23 November 2006

Aller Anfang ist schwer

Einen ersten Blog-Eintrag zu fabrizieren, stellt sich als schwieriger heraus als ich gedacht hatte. Ich hatte eine unklare Vorstellung davon, meine Motivation darlegen zu wollen und etwas über mich zu erzählen, dazu natürlich Anweisungen zur Rettung der Welt, tiefschürfende Weisheiten, alles natürlich in hoch ansprechender literarischer Form. Wie zu erwarten hat es nicht wirklich geklappt. Trotzdem möchte ich nicht ganz im Dunkeln lassen, was ich in diesem Blog zu posten beabsichtige und, weil es damit zusammenhängt, auch meine Motivation ein bisschen erhellen.
Vor etwa einem halben Jahr bin ich auf ein Forum gestoßen, in dem jemand die Evolutionstheorie, die "Urknalltheorie" und die Relativitätstheorie bestreitet. Seine "Argumente", so man es so nennen mag, sind hochgradig lächerlich. Dies ist in etwa sein "Gedankengang" (ich kann nicht anders als das in Anführungsstriche zu setzen; alles andere würde suggerieren, dass ein Mindestmaß an Logik in seinen Äußerungen enthalten ist, was nicht der Fall ist.):

Einstein hat in seinen Formeln durch Null geteilt und außerdem verlangt seine Erklärung der Relativitätstheorie, dass ein Kreis unendlich viele Mittelpunkte hat. Darum ist die Relativitätstheorie falsch, darum hat es keinen Urknall gegeben und darum ist auch die Evolutiontheorie falsch.

Sein spezielles Argument zur "Widerlegung" der Evolutionstheorie ist die "Mutantenzahlberechnung", die ich noch genauer in einem späteren Post behandeln werde. In Kürze zusammengefasst, sagt sie aus: Es gibt so viele verschiedene mögliche Sequenzen eines DNA-Moleküls bestimmter Länge, dass unmöglich ein bestimmtes mit einer bestimmten Sequenz zufällig entstanden sein kann. Das würde schon rein zeitlich nicht hinkommen.

Ich weiß nicht mehr genau, wie ich auf diese spezielle Seite gekommen bin, und die Mutantenzahl-Berechnung erschien auch erst später, aber es war etwas ähnlich absurdes, das mich veranlasst hat, den ersten Forumsbeitrag meines Lebens zu schreiben. Ich konnte nicht die mentale Stärke aufbringen, den Unsinn einfach unbeantwortet so stehen zu lassen.

In jedem Fall hat mich dieser Fund dazu gebracht, mich ein wenig eingehender mit Kreationismus zu beschäftigen. In Amerika ist Kreationismus mit all seinen Ablegern natürlich ein weit größeres Thema als in Europa im allgemeinen oder Deutschland im speziellen. Bisher war ich immer der Meinung, dass ein solches Phänomen nur in Amerika solche Ausmaße annehmen könnte, mit seinen Megachurches, dem Bible belt, Home schooling etc. Aber offensichtlich habe ich da falsch gelegen. Kürzlich las ich zu meiner Überraschung über Äußerungen von Frau Wolff, der hessischen Kultusministerin (einer ehemaligen Religionslehrerin), z. B. hier:

SpiegelOnline

Der "Arte"-Bericht [über zwei Schulen in Gießen, in denen offenbar die biblische Schöpfungslehre im Biologie-Unterricht behandelt worden ist] sorgte für viel Wirbel, das Schulamt in Gießen prüfte die Vorwürfe. Doch Hessens Kultusministerin Karin Wolff (CDU) hat offenbar keine größeren Bedenken. Sie erklärte, Privatschulen könnten "das Schulwesen durch besondere Inhalte und Formen der Erziehung und des Unterrichts erweitern". Außerdem halte sie es für "sinnvoll, fächerübergreifende und -verbindende Fragestellungen aufzuwerfen", erklärte die frühere evangelische Religionslehrerin Anfang dieses Monats. So werde vermieden, dass man Schüler im Biologie- und im Religionsunterricht mit völlig verschiedenen Lehren konfrontiere. Schließlich, so die hessische Kultusministerin, habe die christliche Schöpfungslehre nichts mit dem Kreationismus zu tun, der die wissenschaftlich anerkannte Evolutionstheorie bestreitet und die Bibel wörtlich nimmt: "Ich habe keinerlei Absicht, mich mit Vertretern des Kreationismus zu verbünden." Nach Auffassung von Wolff müsse "klar sein, dass naturwissenschaftliche Aussagen jederzeit in einen Dialog mit philosophischen oder auch theologischen Fragen zu stellen sind. Der Kreationismus will diesen Dialog ja gar nicht."

(In Klammern: meine Anmerkung)

oder hier
hr-online

Wolff hatte für fächerübergreifende und verbindende Fragestellungen plädiert. In einem dpa-Gespräch Anfang Oktober sagte sie, "dass man nicht einfach Schüler in Biologie mit der Evolutionslehre konfrontiert und Schüler im Religionsunterricht mit der Schöpfungslehre der Bibel. Sondern dass man gelegentlich auch schaut, ob es Gegensätze oder Konvergenzen gibt." Die Vermittlung verschiedener Blickwinkel gebe den Schülern einen Anreiz zur persönlichen Beschäftigung mit dem Thema.

Leider ist nirgends der volle Wortlaut zu finden, jedenfalls finde ich ihn nicht. Aber einige Artikel, z.B. ein Zeit-Artikel und auch ein Artikel aus Die Welt suggerieren, dass Frau Wolff sogar von einer "Schöpfungstheorie" gesprochen hat.

Die Zeit
Der Vizevorsitzende des Verbandes Deutscher Biologen, Ulrich Kutschera, hat die hessische Kultusministerin Karin Wolff stark kritisiert. Grund ist ihre Ankündigung, im Biologieunterricht künftig auch die Schöpfungslehre der Bibel behandeln zu lassen. »Frau Wolff sollte sich zunächst orientieren und ein Fachbuch lesen«, sagte Kutschera. Die Politikerin spreche von einer Evolutions- und einer Schöpfungstheorie. »Aber diese Wortwahl ist ein Taschenspielertrick der Kreationisten, denn es gibt einerseits die Schöpfungsmythen und andererseits eine Evolutionsbiologie.«

und

Die Welt
Der Streit um so genannte Kreationisten, die die Evolutionstheorie ablehnen und eine göttliche Steuerung der Menschwerdung sehen, hat zu heftiger Kritik an Hessens Kultusministerin Karin Wolff (CDU) geführt. Sowohl der Verband Deutscher Biologen als auch die Grünen im Wiesbadener Landtag warfen Wolff vor, einen religiösen Mythos auf eine Stufe mit einer wissenschaftlichen Lehre zu stellen. Die Ministerin hatte dafür plädiert, neben der Evolution auch die Schöpfung im Biologieunterricht zu behandeln, um die Kinder nicht mit unterschiedlichen Theorien im Biologie- und im Religionsunterricht zu verwirren.
Der Biologenverband warf Wolff vor, auf die „Taschenspielertricks“ von Kreationisten hereingefallen zu sein. Die Ministerin benutze deren Sprache und rede von einer Evolutions- und einer Schöpfungstheorie.
Nun bin ich keineswegs dafür, Biologie-Lehrern zu verbieten, nicht-wissenschaftliche Fragen im Biologie-Unterricht zu diskutieren, wenn es Schüler gibt, die entsprechende Fragen stellen. Eine Frage nach der Vereinbarkeit von Evolutionstheorie und Schöpfungsgeschichte laut Genesis könnte sogar Anlass sein, den Unterschied zwischen einer wissenschaftlichen Theorie, einer Theorie im allgemeinen Sprachgebrauch und religiösen oder sonst wie tradierten Mythen herauszustellen, was ich rundum begrüßenswert finde. Das Konzept deiner wissenschaftlichen Theorie scheint vielen nicht so richtig klar zu sein.

Aber warum um alles in der Welt sollte ein Biologie-Lehrer der Evolutionstheorie die Schöpfungsgeschichte gegenüberstellen? Ein Erdkunde-Lehrer stellt ja wohl auch nicht dem "Runde-Erde-Modell" das "Flache-Erde-Modell" gegenüber? Oder wird im Physik-Unterricht noch die Äther-Theorie dargestellt? Die Schöpfungsgeschichte als tatsächliche Theorie darüber, wie die Erde und das Leben darauf entstanden sind, ist wissenschaftlich widerlegt. Sie hat als solche keinen Platz in einem naturwissenschaftlichen Unterrichtsfach. Anders als in Amerika gibt es in Deutschland sogar Religionsunterricht. Aufkommende Fragen können dort behandelt werden.

Um aber wieder auf das ursprüngliche Thema dieses Posts zurückzukommen: meine Erfahrungen in dem o.g. Forum und meine darauf folgende Beschäftigung mit dem Kreationismus in Amerika haben mich zu der Überzeugung gebracht, dass wissenschaftlich bewanderte Menschen nicht aus falscher Rücksichtnahme religiös motivierten Unsinn unkommentiert lassen dürfen. Auch wenn Kreationismus in Deutschland bei weitem nicht das Problem darstellen wie in Amerika, und ich auch ausgesprochen bezweifele, dass es jemals ein solches Problem werden könnte, möchte ich in diesen Blog, aus Anlass von Frau Wolffs Äußerungen, dem Kampf gegen den kreationistischen Wahnwitz widmen. Nebenbei sollte man auch noch was über Evolution und Evolutionstheorie erfahren, ein paar Links zu guten Informationsquellen und netten Blogs zu dem Thema finden und gelegentlich auch überhaupt nicht themenbezogen Posts zu anderen Dingen, die mir gerade über den Weg gelaufen sind, lesen können.

Viel Spaß damit!

JLT

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