26 June 2007

Zu viel zu tun.

In der New York Times gibt's ein Special zur Evolution. Ich hatte noch keine Zeit, mir das genauer anzuschauen, aber es scheinen einige interessante Artikel dabei zu sein.

MfG,
JLT

[via Pharyngula]

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25 June 2007

Habe ich schon erwähnt, dass ich froh bin in Europa zu leben?

Die Parlamentarische Versammlung des Europarats hat eine neue Empfehlung veröffentlicht, die sich mit ID/Kreationismus in Europa beschäftigt. Die Zusammenfassung ist so kurz wie eindeutig:
The theory of evolution is being attacked by religious fundamentalists who call for creationist theories to be taught in European schools alongside or even in place of it. From a scientific view point there is absolutely no doubt that evolution is a central theory for our understanding of the Universe and of life on Earth.

Creationism in any of its forms, such as “intelligent design”, is not based on facts, does not use any scientific reasoning and its contents are pathetically inadequate for science classes.

The Assembly calls on education authorities in member States to promote scientific knowledge and the teaching of evolution and to oppose firmly any attempts at teaching creationism as a scientific discipline.

Heh. Das wird einigen nicht gefallen. Z. B. Dembski dazu:
The Council of Europe may justly be renamed as “The European Council for the Advancement of Atheism.”
Da ist sie wieder am Werk, die Evil Atheist Conspiracy.

MfG,
JLT

[via Panda's Thumb]

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23 June 2007

In eigener Sache.

Ich bin jetzt Mitglied in der AG Evolutionsbiologie des VdBiol, ich bin ganz stolz.

Leider hat sich in den Newsticker-Eintrag, der meine Aufnahme erwähnt (und Danke für die schmeichelhafte Beschreibung!) ein Fehler eingeschlichen: Ich bin (noch) nicht promoviert. Die praktische Arbeit ist schon abgeschlossen und ein Großteil des Dissertation ist auch schon fertig, aber eben noch nicht eingereicht. Richtig müsste es also heißen Dipl. biol..
In besonderem Maße freuen wir uns über die Mitarbeit von Dr. Sabine Schu, bis 2005 Ph.D.-Studentin am Institut für Medizinische Immunologie der Berliner Charité, seitdem am National Center for Biomedical Engineering Science (NCBES) an der National University of Ireland tätig. Ein besonderes Highlight ist Frau Schu's Weblog "Evil under the sun". Ihre kompetenten und erfrischend humorvollen Beiträge widmen sich der Kritik antievolutionistischer Argumentation und dokumentieren wichtige Aspekte der aktuellen Diskussion.
Ihr könnt Euch drauf verlassen, dass ich es hier verkünde, wenn sich der Status ändert. Himmel, ich werde so froh sein, wenn ich sie endlich eingereicht habe (neben der normalen Arbeit eine Dissertation über ein anderes Thema zu schreiben ist etwas, das ich keinem empfehle...), ich werde wahrscheinlich wildfremde Leute auf der Straße anhalten und ihnen "It's submitted!" ins Ohr schreien.

MfG,
JLT

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Mehr zu Liu & Ochman.

Erinnert sich noch jemand an den Liu & Ochman-Artikel [Stepwise formation of the bacterial flagellar system. PNAS April 24, 2007 Vol. 104 No. 17 pp. 7116-7121; *.pdf] und die Aufregung, die es darum gab? Vor allem Nick Matzke hat den Artikel kritisiert: Flagellum evolution paper exhibits canine qualities, Update on PNAS flagellum paper und Flagellum evolution kerfluffle continued.
Ich will in dem Zusammenhang auch nicht verschweigen, dass ich ausgehend von der positiven Science-Berichterstattung den Artikel zunächst für gut befunden hatte (Behe's Black Box), was dem einen oder anderen offenbar einen mentalen Orgasmus beschert hat.

Wie auch immer, jetzt ist eine Korrektur zu dem Paper in PNAS erschienen, die allerdings die ursprüngliche Kritik nicht beantwortet (Nick Matzke: Correction to Liu & Ochman paper).

MfG,
JLT

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Back to Science.

Retroviren (wie z. B. HIV) sind Viren, die nach Befall einer Zelle ihr eigenes RNA-Genom in DNA umschreiben und in das Genom der Wirtszelle integrieren. Das virale Genom (das "Provirus") nutzt dann die Ressourcen der Wirtszelle, um neue Viruspartikel zu generieren. Freigesetzte Viruspartikel können dann wieder neue Zellen infizieren. Es kann aber auch Ruhephasen geben, in denen keine "Produktion" neuer Viruspartikel stattfindet. Kommt es in einer solchen Phase zur Zellteilung, wird auch das integrierte Virusgenom mit verdoppelt.
Solange die befallenen Zellen normale Körperzellen sind, kann die Integration des Virusgenoms zwar Schaden anrichten, indem ein an der Integrationsstelle liegendes Gen zerstört wird, aber es wird nicht an die Nachkommen des Wirts vererbt.

Es ist aber auch möglich, dass Zellen der Keimbahn (also die Zellen, aus denen bei Säugetieren Eizellen und Sperma hervorgehen) infiziert werden. Dann enthalten alle Zellen des nach einer Befruchtung entstehenden Embryos das Provirus integriert in ihr Genom, d. h. das Provirus wird wie die normalen Gene an die Nachkommen weitergegeben. Retroviren, die über Zellen der Keimbahn auch "vertikal" an Nachkommen weitergegeben werden, bezeichnet man als endogene Retroviren (ERVs). Eine ausführlichere Review gibt’s hier [Weiss. The discovery of endogenous retroviruses. Retrovirology 2006, 3:67; auch Bild-Quelle, Klicken zum Vergrößern].

Diese können weiterhin aktiv sein, aber auch durch Mutationen bei der Verdoppelung des Genoms der Wirtszelle vor der Zellteilung inaktiviert werden, d. h. die Proviren sind nicht mehr in der Lage, infektiöse Viruspartikel zu generieren.

In der Evolutionsgeschichte der Säugetiere haben es einige Retroviren geschafft, dauerhaft in das Genom ihrer Wirte integriert zu werden. Z. B. bestehen über 8 % [1] des menschlichen Genoms aus retroviralen Sequenzen, den Überresten ehemals aktiver Retroviren, sogenannten endogenen retroviralen Elementen. Die meisten davon "teilen" wir uns mit anderen Primaten, d. h. die Integration dieser Retroviren hat vor oder während der Auftrennung der Primaten in die verschiedenen Linien stattgefunden [2]. Eins dieser ERVs (Pan troglodytes endogenous retrovirus 1 [PtERV1]) zeigt nun ein Verteilungsmuster, das zunächst mal schwer zu erklären schien. Es findet sich in Gorillas und Schimpansen, aber nicht in Menschen [3].
Both the chimpanzee and gorilla genome harbor more than 100 copies of PtERV1, whereas it is absent from the human genome. Comparison of individual PtERV1 proviruses in gorilla and chimpanzee genomes suggest that this virus was active 3 to 4 million years ago, after the separation of chimpanzee and human lineages. This raises an evolutionary conundrum as to why sister species, but not humans, acquired germline copies of this retrovirus even though all three species cohabited when PtERV1 was an active exogeneous virus.

[Quelle: Kaiser et al., Restriction of an Extinct Retrovirus by the Human TRIM5alpha Antiviral Protein. Science 2007, 316: 1756-8]


Ein bekannter Mechanismus der Abwehr von Retroviren bei Primaten wird durch das Protein TRIM5a vermittelt, das direkt an das Capsid (innerhalb der Virushülle liegende zweite "Hülle", die Proteine und RNA des Virus enthält. Die äußere Virushülle "verschmilzt" bei der Infektion einer Zelle mit der Zellmembran) des eindringenden Virus bindet und es damit zur Zerstörung durch andere Zellbestandteile markiert. Alle Primaten haben eine TRIM5a-Version mit einer anderen antiviralen Spezifität, beispielsweise sind Rhesusmakkaken aufgrund ihrer TRIM5a-Version vor einer Infektion mit HIV-1 geschützt, Menschen dagegen nicht.

[Bild-Quelle: Emerman. How TRIM5a defends against retroviral invasions. PNAS 2006, Vol. 103, 5249-5250; Klicken zum Vergrößern]


Nun haben sich ein paar schlaue Leute gefragt, ob nicht unsere TRIM5a-Version uns vielleicht gegen eine Infektion mit PtERV1 geschützt hat, was erklären würde, warum wir, im Gegensatz zu unseren Verwandten, PtERV1-frei geblieben sind.
Fragt sich nur, wie man nachprüft, ob ein Protein spezifisch an das Capsid eines bestimmten Virus bindet, wenn dieser seit ein paar Millionen Jahre nicht mehr aktiv ist, sondern nur noch als eine Art Fossil im Genom von Schimpansen et al. vorhanden ist.
Because ancient humans are thought to have lived in the same regions as these closely related apes [Anm.: Schimpansen und Gorillas], these researchers [Kaiser, Malik, Emerman] asked whether an antiviral factor in our cells might have thwarted PtERV1. They homed in on TRIM5alpha, a protein that protects against retroviruses and exists in different form in different primates.
To assess whether human TRIM5alpha could stop PtERV1, the investigators first had to bring PtERV1 back to life. They did this by stitching critical PtERV1 genes [Anm.: u. a. die das Capsid kodierende Region] into a mouse retrovirus. The team then showed that this chimeric virus easily infected cat cells that had no TRIM5alpha but hardly caused any infection in cat cells engineered to contain human TRIM5alpha.
[Quelle: Cohen. Fossil Virus Gives Clues to HIV Susceptibility. ScienceNOW 21 June 2007]

Wie cool ist das! Obwohl alle Kopien von PtERV1 im Schimpansengenom durch Ansammlung von Mutationen inaktiviert worden sind, konnten die Forscher durch Vergleiche der Sequenzen der einzelnen Kopien die Ursprungssequenz einzelner Abschnitte rekonstruieren. Mit den rekonstruierten Sequenzen haben sie dann in dem mit PtERV1 verwandten murinen Leukämie-Virus (MLV) die entsprechenden Sequenzen ersetzt, so dass sie eine PtERV1/MLV-Chimäre mit PtERV1-Capsid zur Verfügung hatten.
Diese Chimäre war tatsächlich aktiv. Katzen-Zellen, die kein TRIM5a enthalten, konnten mit der PtERV1-Rekonstruktion infiziert werden. Wenn sie diese Katzen-Zellen aber mit dem humanen TRIM5a ausstatteten, waren die Zellen vor einer Infektion geschützt.

Ergo, Menschen haben keine PtERV1-Kopien im Genom, weil unsere TRIM5a-Variante spezifisch für das PtERV1-Capsid ist und wir daher vor einer Infektion geschützt sind.

Ganz interessant, nettes Stück Arbeit, denkt der geneigte Leser aus Höflichkeit und will sich schon einer anderen Internet-Seite zuwenden, aber Halt! Das ist nur die eine Hälfte der Geschichte.
Specificity of TRIM5a for a particular retroviral capsid is largely determined by amino acids within the C-terminal B30.2 domain. Within this capsid-interaction domain, a particular "patch" contains amino acids under positive selection that contain the dominant determinants of specificity. For example, the amino acid at position 332 within this patch is a critical determinant of HIV-1 restriction. Humans and chimpanzees encode an arginine (R) residue at position 332, whereas the hominid ancestral residue at this position is a glutamine (Q). Reversing this change (R332Q) had moderate effects on the ability of human TRIM5a to restrict MLV variants. Notably, changing the arginine to the ancestral glutamine abolished the ability of human TRIM5a to efficiently restrict PtERV1 infectivity. Unexpectedly, the R332Q mutation had the opposite effect on HIV-1, improving the ability of human TRIM5a to restrict this virus. Thus, the R332Q mutation in human TRIM5a reveals a trade-off in TRIM5a ability to restrict two retroviruses; a mutation that abolished restriction for PtERV1 results in a gain of restriction to other viruses such as HIV-1.
[Quelle: Kaiser et al., Restriction of an Extinct Retrovirus by the Human TRIM5alpha Antiviral Protein. Science 2007, 316: 1756-8]

Aah, die wissenschaftliche Prosa. In ihrer Leichtigkeit kaum zu überbieten – und so mitreißend... Was die hier tatsächlich herausgefunden haben, ist wirklich spannend (in einem wissenschaftlichen Text erkennt man das an Worten wie "unexpectedly").

Die Forscher haben in der Region, die die Wechselwirkung zwischen TRIM5a und dem Virus-Capsid bestimmt, eine Aminosäure (Arginin, R) ausgetauscht und zwar durch die Aminosäure (Glutamin, Q), die in der TRIM5a-Variante des gemeinsamen Primaten-Vorfahren an dieser Stelle gewesen ist. Und wie erwartet, in dieser Q-Variante war das humane TRIM5a lange nicht mehr so effektiv in der Verhinderung der Infektion der Katzen-Zellen mit PtERV1 (die relative Infektiösität stieg von 2 in Katzen-Zellen mit normalen humanen TRIM5alpha auf 61 mit Q-TRIM5a; Katzen-Zellen ohne TRIM5a: 100).
Das spannende ist aber, dass sich gleichzeitig die Effektivität von TRIM5a, eine Infektion der Katzen-Zellen mit HIV-1 zu verhindern, steigerte (relative Infektiösität 13 mit Q-TRIM5a im Vergleich zu 28 mit normalem humanen TRIM5a).

Es ist offenbar eine entweder-oder-Situation, TRIM5a kann gegen PtERV1 schützen, oder gegen HIV-1, aber nicht beides gleichzeitig. Eine Untersuchung der TRIM5a-Varianten von Mensch, Schimpanse, Gorilla, Orang Utan, Gibbon und einiger Altweltaffen zeigte, dass tatsächlich keine dieser Varianten gegen beide Viren Schutz bietet.

Möglicherweise ist also dieses uralte Virus PtERV1 "Schuld" daran, dass wir uns heute mit dem HI-Virus infizieren können – eine Pandemie mit PtERV könnte dazu geführt haben, dass sich die mutierte Form (R) der ursprünglichen TRIM5a (Q)-Variante bei unseren Vorfahren durchgesetzt hat, weil sie vor einer PtERV-Infektion schützte.

[Bild-Quelle: Kaiser et al., Restriction of an Extinct Retrovirus by the Human TRIM5alpha Antiviral Protein. Science 2007, 316: 1756-8; Klicken zum Vergrößern]

Aber wie immer gibt es auch noch offene Fragen. Wie es der begleitende ScienceNOW-Artikel formuliert:
Still, there are a few untidy aspects between TRIM5a and PtERV1. For example, even though ancient chimps were susceptible to PtERV1, today's chimps seem resistant. Modern chimps have a humanlike version of TRIM5a, so the researchers postulate that it may have mutated from its ancient form long after the two species split. Or it could be that TRIM5a works in concert with other factors to block retroviruses. "This is just the beginning of trying to understand how the evolution of these genes has shaped modern viral susceptibilities," says Emerman.

Wer noch ein bisschen weiter lesen möchte, Carl Zimmer von The Loom geht noch ein wenig mehr auf die Hintergründe ein und hat auch einige interessante Links zu dem Thema.

MfG,
JLT



[1] International Human Genome Sequening Consortium. Finishing the euchromatic sequence of the human genome. Nature 2004, 431: 915-6
[2] Johnson and Coffin. Constructing primate phylogenies from ancient retrovirus sequences. PNAS 1999, Vol. 96, Issue 18, 10254-10260
[3] Yohn et al., Lineage-Specific Expansions of Retroviral Insertions within the Genomes of African Great Apes but Not Humans and Orangutans. PLoS Biol. 2005, 3(4); e110

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22 June 2007

Stupid Design.

[Bild-Quelle: Ted Rall; Klicken zum Vergrößern]

"Stupid Design posits that the chaotic and disordered nature of the universe points to an idiotic, inept and/or lazy supernatural creator."


Hmmm. Aus dieser neuen "Theorie" könnte eine wirkliche Bedrohung für die Evolutionstheorie entstehen...

MfG,
JLT

[via Pharyngula]

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21 June 2007

Geheime Machenschaften.

NoGodBlog hat eine der geheimen Machenschaften der Evil Atheist Conspiracy aufgedeckt. Sie hat dafür gesorgt, dass bei den neuen Dollarmünzen das "In God we trust" fehlt, das normalerweise auf den Rand geprägt ist.

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20 June 2007

Schnell noch was Lustiges.

Da habe ich doch gerade noch etwas entdeckt...

Auf Uncommon Descent regt sich Herr Dembski ein bisschen darüber auf, dass "Judge Jones", der Richter im Kitzmiller vs. Dover Area School District Gerichtsverfahren, eine weitere Ehrendoktorwürde verliehen bekommen hat.
Alles in allem wäre das nicht bemerkenswert, wenn, ja wenn er nicht dieses sprachliche Juwel äußerte:
Don’t expect people with a finger in the wind to help ID. ID is the intellectual elite’s equivalent of leprosy.

Dazu kommentiert Laelaps:
Perhaps because ID is intellectual leprosy; the longer you leave it untreated, the more damage it does to your eyes, nerves, and other parts of your body. I hardly think Dembski is admitting that he’s been infected with a virulent meme. Interestingly enough, actual leprosy does not cause parts of the body to fall off or for sores to develop; a lack of sensitivity in the limbs causes people not to feel when they’re being hurt and hence they are often covered with lesions and sores. What a fitting disease to equate ID with, especially since advocates don’t seem to realize that they’re receiving an intellectual pummeling from evolutionary scientists.

Heh. Das konnte ich trotz vorgerückter Stunde nicht für mich behalten. Excellent.

MfG,
JLT

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Oups, da habe ich aber wen verärgert.

Ich hatte vor einiger Zeit ein langes Post von Christoph Heilig zum Anlass genommen, mir über die Grundlage des ID-Glaubens Gedanken zu machen, aber meine Ausführungen scheinen ihm nicht gefallen zu haben, wie man hier nachlesen kann.

Besonders unverständlich ist mir immer gewesen, warum IDler so auf ihren Analogien zu irgendwelchen von Menschen hergestellten Dingen herumreiten, da – so dachte ich – doch jedem klar sein müsste, dass es einen Unterschied zwischen zur Reproduktion fähigen Organismen und beispielsweise einem Zahnstocher gibt.
Und das Post von Christoph hatte mich da tatsächlich erleuchtet. Ein Zahnstocher ist wie ein reproduktionsfähiger Organismus, weil Reproduktion gar keinen Unterschied macht! All diese kleinen Ungelegenheiten wie sexuelle Rekombination oder Mutationen durch Basenaustausch, Genduplikation (oder gar Genomduplikation), Insertion, Deletion, Verschmelzung von Chromosomen etc.: Das alles ist völlig irrelevant!

Überrascht? Ja, war ich auch, und auch da hat mir das Post von Christoph weitergeholfen:

Die natürliche Entstehung von komplexer spezifizierter Information (= CSI) à la Dembski wurde noch nie beobachtet, deswegen gehen wir doch schnell vom "noch nicht beobachtet" zum "kann nicht entstehen" über, so dass es keinen Unterschied mehr macht, ob es ein "Ein-Generationen"- oder "Mehr-Generationen"-System ist, das wir betrachten (schließlich kann CSI auch in 1 Mio. Generationen nicht entstehen), der Analogieschluss ist also zulässig und ID ist wahr! Hurra!

Ach, wenn Wissenschaft doch auch so einfach wäre.

Bevor Christoph jetzt gequält aufstöhnt, weil ich genau das selbe noch einmal schreibe und er wieder alle Textstellen zitiert, in denen er sagt, dass zukünftige Forschung die Unmöglichkeit des natürlichen Ursprungs von CSI widerlegen könnte, schnell meine Erklärung, warum ich das alles nicht ernst nehme: Es wird so getan, als wäre CSI wissenschaftlich definiert und würde für bestimmte biologische Funktionen nach feststehenden Regeln kalkuliert. Tatsächlich ist der Begriff in der mathematischen Fachliteratur aber völlig unbekannt.

Nicht einmal Dembski weiß genau, was CSI eigentlich genau sein soll (siehe z. B. hier [*.pdf], insbesondere S. 13-21)*, außer, dass es nicht natürlich entstehen kann, weil das irgendwie so unwahrscheinlich erscheint. Dementsprechend, selbst wenn Wissenschaftler in "pathetic level of detail" (O-Ton Dembski, 6. Beitrag auf der verlinkten Seite) die Entstehung irgendeiner biologischen Funktion erklären, dann kann daraus nach ID-Logik lediglich folgen, dass diese Funktion keine CSI enthält.

Hier mal eine Liste von Dingen, die alle laut Dembski CSI oder "specified complexity" zeigen:
  1. 16-digit numbers on VISA cards, [17, p. 159]
  2. phone numbers, [17, p. 159]
  3. "all the numbers on our bills, credit slips and purchase orders", [17, p. 160]
  4. the "sequence corresponding to a Shakespearean sonnet", [19, p. xiii]
  5. Arthur Rubinstein's performance of Liszt's "Hungarian Rhapsody", [19, p. 95]
  6. "Most human artifacts, from Shakespearean sonnets to Durer woodcuts to Cray supercomputers", [19, p. 207]
  7. scrabble pieces spelling words, [19, pp. 172{173]
  8. DNA, [19, pp. 151]
  9. error-counting function in an evolution simulation, [19, p. 217]
  10. a "fitness measure that gauges degree of catalytic function" [19, p. 221]
  11. the "fitness function that prescribes optimal antenna performance" [19, p. 221]
  12. "coordination of local fitness functions", [19, p. 222]
  13. "what "anthropic principles" explain in fine-tuning arguments [19, p. 144]
  14. "fine-tuning of cosmological constants" [19, p. xiii]
  15. what David Bohm's "quantum potentials" extract in the way of "active information"
  16. [19, p. 144]
  17. "the key feature of life that needs to be explained" [19, p. 180]*
[Quelle: Elsberry & Shallit. Information Theory, Evolutionary Computation, and
Dembski's "Complex Specified Information"
, .pdf]


Wie Elsberry & Shallit feststellen:
What is really remarkable about this list is both the breadth of Dembski's claims and the complete and utter lack of quantitative justification for those claims. We cannot emphasize this point strongly enough: although the decision about whether something possesses CSI appears to require at the very least a choice of probability space, a probability estimate, a discussion of relevant background knowledge, an independence calculation, a rejection function, and a rejection region, none of these have been provided for any of the items on this list.
Mit anderen Worten, es ist nicht nachvollziehbar, auf welcher Grundlage Dembski die CSI berechnet hat, oder ob er überhaupt irgendwas gerechnet und sich das nicht einfach so aus den Fingern gesogen hat.

Drum finde ich eine Aussage wie diese
Die CSI ist jedoch Designer-unabhängig und nach allen bisher gemachten Erfahrungen ein ausnahmslos (!) korrekt arbeitender Indikator für intelligente Ursprungsursachen.
einfach nur ausgesprochen amüsant.

Bis es nicht eine feststehende, wissenschaftlich begründete Definition von CSI gibt, ist die Aussage "Diese biologische Struktur (o. ä.) enthält CSI" gleichbedeutend mit "Ich kann mir nicht vorstellen, wie das natürlich entstanden sein kann, darum muss es designt worden sein". Bis dahin mache ich mich auch darüber lustig.

Und über dies hier. Ich schrieb:
Zum einen kann man die Behauptung, durch Mutationen könne es nur zu einer Degeneration genetischer Information kommen, durch ein kleines Gedankenexperiment widerlegen.
Nehmen wir ein Gen, das durch eine Mutation seine Funktion verliert. Degeneration! "Informationsverlust" würden IDler wohl dazu sagen. Wenn aber nun durch eine erneute Mutation der Ursprungszustand wieder hergestellt würde? Informationsgewinn!
Fraglos kann man dagegen sagen, dass damit keine *neue* "Information" geschaffen würde, weil sie ja schon mal vorhanden war, aber es widerlegt sehr schön, dass Mutationen nur zu einer Degeneration führen können.

Und Christoph dazu:
"Denken" kann man sich viel -- auch wie genau die richtigen Mutationen zusammen kommen können, um aus einer präadaptiven Vorgängerstruktur eine Bakterien-Flagelle zu fomen. Mit der Realität hat das dann aber nichts mehr zu tun.

Heh. Ich weiß nicht, ob jemand sein Ausgangspost gelesen hat, da wimmelt es nur so von Dingen, die man auf dem Mars findet, wie Vasen, hochmoderne Maschinen, Maschinen, die zur Selbstreproduktion fähig sind, Maschinen, die aus Proteinen bestehen. Dann gibt es eine herzergreifende Geschichte um einen Roboter mit Bewusstsein, Partnerin und der Fähigkeit zur Selbstreplikation, die nach dem Aussterben der Menschheit auf der Erde Kaffeemaschinen und Mikroorganismen finden. Alles "Gedankenexperimente".

Tja, "Denken" kann man sich tatsächlich viel. Dass da an der gleichen Stelle einer DNA-Sequenz ein Basenaustausch erst in die eine Richtung (z. B. A wird durch T ersetzt) und dann in die andere (T wird wieder durch A ersetzt = Ausgangssituation) stattfindet, finde ich da vergleichsweise nicht so sonderlich weit hergeholt...

Und auch in seinem neuen Post gibt's ein kleines, überhaupt nicht weit hergeholtes Gedankenexperiment, das ursprünglich von Markus Rammerstorfer stammt:
Im Jahr 2210 gelingt es einigen ID-Vertretern, eine Bakterienart mit einer neuen Fähigkeit herzustellen. Durch einige spezielle molekulare Maschinen ist dieses Bakterium in der Lage, Bedrohungen gezielt durch die Emission von Mikrowellen auszuschalten. Anschließend greifen die ID-Vertreter zu einer List: Sie geben vor, diese Bakterienart in der Tiefsee entdeckt zu haben und übergeben das Bakterium mit seiner Strahlenkanone an streng evolutionstheoretisch denkende Kollegen. Diese sind erstaunt und beginnen damit, phylogenetische Theorien zu entwickeln. Ähnlichkeitsvergleiche sollen die Abstammungsgeschichte des Lebewesens offenlegen und eventuell Hinweise darauf liefern, wie seine Strahlenkanone entstanden sein könnte. Man versucht nun, eine Kausaltheorie im Sinne der im Jahr 2210 aktuellen Evolutionstheorie zu entwickeln. Zehn Jahre lang versuchen Evolutionstheoretiker plausible Geschichten zur Entwicklung dieser molekularen Maschinerie zu entwickeln. Dann lassen die ID-Vertreter die Bombe platzen: Die Maschinerie stammt aus dem Labor und hat einen intentionalen Ursprung.

Großer Gott.

Ich kann mir direkt vorstellen, wie sich ein paar IDler abends in der Kneipe treffen, diese Geschichte entwickeln und sich dann gegenseitig bierselig versichern, 'Jahajaja, da wären sie aber aufgeschmissen, die Evolutionstheoretiker, die. Denen würden wir's richtig zeigen, hah, 10 Jahre lassen wir die Rumforschen und dann sehen sie mal, wie unrecht sie immer gehabt haben, die mit ihrer blöden Evolutionstheorie'.

Zwei Bemerkungen dazu.

Erstens hoffe ich wirklich, dass in 200 Jahren dieser ganze Quatsch endlich vom Tisch ist. Wenn ich mir vorstelle, was alleine in den letzten 25 Jahren an Wissen dazu gewonnen wurde, kann ich mir nicht mal ansatzweise vorstellen, was in den nächsten 200 Jahren alles herausgefunden werden wird. Alleine die Erfindung der Polymerase-Kettenreaktion 1983 war, was biologische Forschung angeht, ein Quantensprung.

Zweitens gibt es schon jetzt vom Menschen gentechnisch veränderte Organismen, Pflanzen, Tiere, Mikroorganismen. In den nächsten 200 Jahren werden das wohl noch sehr viel mehr werden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Wissenschaftler in 200 Jahren, sollten sie auf einen Mikroorganismus stoßen, deren einzelne Bestandteile sich nicht mit der Phylogenie in Einklang bringen lassen, nicht auf die Idee kämen, dieser wäre ein von Menschen generierter. Im Gegenteil, ich würde mal behaupten, das wäre das absolut Erste, was in 200 Jahren jemand denken würde. Immerhin weiß man schon jetzt, dass Menschen Mikroorganismen manipulieren können, Craig Venter arbeitet daran, eine ganze Zelle künstlich herzustellen und wird möglicherweise damit Erfolg haben – aber in 200 Jahren kommen Wissenschaftler nicht darauf, dass ein ungewöhnlicher Mikroorganismus von Menschen geschaffen worden sein könnte, klar.

Aber nehmen wir mal an, die Wissenschaftler in 200 Jahren wären so grottendämlich, dass sie darauf nicht kämen, was wäre damit bewiesen?

Bisher *sind* keine natürlich vorkommenden Organismen gefunden worden, deren Merkmale es laut Evolutionstheorie nicht geben dürfte – tatsächlich wäre das etwas, dass die Evolutionstheorie in Schwierigkeiten brächte. Und auch der in 200 Jahren von IDlern (dazu müssten sie bis dahin aber anfangen, sich tatsächlich mal selbst in ein Labor zu stellen) zusammengebastelte Mikroorganismus ist eben das: von IDlern zusammengebastelt. Spräche immer noch nicht gegen die Validität der Evolutionstheorie.

Und wäre mal interessant, welche Schlüsse nicht eingeweihte IDler daraus zögen: Endlich einen Mikroorganismus gefunden, der nach Evolutionstheorie nicht ins Bild passt, deswegen Existenz des Designers bewiesen, deswegen das Leben, das Universum und der ganze Rest vom Designer geschaffen?

Nur, weil wir schon beim Gedankenexperimentieren sind...

MfG,
JLT




* Die von Elberry & Shallit zitierten Bücher sind:

[17] W. A. Dembski. Intelligent Design: The Bridge Between Science & Theology. InterVar-
sity Press, 1999.
[19] W. A. Dembski. No Free Lunch: Why Specified Complexity Cannot Be Purchased
Without Intelligence. Rowman & Littlefield, 2002.

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19 June 2007

Forschung bitte einstellen. Hat eh keinen Zweck.

Bei den Brights findet sich ein Gastbeitrag von Reinhard Junker, der Geschäftsführer der evangelikalen Studiengemeinschaft Wort und Wissen, die auch genesisnet betreibt. Junker ist einer der wenigen aktiven ID-Vertreter in Deutschland.

Zu Junkers Beitrag (Wie naturwissenschaftlich ist “Intelligent Design”?) gibt es viel zu sagen, allerdings nicht viel, was nicht schon mal gesagt worden wäre. Martin Neukamm weist beispielsweise in seinem Kommentar einfach auf das von Kutschera (AG Evolutionsbiologie im VdBiol) herausgegebene Buch "Kreationismus in Deutschland. Fakten und Analysen" hin, aus dem es auch einige relevante Ausschnitte online gibt.

Mich hat vor allem eins an Junkers Artikel amüsiert, das Maß an Vertrauen, dass Junker in Wissenschaftler setzt - und dann wieder nicht.

In dem Abschnitt "Beruht ID auf Nichtwissen?" schreibt Junker:
ID lässt sich plausibel machen, wenn man Merkmale aufzeigen kann, die nach bestem Wissen auf Planung hinweisen. Beispielsweise wissen wir einerseits, dass man unter Einsatz von Planung technische Konstruktionen, aber auch komplexe Makromoleküle und funktionale Proteine oder DNA herstellen kann. Vielleicht wird es mit Hilfe ausgeklügelter Planung und zweckvoller, zielgerichteter Synthese eines Tages sogar gelingen, lebende Zellen künstlich herzustellen. Daraus resultiert ein Wissens-Argument pro ID: Wir wissen, was mit Planung herstellbar ist. Wir wissen andererseits durch die Biogenese-Forschung und aufgrund chemischer Gesetzmäßigkeiten, dass – sich selbst überlassen – in chemischen Labors (in ungesteuerten Simulationsexperimenten) keine solchen Makromoleküle entstehen. Auch das ist ein Wissens-Argument, gleichzeitig aber auch ein contra-Argument: contra natürliche Entstehung ohne Planung.
[Hervorhebung in fett von mir]
Gemerkt? Dass Menschen Makromoleküle künstlich herstellen können, zeigt, dass diese "intelligent geplant" sein könnten. Dass Menschen (noch) nicht lebende Zellen herstellen können, ist aber etwa kein Zeichen, dass diese nicht "intelligent geplant" sind - schließlich ist es durchaus möglich, dass wir das auch noch hinkriegen. Wir "wissen" also schon, obwohl es noch lange nicht geschehen ist, dass Menschen künstlich lebende Zellen erzeugen können. Toll.

Die Biogenese-Forschung kann dagegen nach Junker einpacken, da ist schon alles ausprobiert worden? Hat das schon mal jemand den Leuten mitgeteilt, die daran forschen?

Wer sagt ihm, dass da nicht auch, wie bei künstlich hergestellten Zellen, die Zukunft nicht noch anderes bringen wird?* Das kann man wohl kaum als "Wissens-Argument" bezeichnen.

Junker schreibt weiter:
Nun kann man andersherum sagen: Wir wissen nicht, wie ohne Planung Leben bzw. dessen Makromoleküle entstehen – also ein argumentum ad ignorantiam. Das ist offenkundig eine Sache der Perspektive. Jedenfalls kann man das Scheitern in der Abiogeneseforschung auf bekannte chemische Gesetzmäßigkeiten zurückführen. Die vielfach wiederholte Behauptung, ID würde aus Nichtwissen, aus Kenntnislücken auf Planung schließen, ist jedenfalls mindestens sehr einseitig. Im Klartext: ich halte sie für falsch. Wer jedoch überzeugt ist, dass die Entstehung des Lebens auf ausschließlich natürliche Weise vonstatten ging, wird jedes Argument pro ID zu einem Argument auf der Basis von Nichtwissen ummünzen. Das liegt dann aber nicht an der Sachlage, sondern an der eingenommenen Weltanschauung eines ontologischen Naturalismus, für den es in der Welt ausschließlich und immer nur mit natürlichen Dingen zugeht.
Und das ist falsch. Es ist und bleibt ein argumentum ad ignorantiam. Und zwar nicht wegen irgendeiner Weltanschauung. Es ist deswegen eins, weil es etwas Grundlegendes ignoriert: Es gibt in den Naturwissenschaften keinen endgültigen Beweis - weder für noch gegen etwas.

Deswegen wird die Evolutionstheorie auch immer "nur" eine Theorie bleiben, um mal das Evolutionsgegner-Argument zu persiflieren, genau wie alle anderen wissenschaftlichen Theorien. Das bekannte Gould-Zitat bringt es auf den Punkt:
Well, evolution is a theory. It is also a fact. And facts and theories are different things, not rungs in a hierarchy of increasing certainty. Facts are the world's data. Theories are structures of ideas that explain and interpret facts. Facts do not go away when scientists debate rival theories to explain them. Einstein's theory of gravitation replaced Newton's, but apples did not suspend themselves in mid-air, pending the outcome. And humans evolved from apelike ancestors whether they did so by Darwin's proposed mechanism or by some other, yet to be discovered.

Moreover, "fact" does not mean "absolute certainty." The final proofs of logic and mathematics flow deductively from stated premises and achieve certainty only because they are not about the empirical world. Evolutionists make no claim for perpetual truth, though creationists often do (and then attack us for a style of argument that they themselves favor). In science, "fact" can only mean "confirmed to such a degree that it would be perverse to withhold provisional assent." I suppose that apples might start to rise tomorrow, but the possibility does not merit equal time in physics classrooms.
[Quelle: Stephen Jay Gould, "Evolution as Fact and Theory," May 1981; from Hen's Teeth and Horse's Toes, New York: W. W. Norton & Company, 1994, pp. 253-262.]

Wir können nie ausschließen, in Zukunft etwas zu finden, das gegen eine bestehende Theorie spricht oder etwas zeigt, was wir bis dahin für unmöglich gehalten haben. Es gibt in der Naturwissenschaft keinen absoluten Beweis und kein absolutes Wissen. Theorien erklären die beobachteten Fakten; was wir (noch) nicht beobachtet haben, kann als Voraussage Bestandteil einer Theorie sein, oder eine mögliche Widerlegung dieser, aber nie und nimmer nicht können wir sagen, nur weil wir es bis jetzt nicht beobachtet haben, wird es nie beobachtet werden. Dazu müsste man allwissend sein. Trotz allem was wir wissen, ist es nicht auszuschließen, dass Äpfel unter bestimmten, bisher noch nicht beobachteten Bedingungen plötzlich nach oben "fallen" könnten. Es ist nur sehr viel unwahrscheinlicher als weitere Fortschritte in der Forschung zur Abiogenese...

Wenn Wissenschaftler noch nicht einmal ausschließen können, dass es Bedingungen gibt, unter denen die Massenanziehungskräfte nicht wirken, wie will dann Junker 100 %ig ausschließen, dass Menschen die Bedingungen finden, unter denen sich Makromoleküle spontan bilden, vor allem, wenn er es gleichzeitig für höchstwahrscheinlich hält, dass Menschen künstlich lebende Zellen erschaffen können? Was Junker da unter Planung versteht, kann auch nichts anderes sein, als die richtigen "Zutaten" in der richtigen Reihenfolge zusammenzubringen und sich selbst organisieren zu lassen - würde mich wundern, wenn daraus nicht auch Erkenntnisse über Teilaspekte der Biogenese gewonnen werden könnten.

Und entgegen Junkers Behauptung gibt es keine "chemischen Gesetzmäßigkeiten", die der Entstehung von Makromolekülen widersprächen.

Darüber hinaus amüsiert mich natürlich auch der letzte Satz aus obigen Junker-Zitat.
Das liegt dann aber nicht an der Sachlage, sondern an der eingenommenen Weltanschauung eines ontologischen Naturalismus, für den es in der Welt ausschließlich und immer nur mit natürlichen Dingen zugeht.
Ich kann nicht glauben, dass ich das hier wiederholen muss:

Wissenschaft ist nur aufgrund eines methodischen Naturalismus möglich.

Um es mal ganz vereinfacht zu erklären: Wenn ein Wissenschaftler ein Experiment durchführt und ein bestimmtes Ergebnis erzielt, dann muss man davon ausgehen können, dass genau das Gleiche herauskommen, wenn es jemand anders an einem anderen Ort und zu einer anderen Zeit durchführt. Wäre das nicht so, wäre jede Veröffentlichung überflüssig, jedes Aufbauen auf die Ergebnisse anderer, jede Akkumulation von Wissen unmöglich. Ließe man übernatürliche Phänomene als Erklärung zu, könnte der erste Wissenschaftler, wären seine Ergebnisse nicht von anderen zu wiederholen, mit dem Eingreifen einer übernatürlichen Macht argumentieren, die entweder bei ihm zu den genannten Ergebnissen geführt, oder bei den anderen Wissenschaftlern das Zustandekommen des gleichen Ergebnisses verhindert hat.

Während eine Nicht-Wiederholbarkeit von Ergebnissen in der Wissenschaftsrealität zu Untersuchungen führt, ob Betrug vorliegt, würde eine Abwendung von diesem Prinzip jegliche Form der Überprüfung verhindern, es wäre das Ende der Wissenschaft.
Ich könnte (fälschlicherweise) behaupten, dass in meiner Petrischale schon mal Leben entstanden ist, und niemand wäre in der Lage, das zu widerlegen. Keiner kann es unter den von mir genannten Bedingungen wiederholen? Pah, dann war bei mir eben das übernatürliche Wesen am Werk.
Und gelingt es Wissenschaftlern tatsächlich einmal, Abiogenese von vorne bis hinten im Labor durchzuspielen, dann wäre unter diesen Voraussetzungen noch nicht mal das ein Argument für eine rein natürliche Entstehung des Lebens, denn schließlich könnte ja keiner ausschließen, dass das angenommene übernatürliche Wesen nicht zum zweiten Mal seine Finger im Spiel hatte.

Die Annahme, dass etwas, was heute auf eine bestimmte Weise abläuft, auch morgen genauso abläuft, ist grundlegend nicht nur für die Naturwissenschaften, sondern ist notwendig, um in die Zukunft planen zu können und damit für menschliches Leben generell. Es ist ja nicht so, als hätte ich mir das alles gerade ausgedacht. Das wusste beispielsweise schon David Hume.
Custom, then, is the great guide of human life. It is that principle alone which renders our experience useful to us, and makes us expect, for the future, a similar train of events with those which have appeared in the past. Without the influence of custom, we should be entirely ignorant of every matter of fact beyond what is immediately present to the memory and senses. We should never know how to adjust means to ends, or to employ our natural powers in the production of any effect. There would be an end at once of all action, as well as of the chief part of speculation.
[Quelle: David Hume. An Enquiry Concerning Human Understanding. 1748; 1751]

Wir alle handeln nach einem methodischen Naturalismus, nicht nur in der Wissenschaft, sondern in unserem tagtäglichen Leben, weil alles andere einfach nicht praktikabel ist. Unabhängig von der Weltanschauung.

Das Ganze ist übrigens wohl auch den meisten IDlern bewusst, sonst würden sie nicht sagen, dass die "Natur des Designers" außerhalb der Reichweite der Naturwissenschaften liegt - wie Junker selbst in seinem Beitrag feststellt:
Dagegen geht der Schluss von Design-Signalen auf einen Designer über Naturwissenschaft hinaus. Einen zwingenden Schluss dieser Art gibt es nicht, sondern nur Plausibilitäten. Was als plausibel gelten kann und was nicht, hat eine starke subjektive Komponente; darüber kann man nur bedingt streiten. Was also Design-Signale bedeuten, ist kein Gegenstand der Naturwissenschaft. Das gilt erst recht für alle Aussagen über die „Natur“ des Designers.
Aber es macht natürlich bei den Anhängern sehr viel mehr Eindruck, wenn man den "Evolutionisten" eine atheistische Agenda unterstellt, oder wie Junker in seinem Beitrag den Eindruck erweckt, Naturwissenschaftler würden aufgrund einer philosophischen Weltanschauung so handeln, als zuzugeben, dass es eine methodische Notwendigkeit ist.

MfG,
JLT


[Bild-Quelle: Wikipedia]

* Gerade ist in PNAS ein Artikel erschienen, in dem die Autoren zeigen, dass eine lokale Akkumulation von RNA-Nukleotiden in hydrothermalen Poren stattfinden kann. Das Abstract:
We simulate molecular transport in elongated hydrothermal pore systems influenced by a thermal gradient. We find extreme accumulation of molecules in a wide variety of plugged pores. The mechanism is able to provide highly concentrated single nucleotides, suitable for operations of an RNA world at the origin of life. It is driven solely by the thermal gradient across a pore. On the one hand, the fluid is shuttled by thermal convection along the pore, whereas on the other hand, the molecules drift across the pore, driven by thermodiffusion. As a result, millimeter-sized pores accumulate even single nucleotides more than 108-fold into micrometer-sized regions. The enhanced concentration of molecules is found in the bulk water near the closed bottom end of the pore. Because the accumulation depends exponentially on the pore length and temperature difference, it is considerably robust with respect to changes in the cleft geometry and the molecular dimensions. Whereas thin pores can concentrate only long polynucleotides, thicker pores accumulate short and long polynucleotides equally well and allow various molecular compositions. This setting also provides a temperature oscillation, shown previously to exponentially replicate DNA in the protein-assisted PCR. Our results indicate that, for life to evolve, complicated active membrane transport is not required for the initial steps. We find that interlinked mineral pores in a thermal gradient provide a compelling high-concentration starting point for the molecular evolution of life.
[Quelle: Baaske et al., Extreme accumulation of nucleotides in simulated hydrothermal pore systems. PNAS, May 29, 2007, vol. 104, no. 22, 9346-9351]

Dieser Artikel beschäftigt sich zwar nicht direkt mit der Entstehung von Makromolekülen, passt aber trotzdem hierher. Erstens zeigt der Artikel, dass sich die Wissenschaftler nicht etwa resigniert zurückgelehnt haben und sagen, "geht soundso nicht". Im Gegenteil, dieser und viele vorangegangene Befunde erhöhen die Plausibilität einer rein natürlichen Entstehung des Lebens. Zweitens ist es ein beliebtes Argument gegen Abiogenese, dass alle potentiellen Bestandteile einer ersten Zelle, die schon in Experimenten spontan entstanden sind, wie z. B. auch Nukleotide, in viel zu verdünnter Form vorliegen würden, um weitere Wechselwirkungen zuzulassen. Dieser Artikel zeigt, dass es sehr wohl Bedingungen gegeben haben kann, die eine lokale Konzentration einzelner Bestandteile (in diesem Fall RNA-Nukleotide) begünstigt haben.

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