des Immunsystems darstellen, und zerstört diese. Eine niedrige CD4+ T-Zellzahl ist daher auch eins der diagnostischen Merkmale von AIDS. Ohne diese Zellen ist unser Körper nicht in der Lage, sich effektiv gegen eine ganze Reihe von Krankheiten zu wehren. Normalerweise harmlose Erkrankungen - harmlos, weil unser Immunsystem die Krankheitserreger und befallene Zellen schnell und effektiv aus dem Weg räumen kann - werden so zu lebensbedrohenden Krankheiten.

Die neue Visualisierungstechnik wird sicherlich nützlich sein, die Vorgänge beim Zusammenbau von Viruspartikeln im Allgemeinen und von HIV-1 im Besonderen noch besser zu verstehen.

MfG,
JLT



* Es gibt natürlich auch die, die behaupten, HIV-1 wäre harmlos und würde kein AIDS verursachen und die Verschwörungstheoretiker, die behaupten, HIV-1 wäre ein zur biologischen Kriegsführung/zur Reduzierung der Weltbevölkerung von den USA/phösen Wissenschaftlern künstlich hergestelltes Virus. Beide Behauptungen sind natürlich ebenso Fakten-frei und ebenso tödlich in ihren Auswirkungen, vor allem auch in manchen afrikanischen Ländern. Es wundert mich überhaupt nicht, dass auch einige der IDler einen Zusammenhang zwischen HIV-1 und AIDS bestreiten. Sie sind ja schon geübt darin, Beweise zu ignorieren, die ihnen ins Gesicht starren.

Weiterlesen...

4 June 2008

Manchmal reicht auch ein Link (2).

Auf Kritisch Gedacht (auch sonst rundum zu empfehlen) nimmt heute ein Dr. Theodor Much Homöopathie auseinander, aber so richtig: 'Aberglaube Homöopathie'

Das liest man gerne!
Weniger gerne habe ich allerdings gelesen, dass mein altes berufliches Heim, die Berliner Charité, jetzt offenbar eine Professur für Komplementärmedizin eingerichtet hat [via Esoblog].

MfG,
JLT

Weiterlesen...

5 March 2008

Stammzellen: Anhörung im Bundestag

Tobias von WeiterGen hat besser aufgepasst als ich:
Am Montag fand die Anhörung zur Forschung an embryonalen Stammzellen im Bundestag statt, Links zu den Stellungnahmen der Sachverständigen und mehr gibt's bei WeiterGen.

MfG,
JLT

Weiterlesen...

3 March 2008

Antwort zu meinem Post: Nochmal zu den Stammzellen

Da ich nicht möchte, dass diese ausführliche Antwort auf mein Post 'Nochmal zu den Stammzellen' von dem Verfasser des in meinem Post angesprochenen Beitrags, Josef Bordat, untergeht, reposte ich sie hier nochmal.

Ich habe keine Änderungen vorgenommen, lediglich die Links im Anhang tatsächlich verlinkt, um den Zugriff auf die angegebenen Quellen leichter zu machen.

Ich werde sicherlich noch darauf antworten, kann allerdings ein paar Tage dauern.

Auch andere Kommentare sind natürlich herzlich willkommen.


----------------------


So, jetzt habe ich ein Problem: Würde ich mit der gebotenen Sorgfalt auf Ihren Beitrag eingehen wollen, kostete mich dies mindestens zwei Arbeitstage. Ich werde deshalb hier einige Dinge nur anreißen und kursorisch abhandeln – auch auf die Gefahr hin, ungenau zu werden.

Eine weitere Vorbemerkung: An einigen Stellen würde ich gerne Hinweise auf einschlägige Texte von mir geben. Ich möchte aber Ihre Seite nicht als Werbeplattform missbrauchen. Bitte entscheiden Sie selbst, ob Sie die Verweise aus der „Linksammlung“ einbinden wollen. Da ich außerdem nicht weiß, inwieweit Hinweise auf Texte mit christlichem Inhalt hier erwünscht sind, setze ich keine entsprechenden Links. Auch hier wollen Sie bitte selbst entscheiden, ob und inwieweit sie auf Texte hinweisen.

Wer Interesse hat, kann ja mal in frei zugänglichen Suchmaschinen meinen Namen eingeben und erhält sicher den ein oder andern Hinweis, oder, wer mag, kann ja ein wenig in meinem von Ihnen schon zitierten Blog stöbern, das auch einschlägige Kategorien enthält (etwa zur christlichen Anthropologie).


Liebe JLT,

zunächst mal vielen Dank für die Beschäftigung mit meinem Beitrag, auch wenn Sie zu anderen Ergebnissen kommen – oder gerade deshalb!

Nur fünf Punkte, die mir wichtig sind.

1.) Zur methodologischen Frage der Argumentation/Logik:

Ja, meine Position basiert letztlich auf einer Feststellung (Der Mensch ist [potentielle] Person von Beginn an und muss entsprechend behandelt werden.), die ihre Wurzeln im christlichen Glauben an das Gott-Mensch-Verhältnis hat (man müsste jetzt schöpfungstheologische Grundannahmen und ihre Begründetheit darlegen – das spare ich mir, da ich annehme, dass die darin enthalten Argumente in unserem „Gespräch“ als nicht zulässig gelten dürften). Nur ein Zitat von Karl Kardinal Lehmann, der in einem Interview mit der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung vom 22. Januar 2008 die Position der katholischen Kirche wie folgt umriss: „Wir lehnen eine Forschung mit embryonalen Stammzellen ab. Es geht nicht um den Stichtag, sondern um die Voraussetzungen dafür. Die entsprechenden embryonalen Stammzellen kann man nur erhalten, wenn ein Embryo getötet wird. Da die katholische Kirche, aber nicht nur wir, sondern viele Wissenschaftler und auch Ethiker, nach der Vereinigung von Ei- und Samenzelle im Embryo ein Menschenwesen erblicken, dem Menschenwürde und Lebensrecht zukommen, sehen wir keine Grundlage, moralische und rechtliche Abstufungen dieses Lebensschutzes durchzuführen. Darum haben wir auch 2002 bei der ersten Festlegung eines Stichtages nicht zugestimmt. Hier kommt es auf Klarheit an von Anfang an.“ Dem kann ich zustimmen.

Sie sprechen nun davon, dass es die potentielle Personalität des Embryo „zu belegen“ gelte. Nun, wenn Sie mit Person einen leidensfähigen Organismus meinen und der Organismus im embryonalen Stadium nach allem, was wir wissen, nicht leidensfähig ist, dann handelt es sich nicht um eine Person und wir sind das Problem los. Wenn ich mit Person eine Entität meine, die alles, was es braucht, ein Mensch zu werden, besitzt und wenn ich weiter davon ausgehe, dass jeder Mensch und jede Person von Gott gewollt ist, dann handelt es sich beim Embryo eben doch um eine Person, die – um Gottes und des Menschen Willen – schützenswert ist. Das kann ich nicht „belegen“. Aber können Sie mir zweifelsfrei beweisen, dass nur Person sein kann, was leidensfähig ist? Und ist dann umgekehrt alles, was leidensfähig ist, eine Person? Wie klären Sie da die Grenzen so, dass sie unmittelbar einsichtig werden?

Sie haben mit dem, was Sie sagen, Recht, wenn Sie meinen, dass „der Grund für den Schutz der Person ihre Fähigkeit zu leiden ist“ – ja, wenn das der Grund wäre, halte ich Ihnen entgegen! Es ist aber nicht der Grund, nicht aus der Sicht der Kirche, auch nicht aus der Sicht des Würdebegriffs im Grundgesetz und auch nicht in der einschlägigen Rechtsprechung. Dazu ein Zitat, das dies verdeutlicht: „Der menschliche Embryo ist Träger der Menschenwürde und hat daher Anspruch auf staatlichen Schutz.“ (aus der Stellungnahme von Rainer Beckmann, Richter am Amtsgericht Kitzingen, bei der Anhörung des Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung zum Thema Stammzellforschung am 9. Mai 2007).

Andernfalls handelten wir uns eine Reihe von schwerwiegenden Problemen ein. Wenn wir nur einen Menschen als Person begreifen, der hier und jetzt leidensfähig ist, würden schon kleinere Ohnmachtsanfälle den betreffenden Menschen seiner Personalität und damit seiner Personenwürde berauben – mit allem, was dazu gehört.

Unterstellt aber, Sie hätten Recht: Ich kann meine Position nicht begründen, zumindest nicht so, dass Sie mir folgen müssten, wenn Sie denn schwerwiegende logische Inkonsistenzen zu vermeiden suchten. Und unterstellt, ich hätte Recht mit der Annahme, die Aussage: „Ein zehn Wochen alter Fötus ist eine schützenswerte Person.“ ist logisch so konsistent wie die Aussage: „Ein zehn Wochen alter Fötus ist keine schützenswerte Person.“

Die Frage ist jetzt: Geht es eigentlich um das Thema Argumentation/Logik? In der Ethik sicherlich. Da sollte Handeln nicht nur als gut erkannt und beschrieben, sondern dahinterliegende Handlungsstrategien als richtig und vernünftig ausgezeichnet werden.[1]

Aber: Wie begründen wir Normen? Was heißt das: Eine Norm ist „vernünftig“? Was mich übrigens sehr irritiert, das ist die Tatsache, dass Naturwissenschaftler, die die Position vertreten, in allen Fragen das Deutungsmonopol besitzen zu sollen, weil sie vorgeblich allein eine nachvollziehbare Methodik anwenden, offenbar nicht einsehen (wollen), dass auch ihrer empirisch-deskriptive Methodik normative Urteile im Rücken liegen, ohne die Wissenschaft überhaupt nicht beginnen kann. Man ist doch als naturwissenschaftlicher Laie immer wieder überrascht, dass es Physiker gibt, die für Atomkraft sind und solche, die dagegen sind. Woher kommen solche Urteile? Ich glaube, wir kommen im Diskurs beim regressus ad infinitum irgendwann an den Punkt, dass wir Glaubensentscheidungen treffen müssen, für oder gegen Gott, für oder gegen eine Grundannahme.[2] Das könnte man mit Habermas „Erkenntnisinteresse“ nennen. Dieses offen zu legen, scheint mir wichtig zu sein.

Doch ich lasse mich jetzt mal weiter darauf ein und gebe Ihnen als Naturwissenschaftlerin das Vernunftmonopol[3] – auch in dieser Frage. Ich als religiöser Mensch bin dumm und gefühlsgeleitet. Dann stellt sich die Frage: Muss man in der Gesellschaft auf dumme Menschen wie mich Rücksicht nehmen, die einem logisch absolut konsistenten Argument ihre Gefolgschaft verweigern, weil sie die Meinung (es sei ruhig bloß: das Gefühl) haben, sie hätten ein Argument, das logisch ebenfalls absolut konsistent ist? Und weiter: Wenn die Dummen in der Mehrheit sind: Muss man den Gefühlen der Mehrheit nachgeben, obwohl man es ja besser weiß? Das betrifft auch andere „Irrationalitäten“ (Kernenergie, Gentechnik etc.) und bringt uns insoweit etwas aus dem Thema. Ich denke aber, dass es durchaus interessant ist zu fragen, was die bessere Staatsform ist: Demokratie oder Expertokratie.

2.) Zur Hauptfrage menschlichen Lebens und zur Gleichwertigkeit von Tier, Mensch, Person sowie zum „Speziezismus“:

Es gibt in der Philosophie, insbesondere in der philosophischen Anthropologie und der Existenzphilosophie eine ganze Menge von Versuchen, dem Phänomen des Menschlichen durch Ein- und Unterteilungen näher zu kommen; auf metaphysischer Ebene wird schon mal zwischen Dasein und Existenz (Jaspers) unterschieden, auf intentionalistischer unterscheiden einige zwischen Mensch und Person (Singer, Frankfurt). Neuerdings taucht auch die von Ihnen erwähnte Unterscheidung von „human life“ und „human being“ auf (H. Dreier).

Man handelt sich freilich damit das Problem der Grenzsetzung ein und die Frage, welches dieser Daseinskonfigurationen in welcher Weise schützenswert sein soll. Soweit waren wir schon.

Zugegeben, die katholische Kirche, die ich mal – unautorisiert – vertreten will, macht es sich da sehr einfach: Alles Leben kommt von Gott und gilt von „Beginn an“ als unbedingt schützenswert. Dazu passt ein Zitat von Axel W. Bauer, Professor für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin an der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg: „Die Würde des Menschen darf nicht dadurch angetastet werden, dass das jeweils schützenswerte menschliche Leben nach den aktuellen Erfordernissen der Biowissenschaften fortlaufend neu definiert wird.“ (im Rheinischen Merkur) Genau das beschreibt die Befürchtung vieler Menschen: Wir bestimmen uns selbst, über das gottgewollte Maß an Selbstbestimmung hinaus.

Sie selbst sprechen davon: „Wie und wo man auch immer eine Grenze ziehen will....“ Es ist dieses „will“, das mir Sorgen bereitet. Denn wer sagt denn, dass nicht irgendwann der Beginn der Hirntätigkeit (Sie sprechen vom 6. Schwangerschaftsmonat) oder die Vollendung der Geburt oder der Beginn der Krabbelfähigkeit oder das erste gesprochene Wort die Grenze bestimmt. Sie werden sagen. Aber das will doch niemand! Klar, ich glaube das auch nicht, aber ich muss dann doch den vielzitierten Peter Singer ernst nehmen – vielleicht ernster, als ihm lieb ist – und die schiefe Ebene, die er selbst aufbaut als etwas betrachten, wo Menschenwürde arg ins rutschen kommt. Wenn er vorschlägt, dass man über die Existenz etwaiger behinderter Kinder ja noch mal in aller Ruhe und mit ärztlichem Rat nachdenken dürfen sollte, um dann die verpasste Abtreibung doch noch zu vollziehen, gerade weil ein Baby für ihn keine „Person“ sein kann, weil es keine Interessen hat, dann bin ich doch sehr beunruhigt.[4] Und ich frage mich mit M. Böhmer, wie das Problem der Grenzziehung, des Personstatus’ des Menschen in seinen Lebensphasen und die interessengeleitete Abwägungspraxis des Würdebegriff zusammengehören.[5]

Sie haben wieder Recht: Ich komme etwas vom Thema ab.

Um es zusammenzufassen und schon den Grund der Differenz in der Frage menschlichen Lebens anzudeuten: Wir als Christen nehmen Dinge ernst, die für jemanden, der die Prämisse nicht teilt, der nicht an Gott glaubt, unmöglich ernst genommen werden können. (Nota bene: Warum Frau Schavan meint, sie könne die Verschiebung des Stichtags auch als katholische Theologin verantworten, ist mir völlig unverständlich.) Die- oder derjenige muss dann aber, um die Menschenwürde nicht der Tagespolitik zuzuweisen, andere Begründungen finden, die auch in sich widersprüchlich sind bzw. höchst problematische Implikationen aufweisen. Daraus ergeben sich zum einen Probleme mit der mangelnden argumentativen Leistungsfähigkeit, die sich zwangsläufig einstellt, wenn die Grundannahmen verschieden sind, zum anderen Probleme mit der Akzeptanz und der Sorge um den Begriff der Menschenwürde schlechthin. Ich glaube, aus diesem Dilemma kommen wir nicht heraus.

Was die Frage des Tier-Mensch-Verhältnisses betrifft (Krone der Schöpfung vs. Speziezismus-Vorwurf), klingt das holistische Lebensschutzprinzip, das ja nicht erst Singer eingeführt hat, sondern das ein uraltes Konstitut vieler Naturreligionen und des Buddhismus ist („Achtsamkeit“), zunächst sehr schön. Es passt auch gut in die Zeit des Klimawandels und der ökologischen Debatten. Allerdings kann das alles nicht darüber hinwegtäuschen, dass es uns schwer fällt, in konkreten Fällen die angeblich nur graduellen und nicht prinzipiellen Unterschiede zwischen Tier und Mensch bis zur letzten Konsequenz durchzuhalten. Auch Sie sagen ja, dass sie eher ein Tier opfern würden als einen Menschen. Sie heben de facto den Menschen heraus, ohne das Wort von der „Krone“ in den Mund zu nehmen. Was ist es dann, das Sie davon abhält, ernsthaft Mensch gegen Tier abzuwägen? Eine Intuition? Ihr Gewissen? Man müsste dann weiter fragen: Was ist das? Eine Instanz, die sich im Laufe der Evolution aus Materie gebildet hat, die dem Menschen qua natura zukommt? Oder: Die innere Stimme Gottes? Und: Widersprechen sich die beiden Positionen? (Nota bene: Thomas von Aquin spricht ziemlich oft von der natura humana, setzt darin gleichwohl die Einwirkung Gottes voraus. Ich habe mal versucht, theologische, Thomas von Aquins Betrachtung der natura humana, die Freiheit, Glück und „das Gute“ harmonisiert, psychologische, Leon Festingers Begriff der kognitiven Dissonanz, philosophische, Harry Frankfurts Volationen erster und zweiter Ordnung, die den Unterschied zwischen Neigung und Willen markieren und neurobiologische Erkenntnisse zur Ethik, aktive Beendigung von Mitleid durch „gutes“ Handeln, Belohnungsreaktion nach überwundenem Mitleidsgefühl, Tanja Singer, miteinander in Verbindung zu bringen. Das kann gelingen, und es öffnet Perspektiven, die der einzelwissenschaftlichen Betrachtung verschlossen sind. Bei Interesse kann ich Ihnen den Text gerne zuschicken.).

3.) Zur Frage der Anwendbarkeit und Formulierung der Goldenen Regel

Die Goldene Regel vermag mit ihren positiven und negativen Formulierungen zwei Grundaspekte jeder Ethik zu erfassen: Wird in der positiven Form der Goldenen Regel („Verhalte dich dem Anderen gegenüber so, wie du willst, dass er sich dir gegenüber verhält.“) kontextualistisches Wohlwollen gefordert, verweist die von Ihnen zitierte negative Fassung („Was Du nicht willst, dass man dir tu’, das füg auch keinem andern zu.“) auf die kontraktualistisch zu definierenden Grenzen der Eingriffsmöglichkeit in die Sphäre des autonomen Anderen, orientiert am Begriff der Gerechtigkeit. Ich weiß allerdings nicht, inwieweit die Goldene Regel hier nicht mit Vorsicht zu genießen ist, da sie (zumindest in dieser negativen Formulierung) Reziprozität unterstellt, die ja nicht gegeben ist (Storch-Fuchs-Problem). „Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg auch keinem anderen zu.“ ist indikativisch und kann im Verhältnis vorgeburtlicher Embryo-erwachsener Mensch (gerade wenn man den Unterschied hinsichtlich der Personalität machen will) nicht angewandt werden. Dann schon eher die hypothetische Konjunktivform: „Ich will, dass das mit dem Anderen geschieht, was ich wollen würde, so ich denn an der Stelle des Anderen wäre (mit all seinen Qualitäten).“[6]

Interessant ist, dass dieser Einfühlungsakt bei den Befürwortern der Forschung mit embryonalen Stammzellen offenbar eine Rolle spielt, denn genau so läuft deren konsequentialistische Argumentation: Hätte der Zellhaufen Interessen/Wünsche, würde er sich opfern wollen. Es scheint also doch wichtig zu sein, zumindest Versuchsweise die Position eines Zellhaufens einzunehmen. Ich finde das bemerkenswert, mal abgesehen davon, ob man einer Person im embryonalen Stadium dadurch gerecht wird.

4.) Zur Frage, ob es sich bei der Wirtschaftlichkeit um ein Argument im Diskurs oder um ein von mir erfundenes Scheinargument handelt

Zu Beginn ein Zitat von Gebhard Fürst, Bischof von Rottenburg-Stuttgart, Mitglied des Deutschen Ethikrats: „Die Katholische Kirche verteidigt mit der Forderung nach unbedingtem Lebensschutz für embryonale Menschen nicht einen nostalgischen Lebensbegriff, sondern eines der moralischen Grundprinzipien der Aufklärung und sieht mit Sorge, dass gerade in vorgeblich modernen und aufgeklärten Gesellschaften diese Prinzipien zugunsten ökonomischer Nutzenkalküle fraglich und disponibel werden.“

Wäre das Kostenargument das einzige, gäbe es diesen dramatischen Streit wohl nicht, soweit kann ich Ihnen folgen. Und ich denke auch, dass die überwiegende Zahl an Wissenschaftlern und Medizinern helfen und heilen will und diese Sendung besser und schneller mit embryonalen Stammzellen erfüllbar sieht als mit adulten. Ich muss bekennen: Ich weiß nicht, was es kostet, eine embryonale Stammzelle zu gewinnen und zu beforschen, im Verhältnis zu den Kosten desselben Vorgangs mit einer adulten Stammzelle. Ich verstehe auch nichts vom Unterschied zwischen beiden Stammzellarten im Hinblick auf Krebsgefahr etc. Ich muss mich als Laie an das halten, was Experten der Öffentlichkeit mitteilen. In diesem Zusammenhang fand ich folgende Aussage: „Es ist aus meiner Sicht als Biologe nicht nur ein Durchbruch, es ist es sogar eine Sensation. Zum ersten Mal können Forscher die Zeitachse der Entwicklung in der Zellkultur umkehren: Aus einer Körperzelle wird eine Zelle wie im frühen Embryo – eine pluripotente Stammzelle. Auch wenn die verjüngten, reprogrammierten Zellen noch nicht perfekt sind, geht die Tragweite dieser Entdeckung aus meiner Sicht sogar noch über die der Schaffung von Dolly hinaus.“ (Prof. Dr. Hans Schöler, Direktor am Max-Planck-Institut für molekulare Biomedizin in Münster).

Sie sagen in Ihrer Stellungnahme so ziemlich das Gegenteil bzw. weisen auf nötige Vergleiche hin. Was heißt das jetzt? Woher rührt die Differenz, wenn man mal von den üblichen Unterschieden bei der wissenschaftlichen Einschätzung von Sachverhalten absieht?

Aber zurück zur Wirtschaftlichkeitsfrage. Sehr erhellend ist, was im Antrag der Liberalisierungsbefürworter steht (Drucksache 16/7982 zur Änderung des Stammzellgesetzes): Wenn man die Forschung mit embryonalen Stammzellen nicht erlaubt, so ist dort im letzten Absatz zu lesen, bedrohe man „die medizinische Forschung in Deutschland“, da sie „von der medizinischen Entwicklung innerhalb der westlichen Wertegemeinschaft abgeschnitten“ werde. Zugegeben: Es mag den Wissenschaftlern und Medizinern in erster Linie um die Heilung kranker Menschen gehen. Das wird auch im gesellschaftlichen Diskurs aufgegriffen und das nehme ich sehr ernst. Nachgeschoben wird aber – und wie ich finde: in diesem Zusammenhang perfider Weise – immer wieder der Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort Deutschland. Die betreffenden Abgeordneten (hauptsächlich aus den Reihen der FDP) legen in Stellungnahmen (je inoffizieller, desto unverhohlener) entsprechend nach und ich habe den Eindruck gewonnen, es geht vielen in erster Linie um diese Fragen, die ich unter die Begriffe „Kosten“ und „Bequemlichkeit“ zu subsumieren versucht habe. Auch hier kann ich Ihnen keine glasklaren Aussagen beibringen, die dies belegen („Solange der Rubel rollt, sind uns die Menschen schnuppe. Und Embryos erst recht!“ – „Heilungschancen? Darum geht’s doch gar nicht. Was wir brauchen sind Nobelpreise.“ – „Forschung schafft Arbeit! Ob die Forschung dann was bringt, ist doch egal.“ – so etwas hören Sie nur in einschlägigen Kreisen zu bestimmten Uhrzeiten). Sollte der Eindruck entstanden sein, ich würde etwa behaupten, alle Wissenschaftler resp. Entscheidungsträger dächten so, dann möchte ich mich dafür entschuldigen.

5.) Leben-gegen-Leben-Dilemmata

Embryonenverbrauchende Forschung, Abtreibung und Tötung geborenen menschlichen Lebens ist für mich immer ein Leben-gegen-Leben-Dilemma und ich hoffte, dies auch so herausgearbeitet zu haben. Leben-gegen-Leben-Dilemmata lassen sich auflösen (auch aus theologischer Sicht). Grundsätzlich ist das aber freilich immer ein Riesenproblem, da egal wie es im einzelnen begründet wird, der Tod eines Menschen immer ultima ratio ist – da gibt es, glaube ich, Konsens. An vielen anderen Stellen begegnet uns dieses Dilemma, nicht zuletzt auch im Zusammenhang mit der Frage, ob es einen „gerechten Krieg“ geben kann[7].

Zum Beispiel der Lebensrettung (Baby vs. 100 Embryonen): Ich würde vermutlich auch das Baby retten, aber ich wüsste nicht, ob aus Überzeugung, das Richtige zu tun, oder aus Angst, im anderen Fall strafrechtlich belangt zu werden, was wohl durchaus ginge (unterlassene Hilfeleistung; dieser Straftatbestand bezieht sich, soviel ich weiß, nur auf menschliches Leben nach Vollendung der Geburt) oder einfach aus dem Gefühl heraus, den Eltern, die ja um ihr Baby wissen, mehr Leid anzutun als ich den Eltern der Embryos, die ja nicht um das Schicksal ihres Embryos wissen, jeweils an Leid ersparen würde. Vermutlich würde ich instinktiv die pragmatische Lösung wählen: das Baby kann ich ohne weiteres identifizieren, die Embryonen nicht.

Aber: Ich weiß wirklich nicht mit Sicherheit, was ich im Fall des Falles tun würde. Ich finde solche Beispiele grundsätzlich sehr fragwürdig, da man in Extremsituationen oft anders handelt, als man vielleicht am „grünen Tisch“ darüber redet. Als ich damals den Wehrdienst aus religiösen Gründen verweigerte (ich war mal Radikalpazifist – eine Haltung, die ich mittlerweile der Realität geopfert habe), wurde ich bei der Vorbereitung zum „Gesinnungsverhör“ in Büchern mit der Frage konfrontiert, was ich denn tun würde, wären meine Eltern, Geschwister, Freunde vom „Feind“ mit dem Tode bedroht. Meine erste Reaktion war: „Meine Lieben verteidigen!“. Auf den zweiten Blick fiel mir dann die Inkommensurabilität dieser Reaktion mit meiner christlich-pazifistischen Haltung, die ich zu haben glaubte, auf (vorausgesetzt, es ist schon so weit, dass Verteidigung nur noch mit Waffengewalt möglich ist). Mittlerweile hat man von dieser Art Befragung Abstand genommen, weil Psychologen deutlich zeigen konnten, dass man diese Dilemmata, von denen es unendlich viele gibt, nicht simulieren kann zumindest nicht so, dass man das tatsächliche Verhalten des Menschen in einer tatsächlichen Notsituation ergründen könnte. In der Tat wurde ich auch gar nicht befragt, in der Tat habe ich bis heute keine Waffe führen müssen. Aber das Problem bleibt freilich bestehen.

Schließlich: Dass mir das Schicksal der Kranken nicht egal ist, müssen Sie mir glauben. Sie können sich nicht vorstellen, wie sehr ich mit dem Thema ringe, wie ich Argumente gegeneinander abwäge, über Lösungen nachdenke (so gut es halt geht), Gespräche suche mit Menschen unterschiedlichster Einstellung (so wie jetzt) und – bete. Mag die Rede von der Potentialität gottgewollten Menschenlebens ein metaphysisches Ideal bezeichnen, dass Ihnen sehr fremd ist – seien Sie gewiss: meine Bauchschmerzen sind ganz real!

Für mich, wie schon für Peter Wust[8], gehört Erkenntnis und Bekenntnis zusammen. Ich vertraue dabei letztlich auf einen Gott, dessen Vernunft größer ist als der menschliche Verstand zu fassen vermag. Und im Vertrauen darauf, dass die Liebe Gottes zwar nicht alles so macht, wie ich es mir in meiner Endlichkeit wünsche, dass aber im Lichte der Unendlichkeit alles sinnvoll wird, möchte ich schließen. Jetzt sagen Sie bitte nicht, belegen Sie das mal: Gott, Liebe, Vertrauen!

Herzliche Grüße,
Ihr
Josef Bordat


Linksammlung

[1] zum Verhältnis von „Ethik“ und „Moral“:
http://www.philosophia-online.de/mafo/heft2008-1/Bor_EthEd.htm

[2] zum Thema „Methodologie“:
http://jobo72.wordpress.com/2008/02/07/30/

[3] zum Verhältnis von „Religion“ und „Wissenschaft“:
http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=11707

[4] zu Singer:
http://www.philosophieren.de/archiv/singer.html
http://www.re-public.gr/en/?p=154

[5] zu Böhmers „Babymord-Theorie“:
http://www.readers-edition.de/2008/02/25/bravo-boehmer-ein-kommentar/

[6] zur Goldenen Regel:
http://www.marburger-forum.de/mafo/heft2007-1/Bor_gol.htm

[7] zur humanitären Intervention:
http://www.agips.org/doc/bips/BIPS-nummer1-Jg2006.pdf (Beitrag „Vom bellum iustum zum just war“)
http://www.bildungsforschung.org/Archiv/2006-01/menschenrechte
http://www.recenseo.de/artikel.php?id=109&kategorie=artikel&nav=Inhalt
http://www.afk-web.de/Tagungsband_2007_web.pdf
(vielleicht hier einen „Warnhinweis“ einfügen: Es beginnt automatisch der Downloadvorgang, Größe der Datei: 2,3 MB) (Beitrag „Neue Kriege, alte Argumente. Militärische Terrorbekämpfung zwischen Recht und Moral“)
http://people.brunel.ac.uk/~acsrrrm/entertext/7_2/ET72BordatEDFinal.doc

[8] zu Peter Wust:
http://jobo72.wordpress.com/category/peter-wust/

Weiterlesen...

1 March 2008

Nochmal zu den Stammzellen...

Gerade bin ich auf ein Post gestoßen, in dem sich jemand mit einem christlichen Hintergrund mit der ethischen Stellung des Embryos befasst. Nun habe ich das Glück, an einem Institut beschäftigt zu sein, an dem jemand an einer Dissertation zum Thema Bioethik/Stammzellen arbeitet. Wie alle anderen auch, stellt diese Person regelmäßig entweder Artikel zu ihrem Thema oder ihre Arbeit im Rahmen der Institutsseminare vor, so dass ich ganz gut über die Debatte rund um Stammzellen informiert bin.

Vor etwa zwei Wochen war es erneut soweit, und mir wurde plötzlich klar, warum ich mit dem Nachvollziehen der Position von Stammzellgegner so meine Probleme habe. Die Doktorandin beschrieb ihre Probleme mit der Darstellung der Position von Gegnern der Stammzellforschung. Offenbar muss man in einer philosophischen Dissertation die Argumentation der verschiedenen Positionen nachvollziehen, also auch die "Logik" dahinter aufdecken. Sie konnte aber leider keine Logik in deren Argumentation entdecken. Soll heißen, das zugrunde liegende Argument ist eigentlich keins, sondern eine Feststellung, mit der man entweder übereinstimmt, oder eben nicht – es gibt keine "echte" Argumentation.
Diese Grundannahme ist, dass menschliches Leben eine Sonderstellung einnimmt und immer und und unter allen Umständen schützenswert ist.


Dazu muss man wissen, dass Moralphilosophen zwischen dem Leben (der puren Existenz) und der Person unterscheiden. Eine Person hat ein Bewusstsein und Leidensfähigkeit, menschliche Zellen dagegen leben zwar, haben aber kein Bewusstsein und keine Leidensfähigkeit, sind also keine Person. Diese Unterscheidung erscheint zunächst mal trivial, hat aber für die Ethikdebatte eine große Bedeutung.
Was die ethische Verpflichtung zum Schutz der Person angeht, kann man ganz einfach sagen: Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg auch keinem anderen zu. Kein Mensch will (unnötig) leiden (liebe Philosophen, falls sich Euch gerade die Fussnägel ob meiner Formulierung aufrollen – habt Nachsicht).

Warum aber soll menschliches Leben "an sich" schützenswert sein? Welches Argument gibt es dafür?

Und weiter (auch wenn das zunächst mal nichts mit der Stammzelldebatte zu tun hat), warum ist menschliches Leben/die menschliche Person schützenswerter als beispielsweise das Leben anderer Primaten, die ja bekanntermaßen sowohl ein Bewusstsein haben als auch leidensfähig sind?

Warum beispielsweise ist es nicht erlaubt, an Menschen im Koma, die ohne Bewusstsein sind und dies auch nicht wieder erlangen werden, medizinische Experimente durchzuführen (beispielsweise zur Sicherheit von Medikamenten vor der Zulassung), aber an Primaten ist es erlaubt, obwohl Experimente am Menschen den größeren Nutzen brächten (da direkt übertragbar) und Menschen im Koma, anders als Primaten, nicht leidensfähig sind?

Ich möchte gar nicht unbedingt dafür plädieren, jetzt nur noch an komatösen Menschen zu experimentieren, aber die Frage nach der Rechtfertigung für den Schutz menschlichen Lebens als Selbstzweck halte ich für eine sehr gute und eine, die für die Verwendung von Embryonen zur Gewinnung von Stammzellen direkt Relevanz hat.

Es ist eindeutig, dass der Embryo weder ein Bewusstsein hat, noch leiden kann. Eine ethische Verpflichtung zum Schutz der Person greift hier jedenfalls nicht.

Aus dem oben erwähntem Post:
Singers Engagement für den Tierschutz in Ehren (darum geht es ihm nach eigenem Bekunden mit dem Postulat der Gleichwertigkeit menschlichen und tierischen Lebens), doch hier übersieht [?] er die Folgen seiner engagierten Argumentation. Freilich will kein/e Tierschutzaktivist/in den Tod von Menschen, sie/er will ja gerade das Leben in all seinen Formen gleichermaßen geschützt wissen, doch führt die Argumentation, deren Basis prima facie die Gleichwertigkeit von Tier und Mensch ist, nicht nur zu einer Aufwertung des Tiers (das ist erwünscht), sondern zugleich auch zu einer Abwertung des Menschen (das ist nicht erwünscht), zumindest aber zu einer Relativierung der herausgehobenen Stellung des Menschen („Krone der Schöpfung“ – Singer hält das Sonderstellungspostulat für „Speziezismus“[9]). Diese Relativierung macht es leichter, über menschliches Leben zu verhandeln, da diesem die absolute Würde genommen und statt dessen ein relativer Wert beigemessen wird – als Ergebnis utilitaristischer Erwägungen zu Lebensinteressen.
Das "Nicht-Argument" schimmert in dem Ausschnitt durch: Der Mensch als "Krone der Schöpfung", seine "herausgehobene Stellung" soll den besonderen Schutz begründen.

Aber warum sollte der Mensch eine herausgehobene Stellung haben?

Nun bin auch ich "Spezizist" (wie "Rassist", aber auf die eigene Art bezogen, nicht auf eine tatsächliche oder eingebildete Rasse). Wenn ich die Wahl hätte, entweder einen Menschen (Person) oder ein Tier mit Bewusstsein und Leidensfähigkeit leiden zu lassen, würde ich das Tier wählen, auch wenn ich dafür meiner Meinung nach keine ethische Rechtfertigung habe. Bei dem oben angeführten Beispiel (komatöser Mensch vs. Primat) wird die Entscheidung für mich schon schwieriger.*

Die Schwierigkeit bei der Betrachtungsweise, das Personen schützenwert sind, es aber keine Sonderstellung menschlichen Lebens an sich gibt, also die Verhinderung von Leiden über den Schutz menschlichen Lebens als Selbstzweck gestellt werden muss, ist die Festmachung einer Grenze. Wo beginnt und wo endet eine Person?

Tatsächlich haben wir ja eine dieser Grenzen schon gezogen: Der Hirntod ist das Ende der menschlichen Person. Auch wenn der Körper noch eine Weile weiterleben könnte, dürfen die lebenserhaltenden Maschinen abgestellt werden, dürfen lebenswichtige Organe entnommen werden. Es ist also nicht unmöglich, eine Grenze zu ziehen, auch wenn sie natürlich immer eine "künstliche" ist. Auch bei den Regelungen zur Abtreibung wird in gewisser Weise eine solche Grenze gezogen.
Biologisch betrachtet, bildet sich ab der 8. Schwangerschaftswoche (nach Befruchtung) ein neurologisches Netzwerk und erst nach etwa 6 Monaten Schwangerschaft ist Gehirntätigkeit mittels EEG messbar.
Wie und wo man auch immer eine Grenze ziehen will, klar ist jedenfalls, dass ohne ein neurologisches Netzwerk weder ein Bewusstsein noch Leidensfähigkeit möglich ist. Wenigstens die ersten zwei Monate nach der Befruchtung ist ein Embryo keine Person.

Das akzeptieren in der Regel auch Gegner der Stammzellforschung (und Abtreibung), was sie aber nicht davon abhält, das im nächsten Satz wieder über Bord zu werfen und den Embryo trotzdem wie eine Person zu behandeln.
Gerade die Genforschung, die Nachweis erbrachte, dass bereits zum Zeitpunkt der Zeugung das gesamte Genmaterial vorliegt und sich dieses danach lediglich phänotypisch entfaltet, gibt der Kirche in einer ihrer uralten Vermutungen Recht: Der Mensch/die Person ist von Beginn an in potentia angelegt.
Daher sollten wir das menschliche Lebewesen von Anfang an zuerst und vor allem als eine „potentielle Person“ betrachten, die im moraltheoretischen Kontext wie eine Person zu behandeln ist. Also steht die Tatsache, dass das Leben der embryonalen Person beendet wird, gegen die vage Hoffnung, aus dieser Tötung medizinischen Nutzen zu ziehen, um künftig anderen Personen ihr Leben zu erhalten oder zu verbessern.
Dabei ist dies – jedenfalls meiner Meinung nach, gerade das, was es zu belegen gilt. Wieso sollte eine "potentielle Person" im "moraltheoretischen Kontext wie eine Person zu behandeln" sein, wenn doch der Grund für den Schutz der Person ihre Fähigkeit zu leiden ist und ein Embryo eben nicht leidet?
Ich jedenfalls erkenne nicht an, dass "potenzielle Person" das Gleiche ist wie "Person". Die Frage, ob oder unter welchen Umständen man eine reale Person töten darf, um andere Personen zu retten, ist meiner Meinung nach eine ganz andere!

Außerdem kommt bei der Frage nach der Verwendung von Embryonen für die Stammzellforschung noch hinzu, dass die Embryonen, um die es da geht, gar nicht das Potential haben, eine Person zu werden. In der Gebärmutter haben sie das Potential, ja, aber nicht in einer Petrischale. Da endet ihr tatsächliches Potential zur Entwicklung mit dem Erreichen des Blastozystenstadiums.

Und auch das ist den meisten Menschen (eigentlich) klar: Das Denkexperiment, das ich auch schon in meinem vorangegangen Post zur Stammzelldebatte erwähnt habe, macht das deutlich. Wenn es in einem Labor brennen würde und man hätte die Wahl, ein Kind zu retten oder eine Petrischale mit 100 Embryonen, dann würde der bei weitem überwiegende Teil der Menschen das Kind retten. Und ich würde mal behaupten, die wenigstens Menschen hätten deswegen hinterher Gewissensbisse.

Das zeigt für mich, dass es sich bei der Frage nicht um ein moralisches Dilemma à la Utilitarismus handelt (darf man einen Menschen töten, um viele zu retten?**).

Auch hier fand ich das Post (das meiner Meinung nach viel vom dem wiedergibt, was andere Gegner der Stammzellforschung weniger ausformuliert auch so denken) seltsam unentschlossen:
Das Problem liegt mithin im Vergleich des aktualen Status eines Embryos (als potentiellem Todesopfer der Stammzellforschung) mit dem aktualen Status eines Kranken (als potentiellem Nutznießer der Stammzellforschung) bei gleichzeitiger Ausblendung des potentiellen Vermögens, das menschliches Leben von der Empfängnis an in sich trägt. Abgesehen davon, dass Leben-gegen-Leben-Dilemmata eine ganz eigene Problemstellung mit sich führen, die gesinnungsethisch (Kirche) oder deontologisch (Kant) Unterlassungen gegenüber Handlungen grundsätzlich favorisiert, ist hier selbst bei Einlassung auf das konsequentialistischen Argument die Sache eindeutig: der Tod des Embryos ist sicher, der Forschungserfolg nicht.
Einerseits scheint der Autor ja anzuerkennen, dass es kein "echtes" Leben gegen Leben Dilemma ist, er behandelt es aber trotzdem so, bzw. er behandelt es gar als eine Leben gegen "vielleicht Leben" Problemstellung und später behauptet er auch noch:
Es geht aber offenbar um die „bequemere und kostengünstigere Alternative für die Forschung“. Und die sollte keinen Grund liefern, menschliches Leben potentieller Personen zu töten.
Damit wären wir dann bei der Aufstellung von Strohmännern angekommen.
Als gäbe es diese Diskussion, wenn es nur um die Bequemlichkeit von Wissenschaftlern ginge!

WeiterGen hat den Artikel dazu schon kurz erwähnt, gerade haben Forscher aus menschlichen embryonalen Stammzellen Insulin-produzierende Zellen gezüchtet und diese zuckerkranken Mäusen eingepflanzt. Der Insulinmangel der Mäuse konnte damit erfolgreich ausgeglichen werden. In keinem anderen Bereich (ob nun mit adulten Stammzellen oder "rückprogrammierten" Zellen) ist die Forschung auch nur annähernd so weit und es ist keineswegs sicher, dass sie mal so weit kommen wird. Ziemlich sicher ist hingegen, dass es ohne Vergleich zu "echten" embryonalen Stammzellen auf jeden Fall sehr viel länger dauern wird, mit Zellen aus anderen Quellen dahin zu kommen, wo man mit der embryonalen Stammzellforschung jetzt schon ist.

Nein, so einfach kommen die Gegner der Stammzellforschung da nicht raus:

Wer Stammzellforschung unterbinden will, der nimmt Menschen die Aussicht auf Heilung, indem sie entweder in (noch) weitere Ferne rückt oder sie gar ganz unmöglich gemacht wird. Ich finde, um das zu rechtfertigen, muss man wenigstens eindeutig begründen, warum ein menschlicher Embryo denn nun besonders schützenswert sein soll.

MfG,
JLT



---------------------
* Bedenkenswert ist auch, dass beispielsweise neue Medikamente, wenn sie zum ersten Mal am Menschen getestet werden (Phase I Studie), zunächst einer sehr kleinen Gruppe gesunder Probanden gegeben werden, die für ihre Teilnahme Geld erhalten. Zwar versucht man, das Risiko so gering wie möglich zu halten, Komplikationen und gesundheitliche Schäden sind aber nie ganz auszuschließen – Ergebnisse aus Tierversuchen sind nicht immer eins zu eins auf den Menschen übertragbar.
Ein Beispiel war im vorletzten Jahr der Test eines Antikörperpräparates, mit dem man hoffte, Multiple Sklerose und andere Autoimmunerkrankungen behandeln zu können. Alle sechs Probanden hatte sehr schwere bis lebensbedrohende Komplikationen, die so im Tierversuch nicht aufgetreten waren.
Der "Nutzen", würde man solche Sicherheitsüberprüfungen neuer Medikamente an endgültig komatösen Menschen durchführen, wäre also ein doppelter: Verminderung von Leiden der Primaten und Verringerung des Risikos für Menschen/Personen. [zurück]

** Für sehr "schöne" moralische Dilemmata dieser Art schaue man sich Marc Hausers "Moral sense test" an [english]; oder diesen deutschen Artikel aus dem Spiegel [.pdf]. Auch sehr interessant ist ein Artikel in Nature, an dem Hauser mitgewirkt hat, "Damage to the prefrontal cortex increases utilitarian moral judgements" [Koenigs et al. (2007). Nature 446, 908-911; nicht frei erhältlich. Eine Zusammenfassung kann man sich hier anschauen]. [zurück]

Weiterlesen...

2 August 2007

Eine "elektrische" Persönlichkeit.

Einen ausgesprochen interessanten Artkel gibt's in der New York Times ' Man regains speech after brain stimulation':
A 38-year-old man who spent more than five years in a mute, barely conscious state as a result of a severe head injury is now communicating regularly with family members and recovering his ability to move after having his brain stimulated with pulses of electric current, neuroscientists are reporting.

Dem Mann, der bei einem Überfall 1999 schwere Schädelverletzungen erlitten hat und größtenteils nicht ansprechbar war (er hat manchmal seinen Daumen bewegt, als Antwort auf Ja-Nein-Fragen), wurden Elektroden zur Stimulierung des Gehirns, eine "Gehirn-Schrittmacher", eingesetzt [Bild-Quelle: NYT].
Surgeons at the Cleveland Clinic threaded two wires through the man’s skull and into a subcortical area called the thalamus. The wires were connected to a pacemakerlike unit, implanted under the man’s collarbone.

Auch wenn man den Mann immer noch nicht als großen Redner bezeichnen kann, wurde dadurch eine deutliche Verbesserung seiner Kommunikationsfähigkeit erreicht.
“He can speak, he can watch movies without falling asleep, he can say ‘Mom’ and ‘Pop,’ and ‘I love you, Mommy.’ ”

He eats without the assistance of a feeding tube. He has regained some movement in his arms. When he speaks, usually with only a word or two, he is engaged in the conversation. He recently recited the first 16 words of the Pledge of Allegiance.

Die Untersuchung ist auch interessant im Hinblick auf die Existenz (oder eher Nichtexistenz) von "Geist".
Soon after the device was turned on, the man showed some improvements. His eyes opened. He became more reliably responsive. Over a period of months, members of the research team then tracked the man’s abilities during stretches when the current was turned on, and periods when it was off, without knowing when the device was activated.

They found a gradual but consistent improvement in speech and movement when the device was on, and a loss of progress when it was off. The researchers received consent to operate from his parents but said that an ethical framework must be developed to accommodate patients like this, whose mental competency could change by the day. The man now has the device turned on 12 hours a day, and is very much a presence in his room, when he was not before.

“He has regained his personhood, his personal agency,” said Dr. Joseph Fins, chief of medical ethics at Cornell, and a study co-author. The patient has amnesia and cannot yet fully represent his interests, Dr. Fins added, “but now he’s got interests to represent.”

Durch die elektrische Stimulierung wurde und wird seine Persönlichkeit sozusagen "angeschaltet". Meiner Meinung nach ein weiterer Hinweis darauf, dass ein vom Körper unabhängiger Geist ("Seele") doch recht unwahrscheinlich ist.

MfG,
JLT


Weitere Posts zum Thema Gehirnverletzung und Persönlichkeit: 'Was würdest DU tun?' und 'Gibt es eine Seele?'

Weiterlesen...

12 July 2007

Medizinischer Fortschritt durch ID. Nur die Spitze des Eisbergs.

Wow, ich habe gerade das dämlichste Post seit langem gelesen. Wirklich unwahrscheinlich, wie komplett und völlig man daneben liegen kann. Es fängt mit dem üblichen "Jetzt dauert's nicht mehr lange und ID wird gaanz tolle Ergebnisse bringen" an, direkt gefolgt von dem mittlerweile über 100 Jahre alten "Die Evolutionstheorie wird bald ausgedient haben". Soweit also nichts Neues.

A common criticism of ID made by neo-darwinist liars is that our science of Intelligent Design brings no benefits. They claim that ID is useless because it has no practical applications. How wrong they are. More than any other science, I predict that advances in ID biology will yield important discoveries in medicine and soon people will forget entirely about the discredited theory of Evolution. The topic of today’s article is only the “tip of the iceberg” compared to what the ID approach has to offer. [...]
Was ist also die Spitze des Eisbergs der ID Ansätze, die uns medizinischen Fortschritt bringen werden?

When you visit a doctor with a cold, why is it that he may be reluctant to prescribe a life-saving antibiotic? Could it be because your doctor has fallen for a neo-darwinist lie?
Oder könnte es sein, dass a) eine Erkältung normalerweise nicht tödlich ist und b) nicht mit Antibiotika behandelbar ist, da Erkältungen von Viren verursacht werden*, gegen die Antibiotika soundso nicht helfen?

In a nutshell, these podcasts explain that doctors have mis-understood the concept of antibiotic resistance, mainly because they have applied a flawed materialistic, evolutionary world-view to this problem. Doctors often restrict the prescription of anti-biotics because they fear that antibiotic-resistant strains of bacteria will evolve, thus creating super-bacteria, which they incorrectly believe might be very deadly diseases. Antibiotic resistant bacterial infections are often cited as evidence for the power of neo-darwinian evolutionary theory. But is it?
Ärzte befürchten nicht etwa, dass aus harmlosen Bakterien tödliche Krankheitserreger werden. Sie befürchten, dass sie potenziell tödliche Krankheiten nicht mehr behandeln können. Heutzutage ist eine Erkrankung mit der Pest (hervorgerufen durch das Bakterium Yersinia pestis) in der Regel heilbar, vor der Entdeckung von Antibiotika war das nahezu ein Todesurteil.

What they failed to notice was that each time a bacteria becomes immune to an antibiotic, it usually becomes dramatically weakened and less able to survive in other respects. Antibiotic is like a poision for bacteria. If you took repeated doeses of poison would it make you stronger? Of course, not and the evolutionist’s view makes as much sense as drinking poison to stay healthy!
Oh no. Gute Güte, wie kann man nur so völlig ahnungslos sein? Warum schreibt man einen solchen Beitrag, wenn man ganz offensichtlich nicht den mindesten Einblick in das Thema hat?

Nehmen wir mal die Klasse der Beta-Lactam-Antibiotika, zu der beispielsweise Penicilline und Cephalosporine gehören, als Beispiel. Diese wirken antibitotisch, weil ihr namensgebender Beta-Lactam-Ring die bakteriellen Enzyme (Transpeptidasen, auch Penicillin-bindende Proteine, PBPs) hemmt, die den letzten Schritt in der Peptidoglycan-Synthese vermitteln. Peptidoglycan ist ein wichtiger Bestandteil der bakteriellen Zellmembran, ohne die Fähigkeit zur Peptidoglycan-Synthese können sich Bakterien (besonders Gram-positive) nicht vermehren.
Eine Resistenz gegen diese Antibiotika wird häufig durch Punktmutationen in hydrolytischen Enzymen (sog. Beta-Lactamasen) der Bakterien vermittelt, die danach in der Lage sind, den Beta-Lactam-Ring zu spalten und das Antibiotikum dadurch wirkungslos zu machen. Je nach dem wie effektiv die Beta-Lactamase das Antibiotikum inaktivieren kann, können die Bakterien kleine bis sehr große Dosen tolerieren. Dabei werden die Bakterien aber nicht bei jeder Antibiotika-Gabe geschwächt, sondern entweder ist die Dosis ausreichend, um alle Bakterien loszuwerden, oder sie ist es eben nicht - dann werden nur die besonders sensitiven abgetötet/an der Vermehrung gehindert, während die resistenteren sich fröhlich vermehren.

Eine zweite Möglichkeit der Beta-Lactam-Resistenz sind Mutationen in den PBPs, die eine Bindung der Antibiotika erschweren oder unmöglich machen, so dass die Antibiotika ihre hemmende Wirkung auf die Peptidoglycan-Synthese verlieren.

Letzteres ist eine Möglichkeit, warum manche Antibiotika-Resistenzen tatsächlich die "Fitness" der Bakterien beeinträchtigen. Ein mutiertes PBP kann zwar einerseits nicht mehr (so stark) von Beta-Lactam-Antibiotika gehemmt werden, ist aber gleichzeitig möglicherweise auch nicht mehr so effektiv in seiner eigentlichen Funktion bei der Bildung der Zellmembran. Dies kann leicht zu einer verlangsamten Wachstumrate führen. **

See “Is Antibiotic Resistance Evidence for Darwinian Evolution?” [Video]
Dieses Video zeigt in Ansätzen diese Tatsache (ohne sie wirklich zu erklären) und behauptet, dass Antibiotika-Resistenz deshalb kein gutes Beispiel von Evolution sei. Es "bekämpft" aber natürlich nur eine Strohmann-Version von Evolution. Evolution ist keine stetige allgemeine Verbesserung. Das resistente Bakterium muss nicht schneller wachsen als die Wildtyp-Variante, um erfolgreich zu sein, die Verlangsamung der Wachstumsrate ist keine Verschlechterung.

Um es mal etwas zu verallgemeinern: Die Wildtyp-Variante lebt in Umgebung A (= Antibiotika-frei). Die Umgebung verändert sich, wird zu Umgebung B (= enthält ein Antibiotikum). Wildtyp stirbt. Antibiotika-resistente Mutante lebt. In Umgebung B ist die AR-Mutante also definitiv sehr viel erfolgreicher als der Wildtyp. Jetzt nehmen die die AR-Mutante und bringen sie in Umgebung A zurück. Dort ist der Wildtyp erfolgreicher.

Ist das überraschend, wenn man keine Strohmann-Version von Evolution vor Augen hat? Nein.

Wenn man einen Wal zurück auf's Festland schmeißt, dann ist der da weniger erfolgreich als sein landlebender Vorfahre. Wenn man einen Pinguin auf einen Baum setzt, wird der sich da ziemlich scheiße fühlen. Umgekehrt könnte es der landlebende Vorfahre der Wale wahrscheinlich nicht ein paar Stunden unter Wasser aushalten und der durchschnittliche Vogel (und ich nehme mal an, das trifft auch auf die Vorfahren der Pinguine zu) findet es in der Antarktis auch nicht so toll.

Selbst, dass die Antibiotika-resistenten Bakterien in der Antibiotika-freien Umgebung von den Wildtyp-Bakterien verdrängt werden, ist doch an sich schon wieder ein Beispiel für Evolution: die Frequenz des einen Allels (Antibiotika-Resistenz) nimmt rapide ab, während die des anderen (Wildtyp) stark zunimmt. Die an die jeweilige Umgebung besser angepasste Variante dominiert (nach einer gewissen Zeit) die Population. THAT'S EVOLUTION, FOLKS.

Aber zurück zu unserer Intelligenzbestie, die aus diesem zwar irreführenden, aber nicht gemeingefährlichen Video Schlüsse zieht, dass mir beim ungläubigen Kopfschütteln die Haare zu Berge stehen, während ich nicht weiß, ob ich Lachen oder Weinen soll.

Evolutionist doctors believe that antibiotic resistance is a bad thing because in their world-view, the thing they fear the most is a strain of bacteria which is resistant to multiple forms of antibiotic; however what they have failed to comprehend is that such a bacterial strain would have been so weakened by evolution as to become hardly a danger to mankind.
Hallo? Multiresistente Bakterien sind ein absolut ernstzunehmendes, schwerwiegendes Problem. Was mir dabei zu erst einfällt, ist Staphylococcus aureus.

S. aureus (colloquially known as "Staph aureus" or a Staph infection) is one of the major resistant pathogens. Found on the mucous membranes and the skin of around a third of the population, it is extremely adaptable to antibiotic pressure. It was the first bacterium in which penicillin resistance was found—in 1947, just four years after the drug started being mass-produced. Methicillin was then the antibiotic of choice, but has since been replaced by oxacillin due to significant kidney toxicity. MRSA (methicillin-resistant Staphylococcus aureus) was first detected in Britain in 1961 and is now "quite common" in hospitals. MRSA was responsible for 37% of fatal cases of blood poisoning in the UK in 1999, up from 4% in 1991. Half of all S. aureus infections in the US are resistant to penicillin, methicillin, tetracycline and erythromycin.

This left vancomycin as the only effective agent available at the time. However, VRSA (Vancomycin-resistant Staphylococcus aureus) was first identified in Japan in 1996, and has since been found in hospitals in England, France and the US. VRSA is also termed GISA (glycopeptide intermediate Staphylococcus aureus) or VISA (vancomycin insensitive Staphylococcus aureus), indicating resistance to all glycopeptide antibiotics.

A new class of antibiotics, oxazolidinones, became available in the 1990s, and the first commercially available oxazolidinone, linezolid, is comparable to vancomycin in effectiveness against MRSA. Linezolid-resistance in Staphylococcus aureus was reported in 2003.

CA-MRSA [Anm.: CA = Communtiy-associated: ganze Gruppen von Menschen, die in engen Kontakt miteinander stehen, sind infiziert] has now emerged as an epidemic that is responsible for rapidly progressive, fatal diseases including necrotizing pneumonia, severe sepsis and necrotizing fasciitis [Anm.: das ist eine "Fleisch-fressende" Form der Infektion (sehr viel häufiger durch Streptococcen verursacht), die Amputationen notwendig macht und selbst *mit* einer erfolgreichen Antibiotika-Behandlung eine hohe Sterblichkeit zur Folge hat]. Methicillin-resistant Staphylococcus aureus (MRSA) is the most frequently identified antimicrobial drug-resistant pathogen in US hospitals. The epidemiology of infections caused by MRSA is rapidly changing. In the past 10 years, infections caused by this organism have emerged in the community. The 2 MRSA clones in the United States most closely associated with community outbreaks, USA400 (MW2 strain, ST1 lineage) and USA300, often contain Panton-Valentine leukocidin (PVL) genes and, more frequently, have been associated with skin and soft tissue infections. Outbreaks of community-associated (CA)-MRSA infections have been reported in correctional facilities, among athletic teams, among military recruits, in newborn nurseries, and among active homosexual men. CA-MRSA infections now appear to be endemic in many urban regions and cause most CA-S. aureus infections.
[Quelle: Wikipedia]

Das zweite, mindestens ebenso schwerwiegende Beispiel ist Tuberkulose.

Extensively drug-resistant tuberculosis (XDR-TB) is defined as tuberculosis that is resistant to rifampicin and isoniazid (resistance to these first line anti-TB drugs defines Multi-drug-resistant tuberculosis), as well as to any member of the quinolone family and at least one of the following second-line TB treatments: kanamycin, capreomycin, or amikacin. The old case definition of XDR-TB is MDR-TB that is also resistant to three or more of the six classes of second-line drugs. This definition should no longer be used, but is included here because many older publications refer to it.

The principles of treatment for MDR-TB and for XDR-TB are the same. The main difference is that XDR-TB is associated with a much higher mortality rate than MDR-TB, because of a reduced number of effective treatment options. The epidemiology of XDR-TB is currently not well studied, but it is believed that XDR-TB does not transmit easily in healthy populations, yet is capable of causing epidemics in populations which are already stricken by HIV and therefore more susceptible to TB infection.
[Quelle: Wikipedia]

So, jetzt kommt der Teil, in dem erklärt wird, dass Antibiotika-Resistenz eine Erfindung der Liberal Evil Atheist Conspiracy ist.

Why should eliteist liberal doctors who perform abortions get to decide who receives antibiotics? These drugs are a gift from God to help us fight the Devil’s plague. The Bible commands us to use all weapons at our disposal to fight the enemy.
Delusion.
Why has this knowledge been suppressed? I believe that elitist liberal doctors who have an interest in controlling our access to medication do not want us to know how easy it would be to eliminate all bacterial disease. They keep the antibiotics for themselves, and their liberal friends in order to kill-off hard-working Christians and their families. There is a simple solution to this problem, [schnipp einen Absatz, der im nächsten Satz zusammengefasst ist]
We simply need to de-regulate the market for antibiotics, so that anybody can buy what they need. Why should we care if the bacteria will become “antibiotic resistant”. As Michael Behe explains in this podcast, a resistant bacteria has been weakened and is therefore unable to cause infection.
Aha. Das ist also die Spitze des Eisbergs der ID Ansätze, die uns medizinischen Fortschritt bringen werden. Wir werden also alle etwas langsamer an den Antibiotika-resistenten Bakterien sterben, als wir an den nicht-resistenten vor Entdeckung des Penicillins gestorben wären.
Was die wohl noch so alles in petto haben?

Naja, der Fairness halber gebe ich zu, dass das nicht der Inhalt des Videos ist (auch wenn diese Fehlinterpretation eine Folge der verdrehten Darstellung ist) und in dem Behe-Interview, welches der Autor zusätzlich verlinkt, kommt auch nichts vor, das auch nur annähernd in die Richtung geht.

Doctors have misunderstood the nature of evolution. Mislead by neo-darwinist lies they have imagined that evolution is a creative, intelligent force that can somehow make bacteria more deadly. As Behe explains, Evolution is nothing to be afraid of, and can only practically weaken a strain of bacteria to the point where it is no longer a threat to mankind.
Der arme Behe. Die Kritik von Wissenschaftlern hat er ja verdient, aber das ihm jemand zutraut, so derartig neben der Spur zu sein, dass er glaubt, Antibiotika-Resistenz in Bakterien würde diese ungefährlicher machen, ist schon ein bisschen hart.

That’s the kind of practical important results that come from a study of ID - now why is it that Evolutionists are still in denial?
Natürlich kommen diese Ergebnisse NICHT von IDlern. Sondern von Wissenschaftlern, die mit der Evolutionstheorie sicher keine Probleme haben. Siehe z. B. hier:

Gagneux et al. (2006), The Competitive Cost of Antibiotic Resistance in Mycobacterium tuberculosis. Science 312 (5782), 1944.

Björkholm et al. (2001), Mutation frequency and biological cost of antibiotic resistance in Helicobacter pylori. PNAS 98(25):14607-12

Levin et al. (2000), Compensatory Mutations, Antibiotic Resistance and the Population Genetics of Adaptive Evolution in Bacteria. Genetics 154: 985-997

oder wem das nicht reicht: Google Scholar-Suche nach Artikeln zu dem Thema

Auch mögliche Strategien, wie man durch Kombination verschiedener Antibiotika die Entstehung von Resistenzen verhindern kann, werden aus Erkenntnissen der Forschung zur Evolution abgeleitet, siehe z. B. hier:

Chait et al. (2007). Antibiotic interactions that select against resistance. Nature 446:668-671.


MfG,
JLT


* Manchmal kommt es in Folge der Schwächung des Immunsystems durch die Virusinfektion zu einer Suprainfektion mit Bakterien wie z. B. Staphylokokken, die einen allgemein schwereren Krankheitsverlauf bewirken und zu tatsächlich lebensbedrohlichen Komplikationen wie einer Lungenentzündung führen kann. In solchen Fällen würde ein Arzt aber natürlich ein Antibiotikum verschreiben (und hoffen, dass die Bakterien nicht resistent gegen dieses sind).

** Es gibt aber durchaus Antibiotika-Resistenzen, die keinen solchen wachstumshemmenden Einfluss haben.
Auf der englischen Wikipedia gibt es eine Liste der verschiedenen Antibiotika-Klassen. Wenn man den Links zu den unterschidlichen Antibiotika folgt, findet man auch meistens einen Abschnitt über ihre Wirkungsweise und die verschiedenen Mutationen/Veränderungen, die zu einer Resistenz führen können, beispielsweise die verschiedenen Formen der Tetracyclin-Resistenz, ein Gruppe früher viel verwendeter Breitband-Antibiotika, die heute wegen der weit verbreiteten Resistenzen viel von seiner Wirksamkeit eingebüßt hat. Dies eine Beispiel allein zeigt eindrucksvoll, dass der oft wiedergekäute Unsinn von den nur zerstörerisch wirkenden Mutationen völliger Unsinn ist und was an adaptiven Veränderungen durch Mutationen und Selektion in relativ kurzer Zeit möglich ist (immerhin sind viele dieser Antibiotika erst in den letzten 100 Jahren gefunden und entwickelt worden).
Verallgemeinerte Mechanismen von Antibiotika-Resistenzen findet man ebenfalls bei Wikipedia.

Weiterlesen...

22 April 2007

Irreducible Confusion.

Es ist schon ärgerlich. Auf der einen Seite möchte das Discovery Institute, Heimat von ID, ja gerne weiter behaupten, dass "Darwinismus" die Wurzel allen Übels ist, inklusive beispielsweise Eugenik. Auf der anderen Seite möchte z. B. William Dembski ID mehr Relevanz verschaffen, weshalb Züchtung (aka "directed evolution") jetzt plötzlich ID ist.

Und dann gibt's da natürlich auch noch die neueste Errungenschaft des Disco Institutes, Prof. Michael "Egnorance" Egnor, ein Neurochirurg. Der hat allen Ernstes behauptet, die Evolutionstheorie hat keinerlei Relevanz für Medizin (und noch ein paar andere Sachen, z. B. dass, stimmte die Evolutionstheorie, Gehirntumore zu einer Verbesserung der Hirnfunktion führen müssten - dazu z. B. Orac (grandios wie immer), NeuroLogica Blog). Außerdem ist er ein großer Verfechter der "Darwinismus" = Ursprung allen Übels-Geschichte.
Nun wurde ihm als ein Gegenbeispiel die Erforschungs des genetischen Codes genannt [De Rerum Natura]:
Specifically, they isolated mutations in bacterial viruses (phages), and then used selection to find revertants under controlled experimental conditions. With such data, Crick et al. (1961) were able to demonstrate that each residue in a protein was encoded by a non-overlapping triplet of nucleic-acid residues. In another example, with the same system B[r]enner et al. (1967) used selection experiments on mutations to argue that UGA did not code for an amino acid and specifically argued that it must have an important function “because otherwise natural selection would have certainly allocated it to an amino acid.”
Welch Dilemma.

Auf der einen Seite möchte Egnor natürlich nicht zugeben, dass er Unsinn geredet hat und die Anwendung der Evolutionstheorie doch nicht ganz ohne Einfluss auf die medizinische Forschung war (und dies Beispiel ist nur eins von vielen), d. h. er muss behaupten, dass artifizielle Selektion nichts mit der Evolutionstheorie zu tun hätte (Unbedingt lesen. Er erliegt sogar dem ältesten aller Irrtümer bezüglich der Evolutionstheorie und gewinnt damit 30 zusätzliche Punkte auf dem Crackpot Index (#30)).
Damit widerspricht er aber gleichzeitig seiner eigenen Aussage, Eugenik sei eine direkte Folge der Evolutionstheorie.

Orac von Respectful Insolence hat die "Evolution" Egnors Aussagen nachverfolgt [ich bringe nur einen Ausschnitt, mehr Zitate inkl. Quellen auf Oracs Blog].

Egnor zum Ersten:
Regarding your 'Eugenics denial', the link between Darwinism and Eugenics is tight, a matter of historical record. Everytime I hear the trope 'Darwinism is indispensible to medicine', I'm going to stick Eugenics in your face. Darwinism was indispensible to Eugenics, but is indispensible to nothing else in medicine.
Und zum Zweiten:
Darwin's theory asserts that all natural biological complexity arose by non-purposeful variation and natural selection. It doesn't apply to purposeful variation or purposeful selection, which are designed.

Dr. Cartwright is right. The experimental selection of "desirable" bacterial variants is bacterial eugenics, using the same empirical principles that eugenicists applied to human breeding. Eugenics is human breeding, and is every bit as much of a misapplication of Darwin's theory as are Dr. Cartwright's examples of bacterial breeding...

Uups.

Dazu Orac:
See why I'm confused, having noted the--ahem--evolution of Dr. Egnor's story? I have to ask Dr. Egnor: Which is it? Is Darwinism the "indispensable basis of eugenics or isn't it? And, more importantly, now that you've admitted that eugenics is artificial, not natural selection, when are you going to stop blaming eugenics on "Darwinism" and stop telling medical students in your ethics classes that Darwinism is the "indispensable basis for eugenics"? After all, now that you admit that you know that eugenics is in reality "intelligent design" rather than natural selection (sorry, couldn't resist), from now on, if you continue to tell your students that eugenics is based on "Darwinism," we'll know you're lying.
Natürlich ist Eugenik auch nicht Intelligent Design und Reed A. Cartwright (De Rerum Natura) erklärt, warum.

Aber das Eugenik plötzlich nicht mehr Darwins Schuld sein soll, können Egnors Kumpel beim Disco Institute natürlich nicht so stehen lassen, in diesem Fall John West:
It’s true that an even more pristine application of Darwinism would have been to completely stop helping society’s unfortunates so that more of them would die. But most eugenists thought such an approach would be too cruel, and so they promoted the artificial selection of eugenics as a more humane way to solve the problems identified by Darwinian biology. The fact remains that eugenics was thoroughly grounded in the principles of Darwin’s theory. It explicitly sought to remedy a problem identified by Darwin himself in his book The Descent of Man.
(Der letzte Satz ist mal wieder gelogen, diesmal widerlegt von John Pieret [Thoughts in a Haystack].)

Die Leute könnten einem schon fast leid tun.

Dembski auf der einen Seite, der alle Methoden, die random mutation + artificial selection (aka Züchtung) beinhalten, (fälschlich) als ID bezeichnet, weil Menschen die Selektion durchführen und die ja wohl unbestreitbar intelligent sind* (wenn man Egnor so liest, reicht es schon, dass ein Mensch einen Versucht plant anstatt einfach random irgendetwas zusammen zu schmeißen, um es zu einem ID-Versuch zu machen), und auf der anderen Seite Leute wie West.

Naja, aber auch nur fast.

MfG,
JLT


*Dembskis Antwort auf das Panda's Thumb Post und das Panda's Thumb Post in Antwort auf Dembskis Antwort.


Weiterlesen...

29 March 2007

Chocolate is good for you.

Es ist ja wirklich schrecklich, im Grunde ist fast alles ungesund, was gut schmeckt, und all das gesund, wozu man keine Lust hat. Ich meine, ich habe weder was gegen Sport noch gegen rohe Karotten, aber trotzdem will ich beides nicht jeden Tag.
Wollte man wirklich alle Ernährungsratschläge befolgen, müsste man möglicherweise seine Arbeitsstelle wechseln oder gleich ganz mit Arbeiten aufhören, da der Arbeitsalltag manchmal einfach nur mit einem doppelten Espresso und einem Teilchen zu überstehen ist und gelegentlich auch erfordert, dass man mit den Kollegen Pizza essen und Bier trinken geht. Sich das alles zu verkneifen, kann meiner Ansicht nach aber soundso auch nicht gesund sein, so ganz küchenpsychologisch-psychosomatisch gedacht. Lachen ist gesund, Optimisten leben länger, Sich-auch-mal-einen-doppelten-Espresso-Reinzieher bleiben länger jung. Wäre jedenfalls wünschenswert.

Nun habe ich über Thoughts in a Haystack von einer Studie erfahren, die positive Effekte von Kakao auf die Endothelzellfunktion nachgewiesen hat*. Nun hat man schon in so zuverlässigen Quellen wie der Fernsehzeitung meiner Eltern oder der Bunten im Zahnarztwartezimmer gelesen, dass Kakao gesund ist. Da liest man aber auch, dass Knoblauch gesund ist, ohne zu erfahren, dass man langfristig eine ganze Knolle pro Tag essen müsste, um die genannten Effekte zu erzielen. Das macht Knoblauch auch nicht ungesund, aber relativiert das ganze schon ein bisschen. Dasselbe trifft umgekehrt übrigens auch auf die als ungesund deklarierten Sachen zu. Wenn sich im Tierversuch herausstellt, dass ein Bestandteil von Zimt krebserregend ist, heißt das nicht, dass man jetzt an seinen Weihnachtsplätzchen stirbt. Man müsste sich den Zimt schon täglich Löffelweise reinziehen, um sein Krebsrisiko zu erhöhen. Wahrscheinlich ist jeder Tag in der Sonne potentiell gefährlicher. Aber die gleichen Leute, die in der Folge solcher Berichte ihre Weihnachtsplätzchen ohne Zimt backen, fliegen in den Urlaub (mit jedem Flug setzt man sich auch einer nicht unerheblichen Strahlenbelastung aus), um mit Gewalt in kürzester Zeit so rot braun zu werden, wie's nur eben geht.

Darum habe ich mir mal angeschaut, was schon an Literatur zu dem Thema vorhanden ist. Tatsächlich wurde der positive Einfluss von Kakao (oder eher der hohe Flavenoid-Anteil) schon mehrfach nachgewiesen, allerdings immer nur in Kurzzeitstudien. Ein Review-Artikel fasst es so zusammen:
Based upon our systematic review, multiple lines of evidence from laboratory experiments and randomized trials suggest stearic acid may be neutral, while flavonoids are likely protective against CVD [cardiovascular disease], the latter of which is well supported by prospective observational studies that suggest flavonoids may lower the risk of CHD [coronary heart disease]mortality. Though it has been approximated that eating 50 g of dark chocolate per day may reduce one's risk of CVD by 10.5% (95% CI [confodence interval]: 7.0%–13.5%) [16], such crude estimates were based on results from studies of short duration, extrapolated to long term CVD outcomes. Therefore, the highest priority now is to conduct long-term randomized feeding trials, beyond short term studies of CVD risk factor intermediates, in order to definitively investigate the impact of chocolate consumption on cardiovascular outcomes.
[Quelle: Ding et al.,Chocolate and Prevention of Cardiovascular Disease: A Systematic Review. Nutrition & Metabolism (2006), 3: 2]

Ha, wo kann ich mich anmelden?

Thoughts in a Haystack kommt noch zu einer ganz anderen Schlussfolgerung:
Meanwhile, the Discovery Institute keep prattling on about flagellum when the news that chocolate is good for you is the best evidence of a benevolent God ... er ... Designer I've heard yet.
MfG,
JLT

P.S.: Fairerweise muss ich wohl erwähnen, dass es möglicherweise nicht wirklich ratsam ist, jeden Tag 50 g oder noch schlimmer 240 g (~ 8 ounces, wie in der Studie, die bei Thoughts in a Haystack erwähnt wird) Schokolade zu essen, erst recht nicht die maximal 35 % Kakaoanteil-Variante. Übergewicht ist auch wieder nicht gut. Aber im Fall von Schokolade reicht es mir schon, wenn sie tendenziell eher gesund als schädlich ist...


* Endothelzellen kleiden die Innenseite aller Blutgefäße aus. Sie haben eine ganze Reihe von Funktionen, so geben sie beispielsweise Signale an die Muskelzellen in der Arterienwand weiter, die sich daraufhin zusammenziehen oder auch entspannen können, wodurch die Durchblutung und auch der Blutdruck beeinflusst wird. Eine Dysfunktion der Endothelzellschicht ist an vielen Herz-Kreislauferkrankungen beteiligt, wie bei Arteriosklerose, und ist z. B. auch eine Folge von Diabetes, bei der eine mangelhafte Durchblutung zu schwerwiegenden Komplikationen wie Erblindung und Amputation führen kann.

Weiterlesen...

26 March 2007

Geschüttelt, nicht gerührt: Homöopathie etc.

Ich bin zwar in der medizinischen Forschung, aber kein Arzt, von daher beschäftige ich mich eher selten mit alternativer Medizin. Das können andere besser als ich (und sind auch besser qualifiziert), beispielsweise Orac von Respectful Insolence. Er beschäftigt sich mit bedenklichen bis ausgesprochen gefährlichen Anwendungen von Alternativmedizin, hauptsächlich in Bezug auf Krebserkrankungen und HIV/AIDS. Ausgesprochen empfehlenswert ist auch seine 'Friday Dose of Woo', in der er sich immer eine besonders "alternative" Alternativmedizin rauspickt (wie z. B. die Behandlung von nahezu allem mit dem Healing Broom) und auseinander nimmt, bis nichts mehr davon übrig ist und der Leser mit einem breiten Grinsen und unwillkürlichem Kopfschütteln* zurückbleibt.

Doch heute kann ich nicht wiederstehen. In Nature ist ein Kommentar von David Colquhoun [möglicherweise nicht frei erhältlich; Nachtrag: habe gerade auf seiner Homepage den Kommentar als .pdf entdeckt] erschienen, mit dem Titel 'Science degrees without science', und ein begleitender News@Nature Artikel ('Degrees in homeopathy slated as unscientific')
Some UK universities offer science degrees in complementary medicine. David Colquhoun argues that these are not science but anti-science, and asks who is to blame.
David Colquhon ist Professor für Pharmakologie an der UCL (University College London) und setzt sich offenbar schon lange mit Alternativmedizin(ern) auseinander, seine private Homepage zeigt: DC's IMPROBABLE SCIENCE page.
This page is devoted to giving publicity to assorted dubious, erroneous, nutty, or downright fraudulent claims about drugs and other sorts of treatment. It includes, but is not restricted to, so-called Complementary and Alternative Medicine (acroynym, SCAM). In particular, it is about the incursion of such ideas into universities.
Hier findet man auch die Antwort einer der in seinem Kommentar gescholtenen Universitäten, der University of Westminster, auf seinen Kommentar. Aber vielleicht sollte ich erst mal erzählen, worum's überhaupt geht.
The least that one can expect of a bachelor of science (BSc) honours degree is that the subject of the degree is science. Yet in December 2006 the UK Universities and Colleges Admissions Service advertised 61 courses for complementary medicine, of which 45 are BSc honours degrees. Most complementary and alternative medicine (CAM) is not science because the vast majority of it is not based on empirical evidence.
Unter diesen Kursen finden sich welche zur Homöopathie, Akupunktur, Ayurveda, Reflexologie und Aromatherapie, um nur einige zu nennen.
In 1992, John Major's government gave the title of 'university' to what had previously been polytechnics or colleges of higher education. These institutions were largely devoted to teaching. They did little research so were quite different from what had been called a university before then. [...] This has given rise to talk of 'mickey mouse' degrees in, say, golf-course management, baking or embroidery that do not have the intellectual content of degrees in maths or French. [...]

What matters here is that degrees in things such as golf-course management are honest. They do what it says on the label. That is quite different from awarding BSc degrees in subjects that are not science at all, but are positively anti-science. In my view, they are plain dishonest.
Nun interessiert mich zunächst mal nicht, für was man in GB einen BSc (Bachelor of Science) bekommt: Die meisten der angebotenen Alternativmedizin-Arten sagen mir überhaupt nichts und ich habe auch überhaupt keine Lust, mich mit ihnen zu beschäftigen. Aber Homöopathie? Die "Lehre", dass man eine Krankheit mit etwas, das die gleichen Symptome wie diese hervorruft, behandeln soll (ohne je nach Ursachen zu suchen - es sei denn, man betrachtet ein "Haben sie Streß?" als Ursachenforschung), deren Befürworter aber der Schulmedizin vorwerfen, diese würde "nur Symptome behandeln"?
Die Spinner, die glauben, dass ein "Wirkstoff" umso besser wirkt, je geringer seine Konzentration ist, so dass hinterher jede Verunreinigung des Wassers oder Zuckers, welches zum Verdünnen der Ausgangssubstanz genommen wurde (oder beim Verdünnungsprozess, der normalerweise weder unter staubfreien noch sterilen Bedingungen erfolgt ), eine höhere Konzentration hat als der eigentliche "Wirkstoff" (bei manchen Verdünnungen ist statistisch nicht mal ein einziges Molekül im Endprodukt enthalten), aber diese Verunreinigungen auf magische Weise gar nichts bewirken, der ausverdünnte "Wirkstoff" aber schon?
Und es gibt nicht einen einzigen wissenschaftlichen Nachweis dafür, dass Homöopathie besser wirkt als ein Placebo.

Many scientists and advocates of evidence-based medicine feel that giving homeopathy scientific status is unjustified. Aside from the fact that there is no known mechanism by which this treatment could work, they argue that the evidence against it is conclusive. Of the many rigorous systematic reviews conducted in the past decade, only a handful have produced evidence, marginal at best, in favour of homeopathy, with the authors in each case stating that the data were weak. Several reviewers found no effect, and a prominent study suggesting that homeopathy does work (L. Linde et al. Lancet 350, 834–843; 1997), and which is frequently cited by homeopaths, has had its methodology extensively criticized since publication.

[Quelle: News@Nature]


Was zum Geier lernen die denn dann in ihren Uni-Kursen? Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen?

Interessanterweise sind die Universitäten, die die oben genannten Kurse anbieten, nicht gerade offenherzig, was Inhalte angeht:
Finding out exactly what is taught in the courses is not straightforward. Ben Goldacre, a London-based medical doctor, journalist and frequent critic of homeopathy, says that several universities have refused to let him see their course materials. "I can't imagine what they're teaching," he says. "I can only imagine that they teach that it's OK to cherry-pick evidence. That's totally unacceptable."

Pharmacologist David Colquhoun of University College London has had the same problem, and is now using freedom-of-information legislation to get access to course materials after having numerous requests refused. The University of Central Lancashire and the University of Salford both declined requests to talk to Nature or share details of their homeopathy degrees.
[Quelle: News@Nature]

Warum wohl nur....

MfG,
JLT


* Vorsicht, Nachwirkungen können sich über Stunden hinziehen.

Weiterlesen...

Das heißt Contergan, Herr T.

Es ist mal wieder soweit. Wie kann man nur so beschränkt sein?

Ja, es geht um ein Post von Herrn Todoroff. Hier ist es in seiner ganzen "Schönheit":

Kondergan versus Evolution

Kondergan ist ein (noch heute vertriebenes) Schlafmittel (in Afrika eines deutschen Pharmakonzerns). Es ruft genetische Schäden hervor, nimmt man es während der Schwangerschaft ein. (So gut wie) Alle Kinder sind an den verkrüppelten Armen zu erkennen.

Ein Schlafmittel bewirkt also in allen Menschen (mit verschiedenen Genen) eine ganz gezielte Veränderung ganz weniger, auserwählter Gene und zwar immer auf dieselbe Weise, so daß alle Kinder den gleichen sichtbaren (genetischen) Schaden haben.
Das ist evolutionsbiologisch nicht zu erklären, durch Gottes Wirken aber sehr wohl.

A L L E S - L I E B E
georg todoroff
ARGH! Argh argh argh ARGH! Erstmal meine Antwort, die ich ins GWF gepostet habe, natürlich in den Freien Bereich, da ich ja gebannt wurde. Drum würde ich nicht erwarten, dass der Link allzu lange funktioniert, meine Posts tendieren dazu, sehr schnell wieder zu verschwinden.
Contergan ruft keine genetischen Schäden hervor. Menschen, die durch Contergan geschädigt wurden ("Contergan-Kinder") können ganz normale Kinder bekommen.
Das Medikament hemmt beispielsweise die Neubildung von Blutgefäßen, was während der Embryonalentwicklung die beobachteten schwerwiegenden Folgen hat.

Der Contergan-Wirkstoff (Thalidomid) ist auch wirksam gegen Lepra und wird auch heute noch gegen Lepra eingesetzt. Beispielsweise bei Männern, Kindern und Frauen im nicht fortpflanzungsfähigen Alter ist eine fruchtschädigende Wirkung kein Hinderungsgrund.

Außerdem gibt es Hinweise darauf, dass Thalidomid gegen einige Krebsformen hilft, z.B. eine bisher nicht behandelbar Leukämie-Form. Die Phase I klinischen Studie ist abgeschlossen und kann hier nachgelesen werden (9 von 11 Patienten in vollständiger oder teilweiser Remission nach 6-monatiger Behandlung, bei diesen Patienten auch nach 15 Monaten kein Rückfall aufgetreten).

Nicht jede Fehlbildung ist auf einen genetischen Defekt zurückzuführen.

Und weil's mich persönlich interessiert: Warum sollte Gott wollen, dass die Kinder von Frauen, die während der Schwangerschaft ein Mittel gegen Übelkeit am Morgen oder als Schlafmittel genommen haben, keine Arme und/oder Beine haben?

MfG, biologe2

P.S.: und vertrieben wird es von Celgene (USA) und Pharmion (GB).

Wer noch mehr wissen will: Linksammlung zu Contergan
So, und weil das hier mein Blog ist und mich hier keiner Löschen kann außer ich selbst:

Ist es eigentlich zu viel verlangt, dass man sich auch nur ein bisschen, ganz ganz minimal, über das informiert, was man in ein öffentliches Forum postet? Schon allein, wenn ich die falsche Schreibweise sehe, rollen sich mir die Zehennägel auf. Wenn es nur das 'K' wäre, in Ordnung, aber auch noch das 'd'! Es ist gelogen, dass eine deutsche Firma Contergan vertreibt und es wurde nie gezeigt, dass Contergan genetische Schäden verursacht [Contergan ist teratogen, nicht mutagen]. Das sind 3 gravierende Fehler in 5 Sätzen.

Und die Folgerung daraus, gute Güte. Menschen und SCHIMPANSEN haben je nach Zählweise mehr als 95 - 98 % identisches Genmaterial. Menschen untereinander unterscheiden sich minimal. Und nicht durch unterschiedliche Gene, sondern unterschiedliche Allele [Varianten eines Gens], die sich voneinander auch nur durch ein einziges Nukleotid unterscheiden können. Dass sich die Menschen genetisch so ähnlich sind, ist eine der Grundvoraussetzungen dafür, dass Medikamente überhaupt bei einer Vielzahl von Menschen gleichzeitig funktionieren können, schließlich wirken die ja auf Zellen (deren Rezeptoren oder von diesen abgegebene Enzyme/Protein/etc. ...) ein, die durch Gene gebildet werden. Und das Medikamente in Tierversuchen getestet werden können, diese uns also so ähnlich sind, dass Resultate (bedingt) übertragbar sind, ist ein Beleg für die Evolutionstheorie.

Am schärfsten finde ich aber, dass Herr T. offensichtlich keine Probleme damit hat zu glauben, dass sein Gott 1-2 Monate alte Embryos verkrüppelt oder sterben lässt, nur weil dessen Mütter in der Schwangerschaft ein vom Arzt verschriebenes Schlafmittel genommen haben, das auch gegen morgendliche Übelkeit half. Hauptsache, keine Evolution. Herzlichen Glückwunsch.

MfG,
JLT

Weiterlesen...