16 December 2008

Zitat-Ausbeutung?

Ich habe keine Ahnung, wie man Quotemining ins Deutsche übersetzen könnte, aber das mit diesem Begriff beschriebene Prinzip, Zitate nicht vollständig oder aus dem Kontext gerissen zu verwenden, um einen Punkt zu machen, kommt nicht nur im Englisch-sprachigen Raum vor. Ein "schönes" Beispiel findet sich bei Naturalismuskritik, unter dem gelungenen Titel 'Politik für Parasiten':

Jetzt äußerte sich der Direktor der Senckenberg-Gesellschaft in Frankfurt, Volker Mosbrugger, in einem Interview mit der Welt folgendermaßen:
„Welt Online: Herr Professor Mosbrugger, Sie haben die Menschen einmal als ganz normale Parasiten bezeichnet?

Professor Volker Mosbrugger: Ja, das stimmt. Der Mensch verhält sich auf der Erde ja nicht grundsätzlich anders als jedes beliebige Bakterium, jede Ameise oder jeder Vogel. Wir nutzen alle verfügbaren Ressourcen, um möglichst gut und zahlreich zu überleben. So machen das alle Lebewesen auf der Erde.“
Auch wenn Herr Mosbrugger sicherlich ein friedfertiger Mensch ist, der Gewalt ablehnt, so muss man doch darauf hinweisen dürfen, ja: müssen, dass am Beginn von Großverbrechen allzu oft die verbale Dehumanisierung steht. [...]
Vor allem wenn die freundlichen Menschen vom Schlage Mosbruggers auch noch daran gehen, Handlungskonzepte zu entwerfen, die auf dieser verbalen Dehumanisierung beruhen. Mosbrugger:
„Wir müssen insbesondere die Rolle des Menschen im System Erde wieder besser begreifen und dann ‚vernünftig’, das heißt an den langfristigen Perspektiven orientiert, handeln.“
Das sind beunruhigende Aussichten. Wie soll denn eine Politik aussehen, die auf der Annahme beruht, der Mensch sei nichts anderes als ein Parasit? Man wagt es nicht, eine Antwort zu geben.
Soweit Naturalismuskritik. Schauen wir uns das erste Zitat an (von Welt Online; in kursiv der ausgelassene Satz):
Professor Volker Mosbrugger: Ja, das stimmt. Der Mensch verhält sich auf der Erde ja nicht grundsätzlich anders als jedes beliebige Bakterium, jede Ameise oder jeder Vogel. Wir nutzen alle verfügbaren Ressourcen, um möglichst gut und zahlreich zu überleben. So machen das alle Lebewesen auf der Erde. Das Einzige, was uns von ihnen unterscheidet, ist die Fähigkeit, über unser Handeln zu reflektieren – und gegebenenfalls anders zu handeln.
Na sieh mal einer kuck. Das ist dem Naturalismuskritiker wohl irgendwie abhanden gekommen.

Um zu sehen, wie irreführend das zweite Zitat ist, muss man sich die vorangegangenen Fragen und Antworten anschauen (in fett der von NK verwendete Teil):
WELT ONLINE: Seitdem der "Stern"-Bericht die möglichen Kosten des Klimawandels aufgelistet hat und die IPCC-Berichte diesen Klimawandel darzustellen versuchen, ist Klima auf einmal „in“.

Mosbrugger: Ja. Die IPCC-Berichte gibt es ja schon seit über 15 Jahren. Aber seit die volkswirtschaftlichen Kosten berechnet werden, ist ein neues Bewusstsein um den „Wert“ der Biosphäre entstanden. Das ist gut – auch wenn die öffentliche Diskussion oft ein wenig schief geführt wird. Denn ob die Eisbären eine Klimaerwärmung überleben oder nicht, das berührt die Biosphäre und den Menschen im Grunde recht wenig. Viel wichtiger ist es, ob Schlüsselarten wie beispielsweise bestimmte Bakterien überleben. Denn wenn sie beispielsweise im Boden auf einmal fehlen, dann könnte es sein, dass der Weizen auf einmal nicht mehr wächst. Meistens erkennen wir diese ökologischen Zusammenhänge, die uns direkt betreffen, aber erst dann, wenn es bereits zu spät ist. Erst wenn die Ernten schlecht ausfallen, machen wir uns auf die Suche nach den Gründen. Und dann sind die Bakterien bereits verloren.

WELT ONLINE: Vielleicht setzen sich Menschen auch deshalb nur halbherzig dafür ein, etwas gegen die Erderwärmung zu unternehmen, weil sie uns als Art nicht in die Enge treibt.

Mosbrugger: Mag sein. Der Mensch kommt evolutionsgeschichtlich aus Afrika – mit wärmeren Temperaturen kommt unser Körper also gut zurecht. Und ob die Konzentration von Kohlendioxid ein wenig ansteigt oder nicht, belastet uns auch nicht weiter. Es wird vielleicht Hunger, Kriege und Völkerwanderungen geben, die verschiedenen Regionen und Gesellschaften werden leiden – und aus diesem Grunde sollten wir handeln. Aber wir müssen uns keine Sorgen um unser Überleben als Art machen.

[...]

WELT ONLINE: Es sieht so aus, als ob wir dank moderner Technik und Medizin so ziemlich alle Veränderungen der Atmosphäre in den Griff bekommen könnten. Zumindest als Art sind die Menschen nicht bedroht. Halten wir unser Schicksal in der Hand?

Mosbrugger: Wie gesagt: Als Art sind wir nicht direkt bedroht, wir haben aber unmittelbaren Einfluss auf die Qualität unserer Zukunft. Wir müssen insbesondere die Rolle des Menschen im System Erde wieder besser begreifen und dann „vernünftig“, das heißt an den langfristigen Perspektiven orientiert, handeln.

WELT ONLINE: Sie sind Direktor eines der größten naturhistorischen Museen in Deutschland. Wie müsste eine Ausstellung aussehen, mit der Sie das System Erde vermitteln?

Mosbrugger: So wichtig Ausstellungen in diesem Kontext sind, die gesamte Komplexität, die sich mit diesem Begriff „System Erde“ verbindet, die weitreichenden Konsequenzen kann man nicht in einer einzigen Ausstellung vermitteln. Auch nicht mit einzelnen Vorträgen, Büchern oder Vorlesungen. Auch naturkundliche Früherziehung oder ein besserer Biologie- oder Physikunterricht sind da nur Tropfen auf den heißen Stein. In der Schule hilft das nicht viel weiter. Um den Menschen nicht nur theoretisch verständlich, sondern umfassend begreifbar zu machen, wie das System Erde funktioniert, welche Handlungsoptionen wir haben, müssten wir auch das ganze Bildungssystem und die Bildungsinhalte umstrukturieren: Wir müssten früh anfangen zu lernen, in Systemen und Kreisläufen zu denken und zu handeln. Die disziplinäre Aufspaltung der naturwissenschaftlichen Fächer in der Schule zum Beispiel führt hier nicht zum Ziel.
Um hieraus zu schließen, Mosbrugger plädiere dafür, Politik sollte ausgehend von der Annahme handeln, Menschen seien Parasiten, muss man schon extrem verquere Denkstrukturen aufweisen. Oder Mosbruggers Aussagen vorsätzlich extrem verfälscht darstellen.

Ich überlasse es Euch, Eure eigene Meinung dazu zu bilden. Meine steht jedenfalls schon fest.

MfG,
JLT

4 Kommentare:

cptchaos said...

Naja, wundert mich nicht! Ich habe Naturalismuskritik eine Zeit lang gelesen. Dann aufgehört weil ich die Kritk nicht finden konnte. Die Kritik des des Naturalismus meine ich. Da wird andauernd etwas Kritisiert. Meistens irgendwelche Vertreter des Naturalismus und das was diese angeblich meinen. ...
Da können sich die Naturalisten besser selbst kritisieren.

darwin upheaval said...

Wie schon andernorts gesagt: Benno Kirsch desavouiert sich gerne selbst. Er hat keine Ahnung über das, worüber er schreibt, aber die braucht er für seine antiwissenschaftlichen Tiraden auch nicht. Den kann doch inzwischen wirklich niemand mehr Ernst nehmen, außer Menschen, die weltanschaulich ebenso verblendet sind, wie er.

tobster said...

Dass das "Jetzt äußerte sich der Direktor der Senckenberg-Gesellschaft in Frankfurt" usw. nicht von Ihnen ist, sondern aus dem verlinkten Text zitiert, ist schwer zu erkennen. Der Text ist zwar links eingerückt, das übersieht man aber leicht, da daneben ein Bild ist.

heraklit said...

es ist völlig egal, wie weit/vollständig er da zitiert - der Vorwurf 'Dehumanisierung' ist eh Quatsch und daraus eine "Nähe zu Hitler" konstruieren zu wollen ..., da könnte man schon fast revisionistische Absichten unterstellen.
Dehumanisierung durch Tiervergleiche dient stets ein und demselben Zweck, nämlich eine bestimmte Gruppe herabzuwürdigen und aus der Gemeinschaft auszustoßen, indem man ihnen durch den Vergleich das Menschsein abspricht. Solange Mosbrugger für alle Menschen spricht, ist der Vergleich vollkommen hirnrissig, das 'quotemining' ist dagegen eine Petitesse. Aber hübsches Wort, muss ich mir merken ;-)