27 May 2007

Ihr Kinderlein kommet.

Heute wird das Creation "Museum" von Ken Ham, dem Präsidenten von Answers in Genesis, eröffnet [Bild-Quelle]. Wer schon mal von AiG gehört hat, den wird es nicht wundern, was in diesem "Museum" gezeigt wird: Die Erde ist 6000 Jahre alt, die sechs Tage der Schöpfung, Menschen haben bis zur Sintflut mit Dinosauriern zusammen gelebt, Flut-"Geologie", das ganze Brimborium.

Zielgruppe dieser Augenwischerei sind wohl vornehmlich Kinder, wenn man sich die Comicbuch-Qualität der "Ausstellungsstücke" betrachtet, was das Ganze etwas weniger lustig macht. Aber es gibt Hoffnung, meiner Meinung nach kann schon ein(e) halbwegs kritisch denkende(r) Achtjährige(r) die Fassade durchschauen.

Auf Pharyngula gibt's einen Blog-Karneval mit Links zu dem Thema. Da bin ich auch auf den folgenden Link zu einem Post [No More Hornets] gestossen, das sich mit der in dem ganzen Wirbel um das Creation-"Museum" vernachlässigten "Creation Art Gallery" beschäftigt, die ebenfalls heute eröffnet wird, und ein paar der dort ausgestellten Stücke zeigt. Viel Spaß damit!

MfG,
JLT

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25 May 2007

Was uns mit Stören verbindet.

Neil H. Shubin ist ein Name, den man sich wirklich merken muss. Erst war er 2004 an dem Fund von Tiktaalik roseae, eines Tetrapoden-artigen Fischs, beteiligt, mit dem eine weitere Lücke im Fossilnachweis für den Übergang vom Wasser zum Land geschlossen werden konnte (siehe hier für einen weiteren "Lückenbüßer"). Jetzt hat er einen weiteren Coup gelandet, nicht durch einen neuen Fossilfund, sondern durch seine Untersuchung der Flossenentwicklung beim Löffelstör (Polydon spathula) [Davis et al., An autopodial-like pattern of Hox expression in the fins of a basal actinopterygian fish. Nature 447, 473-476 (24 May 2007)].

Anders als bisher angenommen, ist das Muster der Genaktivierung, das bei Tetrapoden zur Ausbildung von Gliedmaßen während der Embryonalentwicklung führt, ein sehr primitives Merkmal, d. h. schon bei den Stören zu finden. Bisher hatte man angenommen, dass dieses Muster eine "Neuentwicklung" der Tetrapoden war, da Zebrafische, die als Modellorganismen verwendet werden, dieses Muster nicht aufweisen. Jetzt zeigt es sich, dass "moderne" Fische (wie Zebrafische) diese Art der Genaktivierung offenbar erst sekundär "verloren" haben.
Tetrapods have a second phase of Hox gene expression that happens later in development. During this second phase, hands and feet develop. Although this second phase is not known in zebrafish, the scientists found that it is present in paddlefish, which reveals that a pattern of gene activity long thought to be unique to vertebrates with hands and feet is in fact much more primitive.

This is the first molecular support for the theory that the genes to help make fingers and toes have been around for a long time—well before the 375-million-year-old Tiktaalik roseae, the newly found species discovered in 2004 by Shubin and colleagues. Tiktaalik provided a missing evolutionary link between fish and tetrapods and was among the first creatures that walked out of water onto land.

Prior to this find, scientists had little evidence of where the wrist came from. A popular theory, one Shubin himself subscribed to, was that it was a novel development—that genetic variance gave rise to an entirely new function.

What Tiktaalik revealed morphologically, Shubin, Davis and Dahn have proven genetically.
[Quelle: New genetic data overturn long-held theory of limb development. The University of Chicago Press Release]

Mehr zu dem Thema gibt's von Carl Zimmer [The Loom], wie immer ein sehr guter Artikel.

MfG,
JLT

[Bild-Quelle: Wikipedia]




Dies ist mein 150stes Post! Kaum zu glauben...

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22 May 2007

Verrückt.

[Bildquelle: I Drew This; Klicken zum Vergrößern]

Da hat wohl einer Richard Dawkins gelesen...

MfG,
JLT

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17 May 2007

Unfreiwillig komisch.

Die Leute bei Uncommon Descent müssen wirklich verzweifelt sein. Anders kann ich mir eine Argumentation wie die von dacook nicht erklären: Fruchtfliegen zeigen Anzeichen von spontanen Variationen ihres Verhaltens* (anstatt sich "wie mechanische Roboter", also komplett determiniert, zu verhalten), deswegen haben Menschen einen freien Willen, deswegen ist die Evolutionstheorie falsch. WTF?
Of course standard Darwinian orthodoxy denies the reality of free will.
Though many Darwinists shy away from the implications of their beliefs as they apply to ascribing responsibility for human behavior, their position demands that all behavior is determined by the genetic heritage of selfish genes. If free will in fact exists, it must exist outside the deterministic universe of materialism.
Das ist kompletter Unsinn.

Die Frage, ob all unsere Verhalten (letztendlich) durch unsere Gene bestimmt ist, existiert völlig unabhängig von der Herkunft dieser Gene. Nehmen wir mal an, wir wüssten, dass uns Aliens zusammengebastelt hätten. Das würde genauso wenig einen freien Willen widersprechen oder belegen, wie es common descent with modifications tut. Die Frage, ob es einen freien Willen gibt, bezieht sich auf den status quo, nicht die Herkunft. Auch, wenn ich mal für einen Moment annähme, die IDler hätten recht, und ein Designer hätte tatsächlich ab und an ein paar Gene zusammengezaubert, spräche das weder für noch gegen einen freien Willen.

Es gibt Untersuchungen, die gezeigt haben, dass die bewusste Entscheidung, eine Hand zu bewegen, anscheinend "getroffen" wird, nachdem der Impuls dazu im Gehirn messbar ist. Das Gehirn interpretiert die tatsächliche Reihenfolge (unbewusster Impuls -> bewusste "Entscheidung") erst im Nachhinein um. Diese (wenn auch nicht unumstrittenen) Ergebnisse gäbe es auch, wenn sich die komplette Evolutionstheorie in Luft auflösen würde.

Nochmal, die Zusammensetzung unseres Genoms ist entweder das Resultat rein natürlicher Einflüsse oder nicht. Ob die Zusammensetzung unseres Genoms unser Verhalten bestimmt, ist eine komplett andere Frage.

Und wo wir schon mal dabei sind, Wissenschaft im allgemeinen schließt nicht kategorisch aus, dass es etwas außerhalb der physischen Welt gibt. Gegenstand von Wissenschaft können nur testbare und auf die physische Welt zurückführbare Dinge sein, Übernatürliches kann weder falsifiziert noch verifiziert werden. Um wissenschaftliche Untersuchungen sinnvoll zu machen, muss man annehmen, dass es für alles eine natürliche Ursache gibt. Gäbe es übernatürliche und damit nicht vorhersagbare Ursachen, könnte man Ergebnisse von Versuchsreihen nicht ins Allgemeine übertragen, da dann ja diese Ergebnisse entweder Folge von übernatürlichen Ursachen sein oder die Ergebnisse des nächsten Versuchs durch irgendwelche übernatürlichen Einflüsse völlig anders aussehen könnten. Ohne einen methodischen Materialismus wäre Wissenschaft unmöglich, das entspricht aber nicht (unbedingt) dem philosophischen Materialismus.
Evidence for free will is evidence against Darwinism, no matter how it is spun.
Egal, wie sich der Autor dieses Blödsinns dreht und wendet, "evidence for free will" ist kein Beweis gegen "Darwinismus".
Im übrigen gibt es beispielsweise auch einen theologischen Determinismus.
Theological determinism is the thesis that there is a God who determines all that humans will do, either by knowing their actions in advance, via some form of omniscience [7] or by decreeing their actions in advance [8]. The problem of free will, in this context, is the problem of how our actions can be free, if there is a being who has determined them for us ahead of time.
MfG,
JLT

[edit] Habe gerade auch noch eine schöne Antwort von den Denialists auf das UD-Post gefunden. [/edit]

Maye et al., Order in Spontaneous Behavior, PLoS ONE 2(5): e443

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15 May 2007

Deadlines, again!

So, wie angekündigt, es ist mal wieder so weit. Erst geht's morgen und übermorgen zu einem Institut-internen "Wo sind wir jetzt und wo geht's hin"-Meeting (OHNE Internet-Anschluss!) und Freitag ist dann ein Mini-Kongress angesagt, auf dem ich was zu präsentieren habe - und natürlich bin ich noch nicht fertig! Himmel, man sollte doch meinem, dass mit dem Alter auch etwas Weisheit käme und ich mal irgendwann zwei, drei Tage vorher mit allem fertig wäre. Aber nein.
Also, ich bitte um etwas Geduld. Möglicherweise werde ich übersprungshandlungsmäßig trotzdem was bloggen, aber ich möchte nicht zu viel versprechen.

MfG,
JLT

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12 May 2007

Schildkröten-Sex.

Nach Panda-Porno jetzt auch noch Schildkröten-Sex. Bald gehen mir die Alliterationen aus.
According to the Guinness Book of World Records Lonesome George, a native of Pinta, an isolated northern island of the Galápagos, is the "rarest living creature." By the late 1960s, it was noted that the tortoise population on this island that is visited only occasionally by scientists and fishermen, had dwindled close to extinction, and in 1972, only this single male of the species Geochelone abingdoni was found.
[Quelle: ScienceDaily; Bild-Quelle: Prof. Sepp Friedhuber]

Bis vor kurzem hat man angenommen, dass Lonesome George wirklich und unumstößlich der letzte lebende Vertreter seiner Art ist. Aber in der Current Biology-Ausgabe vom 30. April berichten Wissenschaftler*, dass es möglicherweise doch noch Hoffnung gibt, eine weibliche Pinta-Schildkröte zu finden.
New research led by biologists Adalgisa Caccone and Jeffrey Powell in the Department of Ecology and Evolutionary Biology at Yale, with the strong support and cooperation of the Galápagos National Park and Charles Darwin Research Station, has identified a tortoise that is clearly a first generation hybrid between the native tortoises from the islands of Isabela and Pinta. That means, this new tortoise has half his genes in common with Lonesome George.
[Quelle: ScienceDaily]

Aber offensichtlich ist Lonesome George nicht sonderlich interessiert an Sex.
George is not what you would call a stud. When I visited him in 1985, he was thought to be a relatively young adult, maybe 50 years old, but he was already a confirmed bachelor. He hadn’t shown any interest in two females of a similar species placed in his pen. One had flipped over and drowned in the wading pool. The keepers weren’t positive that George had driven this tortoise to her death, but he definitely hadn’t been doing any Barry White serenades.

A few years later, in 1993, there was briefly a companion known as “Lonesome George’s girlfriend,” but she was not a tortoise. She was a 26-year-old graduate student in zoology from Switzerland named Sveva Grigioni.

By coating her hands in the genital secretions of female tortoises and gently stroking him, she managed to demonstrate a couple of times (in the course of several months’ work) that George was capable of an erection. But whereas her touch could induce other male tortoises to reach orgasm within a few minutes, with George she never managed to collect any sperm. [...]

If Eve [Anm.: eine weibliche Pinta-Schildkröte als Partnerin für ihn] is found, humans just have to do a little more work. George needs to be primed. Sending Ms. Grigioni back to work would be a start, and George could also learn by watching other males in action, as some biologists have proposed. Dr. Nicholls even raises the possibility of showing instructive videos to George — and if tortoise porn is what it takes, I say go for it.
[Quelle: New York Times]

"Instructive videos" für Schildkröten? Na, ob das hilft, wenn schon Schweizer Handmassagen keine Resultate erbringen...

MfG,
JLT


via Omni Brain

* Russello et al., Lonesome George is not alone among Galápagos tortoises. Current Biology, Volume 17, Issue 9, 1 May 2007, Pages R317-R318

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Bin ich froh, dass dieser Parasit keine Menschen befällt.

Sähe auch ziemlich komisch aus, Menschen mit Wurmaugen, die auf Wolkenkratzern rumstehen.



via Living the Scientific Life (Scientist, interrupted)

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Ich werde sentimental.

Afarensis hat ein Post über diesen ScienceDaily-Artikel ("Life as a dog means faster mutations") und die Doktorarbeit, auf der der Artikel basiert. Daraus stammt der folgende Auszug:

The earliest evidence of the close association between dog and human, on the other hand, is dated 10 000–12 000 years ago. The finding corresponds to a burial of an elderly person, with the left hand placed on the thorax of a 4–5 month old puppy ...

Das Bild dazu ist anrührend.

Während es eine ganze Reihe von Informationen darüber gibt, wie Menschen zu der Zeit gelebt haben, wissen wir wenig darüber, was sie geglaubt haben könnten oder wie ihr "Gefühlsleben" aussah. Dieses Bild gibt mir einen kleinen Einblick.

Zugegebenermaßen könnte ich natürlich auch durch meine Sentimentalität total fehlgeleitet sein und es ist nicht etwa der geliebte Hund der älteren Person, sondern man hatte eh gerade ein Loch gegraben und wollte noch schnell einen überzähligen Welpen loswerden.... Ich ziehe eindeutig die sentimentale Deutung vor. Da. Ich bin ein Opfer meiner Hormone oder so.

MfG,
JLT

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11 May 2007

Das Opossum von A bis T.

Passend zu meinem Post über Casey Luskin und seine Behauptung, dass Wissenschaftler ohne ID nie auf die Idee gekommen wären, nach Funktionen in non-coding DNA zu schauen, ist jetzt dieser Artikel in Nature erschienen, dessen Autoren das nun vollständig sequenzierte Opossum-Genom unter anderem nach konservierten nicht-codierenden Elementen durchsucht haben:

Mikkelsen et al., Genome of the marsupial Monodelphis domestica reveals innovation in non-coding sequences. Nature 447, 167-177 (10 May 2007)

The Loom hat ein hervorragendes Post zu dem Thema. Als Appetizer:

But the opossum is also interesting for what it tells us about our evolutionary history. If we examine the genome of a monkey or a horse or a dog, we're still looking relatively close relatives. Like us, each of them is yet another variation on the placental mammal. We all share an ancestor that already had a placenta and a lot of other biological features. Until today, we had to travel very far beyond placental mammals to find another relative whose genome has been sequenced: the chicken. The common ancestor of chickens and us was a cold-blooded reptile-like creature that lived 300 million years ago. So the opossum falls nicely right in the middle of that gap.

Once the opossum team sequenced the raw code of the genome they began to dissect it. They counted up 18,648 genes (remarkably close to our own total at the moment). They matched opossum genes to related versions in placental mammals, and also looked at the parts of the genome that don't encode proteins. They looked at the chromosomes of opossums as well. Over time, giant chunks of mammal chromosomes also get flipped in reverse, and by comparing the opossum genome to other mammal genomes, scientists can reconstruct the overall look of the chromosomes of our common ancestor some 180 million years ago.
MfG,
JLT


[edit]Uncommon Descent hat auch was zum Opossum-Genom zu sagen. Offensichtlich bekommen sie dabei einiges nicht so ganz auf die Reihe, siehe Denialism blog.[/edit]

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Ich pfeif auf Gene.

Wer schon immer mal wissen wollte, wie Gene klingen, kann es jetzt ausprobieren. Bei Gene2music kann man seine bevorzugte Gensequenz eingeben und sie in Musik umwandeln lassen. Ich habe es mit humanem NFkappaB, subunit 1 [ein Transkriptionsfaktor; die Nukleotidsequenz ist weiter unten auf der Seite] ausprobiert und war von dem Ergebnis positiv überrascht. Sehr modern, aber nicht ohne Spannung.
Wem das zuviel Arbeit ist, oder wer nicht seine Email-Adresse angeben will, um in den Genuss der gesamten "Komposition" zu kommen, kann sich auch ein paar Beispiele anhören.

Als Randbemerkung: Gestern habe ich ein Post von jemanden gelesen, der hofft, dass seine Vorliebe für xkcd-Comics seinen Nerd-Status als Software-Entwickler nicht noch verschlimmert. Das konnte ich natürlich nicht unkommentiert lassen (immerhin habe ich auch einen permanenten Link zu xkcd...). Und hier möchte ich noch hinzufügen: Du denkst, dass Du ein Nerd bist? Diese Leute sind Biologen und schreiben eine Software, die Gensequenzen in Musik umwandelt. DAS sind Nerds.

Zu beurteilen, was es über mich aussagt, dass ich das lustig finde, überlasse ich mal dem geneigten Leser.

MfG,
JLT

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